Die spinnen, die Linken!
Von Tobias Strahl. Die Protestaktion der Linke-Fraktion im Bundestag am vergangenen Freitag ist in ihrem Zynismus kaum zu überbieten. Parteiprinzipien werden auf Biegen und Brechen einem Phänomen übergestülpt, das sich jeder Doktrin verweigert. Indes stimmte eine breite Mehrheit des Bundestages für eine Verlängerung des Afghanistan-Mandats um ein weiteres Jahr und erhöhte zudem die personelle Obergrenze auf bis zu 5300 Soldaten. Ein Strategiewechsel soll den Umschwung bringen.
Nur unter dem Gesichtspunkt totaler Realitätsferne ist der Protest der Linke-Fraktion im Bundestag, anlässlich der Abstimmung zum neuen Afghanistan-Mandat der Bundesregierung, nachzuvollziehen. Als einen „Akt des Gedenkens an die Opfer“ verteidigte die Linke-Fraktionsvorsitzende Gesine Lötzsch die bestenfalls zynisch zu nennende Aktion ihrer Parteikollegen (Dresdner Morgenpost, 27. Februar, S. 2 ). Im September vergangen Jahres waren zwei Tanklastwagen im Norden Afghanistans, nahe der Stadt Kunduz, bombardiert worden. Bei dem Angriff waren 142 Menschen ums Leben gekommen, mehrere wurden verwundet. Die Zahl der zivilen Opfer ist umstritten.
Christine Buchholz, eine Friedensaktivistin aus der Linke-Fraktion, war vor vier Wochen in Afghanistan. Dort habe sie nach dem Angriff auf die Tanklastwagen „trauernde Witwen, Männer mit abgerissenen Gliedmaßen, Großmütter, die die Überreste ihrer Enkel beerdigen mussten“ getroffen (Dresdener Neueste Nachrichten, 27. Februar 2010, S. 3). Schön, dass Frau Buchholz einmal in Afghanistan war. Bedauerlich, dass sie solche Szenen mit ansehen musste. Aber wie lange war Frau Buchholz denn dort? Die üblichen neun Tage, die ein Journalisten- oder Politikerbesuch dauern darf? Waren Frau Buchholz, respektive einer ihrer Parteifreunde, in Afghanistan, als die fanatischen Horden der Taliban vor dem Eingreifen der Alliierten im Jahr 2001 die Scharia in weiten Teilen des Landes durchgesetzt hatten? Als Menschen, die gegen die Scharia verstießen, im Stadion in Kabul öffentlich hingerichtet wurden, schon für geringe Vergehen Körperteile abgeschnitten bekamen? Hat Frau Buchholz auch einmal die Angehörigen der Opfer eines Bombenattentats der Taliban getroffen? Hat sich Frau Buchholz mit Angehörigen in Afghanistan getöteter Soldaten unterhalten? Hat sie mit den Menschen gesprochen, die in den von der internationalen Schutztruppe (ISAF) tatsächlich kontrollierten Gebieten leben? Hat sie, hat irgendeiner ihrer Parteikollegen ein Buch, eine Schrift, irgendetwas über Afghanistan gelesen? Offenbar nicht, denn sonst wäre es kaum zu einer solch unbedachten Aktion wie am 26. Februar in Berlin gekommen.
„Die Aufständischen, die sie bekämpfen, sind Teil der Bevölkerung“, begründet Buchholz ihre Ablehnung des Afghanistan-Einsatzes (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Februar 2010, S. 2). Dies ist schlicht und ergreifend falsch. Allein die Formulierung „Die Aufständischen“ ist entweder ein weiteres Zeugnis grandioser Unwissenheit, die in der Linke-Fraktion in diesem Fall mehrheitsfähig ist, oder aber – was nicht zu hoffen bleibt – berechnende Polemik. Denn „die Aufständischen“ gibt es nicht. Es gibt vielmehr verschiedene mehr oder weniger mächtige Gruppen, Al Kaida um den Saudi Osama bin Laden, die Hibz-i-Islam, hervorgegangen aus den Mudschaheddin um Gulbudin Hekmatyar und die Taliban um Mohammed Omar sind lediglich die größten Fraktionen. Das und vieles darüber hinaus braucht Frau Buchholz jedoch nicht zu wissen, wenn sie Phrasen drischt und ideologische Schablonen der linken Partei-Doktrin über einen komplizierten Konflikt stülpt, der tatsächlich und viel umfassender, als es der einschlägige Satz Strucks von Deutschlands Sicherheit am Hindukusch behauptet (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/13/13778/1.html), uns alle tangieren sollte. Es ist indes kein Wunder, dass Aussagen wie die von Buchholz und Struck gleichermaßen in Deutschland Karriere machen konnten. Kaum ein Parlamentarier und die wenigsten Deutschen wissen mehr als das, was etwa bei Wikipedia über Afghanistan, Pakistan und Indien nachzulesen ist. Für kurze Zeit rückte auf diese Art auch einmal das Kosovo in unser Blickfeld. Ich wage zu behaupten, dass kaum einer sich noch daran erinnert, dass Kosovo nicht viel mehr als einen metaphorischen Steinwurf vor den Toren Berlins liegt, geschweige, dass ein Bewusstsein dafür existiert, dass die meisten Probleme zwischen Beograd und Pristhinё immer noch weit davon entfernt sind, zu einer Lösung zu kommen.
Wenn Frau Buchholz oder ein netter Parteikollege, ihr unter die Arme greifend, sich umfassend informiert hätten, wüssten sie, dass es bisher vor allem die Taliban waren, die bei Selbstmordattentaten hunderte unschuldige Zivilisten mit in den Tod gerissen haben. Damit und mit anderen Gräueltaten haben sie sich als das genaue Gegenteil dessen erwiesen, was Frau Buchholz als „Teil der Bevölkerung“ behauptet. Richtig ist, dass es unter der bisherigen Strategie der maßgeblich durch die Vereinigten Staaten von Amerika angeführten Operation Enduring Freedom ebenfalls viele zivile Opfer zu beklagen gab. Eine Strategie indes, die sich seit geraumer Zeit maßgeblich verändert hat.
Zurückzuführen ist dieser Strategiewechsel auf die Erkenntnis, dass die fanatischen Terror-Gruppen eben nicht der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit zuzuschlagen sind. Die Theorie der derzeitigen Strategie in Afghanistan geht vor allem auf die Beobachtungen eines Oberstleutnants der Streitkräfte der Vereinigten Staaten (im Ruhestand), John A. Nagl, zurück (Ders.: Learning to Eat Soup with a Knife: Counterinsurgency Lessons from Malaya and Vietnam. 2002). Nagls Schlussfolgerungen aus den Konflikten in Malaya und Vietnam wurden innerhalb der Streitkräfte und von der Politik in den USA lange Zeit ignoriert, bis sie von dem amerikanischen Vier-Sterne-General David H. Petraeus (heute US-Central Command) aufgegriffen und maßgeblich weiterentwickelt wurden. Petraeus entwickelte auf der Basis von Nagls Beobachtungen das Field Manual 3-24 (http://www.usgcoin.org/library/doctrine/COIN-FM3-24.pdf). Das Field Manual und seine konsequente Anwendung im Irak seit Februar 2007 brachte dort den entscheidenden Durchbruch.
Die Strategie konnte zwischen Euphrat und Tigris vor allem deswegen erfolgreich angewandt werden, weil sie erstmals scharfe Trennlinien zwischen Bevölkerung und Terrorgruppen zog. So ist nur ein Bruchteil der in diesen Gruppen aufgefangenen Kämpfer einer radikalen Elite zuzurechnen, die unter keinen Umständen die Waffen niederlegen wird. Die Mehrheit der Gruppen jedoch konstituiert sich aus Mitläufern (die tatsächlich aus der Bevölkerung rekrutiert werden), die durch Verhandlungen, finanzielle Unterstützung oder Entwicklungshilfen zur Aufgabe bewegt werden können. Folgerichtig hat sich in der Politik mittlerweile und endlich die Überzeugung durchgesetzt, dass militärisches Engagement allein das Problem nicht beseitigt. Folgerichtig werden die Wirtschaftshilfen aufgestockt, folgerichtig wird auch das militärische Engagement nun endlich verstärkt, um jenem geringen Prozentsatz tatsächlicher Fanatiker wirksam begegnen zu können. Die Achillesferse vor allem der Taliban – denn insbesondere die fanatischen Koranschüler sind für die zahllosen Selbstmordattentate verantwortlich – besteht in der Tatsache, dass ihnen zivile Opfer gleichgültig sind. Wenn ihnen das menschliche Leben während der Zeit ihrer beinahe unumschränkten Herrschaft in Afghanistan und später in einigen Regionen Pakistans nichts bedeutet hat, warum sollte es sich im Konflikt anders verhalten? Die unqualifizierte Äußerung einer Frau Buchholz wird durch die Taliban ad absurdum geführt. Diese „Aufständischen“ sind ebenso wenig Teil der Bevölkerung wie die originär saudische Al-Kaida oder die zahlenmäßig eher klein aufgestellte Hibz-i-Islam.
Die neue Afghanistan-Strategie der internationalen Streitkräfte, die sich maßgeblich am Vorgehen von General Petraeus im Irak orientiert, dringt dem entgegen auf eine Vermeidung ziviler Opfer. Unter diesem Gesichtspunkt ist die harsche Reaktion des ISAF-Kommandeurs und Oberkommandieren der US-Truppen in Afghanistan, General Stanley A. McChrystal, auf die von dem deutschen Oberst Georg Klein zu verantwortende Bombardierung zweier Tanklaster in Kunduz im September vergangenen Jahres zu verstehen. Man möchte den Einwohnern Afghanistans glaubhaft vermitteln, dass nicht sie, sondern die Terrorgruppen das Ziel von ISAF und Enduring Freedom sind. Man möchte unter Beweis stellen, dass den Alliierten, im Unterschied zu den Taliban etwa, das Leben von Zivilisten nicht gleichgültig ist. Bei diesem Vorgehen sind die Truppen vor Ort auch und gerade von der deutschen Politik maßgeblich zu unterstützen. Dass ein Verantwortungsbewusstsein dafür in Berlin existiert, auch wenn man im parlamentarischen Kreis nicht viel von der komplizierten Konfliktstruktur zu wissen scheint und sich deswegen eher auf Experten verlässt, hat die jüngste Abstimmung zur Verlängerung des Mandats bei gleichzeitiger Anhebung der personellen Obergrenze gezeigt.
Der Linke-Fraktion indes ist vorzuwerfen, dass sie die Namen der Opfer des Bombardements vom September vergangenen Jahres missbraucht hat für eine ideologisch verbrämte, nur scheinbar auf Gerechtigkeit bedachte, populistische Geste, die in ihrer Rechtfertigung eine beschämende Unwissenheit offenbarte. Der Zynismus einer solchen Form der Politik kann im satten Westen kaum noch übertroffen werden. Es bleibt zu hoffen, dass diese politische Schein-Moral auf ihre Betreiber zurückfällt.





bin hier mal zufällig drauf gestossen, und ja ich bin anderer meinung….
finde deinen blogeintragsstil einfach nur schlecht….weil du hier aus meiner ansicht nur halbverdautes der dir zugänglichen informationen der mainstreammedienlandschaft wiederlaberst…
geh selber nach afghanistan und schneid den talibans die kehle mit deinen eigenen händen und nem messer durch
vielleicht hast du danach einen etwas reflektierteren einblick
Ich verstehe nicht ganz, was daran zynisch oder „totale Realitätsferne“ sein soll, wenn jemand gegen den Afghanistan-Einsatz deutscher Soldaten protestiert und dazu Namen ziviler Opfer zeigt.
Sehr unsachlich finde ich den Abschnitt:
„ Aber wie lange war Frau Buchholz denn dort? Die üblichen neun Tage, die ein Journalisten- oder Politikerbesuch dauern darf?“
Ist man erst ab 14 Tagen Aufenthalt zum Protest berechtigt? Ich war noch nie in Afghanistan. Dürfte ich ggf. trotzdem protestieren?
„Waren Frau Buchholz, respektive einer ihrer Parteifreunde, in Afghanistan, als die fanatischen Horden der Taliban vor dem Eingreifen der Alliierten im Jahr 2001 die Scharia in weiten Teilen des Landes durchgesetzt hatten?“
Wozu sollte sie damals dort gewesen sein? War das nun etwa die Schuld der Linken, dass die Taliban sich dort austoben konnten? Haben die heute so gegen Taliban engagierten USA oder unsere Regierung damals etwas gegen das Treiben der Taliban gehabt?
„ Als Menschen, die gegen die Scharia verstießen, im Stadion in Kabul öffentlich hingerichtet wurden, schon für geringe Vergehen Körperteile abgeschnitten bekamen? Hat Frau Buchholz auch einmal die Angehörigen der Opfer eines Bombenattentats der Taliban getroffen?“
Nein, wahrscheinlich nicht. Braucht sie auch nicht, um trotzdem gegen den Einsatz protestieren zu dürfen. Sie ist nicht an diesen Ereignissen schuld. Mit dieser Logik dürfte man ja gegen gar nichts mehr sein, solange man nicht alle Beteiligten persönlich getroffen hat. Man dürfte (Vorsicht, Ironie!) z.B. nicht gegen Massentierhaltung sein, wenn man noch nie ein Huhn aus einer Legebatterie getroffen hat.
„Hat sich Frau Buchholz mit Angehörigen in Afghanistan getöteter Soldaten unterhalten?“
Siehe oben. Braucht sie nicht. Wozu sollte das gut sein? Die Soldaten sind alle freiwillig dahin gegangen, woran reine Geldgier nicht ganz unschuldig sein dürfte (der Tagessatz zusätzlich zum Sold war zuletzt 110 €). Wenn ein Soldat dort getötet wird, ist das ein reiner Berufsunfall, weiter nichts. Dafür habe ich keinerlei Mitleid und die armen Angehörigen sollen gefälligst nicht herum jammern, von wegen: „Es konnte ja keiner ahnen, dass da geschossen wird …“.
Weiter als bis zu dem Absatz habe ich deinen Text nicht gelesen.
Ich habe gelesen, die Taliban versuchen jetzt auch zivile Opfer zu vermeiden, was ja zeigt, dass die neue Strategie gefährlich für sie ist (Quelle finde ich gerade nicht).
Aber mal 2 Dinge: Ich als bekennender Links-Wähler ordne die Protestaktion auch unter Oppositionstheater ein, natürlich gings wie immer um eine schöne plakative Aktion für die Wähler. In Regierungsverantwortung könnte die Partei sich ein solches Verhalten doch nie leisten. Aber darum wähle ich sie ja auch nur solange sie keine Chance auf eine Regierungsbeteiligung haben. Vielleicht hätte sich Deutschland aus dem Afghanistan-Einsatz von Anfang an raushalten sollen. Aber diese aktuellen “Siehste”-Es ist Jemand gestorben-Phrasen der Linken sind einfach nur peinlich! Alle Soldaten jetzt abziehen? Die Afghanen werdens uns danken! Erst machen wir ihnen Hoffnung auf ein bisschen Stabilität und Freiheit und dann hauen wir ab – haben es uns einfach anders überlegt! Auch wenn die Kriegsgründe meiner Ansicht nach falsch waren und unsere Sicherheit dort nicht verteidigt wird (weswegen viele Soldaten dort aber zu sein glauben, nicht nur wegen der Kohle) wäre es beschämend, egoistisch, absolut realitätsfremd und unverantwortlich, eine halb begonnene Aufgabe abzubrechen! Auch wenn wir den Krieg nicht brauchen, die Menschen dort brauchen uns! Tote beim Luftangriff? Viele Afghanen sind doch der Meinung, die deutschen Soldaten müssten endlich viel härter durchgreifen…Was soll eigentlich aus der Frauenradiomoderatorin, den Menschenrechtsaktivisten und vielen anderen Kämpfern für Demokratie und Gleichberechtigung, die ihr Leben in dieser Region aufs Spiel setzten werden, wenn wir uns einfach verpissen würden? Anflehen würden sie uns, dass wir bleiben! Aber die Amis können ja noch ein bisschen weiter Krieg machen – gibt ja ein gutes Feindbild ab! Sie machen die Drecksarbeit und wir hauen ab? Der Linken gehts doch mehr um das nächste Wahlergebnis, was ja zugegeben nicht unwichtig werden wird, als um das Wohl von Menschen!
Und zu den bösen geldgierigen deutschen Soldaten…1. man kann auch Zeitsoldat werden, weil man in Deutschland nicht auf Hartz IV abrutschen und stattdessen eine Ausbildung machen wollte. 2. reisen die nicht privat nach Afghanistan, sondern werden in unserem Auftrag geschickt, auch wenn das nicht alle gut finden. Ich hätte sie zwar nie dahin geschickt und würde auch nie zum Bund gehen, aber sie haben meinen Respekt für das was sie tun! Sie wollen nicht töten und auch nicht getötet werden (wer will das schon?), tun das was man von ihnen verlangt und in Deutschland zollt ihnen kaum Jemand Respekt. Eine Schande ist das, die sich nur aus unseren alten Nachkriegskomplexen erklären lässt. Die Selbstdarstellung der Linken als Friedenspartei ist tatsächlich zynisch! Bloß weil nirgends auf der Welt deutsche Soldaten kämpfen gibt es noch keinen Frieden. Die Afghanen sollen alleine zusehen, wie sie zurechtkommen, nur damit kein deutscher Soldat Schuld an einem Toten ist? Mit diesem egoistischen Deutschland-zentrierten Verhalten und Ansichten macht sich die Partei Die Linke in meinen Augen absolut unglaubwürdig und wie gesagt – untragbar als Regierungspartei! Unwissenheit über die Situation in Afghanistan würde ihre Position ja noch entschuldigen. Wenn sich die Linke wirklich unter der Gefahr einer neuen Perspektive besser informieren würde, könnte sie niemals auf ihrem aktuellen Standpunkt verharren! Doch ich glaube, dass will sie nicht, würde ihre Stammwählerschaft ja verwirren, stur muss man bleiben. Als Stänkerpartei kann man sie manchmal ganz gut brauchen, aber mit diesem Verhalten vergraulen sie differenzierter denkende Linke! Und das alles für den Landtagseinzug… schade!
Ich bin kein Links-Wähler (obwohl ich vor jeder Wahl darüber nachdenke, da sie inzwischen die einzige verbliebene Oppositionspartei sind) und die Protestaktion kann man durchaus als Oppositionstheater einstufen. Aber es ist auch okay, immer wieder gegen diesen Einsatz zu protestieren, zumal die Linke mit dieser Haltung inzwischen sehr allein da steht. Viel schlimmer finde ich in dem Zusammenhang, wie unsere pazifistischen Grünen sich verhielten. Mir ging es nur um die unsachliche Argumentation in diesem Text.
Nebenbei: Da du anscheinend ernsthaft daran glaubst, dass der Einsatz dort irgendeinen Sinn ergibt: http://tinyurl.com/yakvlh9 und vielleicht noch http://tinyurl.com/ydaljdx
Vor kurzem ist ja auch ein Buch zu dem Thema erschienen: „Unter Beschuss: Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“: http://tinyurl.com/ycvgcqb
ach sorry naja klar…kam mir schon komisch vor die fotos aus kabul
[Link entfernt, die Redaktion des Sehnsuchtsortes]
als offizier dort
ohne weitere kommentare…
Ja lieber Sarek, ich bin auch Offizier (der Reserve), im Gegensatz zu Dir mache ich aus meiner Identität auch kein Geheimnis. In Afghanistan allerdings war ich als Journalist – zivil – für eine Tageszeitung.
In diesen Blog schreibe ich als Privatmensch, der es sich erlaubt eine Meinung zu vertreten, wie ich sie jedem anderen Menschen zugestehe. Anderfalls hätte ich als Moderator und Herausgeber dieser Seite Deinen ersten Kommentar, der weder sachlich noch anständig ist, sofort entfernt.
Missbräuchliche Thematisierung von Kriegsopfern als politisch-populistischer Aktionismus: Die einen praktizieren es im Bundestag, die anderen versuchen es immer wieder am 13. Februar in Dresden.
sarek, ich suche in Deinen Kommentaren nach Deinem Argumenten, kann aber keine entdecken.
Momentan ist es im deutschsprachigen Teil des Internets noch möglich, eine eigene Meinung zu postulieren und diese auch zu veröffentlichen. Man muss nicht der Meinung des Artikel-Autors sein, ich selbst habe zum Beispiel eine andere im Bezug auf die Afghanistanpolitik. Allerdings entspricht das ausschliessliche Austeilen auf persönlicher Ebene, fernab sachlicher Argumente, in unseren Augen einem schlechten Diskussionsstil. Ich habe den Link in Deinem Kommentar aus diesem Grund entfernt.
Michael Terpe
Great minds discuss ideas;
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Eleanor Roosevelt (11.10.1884 – 07.11.1962)
Lieber Frank, ja an „irgendeinen“ Sinn glaube ich immer
Aber mal im ernst, den Weltspiegelbeitrag habe ich auch schon längst gesehen und habe geschmunzelt ob der tendenziösen Berichterstattung über diesen Einsatz. Aber es ist doch nicht so, wie du in deinem verlinkten Beitrag schreibst, dass es „inzwischen“ Kindesentführungen in Afghanistan gibt, genauso wie meines Wissens nach es so genannte Warlords schon immer gab, was es natürlich nicht besser macht. Die Frage von „Erfolg“ in Afghanistan ist doch auch die Frage, was man darunter versteht. Eine Demokratie auf unserem freiheitlichen Stand wird man da nicht erreichen können, Korruption wird es auch nach dem Abzug unserer Truppen dort noch geben. Wenn du es so betrachtest ist der Einsatz natürlich (wie vom Altmeister Scholl-Latour vorausgesehen) gescheitert. Also sofortiger Truppenabzug? Nein! Die zugegeben kleinen errungenen Erfolge (s. Radio Zohra) und die Ermutigung von Einheimischen, sich gegen die Taliban zu stellen, dürfen doch nicht aufs Spiel gesetzt werden, die sich der schriftgläubigen fundamentalistischen Auslegung des Koran widersetzenden Menschen nicht allein gelassen werden! In den letzten Jahren gab es aber auch keine großen Fortschritte, also muss ein neuer Strategie-Versuch her. Klar ist das jetzt reichlich spät! Aber konstruktiv ist der, der etwas besser machen will. Die Entwicklung einer eigenen Form von Demokratie muss letztendlich eh das afghanische Volk vorantreiben, aber zu allererst muss es dazu befähigt werden, sich zu verteidigen. Den Krieg gegen die Taliban kann nur das afghanische Volk selbst endgütig gewinnen, aber es ist dazu noch nicht in der Lage. Den westlichen (Abend)ländern fehlt dazu auch die Legitimation. Den Einsatz im jetzigen Moment zu beenden fände ich aber, wie schon angedeutet, feige und egoistisch. Ich bin da eben Realist. Wenn man schon da einmarschiert ist und Hoffnungen geschürt hat, aus welchen falschen Gründen auch immer, darf man sich nicht selbst unter Termindruck setzen. Natürlich hat sich vor dem Einmarsch kein Mensch für die unterdrückten Frauen und Menschenrechte in diesem Land interessiert. Aber wenn durch den wirren Gang der Geschichte diese Region fundamental beeinflusst wurde – was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann – dann muss diese neue Entwicklung begleitet werden. Und Afghanistan entwickelt sich, da darf man sich von der hiesigen Berichterstattung nicht täuschen lassen. Allzu offensichtlich wird der Truppeneinsatz derzeit medial torpediert. Die Medien wissen die Bevölkerungsmehrheit im Rücken und kauen eine Anti-Kriegshaltung wieder.
Ich bin mir auch noch nicht sicher, ob die nachträgliche historische Bewertung der Kriege im Irak und in Afghanistan negativ sein wird. Auch wenn sich erst in vielen Jahrzehnten 2 einigermaßen stabile Demokratien gebildet haben sollten, dann waren die 2 Kriege der Anfang, der Einschnitt in der jeweiligen Landesgeschichte. Und vielleicht wird dann Buschs Einmarsch unglaublicherweise noch nachträglich als positiver Schritt bewertet werden. Bei dem Gedanken dreht sich mir zwar der Magen um, aber sollte man sich das nicht eigentlich eher wünschen, als auf falschen Kriegsgründen hängen zu bleiben?
Und zu guter letzt geht es auch um eine Chance der Liberalisierung des Islam, des Zurückdrängens von fundamentalistischer Schriftgläubigkeit (ist eigentlich das falsche Wort – in der Schrift steht nix von Schleier uvm.). Wenn das gelänge, hätte das positive Auswirkungen auf die ganze Welt! Wer jetzt vor den Taliban kapituliert, lässt diese Chance ungenutzt und entzieht sich noch lange nicht diesem Konfrontationspotential.
Ende!
und wir sind doch alle nur menschen!
Hier: http://djane.momocat.de/2010-02-26-augen-zu-und-durch-kein-platz-fur-die-opfer/comment-page-1/#comment-1285
gibts noch eine etwas andere Wortmeldung zum Thema.
Der im obigen Artikel geäußerten Haltung zur Aktion der Linken kann ich in keinster Weise zustimmen. Was bitte hat die Würdigung von Menschen, die in einem völkerrechtswidrigen Bundeswehr-Luftschlag getötet wurden, mit “Zynismus” und “Parteiprinzipien” zu tun? Das kann ich ehrlichgesagt kaum fassen. Im Grunde müsste es im Sinne des humanistischen Gedankens durch alle politischen Lager einen Konsens geben, dass man sich zumindest in irgendeiner Weise offiziell sein Bedauern über diese Tragödie zum Ausdruck bringen sollte. Das hatten die Linken im Bundestag angeregt – allein, es hielt keiner für notwendig. Nur deshalb kam es nun zu dieser inoffiziellen Aktion der Linken.
@ Lars:
„Tendenziöse Berichterstattung“ … es war halt ein kritischer Beitrag, und das ist auch sehr gut so. Mit dem Wort „tendenziös“ kann man alles mit negativem Vorzeichen versehen. Der Beitrag hatte aber nicht nur die Tendenz, sondern die klare Absicht zur Kritik. Man könnte jede Kritik mit dem Wort „tendenziös“ entwerten. Die Medien kauen eine Anti-Kriegshaltung wieder? Schön wär‘s! Und selbst wenn: Das Gegenteil wäre noch schlimmer.
Klar gab es Korruption, Kindesentführungen und Warlords schon vor dem Einsatz. Aber gegen all das können unsere Soldaten eben nichts machen. Und diese kleinen Siege sind keine, wenn sie nur unter ständiger militärischer Absicherung existieren können. Bestes Beispiel sind diese Mädchenschulen, bei denen die meisten Einheimischen überhaupt nicht verstehen, wofür so etwas überhaupt gut sein könnte. Stattdessen überlegen sie meist, wofür sie die Gebäude nutzen werden, wenn die ausländischen Soldaten endlich anziehen sollten. Radio Zohra ist ja ein schöner Erfolg, aber wenn das bei diesem Riesen-Aufwand schon alles sein soll … Ein schöner Erfolg ist aber auch, dass die Versorgung mit Beinprothesen für die Minenopfer inzwischen ganz gut läuft! Das war vor den Angri… ich meine, vor den Einsätzen viel schlechter.
„ die Ermutigung von Einheimischen, sich gegen die Taliban zu stellen“ – soso … das machen also unsere Soldaten? Ein Nachbar von mir ist gerade wieder im Kundus. Ich habe mir von ihm einmal beschreiben lassen, wie die Zeit dort so abläuft: „Ja, wir fahren da schon mal in die Orte, aber das sind ja alles Gebirgstäler. Nachmittags müssen wir wieder zurück. Das wissen die Einheimischen und die Taliban natürlich und warten einfach ab, bis wir weg sind. Was danach passiert – darüber haben wir keine Kontrolle.“ Meistens bleiben die Soldaten aber in ihren Stützpunkten und hoffen, dass keine Rakete einschlägt. Machen können die dort gar nichts. Den Einsatz zu beenden, fände ich nicht feige und egoistisch, sondern konsequent und eher mutig. Mutig, weil man sich damit von der USA abgrenzt und eine eigene Meinung zeigt. Und gerade weil wir aus falschen Gründen* mit einmarschiert sind, sollten wir diesen Irrsinn schnellstens beenden und nicht noch irgendwelche späteren positiven Aspekte erhoffen.
Aber wieso eigentlich falsche Gründe? Die von den Taliban behinderte Erdöltrasse ist doch wichtig für die USA! Da sollten wir freilich bei der Absicherung helfen. Und dass die Taliban einfach den Mohnanbau im weltwichtigsten Anbaugebiet abschaffen wollten – dabei konnten wir auch nicht tatenlos zusehen. Wichtig ist doch auch, eine weitere strategische Position neben dem an Bodenschätzen so reichen Iran zu haben. Also sollten wir unsere Soldaten zur Unterstützung der USA schon dort lassen!
(* Es gab den 11. September. Bush wollte daraufhin am liebsten sofort den Irak angreifen, was ihm seine Berater aber ausredeten, denn es wäre der Öffentlichkeit doch zu schlecht vermittelbar gewesen. Deshalb wurde lieber zunächst Afghanistan angegriffen. Als offizieller Angriffsgrund wurde „Bin Laden“ genannt. Das war von der Nachvollziehbarkeit her eine interessante Sache: Man hat also ein Verbrechen (11.Sept) und einen Schuldigen, genauer gesagt nur einen Verdächtigen (denn Beweise, dass Bin Laden dahinter steckt, gab und gibt es bis heute nicht). Und weil der Verdächtige im Land X vermutet wird, beginnt man, dieses gesamte Land zu bombardieren. Das ist eine saubere kriminalistische Herangehensweise. Da haben wir eigentlich Glück gehabt, dass Deutschland nicht bombardiert wurde – immerhin lebte hier nachweislich der ebenfalls Verdächtige Mohammed Atta. Gut – der war anscheinend nach dem Attentat tot, aber man vermutete noch Freunde von ihm bei uns. Sehr erstaunlich an diesem Militäreinsatz war auch, dass nach einiger Zeit ohne Erfolge der Kriegsgrund einfach klammheimlich ausgetauscht wurde gegen „wir müssen die Taliban bekämpfen“.)
Der Zynismus besteht darin, die Opfer als glänzenden Schild zu benutzen, um politische Positionen zu verteidigen.
Der Zynismus besteht darin, die Opfer gegen die eigenen Soldaten einzusetzen, gegen diejenigen, die als ausführende Gewalt der politsch, vielleicht sogar menschenrechtlich legitimierten Intervention nun die alleinige Schuld zu tragen haben – in den Augen der deutschen Bevölkerung und juristisch. Ein Widerspruch in sich. Wenn dann hat der deutsche Staat dieses Unrecht auf sich zu nehmen. Allen vorran das Volk, die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident und auch damit auch die Soldaten. Aber es passiert nicht. Stattdessen werden Personalien diffamiert, durch alle Parteien, auf den Rücken der Soldaten im Einsatz. Schämt euch! Ich schäme mich.
Ich verurteile dieses Bombardement aufs Schärfste, wegen der Lügen und Verantwortunslosigkeit, die es zu dem Unrecht gemacht haben, das es ist. Im Krieg sterben Menschen. Es bleiben also nur die Fragen des Wie und Warum, letztendlich des Woher. Das ist die politische Seite!
Die menschliche ist, den Toten zu gedenken.
@ Dominik:
„Der Zynismus besteht darin, die Opfer als glänzenden Schild zu benutzen, um politische Positionen zu verteidigen.“
Eine seltsame Logik … Wenn man gegen einen zumindest fragwürdigen Kriegseinsatz der eigenen Armee ist, darf man das nicht zu einer politischen Position machen? Und man darf nicht auf konkrete Opfer hinweisen? Wäre es weniger zynisch von den Linken gewesen, statt getöteter Afghanen die Namen deutscher getöteter Soldaten zu zeigen? Im Oktober waren es 36, eine aktuellere Zahl habe ich momentan nicht gefunden.
Vergleiche hinken, aber: Hätten dann im 2. Weltkrieg Politiker der Alliierten auch nie Namen von Opfern erwähnen dürfen, um auf die Morde der Nazis hinzuweisen? War das auch Zynismus, um die eigene politische Position zu verteidigen?
„Der Zynismus besteht darin, die Opfer gegen die eigenen Soldaten einzusetzen“ – das wurde nicht gegen die eigenen Soldaten eingesetzt, sondern gegen die Entsendung und den Einsatz der Soldaten!
Meine Meinung: Das Gedenken an Opfer darf niemals politisiert werden, es steht für sich allein und sollte nicht benutzt werden – zumindest nicht vorrangig, das entwertet den eigentlichen Ansatz der Würdigung, die keinen weiteren Zweck verfolgen sollte. Ich habe niemals gesagt, dass die Toten keine politische Bedeutung haben, das Gedenken hingegen schon.
Ich habe meine Position denke ich klar gemacht, dass die Ereignisse beispielhaft gegen die eigenen Soldaten eingesetzt wurden, indem diese generell kriminalisiert werden, indem sie keinen Rückhalt aus Politik und Bevölkerung erfahren, stattdessen wird das Geschehene zur politschen Scharade – ohne klare Worte und ohne Verantwortungsübernahme. Das Verbrechen von Kundus ist zu verurteilen, der gesamte Einsatz deswegen auch? Wie oben dargestellt, ist alles wohl etwas komplizierter.
Ich muss mir nur vorstellen, wie der Soldat im Feld die Selbstherrlichkeit der Suche nach einem (!) Schuldigen wahrnimmt, wie ihm die Absurdität sprichwörtlich in den Händen liegt, wenn hier über Definitionen, ob Krieg, kriegsähnlichen Zuständen oder Polizeieinsatz diskutiert wird.
Dominik:
Dann muss ja der ganze Afghanistan-Einsatz ein einziger Akt des Zynismus sein, denn hier werden doch permanent die Opfer der Taliban in der Zivilbevölkerung als “glänzende Schutzschilde” bemüht, um einen Kriegseinsatz zu rechtfertigen, der mittlerweile seit fast 10 Jahren andauert und NICHTS gebracht hat außer temporär begrenzter, punktueller Verbesserungen in der zivilen Infrastruktur, die im nächsten Moment wieder militärischer Willkür zum Opfer fallen können.
Und nochmal Dominik:
“Das Gedenken an Opfer darf niemals politisiert werden,”
Was das betrifft, finde ich, haben wir in Deutschland ganz besonders mit dem hochpolitisierten Holocaust-Gedenken, im Rahmen dessen sich alljährlich Politiker oder Vertreter einer Politik vor dem Bundestag ausbreiten dürfen, die selbst über genug Skrupellosigkeit verfügen, ein anderes Volk systematisch ins Verderben zu stürzen – und zwar seit Jahrzehnten und ohne das geringste Anzeichen von schlechtem Gewissen, oft genug bewiesen, dass wir von solcherlei Postulaten im Prinzip nicht viel halten.
Fakt ist, dass vor dem Bundestag mit schöner Regelmäßigkeit mit offiziellen Akten der Opfer diverser Gewalttaten gedacht wird. Die Linke hatte derartiges auch für die Opfer von Kundus gefordert. Warum lehnte der Ältestenrat das ab? DAS ist die Frage, die man sich fairerweise stellen muss. Da geht es darum, eigene Schuld nicht offiziell einräumen zu müssen, um das Gesamtprojekt nicht zusätzlich zu gefährden, wo die Zustimmung im Volk ohnehin auf einen historischen Tiefpunkt gesunken ist, eigenes VERSAGEN nicht eingestehen zu müssen, das Gesicht zu wahren. Und DAS ist eine Riesen-Schweinerei.
Ein guter Gedanke. Aber bitte verdreht meine Argumentation nicht: Ich rede vom Missbrauch des Gedenkens, nur das stört mich. Ich rede nicht davon, die Opfer nicht zu thematisieren.
Gedenken ist ein eigener prekärer Akt – es ist richtig, dass er stattzufinden hat, auch in der Politik. Wichtig ist mir hierbei “eigen” – er darf nicht instrumentalisiert werden.
Zu allererst einmal vielen Dank von unserer Seite an alle, die sich an dieser Diskussion beteiligen oder sie zumindest mitverfolgen. Die unerhört hohen Abrufzahlen, die Vielzahl der Kommentare, die Kontroversen Positionen bestätigen, dass es einen ungeheuren Diskussionsbedarf zu dem Thema gibt. Debatten sind wichtig, an den Reibungspunkten kontroverser Meinungen entsteht vielleicht so etwas wie eine vorläufige Erkenntnis, die wiederum diskussionsbedürftig ist. „Alles muss immer kritisiert werden“, hat mir einmal ein Mensch gesagt, den ich sehr schätze. Leider ist „Kritik“ (die immer auch anregend sein und positive Elemente enthalten sollte) heute beinahe ausschließlich negativ konnotiert. Wo „kritisiert“ wird, dort vermutet man Gemecker, Gemäkel, Meinungsmache. Leider erweist sich dieser Anfangsverdacht bei näherem Hinsehen oft als begründet, denn allzu häufig entpuppt sich die „kritische Haltung“ eines Gegenübers als Folie, als perpetuierter Singsang, dem die Verbindung zu der ihm zu Grunde liegenden Idee verlustig gegangen ist. Kritik sollte immer auch etwas Neues beinhalten. Dieses Neue sollte deutlich machen können, aus welchen Quellen es sich speist. Dann kann sich „Kritik“ vom Vorwurf des Gemeckers, vom Anschein „reiner Meinung“, befreien.
Nun ist etwa die angebliche Pipeline in den Golf von Oman nicht eben die neueste Idee. Verständlich hingegen ist der ihr zu Grunde liegende Wunsch nach einer einfachen Begründung des Interesses eines verifizierbaren „Dritten“ einer „Wurzel“ allen „Übels“. Dessen Position ist flexibel, das Anforderungsprofil der Stelle nicht besonders kompliziert, es reicht im Prinzip mächtig und irgendwie unverstanden und unverständlich zu sein.
Ich wünschte, es wäre so einfach, ehrlich. Ich wünschte, es reichte im Falle Afghanistans aus, ein, zwei kritische Berichte im ZDF gesehen und ein Buch von Peter Scholl-Latour gelesen zu haben. Leider reicht es eben nicht. Leider ist das Umfeld dieses Konflikts nicht auf geostrategische Interessen der USA und eines weiteren „Global Players“ zu begrenzen. Wenn es so wäre, hätten wir den Konflikt schnell gelöst. Die Literaturliste, die zu berücksichtigen ist, wenn man das Problem nur annähernd erfassen will, ist lang. Sie behandelt (unter anderem) das Kaschmir-Problem zwischen Indien und Pakistan, die historische Kolonialpolitik der Engländer (Vergl.: Durand-Linie), die Nationalismus-Theorie, Soziologische Aspekte, die politische Struktur Saudi-Arabiens, das islamische Schisma etc. Und dabei wird das Problem so nur von seiner Peripherie her erfasst, es folgte die dezidierte Beschäftigung mit Afghanistan. Doch bedeutet das nicht, einen Konflikt komplizierter darzustellen als er eigentlich ist. Dieser Konflikt ist kompliziert.
Die überaus problematische Struktur der Gemengelage im mittleren Osten ist der westlichen, an Wikipedia-Lösungen orientierten Gesellschaft schwer verdaulich. Sie ist einer schnellen „Kritik“ vom Sofa aus nicht zugänglich, weil dort nicht von Afghanistan gesprochen wird, wenn von Afghanistan gesprochen wird. Es ist an einschlägiger Stelle gesagt worden, dass im Diskurs mehr über die Teilnehmer am Diskurs ausgesagt wird als über seinen eigentlichen Gegenstand. Wenn also auf dem deutschen Sofa (respektive im Abgeordnetenhaus) über Afghanistan gesprochen wird, sprechen die, die sprechen, in erster Hinsicht über sich. Bei allem Unverständnis, was wir über die Konflikte vor unserer Haustüre verinnerlicht haben, bei allem Desinteresse für Vorgänge, die wir „auf irgend eine Art“ mit verantworten, mit der grenzenlosen Arroganz eins gesättigten Bürgertums, der Philisterhaftigkeit belesener Ignoranten bleibt uns de facto nur die moralische Position des „Guten“, die wir uns streitig machen, die wir vor uns hertragen wie Monstranzen. Wir wissen es einfach nicht besser. Wir sind bildergläubig, gläubig in allem was wir unternehmen und dabei in allem tödlich arrogant. Es reicht, uns zu vergewissern, dass wir auf der Seite der Guten stehen. Frieden ist gut, Krieg ist schlecht. Die Grenzen sind gezogen, schwarz und weiß aufgeteilt, wir wissen, wo wir stehen. Die moralische Position des „guten Pazifisten“ wird, einer Festung gleich, eingenommen und verteidigt, koste es „die Anderen“ was es wolle.
Ich darf nun sagen, dass ich nach mehreren hundert Einsatztagen im Kosovo, einem Besuch in Afghanistan und einer abendfüllenden Beschäftigung mit beiden Konfliktregionen nur wenig schlauer bin als zuvor. Ich habe kein Interesse daran „jemanden mit dem Messer die Kehle durchzuschneiden“ noch habe ich in den vielen Jahren einen Soldaten kennengelernt, der dieses Interesse hegte. Im Gegenteil. Das erlebte (und gelinderte) Leid allein im Kosovo reicht den Meisten für ein ganzes Leben. Zwei Dinge allerdings kann man tatsächlich lernen. Das erste: Skepsis gegenüber einfachen Lösungen, „Pipelines“, die irgendwo gezogen werden wollen, Imperien, die kurz vor der Geburt stehen und dergleichen mehr. Das zweite: Permanente Kritik an allen diesen Einsätzen ist ebenso wichtig, wie der Fakt, dass diese Einsätze stattfinden. Aber: diese Kritik muss fundiert sein, sie muss Alternativen aufzeigen, sie darf sich nicht ausschließlich auf die Bastionen des Guten zurückziehen. Der Einsatz im Kosovo wurde kontrovers diskutiert. In den Medien war der Vorwurf vom völkerechtswidrigen Angriff der NATO eine Hausnummer für alle Kritiker. Jedoch: Dieser Einsatz war bitter notwendig, lang überfällig und er ist heute erfolgreich. Bei allen ungelösten Problemen auf dem Balkan, bei allen kritikwürdigen Zuständen – heute ist das Leben im Kosovo viel besser und wesentlich sicherer als in der Zeit vor 1999. Und auch dort sind, leider ist das so, Soldaten und Zivilisten aus allen Nationen ums Leben gekommen. Die Linke, die unmittelbar vor und nach dem Eingreifen der alliierten Kräfte im Kosovo eine wahre Publikationswut entfaltete, ist heute ebenso schweigsam, wie das Thema Kosovo im Interdiskurs und den Medien kaum noch eine Rolle spielt. Der Beitrag der Linken (wenn ich hier und überhaupt von der “Linken” handele, meine ich nicht die kritische Geisteshaltung, die übrigen Artikels dieses Blogs sprechen eine deutliche Sprache, denke ich, sondern die Partei) zur Lösung des Konflikts im Kosovo geht gegen Null.
Wenn also jemand den Abzug aller Truppen aus Afghanistan fordert, soll er Alternativen vergegenwärtigen und aufzeigen. Es reicht nicht, sich „hinter dem glänzenden Schild“ der Opfer eines diskussionswürdigen Luftangriffs zu verschanzen als gäbe es dort und nur dort Wahrheit, Mitleiden und menschliches Interesse. Es reicht auch nicht, mit dem Finger auf jene zu zeigen, die diesen Konflikt angeblich verursacht haben. Solche Positionen, das haben wir gesehen, offenbaren mehr über die eigene Unkenntnis der Sachlage, als sie die Wurzeln des Konflikts, die vielfach Jahrhunderte zurückreichen, offenlegen können. Ein Peter Scholl-Latour ist gegen Altersstarssinn ebenso wenig gefeit wie jeder einzelne von uns. Auch das ZDF muss konsumierbare Stückchen „Wahrheit“ verkaufen. Ein Fernsehbeitrag von 20 Minuten Länge kann keinen Konflikt von Jahrzehnten aufbereiten. Wer daran glaubt, der ist dem “Gemecker” tatsächlich noch viel näher als der “Kritik”. All diese Beiträge sind akzeptabel, wenn ihre Problematik bewusst gehalten wird. Wenn man nicht in Bilder- Wahrheits- und Götzenwahn verfällt. Problematisch ist nicht, dass Peter Scholl-Latour glaubt, er allein kenne die Wahrheit, problematisch ist, dass wir ihm das abnehmen. Wie gesagt, die Stimmen zum Konflikt im mittleren Osten sind zahlreich, die Literaturliste ist lang, jeder kritische Geist ist zur Auseinandersetzung eingeladen. Zynismus, moralinsaueres Gutmenschentum, Heuchelei und Bequemlichkeit jedoch haben sich selbst zum Ziel, sie verbessern nichts und helfen niemandem.
Dominik:
Genau das hatten die Linken doch vor – sie hatten zuvor mehrfach versucht, den offiziellen Weg zu gehen und eine Gedenkfeier für die Opfer im Bundestag angeregt. Allein, dort hielt das niemand für nötig. Jetzt das zugegebenermaßen etwas sture Vorgehen der Linken, auf eigene Faust ein Zeichen des Gedenkens setzen zu wollen, mit “Instrumentalisierung” gleichzusetzen, halte ich für unangebracht. Es war vielmehr ein Zeichen des Protestes gegen die unsägliche Verweigerungshaltung der restlichen Fraktionen im Sinne wiederum derer parteipolitischen Linie.
Dann kann ich jetzt mal sagen, was ich als Pazifist tue:
Wenn mir die Möglichkeit gegeben ist, spreche ich mit meinen Bekannten und Freunden, die in die Kriegsgebiete gehen. Ich versuche zuzuhören und wenigstens etwas zu verstehen. Ich versuche ihnen klar zu machen, dass ich hinter ihnen stehe, dass ich an sie denke. Ich versuche in meiner näheren Umgebung, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Soldaten uns hier brauchen. Die Konflikte (politische wie menschliche) müssen bei aller Oberflächlichkeit hier in die Köpfe gelangen.
Dieser Beitrag hat mich einmal mehr daran erinnert.
Für das Umfeld, das du erreichen kannst, ist das toll, denn so hören sie regelmäßig eine alternative Sicht auf die Dinge. Was ist aber mit jenen, die dieses Umfeld nicht haben? Woher sollen die ihre alternativen Ansichten zur Regierungspolitik beziehen? Für diese breite Masse der Bevölkerung ist es wichtig, dass auch die Politik einmal anderweitig zum Thema Afghanistan Stellung bezieht. Die Linke ist die einzige unter unseren Volksvertretern, die das anspricht, was andere gerne unter den Teppich kehren wollen – nämlich die grausame Seite dieses Einsatzes. Selbstverständlich steht dahinter eine politische Haltung, ein Gegenentwurf. Aber auch Politiker können durchaus überzeugte Pazifisten sein. Und es ist für gewöhnlich auch Methode der Friedensbewegung, kontinuierlich auf negative Auswirkungen von Kriegen aufmerksam zu machen, von den Opfern in der Zivilbevölkerung bis hin zur Zerrüttung der inneren Strukturen eines betroffenen Landes.
@ tobi:
„… negativ konnotiert… als Folie, als perpetuierter Singsang … (usw.)“ – Eine schöne Ausdrucksweise, mit der schlichte Gemüter wie ich gleich noch etwas mit zum Knobeln bekommen.
„Ich wünschte, es wäre so einfach, ehrlich. Ich wünschte, es reichte im Falle Afghanistans aus, ein, zwei kritische Berichte im ZDF gesehen und ein Buch von Peter Scholl-Latour gelesen zu haben. (…) das Kaschmir-Problem zwischen Indien und Pakistan, die historische Kolonialpolitik der Engländer (Vergl.: Durand-Linie), die Nationalismus-Theorie, Soziologische Aspekte, die politische Struktur Saudi-Arabiens, das islamische Schisma etc. (…) Dieser Konflikt ist kompliziert.“
Es gibt historische Ereignisse in Afghanistan und den umliegenden Ländern. Wie in jedem anderen Land. Wie in jedem Land. In manchen Ländern gibt es Konflikte. Sollen wir in allen Ländern einmarschieren, wo wir Konflikte sehen? Diese Konflikte gehen uns nichts an, zumindest nicht in militärischer Hinsicht. Wir haben in Afghanistan gar nichts erst zu suchen! Wir sind aus falscher Bündnistreue mit in einem Land einmarschiert, was uns nichts getan hat. Da müssen wir uns nicht im Nachhinein irgendwelche Gründe einreden, durch die das nachträglich weniger falsch wird.
„ (Kosovo). In den Medien war der Vorwurf vom völkerechtswidrigen Angriff der NATO eine Hausnummer für alle Kritiker. Jedoch: Dieser Einsatz war bitter notwendig, lang überfällig und er ist heute erfolgreich. Bei allen ungelösten Problemen auf dem Balkan, bei allen kritikwürdigen Zuständen – heute ist das Leben im Kosovo viel besser und wesentlich sicherer als in der Zeit vor 1999.“
Entschuldigung, aber „war notwendig, lang überfällig und er ist heute erfolgreich“? Aber Hallo! Der Kosovo gehörte politisch als Provinz zu Serbien. Die kosovarische UÇK, die uns immer als Freiheitskämpfer dargestellt wurde, war – wie sich später herausstellte nichts anderes als eine Terror-Organisation, die eine Abspaltung wollte. Das hatten sich die Serben lange mit angesehen. Die UÇK überfiel immer wieder Serben. Erst daraufhin begann Serbien, militärisch gegen die UÇK vorzugehen. Dann präsentierte man uns das (offensichtlich fingierte) Massaker von Radcak, bei dem angeblich Serben albanische Zivilisten getötet hatten, und man hatte die Bevölkerung endlich soweit, dass sie einem Einsatz der Bundeswehr zustimmte. Und immer wenn die Stimmung im Volk wieder sank, erfanden Fischer & Scharping neue Schauermärchen über die bösen Serben: Serben schneiden Schwangeren die Babys aus dem Leib und grillen diese, Serben spielen mit abgeschlagenen Köpfen Fußball, die Serben haben den Hufeisenplan, Serben benutzen Fußballstadien als KZ … das alles stellte sich später als gelogen heraus. Aber trotzdem haben wir erreicht, dass die UÇK dann unter NATO-Schutz die restlichen Serben vertreiben konnte. Wir haben dem Kosovo einfach mal so den Euro als Währung gegeben und damit die Abspaltung von Serbien geschaffen (jedes andere Land muss hohe Auflagen erfüllen, um den Euro zu erhalten, nur der Kosovo nicht).
Der Kosovo ist heute ein Land, dessen ökonomische Grundlage aus organisiertem Verbrechen besteht. Hauptsächlich Frauen- und Drogenhandel, wofür er eines der wichtigsten Einfallstore nach Europa ist.
„Wenn also jemand den Abzug aller Truppen aus Afghanistan fordert, soll er Alternativen vergegenwärtigen und aufzeigen.“ Wieso? Wenn jemand eine von Anfang an falsche Sache gemacht hat, ist das doch nicht meine Schuld. Ich bin nicht derjenige, der es nun besser machen muss. Wenn ich feststelle, dass jemand sich falsch verhält, dann reicht es, wenn ich ihn darauf hin weise.
Frank, der Völkermord im Kosovo ist durch Massengräber und viel später folgende Gerichtsverhandlungen am Gerichtshof für Menschenrechte (Heisst der so? Kann grad nicht recherchieren.) meines Wissen durchaus belegt. Wir als Pazifisten, ich halte mich auch für einen, stecken in diesem Punkt durchaus in einer Falle: Wegsehen oder Eingreifen. Wenden wir das mal auf die Vergangenheit an, den Holocaust. Die Alliierten haben meiner Meinung nach zu spät militärisch eingegriffen. Sagt sich im Nachhinein einfach.
Afghanistan sehe ich ähnlich wie Du, wir hätten uns dort raushalten sollen. Dafür ist es jetzt aber zu spät. Mir fehlen die authentischen Nachrichten aus dem Land selbst, ich denke, die Afghanen sollten international deutlicher gehört werden können. Unser Ziel kann es dort mMn nur sein, eine politische Kultur zu fördern. Der Weg ist sicher ein langfristiger und führt wie so oft über Bildung und Aufklärung – ich habe auch keine Patentrezepte, wie er korrekt beschritten wird.
@ Frank: Dein Wissen über das Kosovo und die Konflikte in Südosteuropa ist, sehr vorsichtig fomuliert, mehr als bescheiden. Das ist zu entschuldigen. Mit Deinem letzten Kommentar jedoch bist Du weit über den Bereich einer Meinungsäußerung hinausgegangen. Dies ist nicht die Stelle unverhohlen Nationalismus zu äußern, noch diesen und Morde zu relativieren. Ich verweise auf das Intro auf dieser Seite. Wir erwarten, dass die Diskussion auf einem Mindestniveau gegenseitiger Achtung und Anstands geführt wird. Aus diesem Grund habe ich den letzten Kommentar von Frank entfernt.
asti:
Eingreifen kann man in solche innerstaatlichen Konflikte auch anders, als nun unbedingt militärisch (z.B. über die UNO, Sanktionen usw.). Außerdem: Wenn man die Moralfrage stellt (“wegsehen oder eingreifen”), wird man schnell feststellen: Ich kann gar nicht überall eingreifen, wo es nötig wäre, dazu fehlen Kapazitäten und Mittel. Also müsste man immer abwägen, welchen Krisenherd man denn nun bevorzugt, während man anderenorts die Menschen im Stich ließe.
Man muss sich immer auch vor Augen führen, dass eine Vielzahl der Konflikte in der Dritten Welt unmittelbar an die Armut der Länder, damit verbunden an Korruption und Klientelismus sowie Bildungsmangel geknüpft sind. Soll heißen: Für die Instabilität in vielen Ländern tragen wir als Angehörige der global involvierten Weltelite durchaus auch eine gewisse Mitverantwortung. “Eingreifen” im Sinne von Stabilisierung und Konfliktprävention könnte also auch in einem Überdenken der eigenen Politik überall in der Welt bestehen.
Jane, sehe ich auch so. Aber: es ist eine idealistische Sicht. So ist die Welt leider nicht. Unsere Demokratie hat bisher noch nicht dazu geführt, dass wir zB. nicht mehr auf Kosten der dritten Welt leben, sowohl was Rohstoffausbeutung als auch Umweltzerstörung etc betrifft. Und mit jeder Wahl hier in unserem Land zementieren wir die Verhältnisse für weitere 4 Jahre. Alle zusammen. Und die Armut bleibt.
Lieber Tobi, Danke für diese fachlich fundierte Einschätzung meines Wissens über den Kosovo. Die drei gekauften Bücher und die vielen gelesenen Artikel kann ich also vergessen. Ich bitte mein Unwissen höflichst zu entschuldigen. Was mich nur verwundert: An welcher Stelle habe ich unverholenen Nationalismus geäußert?
(ich hoffe, dass das nicht noch einmal als „unverhohler Nationalismus“ eingestuft und mein schlechtes Faktenwissen diesmal akzeptiert wird):
@ asti: „der Völkermord im Kosovo ist durch Massengräber und viel später folgende Gerichtsverhandlungen am Gerichtshof für Menschenrechte (…) meines Wissens durchaus belegt“
Ich beschränke mich mal nur auf die Massengräber: Man sprach nach dem Waffenstillstand vom 10. Juni 1999 von einem „mit Massengräbern übersäten Kosovo“ (Ersterwähnung Frankfurter Rundschau 18. 6.99), worauf bald die Zahl von 10.000 Toten entstand. Bei Massengrab denkt man automatisch an Stellen mit hunderten verscharrten Toten. Für das US-Außenministerium war dabei aber (Hamburger Morgenpost 18.6.99) jede Grabstelle ein Massengrab, die mehr als eine Leiche enthielt. Die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ wollte damals von 65 Massengräbern wissen (GfbV, Aufstellung vom 17.6.1999), das US-Außenministerium von 85 (Hamburger Morgenpost 18.6.99), Scharpings Staatssekretär von 95 (Pressekonferenz 22.6.99). Das britische Außenministerium sprach zwar am 17.6. von „mehr als 100“ Massengräbern und veröffentlichte daraufhin aber eine Karte mit nur 50. Durch Grabungen entdeckt wurden bis Mitte Juli 99 584 Leichen. Am 10. Juli kam die Meldung über einen „Horrorfund“ (natürlich in BILD), dass man nahe der Stadt Pec das vielleicht größte Massengrab mit über 350 Leichen entdeckt habe. Daraus wurden dann „nicht über, sondern bis zu“ (Züricher Zeitung), außerdem “keineswegs entdeckt, sondern nur vermutet” … gefunden hat man dort letztlich gar nichts (Wall Street Journal, 31.12.99).
Muss man dazu irgendetwas sagen? Man hat uns Gräuelgeschichten aufgetischt, damit wir diesen Krieg weiter akzeptierten.
Ziemlich schlechter Artikel, meiner Meinung nach. Deswegen will ich das ganze inhaltlich auch gar nicht kommentieren. Aber wer Dinge schreibt wie:
“…in ihrem Zynismus kaum zu überbieten…”
“…ideologisch verbrämte, nur scheinbar auf Gerechtigkeit bedachte, populistische…”
Soll das bitte schön dann auch (sachlich) begründen. Wenn er das nicht tut, wie in diesem Artikel, sollte er wohl eher Hetzleserbriefe in der BILD schreiben. Hat für mich auch den Vorteil, dass ich das dann nicht lesen muss. Vielen dank.
@ Frank: Ich war noch nie im Kosovo, zugegeben. Ich kann daher auch die Zahlen nicht überprüfen oder in irgendeiner Weise validieren. In Kriegen verliert zuerst immer die Wahrheit, hat sinngemäß mal einer gesagt. Hier steht zum Beispiel gegenteiliges: http://www.gfbv.it/2c-stampa/1-99/17-6-dt.html
Worauf ich aber hinaus will ist die moralische Zwickmühle, die wahrscheinlich auch nicht auflösbar ist: Eingreifen, wenn Völkermord vermutet wird oder wegsehen (bzw. wirkungslose Sanktionen verhängen). Hätten damals, nach der Reichskristallnacht, ausländische, eventuell militärische Interventionen das Leben von 6 Millionen Juden gerettet und wäre eine solche Aktion im Nachhinein als barbarischer Angriffskrieg eingestuft worden… immerhin würde danach die Rechtfertigung fehlen, es hätte ja die Millionen Opfer nicht gegeben. Ich bin da – trotzdem ich zB. Totalverweigerer bin – geteilter Meinung.
Ohne hier das tatsächlich unsäglich brutale Vorgehen der Serben gegen die Kosovaren (und das unabhängig von irgendwelchen Opferzahlen) in irgendeiner Weise rechtfertigen zu wollen: Die Dinge im Kosovo lagen tatsächlich um einiges anders, als es seinerzeit von den Mainstream-Medien auf Geheiß der damaligen Administration kolportiert wurde. Es ging schließlich damals – wie auch heute – darum, einen aggressiven Kriegseinsatz zu rechtfertigen, zu dem Deutschland durch NATO-Beschluss genötigt worden war.
Was die widersprüchlichen, horrenden, sich später großteils in ihre Bestandteile auflösenden Angaben über Tote und Massengräber betrifft, hat Frank unbestritten Recht, und es hinterlässt einen recht merkwürdigen Eindruck, dass ein Journalist diesen berechtigten, nachweisbaren Einwürfen mit dem Vorwurf des “Nationalismus” und einem quasi angedeuteten Rauswurf begegnet.
Ich glaube nicht, dass es in diesem Konflikt eine klare Trennung zwischen Tätern und Opfern geben kann, denn auch die UCK ist in ihren separatistischen Bestrebungen teilweise rücksichtslos gegen Serben vorgegangen – und das bereits seit Mitte der 90er-Jahre. Selbst im deutschen Verfassungsschutzbericht wurde sie daher als terroristische Vereinigung eingestuft. Was nicht heißt, dass die Massaker im Gegenzug an der kosovarischen Zivilbevölkerung irgendwie zu rechtfertigen wären, ich kann mir nicht vorstellen, dass das Franks Absicht war. Vielmehr war das Unabhängigkeitsbestreben der Kosovaren ja sogar gerechtfertigt – aber hier wäre die UNO gefragt gewesen, Serbien mittels Sanktionen zu Verhandlungen dahingehend zu zwingen. Gewalt gegen serbische Zivilisten anzuwenden, war hingegen der verkehrte Weg.
asti:
hätte nach der Reichskristallnacht irgendjemand Deutschland angegriffen, wäre das ähnlich verwerflich gewesen wie der deutsche Angriff auf Polen. Deutschlands interne Entwicklung hatte unbestreitbar bedenkliche Dimensionen angenommen, von der systematischen Tötung von 5 Millionen Juden und über 1 Million weiterer Menschen in Vernichtungslagern konnte damals aber noch gar nicht die Rede sein. Ein Angriff verbot sich daher genau so lange, wie Deutschland niemanden angegriffen hatte. Zumal die meisten europäischen Länder zu dieser Zeit in Sachen Antisemtismus und anderer fragwürdiger Weltanschauungen, inklusive Kolonialismus und selbstüberhöhendem Menschenbild in ähnlicher Weise geschlagen waren, wie Deutschland.
Die halbe Wahrheit gehört bekanntlich auch zur Kategorie der Lüge. Abgesehen davon kann man sich einer relativen Wahrheitsfindung nur annähern, indem man eine Fülle von Informationen zu einem bestimmten Thema aufnimmt und vor allem verarbeitet. An den Stellen, wo unterschiedlichste Informationen gemeinsame Schnittpunkte bilden, hat man vielleicht ein Körnchen Wahrheit gefunden.
Unumstößlich, d.h. nicht interpretierbar sind jedoch Fakten. Meinem Weltbild ist nicht gedient, wenn ich versuche, mögliche Kratzer auf diesem auszublenden bzw. zu ignorieren. Erkenntnis ist nichts Statisches.
Von meinem innersten Wesen her neige ich zum Pazifismus. Es käme mir jedoch nie in den Sinn, mich als Pazifist zu bezeichnen, weil ich mir sicher bin, dass ich mit allen mir zur Verfügug stehenden Mitteln mir nahe stehende Menschen verteidigen würde.
Physische Gewalt setzt da ein, wo sich alle anderen Möglichkeiten erschöpfen, welche auch immer ins Auge gefasst wurden. In „Avatar“ z.B. fällt ein Schlüsselsatz: „Wenn du etwas willst, was andere dir verweigern, dann erkläre sie zu deinen Feinden und nimm es dir“. Es wurden und werden aus weit niedrigeren Beweggründen Verbrechen begangen. Insbesondere das 20. Jahrhundert hat da eine Überfülle zu bieten, auch unter dem Aspekt der totalen Gleichschaltung, ob unter den Nazis oder den Kommunisten.
Das Phänomen der Nazizeit allein mit dem Holocoust erklären zu wollen, wird dem Ausmaß totaler nationalistischer Entartung nur unvollständig gerecht. Das ungewollt Zynische daran sind Zahlen. Aber, und auch das leuchtet mir ein, es wäre eine unlösbare Aufgabe, jeder einzelnen Person von diesen sechs Millionen ermordeter Juden, Sinti und Roma für die Öffentlichkeit ein Gesicht und eine Biografie zu geben. Abgesehen davon ist man schon allein mit einem Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald psychisch nahezu überfordert. Aber, Ausblenden und Verdrängen stumpfen das Wahrnehmungsvermögen für neue mögliche Ungeheuerlichkeiten ab. Das zumindest gilt für alle Verbrechen jedweder Art an Leben und Gesundheit. Und ich kann eine Ungeheuerlichkeit nicht relativieren, indem ich sie mit anderen Ungeheuerlichkeiten gegenrechne. Da wären wir wieder beim Zynismus reiner Zahlen angelangt sowie der Argumentation deutschnational Überbelichteter.
Um zum Kern meines Beitrages zu kommen: Alle in Krisengebieten befindlichen Soldaten, egal aus welchen Gründen man sie dort hinschickte (Gründe sind immer interpretierbar), genießen meinen tiefsten Respekt. Ich beziehe diese Haltung aus mittelbarer Betroffenheit. Im Falle Afghanistans handelt es sich der Klarstellung halber nicht um Besatzer, zumindest werden sie vom afghanischen Volk nicht als solche wahrgenommen. Besatzer waren seinerzeit die sowjetischen Truppen, und das aus den wohl niedrigsten politischen Beweggründen, denen der ideologischen Hygiene. Die Halbwertszeit kollektiver Erinnerung ist leider zu kurz. So auch offensichtlich die der Partei „Die Linke“. Der exakten historischen Reihenfolge nach hätte sie in meinen Augen an beabsichtigter Aufrichtigkeit gewonnen, wenn sie im Bundestag ein Gedenken für die Opfer der SED-Diktatur sowie aller Opfer der einstigen Warschauer Vertragsstaaten, deren Vorgehen die ehemalige Partei- und Staatsführung der DDR ideologisch unterstützte, gefordert hätte. Immerhin rekrutiert sich diese Partei aus einem nicht unerheblichen Prozentsatz einstiger SED-Genossen, welche das System direkt oder indirekt stützten. In diesem Zusammenhang verweise ich auf das Buch von Wolfgang Welsch „Die verklärte Diktatur“: Fakten und Zitate zu einstigen Verantwortungsträgern, und das mit Quellen belegt.
Die einstige SED vermied einen Selbstreinigungsprozess, indem sie sich in PDS umbenannte und später mit der WASG zur Partei „Die Linke“ fusionierte. Und nun wird der Öffentlichkeit suggeriert, dass der Dash-Vollwaschgang inclusive Fleckensalz abgeschlossen sein soll. Ein Satz seitens eines Vorgesetzten aus meiner Zeit an einer Unteroffiziersschule der NVA blieb mir wortwörtlich im Gedächtnis: „Wir müssen in der Lage sein, den Gegner auf seinem eigenen Territorium zu vernichten.“ So viel zum Thema der offi-ziell bekundeten konsequenten Friedenspolitik der seinerzeitigen Partei- und Staatsführung.
Ich glaube, ein aufrichtiges Opfergedenken ist insbesondere in Deutschland unmöglich. Dazu müsste man sich generell einer schonungslosen wie umfassenden Schuldfrage stellen, und – man müsste Opfer insgesamt angemessen würdigen. Dazu wäre der Mut erforderlich, sich dem Ungeheuerlichen, den Abgründen menschlich (un)möglichen Handelns sehenden Auges zu stellen, ohne zu blinzeln oder eines der Augen zu schließen. Soldaten müssen es zwagsläufig. Sie mussten es von Anbeginn an, seit es Armeen gibt. Auch sie sind in gewisser Weise Opfer, weil sich alternative Möglichkeiten erschöpft hatten. 1981 wäre ich als Panzerkommandant der Reserve mit in Polen einmarschiert. Ich bin in gewisser Weise der damaligen sow-jetischen Staatsführung dankbar, dass sie sich letztlich anders entschied. Sich außerhalb an den Rand zu stellen, lediglich zu kommentieren und zu werten, ist einfach nur schlechter Stil.
Und bitte, jetzt keinen meiner Sätze aus dem Zusammenhang reißen und erwarten, dass ich darauf eingehe. Ich bin es mittlerweile leid, immer und immer wieder Schopenhauers Spruch bestätigt zu finden: „In jedem Jahrhundert hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, dass sie paradox war. Aber es ist doch nicht ihre Schuld, denn die Flügelschläge der Zeit sind so langsam, dass das Individuum darüber hinstirbt.“
Wikipedia, Holocaust:
“Ab dem 10. November [1938] wurden erstmalig Tausende jüdische Bürger auf einmal in Konzentrationslagern interniert (Schätzungen nennen bis zu 36.000 Personen).”
ich gebe asti recht, ein entschlosseneres handeln u. notfalls eingreifen hätte wahrscheinlich millionen gerettet. wie kann man das übersehen? anderen beim abschlachten zusehen und sanktionenhaft dudu sagen halte ich für zynisch.
AlbertRinnstein:
Jetzt lass mal die Kirche im Dorf. Ich glaube kaum, dass die Internierung vor laufenden Kameras stattfand und man alle Welt dabei zuschauen ließ. Also nix mit “übersehen”.
Den schlimmsten Bärendienst, den man dem Thema erweisen kann, ist unangebrachte Übertreibung – sowohl in die eine als auch die andere Richtung.
Sach mal Jane:
Hast Du überhaupt eine Ahnung, was Du da schreibst?
Zitat:
„…hätte nach der Reichskristallnacht irgendjemand Deutschland angegriffen, wäre das ähnlich verwerflich gewesen wie der deutsche Angriff auf Polen.“
War der deutsche Angriff auf Polen also lediglich „verwerflich“? Vergleichst Du tatsächlich das Eingreifen, um ein Progrom zu verhindern, mit einem nationalistisch und hegemonistisch motivierten Angriff auf einen souveränen Staat?
„Deutschlands interne Entwicklung hatte unbestreitbar bedenkliche Dimensionen angenommen…“
Ist „bedenklich“ ein zureichendes Adjektiv, um die Zustände im nationalsozialistischen Deutschland zu charakterisieren?
Gibt es einen Grund bei der planmäßigen Ermordung von Menschen zwischen „ 5 Millionen Juden und über 1 Million weiterer Menschen“ zu unterscheiden?
„Ein Angriff verbot sich daher genau so lange, wie Deutschland niemanden angegriffen hatte…“
Soll das bedeuten, dass, wenn Deutschland gar niemanden angegriffen hätte, ein Eingreifen obsolet gewesen wäre?
„Zumal die meisten europäischen Länder zu dieser Zeit in Sachen Antisemitismus und anderer fragwürdiger Weltanschauungen, inklusive Kolonialismus und selbstüberhöhendem Menschenbild in ähnlicher Weise geschlagen waren, wie Deutschland.“
Ist das nur bisschen revisionistisch / relativistisch?
“unangebrachte Übertreibung”
Kann ich glauben, was ich da lese?
Kann es sein, dass in dieser Argumentation der Grund für den historischen Fakt verborgen liegt, dass das Volk und die Glaubensgemeinschaft der Juden historisch nicht nur die extreme Rechte zu fürchten hatten?
@ asti: „(…) moralische Zwickmühle (….): Eingreifen, wenn Völkermord vermutet wird oder wegsehen. Hätten damals, nach der Reichskristallnacht, ausländische, eventuell militärische Interventionen das Leben von 6 Millionen Juden gerettet und wäre eine solche Aktion im Nachhinein als barbarischer Angriffskrieg eingestuft worden… immerhin würde danach die Rechtfertigung fehlen, es hätte ja die Millionen Opfer nicht gegeben..
Da begeben wir uns doch aber zu völlig theoretischen Themen. Hier ging es um einen – na, sagen wir mal vornehm – diskussionswürdigen Artikel. Bei dem in der Diskussion noch das Thema Kosovo aufgeworfen wurde. Wenn wir nun noch mit dem Holocaust anfangen, ufert das völlig aus.
Aber wenigstens so viel: „Eingreifen, wenn Völkermord vermutet wird“ – solange er nur VERMUTET wird, darf man aber auf keinen Fall gleich militärisch eingreifen. Sicher sollte man diesen Vermutungen nachgehen, aber doch nicht mit einem militärischen Angriff! Ein wenig Skepsis, ob die Vermutung auch stimmt, sollte schon noch erlaubt sein. Man stelle sich vor, wie es wäre, wenn Kriminalisten und Gerichte so arbeiten würden: Verdächtigung? Dann nicht erst lange ermitteln, sondern gleich Rübe ab!
Und: „Hätten damals, nach der Reichskristallnacht, ausländische, eventuell militärische Interventionen das Leben von 6 Millionen Juden gerettet“ – na, dann würde es für die Nachwelt ein logisches Problem geben. Denn dann hätte es die mehreren Millionen Tote ja nicht gegeben. In dem konkreten Fall war für die damals lebenden Menschen das Ausmaß der Folgen (Reichkristallnacht = Massenmord an Millionen Juden) zum Zeitpunkt der Reichkristallnacht auch gar nicht absehbar. Zumindest nicht in dieser Dimension.
Der Massenmord an Juden ist einfach kein brauchbarer Vergleich, denn selbst wenn man die pessimistischsten (nicht belegbaren) Zahlen aus dem Kosovo nimmt und tatsächlich von – meinetwegen – zehntausend Toten ausgeht (und davon ausgeht, dass das auch alles Zivilisten waren): Damals lebten etwa 1,6 Mill Kosovo-Albaner dort. Diese Zahlen lassen sich mit der Situation in Deutschland und den dort lebenden und getöteten Juden einfach nicht vergleichen. Ich möchte wirklich vorschlagen, den Holocaust hier außen vor zu lassen.
Korrektur: Im dritten Absatz sollte stehen: “Denn dann hätte es die mehreren Millionen Tote ja nicht gegeben und man hätte Schwierigkeiten, den eigenen Angriff nachher zu begründen. Denn der Angriffsgrund wurde durch den Angriff immerhin gleich mit beseitigt. Solange es vorher nicht definitiv beweisbar ist, dass man mit einer militärischen Intervention Menschen rettet, ist das keine Methode. Sonst könnte ja jeder jeden angreifen und nachher behaupten, man hätte damit Millionen Menschen gerettet, was man natürlich nicht beweisen könne, da diese nun glücklicherweise noch leben.”
Über was redet ihr hier eigentlich? Wer mehr mehr Tote aus noch mehr Quellen erörtern kann?
Ging es nicht eigentlich um die Wahrnehmung des Autors, die in einer emotionalen Explosion mittels dieses Artikels mündete? Kann man versuchen das nachzuvollziehen – vielleicht kommt man bei aller Färbung doch noch zu den ein oder anderen Punkten, die in der Kritik fruchtbar gemacht werden können.
Roland:
Keine Sorge, Roland, ich weiß schon, was ich schreibe. Ich lasse mich nur nicht von meinen Emotionen von meiner sachlichen Linie abbringen
“War der deutsche Angriff auf Polen also lediglich „verwerflich“?”
Wenn das jetzt auf solche Art Diskussion hinauslaufen soll, sorry, nicht mit mir. Verwerflich ist und bleibt ein durch und durch negativ konnotiertes Wort und erfüllt hier absolut seinen meinenden Zweck, und ich werde mich hier nicht auf Wortklaubereien einlassen.
Und bitte: Hier geht es überhaupt nicht darum, ob jemand des Pogrom hätte verhindern können (niemand schrieb hier darüber), sondern darum, ob man NACH der Kristallnacht Deutschland hätte angreifen dürfen. Ich sage: Nein, hätte man nicht, denn die Kristallnacht war kein aggressiver Akt gegen einen anderen Staat, der einen Verteidigungsfall gerechtfertigt hätte, sondern ein Pogrom gegen eine staatliche Minderheit. Das macht es nicht weniger schlimm, aber es hätte ganz sicher keinen Angriffskrieg gegen Deutschland gerechtfertigt. Wenn dem so wäre, müssten wir uns jedes Mal, wenn in irgendeinem Land dieser Welt Pogrome gegen eine Minderheit verübt werden, fragen, warum wir dieses Land nicht sofort angreifen.
Nationen müssen ihre inneren Probleme zunächst einmal selbst in den Griff kriegen, bevor die Internationale Gemeinschaft sich überhaupt im Sinne eines Völkerrechtsmandats einmischen darf.
Mag sein, dass deine Sichtweise Berechtigung hat, teilen kann ich sie nicht. Die Europäer und Amerikaner sind in ein fremdes Land eingefallen und führen dort einen Angriffskrieg. Es gibt keine Beweise, dass die Terroranschläge am 11.9. von Afganistan aus geplant und geleitet worden sind und es ist offensichtlich, dass der jetzige Krieg keine Lösung schafft, um Terror in Zukunft zu verhindern. Im Gegenteil, wir züchten uns unsere Feinde gerade selbst.
Die Doppelmoral mit der einerseits die Demokratie verteidigt wird und andererseits die Menschenrechte der Bevölkerung mit den Füßen getreten wird finde ich persöhnlich zum kotzen.
Lieber Konrad,
vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Beteiligung an der Diskussion. Einige Fragen wirft Dein Kommentar jedoch auf. Wen greifen denn die Amerikaner an, in ihrem Angriffskrieg? Ist dieser Satz nicht ein wenig vage? Wo stammt er denn her, was sind seine Quellen? Wer verifiziert, bzw. falsifiziert ihn? Ist er überhaupt als “wahr” oder “falsch” zu be- oder entkräften? Waren die Terroranschläge auf das Worldtrade-Center in den Vereinigten Staaten Deiner Meinung nach der einzige Interventionsgrund? Gab es nicht vielmehr eine Menge mehr Gründe, in Afghanistan zu intervenieren? Mindestens ebensoviele wie es Gründe gab, es nicht zu tun? Züchten wir uns nur auf diese Art Feinde? Tun wir das nicht auch, wenn wir gar nichts unternehmen? Werden denn in Afghanistan (und in anderen Krisengebieten) die Menschrechte lediglich mit den Füßen getreten? Glaubst Du, dass es weltweit keinen Menschen gibt, der durch diese Handlungsweise seine Menschenrechte erstmals gewährleistet sieht? Darf man es sich tatsächlich so leicht machen? Ist “Wahrheit” so einfach? Woher nimmst Du die Berechtigung, in einem Kommentar jene, die anderer Meinung sind, jene, die sich engagieren (ob falsch oder richtig wird die Geschichte zu klären haben, nebenbeibemerkt bin ich kein großer Freund dieser absoluten Kategorien), eine humane Einstellung abzusprechen? Wie viele tausende Male, glaubst Du, sind Sätze wie der vom “Angriffskrieg”, vom “geostrategischen Interesse”, von der “neuen Weltordnung” ausgesprochen und aufgeschrieben worden? Werden sie allein durch ihre Quantität “wahrhaftiger” oder müssen sie sich durch differenzierte Analyse qualifizieren? Brauchen wir diese einfachen Antworten um die komplexe und schwierige Aufgabe zunächst einmals adäquater Fragestellungen zu umgehen? Ist nicht die einseitige Parteinahme für die “Guten” Pazifisten auch zu allererst eine einseitige Parteinahme? Kann ein differenzierte Pazifismus automatisch zum Bellizismus erklärt werden? Reichen Affekte allein, um ein kompliziertes Phänomen überhaupt zu erfassen? Ist es nicht vielmehr so, dass – wie Bundestagspräsident Norbert Lammert kürzlich auf einem Vortrag betonte – wir sowohl diese Einsätze als auch eine kritische Bewertung und kontroverse Diskussion dazu brauchen? Ist Demokratie nicht ein permanenter Diskussioszustand, ein “Soll” mehr als ein “Haben”? Last but not least: “Zum Kotzen” finde ich auch so einiges, aber wem hilft das? Was ist damit gesagt, außer, dass sich ein Weltbild hier aus Affekten speist?
Tobi:
“Wen greifen denn die Amerikaner an, in ihrem Angriffskrieg?”
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Zum Beispiel die 93 Zivilisten, die 2001 bei einem der initialen Bombenangriffe der US-Streitkräfte auf Dörfer rings um Kandahar ums Leben kamen? Die zeitgenössische Berichterstattung sprach von mehreren Tausend zivilen Opfern alliierter Bombenangriffe allein in den ersten Monaten des Krieges.
http://zmag.de/artikel/Ein-Dossier-der-Zivilen-Opfer-der-US-Luftangriffe-in-Afghanistan-Eine-Vollstaendige-Studie
Oder die geschätzten Zigtausenden Zivilisten, die in den letzten 9 Jahren in Afghanistan durch Angriffe der westlichen Alliierten starben, was ist mit denen?
Darf ein Land tatsächlich einfach so aufgrund von vagen Vermutungen und eigenen Sicherheits- und Machtinteressen ein anderes souveränes Land angreifen, unter bewusster Inkaufnahme von zivilen Kollateralschäden?
Jane, ich finde das ziemlich billig von Dir, hier mit irgendwelchen konkreten Fakten oder gar Opferzahlen zu kommen. Da könnte ja auch jemand die von den Amerikanern dort abgeworfenen Streubomben* erwähnen, von denen immer wieder neugierige Kinder getötet oder schwer verwundet werden. Aber das sind doch alles keine Argumente! Denn wie Tobi schon richtig schreibt:
„Wen greifen denn die Amerikaner an, in ihrem Angriffskrieg? Ist dieser Satz nicht ein wenig vage? Wo stammt er denn her, was sind seine Quellen? Wer verifiziert, bzw. falsifiziert ihn? Ist er überhaupt als “wahr” oder “falsch” zu be- oder entkräften?“
Was wir hier so schreiben, bleibt alles viel zu vage. Sind die konkreten Opfer – philosophisch betrachtet – überhaupt „wahr“? Was ist „Wahrheit“**? Sind die Amerikaner überhaupt jemals in Afghanistan gewesen? Eins ist doch klar: Tobi war selbst dort und kann also die Situation in Afghanistan viel besser beurteilen als wir alle. Wir waren nicht dort, sondern haben uns nur fix was zusammengegoogelt, was auch noch möglicherweise irgendwie ideologisch behaftet ist. So kann man doch keine Diskussion führen.
Ironie Ende
(* 2001-2002: Die USA verwendeten Streumuniiton in Afghanistan. Von den ca. 1250 abgeworfenen Streubomben fielen etwa 250.000 Submunitionen zu Boden)
http://www.streubomben.de/die-laender/betroffene-laender.html
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,175155,00.html
(**Im bekanntlich Krieg zuerst gestorben)
Erstaunlich, Frank. Tatsächlich stimme ich Dir zu in der These, dass man als “Gespenst” unter einem Pseudonym einzig auf der Grundlage von Sofa-Recherchen keine qualifizierte Diskussion führen kann. (Und das vielleicht auch gar nicht will)
Es ist überdies bemerkenswert, dass Ihr, das heißt sowohl Du “Jane” als auch Du “Frank” nur bis zur Beantwortung der ersten Frage vorgedrungen seit. Und auch das nur unzureichend. Bitte lest erst einmal die Frage richtig. Dass während des Konflikts in Afghanistan bedauernswerter Weise auch Zivilisten umgekommen sind, war nie strittig, ich erwähnte das schon im eigentlichen Artikel an mehr als einer Stelle, was sich, selektiv, leicht überlesen lässt. Die Frage jedoch lautete: “Wen greifen denn die Amerikaner an, in ihrem Angriffskrieg?” Eure anonyme Antwort dazu bestand aus Links zu Nachrichten getöteter Zivilisten. Bitte stellt Euch doch nicht immer als die einzigen Menschen mit humanen Regungen dar, das macht Euch unglaubwürdig. Als gäbe es nur bei “Jane” und “Frank” ein Bewusstsein für die furchtbaren Seiten eines Konflikts. Diese Strategie ist uralt. Selbst wenn man absurderweise unterstellt, dass diese von Euch angeführten “Angriffe der Amerikaner” auschließlich Zivilisten gegolten haben, ist der Auftrag der Soldaten vor Ort (amerikanischer oder anderer Nationalität) damit nicht einmal annäherungsweise erfasst. Eine Frage auf Eure Antwort wäre “Wer ist bei den Angriffen der Amerikaner in Afghanistan bisher um’s Leben gekommen”. Die Antwort ist jedem klar. Jeder weiß – oder kann zumindest wissen – dass dieser Konflikt viele, vielleicht zu viele, zivile Opfer gefordert hat. Wem wollt ihr was erzählen? Man muss einen Text, respektive eine Frage, erst einmal verstehen, bevor man ihn / sie kommentiert. Ihr seid, ich überschlage, in Eurer Argumentation auf einen verschwindend geringen Prozentsatz der Problemstellung eingegangen. Bemerkenswerter Weise nur auf die Punkte, die sich schnell und bequem vom Sofa aus via Internet konterkarieren, nicht widerlegen, lassen. Tatsächlich, Frank, das hat mit einer qualifizierten Diskussion nicht viel zu tun.
Etwas zum Nachdenken: Was haltet Ihr von dem Gedanken, dass Ihr nur deswegen so argumentiert, weil ihr anonym argumentieren könnt? Würden Eure Antworten auf einem öffentlichen Podium, wenn Ihr sie mit Eurer Person verbinden müsstet, ebenso dürftig ausfallen? Ich lade Euch herzlich ein, in diesem Blog einmal einen Artikel mit Eurer Sicht der Dinge zu veröffentlichen. Die einzige Bedingung ist, dass Ihr öffentlich, mit Euerm Namen, dazu steht. Was geschähe, wenn die Kommentarfunktion dahingehend eingeschränkt wäre, dass auschließlich Kommentare von verifizierbaren Personen zugelassen sind? Ist das nicht zu allererst eine Voraussetzung für eine seriöse Diskussion? Würdet Ihr dann Eure Meinung mit ebenso viel Nachdruck vertreten? Ich wäre ja geneigt, das einmal auszuprobieren, wenn dies nicht diametral zu unserem Anliegen, eine kritische (!) Öffentlichkeit (!) und eben nicht eine “kritische Anonymität” zu befördern, stände. Eine schönen Sonntagabend.
Tobias Strahl
@ den nicht anonymen Herrn Strahl
1. Vergiss mal diesen Unsinn mit dem „im Schutze der Anonymität“ schreiben. Ich heiße durchaus Frank, das sollte erst mal reichen. Hätten meine Kommentare eine andere Wertigkeit, wenn ich sie unter Marcus Hillmich, Wittenberger Str. 91, 01277 DD, PA-Nr. 12457825265 veröffentlicht hätte? Dann wüsstest Du auch nicht, ob das stimmt. Es ist nun mal eine bekannte Sache, dass man nicht überall im Netz zu viele private Daten hinterlassen sollte und insofern ist es völlig normal, dass man sich mit Leuten unter Phantasie- oder verkürzten Namen schreibt. Sicher gibt’s dabei Grenzen – mit „Schnuckelputz23“ würde ich auch keine Diskussionen über ernsthafte Dinge führen. Aber verkürzte Namen haben keinen Einfluss auf die Intelligenz und Logik der Inhalte (oder deren Gegenteile). Wenn bei Internet-Diskussionen nur noch (über das Bundesinnenministerium?) verifizierbare Real-Namen gestattet wären, gäbe es kaum noch Meinungsaustausch im Netz. Ich würde Dir, wenn wir uns live gegenübersitzen würden, übrigens genau dasselbe sagen, was ich hier geschrieben habe.
2. Nichts gegen Euren Blog, aber wenn ich meine Sicht der Dinge als Artikel in einem Blog veröffentlichen möchte, werde ich das sicher in meinem eigenen machen. Was hätte das für einen Sinn, erst einen eigenen zu betreiben, um dann woanders zu schreiben?
3. Du willst mit diesem Blog eine „kritische Öffentlichkeit“ fördern, verträgst aber selbst keine Kritik? Toller Ansatz!
4. Wir sind nur bis zur Beantwortung der ersten Frage vorgedrungen? Soso. Dann greife ich mal viel weiter zurück, zum Ursprungstext, in welchem Du die bösen Linken kritisiert hattest. Du meintest, Frau Buchholz sei praktisch gar nicht berechtigt, überhaupt etwas zu kritisieren, denn „wie lange war Frau Buchholz denn dort? Die üblichen neun Tage, die ein Journalisten- oder Politikerbesuch dauern darf?“ Ich fragte darauf (das war die erste Frage von mir): „Ist man erst ab 14 Tagen Aufenthalt zum Protest berechtigt?“ Wenn Du beanstandest, dass hier jemand Fragen nicht beantwortet, dann möchte ich Dich daran erinnern, dass Du diese und andere Fragen komplett ignoriert hast. Aber indirekt hast Du sie nun doch noch beantwortet: „Tatsächlich stimme ich Dir zu in der These, dass man (…) auf der Grundlage von Sofa-Recherchen keine qualifizierte Diskussion führen kann.“ Auf Deutsch: Alle, die noch nie in Afghanistan waren, haben auch nichts dazu zu sagen und sollen gefälligst die Klappe halten!
Das deckt sich exakt mit der Meinung eines anderen Ex-Offiziers, Marc Lindemann, der in seinem aktuellen Bestseller „Unter Beschuss – Warum Deutschland in Afghanistan scheitert“ ebenfalls ganz klar sagt, dass er allen, die noch nicht in A. waren, das Recht abspricht, überhaupt über das Thema zu diskutieren. Ich habe das Buch gerade erst ausgelesen (größtenteils auf dem Sofa). Lindemann geht sogar noch weiter als Du (aber die Denkweise erscheint mir ähnlich), indem er sagt, auch die Regierungen, die UNO und solche komischen Einrichtungen – die sollen sich mal besser da raushalten und die NATO selbst entscheiden lassen. Nur Militärs können die Situation dort unten beurteilen (und von denen am besten Herr Lindemann selbst). Die Regierungen sollen allerdings ihren Armeen bessere Waffen, mehr Geld und die Erlaubnis geben, auch mal ordentlich rein ballern zu dürfen – Schluss mit dieser Weicheiertaktik, immer nur Mädchenschulen beschützen zu müssen … Das schreibt er. Wenn auch mit subtileren Worten.
5. Aber meinetwegen: Die Frage „Wen greifen denn die Amerikaner an, in ihrem Angriffskrieg?” war angeblich unbeantwortet. Zu Beginn spielte Bin Laden dabei eine Rolle. Ein einzelner Mann. Da heute leider kein Flugzeug von Klotzsche nach Afghanistan fliegt und ich selbst nicht mehr zum Zählen komme, mache ich etwas ganz verwerfliches: Eine Suchmaschine meiner Wahl mit „tote zivil afghanisten“ füttern. Ergebnis, erster Treffer: Über 3.500 zivile Opfer im Afghanistan-Krieg. Manche meinten aber, es könnten auch 5.000 sein. Ach so: Diese Meldung war von 2001. Angesichts der Behauptung, dass man nur konkret Bin Laden fangen wolle, ist das doch eine etwas schlechte Trefferquote. Da hätte man statt der US-Army besser unsere Biathleten entsenden sollen. Die treffen besser. Aber naja – in Afghanistan liegt wenig Schnee, deshalb also doch die Army. Tja, gegen wen führt man dort Krieg? Natürlich haben die militärischen Handlungen nicht Zivilisten gegolten (das hat auch keiner behauptet). Aber bei den vielen zivilen Kollateralschäden ist es allmählich egal, um was es wirklich geht. Das afghanische Volk ist das Opfer. Schön wäre, wenn die USA wenigstens endlich einmal erklären würden, warum sie (und wir) dort sind? Denn das ist ja das Problem: Niemand versteht es. Keiner kann es erklären. Geht es gegen Bin Laden? Schwachsinn. Gegen die Taliban? Die haben vorher auch keinen gestört. Lindemann schreibt übrigens versehentlich, wie sinnlos die ganze Aktion in der Hinsicht ist: Die Briten wollen sich allmählich aus Afghanistan zurück ziehen. Deshalb räumen sie die ersten Städte. Sobald sie eine verlassen, sind die Taliban drin. Das schreibt Lindemann, und der muss es ja wissen, denn er war vor Ort (länger als 9 Tage). Geht’s um Öl? Wie man es auch im Irak vermutet? Die Gesamtkosten für die Kriege im Irak und in Afghanistan betragen bis heute schätzungsweise 3 Billionen US-Dollar – ökonomisch lässt sich nicht nachvollziehen, wie sich diese Kriege wegen Öl dann jemals rentieren könnten. Für das kaspische Öl mag die Pipeline durch Afghanistan eine Rolle spielen, aber wichtiger ist eigentlich die (viel länger geplante) Mittelmeer-Pipeline südlich vom Kaukasus. Und ölproduzierende Länder wollen das Zeug ja auch nicht behalten, sondern verkaufen, also erhält ein Großabnehmer wie die USA es so oder so. Auch ohne Krieg. Was soll dieser Krieg also? Um humanitäre Dinge durchzudrücken? Ausgerechnet mit Militär? Und warum sind wir dann nicht in Afrika, wo es unter dem Aspekt mindestens in einem Drittel aller Länder genauso notwendig wäre? Warum Afghanistan? Ist das Ganze ein Ablenkungsmanöver, um die Militärstützpunkte in Usbekistan und Kirgisien weiter unauffällig erklären zu können, die sich eigentlich gegen Russland, den Iran und China richten? Oder geht es doch um kaspisches Öl und amerikanische Pipelines und darum, dass nicht zu viel Öl über die bereits vorhandene russische Pipeline nach Europa fließt? Richtet sich dieser Krieg gegen uns? Dann sollten wir ihn selbstverständlich unterstützen.
Wenn Du doch so viel schlauer bist, als wir Sofa-Googler, dann erkläre uns geistig Armen doch bitte endlich einmal, warum wir in Afghanistan sind. Mit einfachen Worten, so in drei, vier Sätzen vielleicht. Und versuche, das Wort „Taliban“ zu vermeiden, wenn du Dich nicht lächerlich machen willst.
Lieber Frank,
Ich glaube ja, dass es Dich wurmt, dass das Thema aus der guten Stube nicht erschöpfend zu bearbeiten ist. Allein, da kann ich Dir nicht helfen. Deinen ersten “Beitrag” endest Du mit dem Satz “Weiter als bis zu dem Absatz habe ich deinen Text nicht gelesen.” Vielleicht wäre das ein Anfang?
Zu Deinen Fragen: Nein, ich glaube nicht, dass man erst länger als 14 Tage in Afghanistan gewesen sein muss, um sich profunde zu dem Thema zu äußern. Die eigenen Beiträge sollten kritisch sein, man sollte erkennen können, dass der/die sich Äußernde den Gegenstand der Kritik aus mehr als aus nur einer Perspektive betrachtet. Kritik sollte – auch das schrieb ich bereits – immer einen neuen Aspekt beinhalten.
Im Bezug auf Deine Beiträge gestaltet sich diese Forderung problematisch. Du wiederholst von der ersten bis zur letzten Wortmeldung sermonartig zwei Themen: “Opferzahlen” und “Pipeline”. Immer und immer wieder. Erschöpft sich darin Dein Beitrag zur Diskussion? “Jane” beschränkt sich ausschließlich auf die Opferzahlen. Gut, wenn es das war: Die Botschaft hört ich wohl. Eine neue Information allerdings war es nicht. Wie gesagt, sie ist im originären Text – den Du einräumst nicht gelesen zu haben – mehrmals aufgegriffen. Auch diejenigen, die diese Diskussion verfolgen, haben wahrgenommen, um was es Euch geht.
Mein Anliegen bestand darin, wie ich es schon mehrmals einforderte, einen Gegenstand von mehr als einer Perspektive zu betrachten. Erst hier offenbart sich, ob jemand ein Thema reflektiert oder sich selbst in einem Thema reflektiert. Dazu muss er oder sie keinesfalls “länger als 14 Tage” in Afghanistan gewesen sein.
Ich würde mir nie anmaßen, Deine Frage: “Warum sind WIR in Afghanistan” zu beantworten. Ich wüsste gar nicht, wer mit WIR gemeint ist. (Wir als Deutsche? Wir, die Bundeswehr? Wir als internationale Gemeinschaft?) Du und ich sind im Moment jedenfalls nicht WIR. Ich würde diese Frage nicht mit gutem Gewissen und nicht seriös beantworten können. Nicht in “drei, vier” und nicht in hundert Sätzen. Die Frage an sich ist nicht eben besonders seriös. Ich will Dir weiter unten aber gern die Frage beantworten, warum ICH in Afghanistan bin, wenn ich dort bin. Die Frage allein ist bezeichnend für den, der sie stellt. Dein Verlangen, nach einer Antwort in drei vier Sätzen ist bezeichnend für eine offenbar konventionsfähige Sicht auf das Problem. Schnelle, einfache Antworten, möglichst enzyklopädisch. Nicht weiter als bis zu einem bestimmten Absatz zu lesen. Die Frage an sich ist das Problem. Noch einmal: So einfach ist es nicht, auch wenn es bedauerlich ist.
Ich habe – ebenfalls weiter oben – eingeräumt, dass ich nach mittlerweile elf Jahren wiederholten Besuchen im Kosovo, einem Aufenthalt in Afghanistan, endlosen Diskussionen und jeder Menge Literatur “nur wenig schlauer bin als zuvor”. Ich schäme mich nicht, das einzuräumen. Letztlich zeigt es eines: Jeder Blick auf eine dieser Regionen ist jeweils ein neuer. Mit Antworten in “drei, vier Sätzen” offenbaren wir, meine ich, jene westliche Arroganz oder Naivität, die wir scheinbar zu vermeiden suchen.
Ich war und bin in Kosovo und Afghanistan, weil ich für mich als kleinsten gemeinsamen Nenner meiner keinesfalls homogenen Ansichten erkannt zu haben meine, dass die Mehrzahl der Menschen in diesen Regionen uns bitter nötig hat. Weil ich weiß, dass die Mehrzahl der Menschen unglaublich dankbar ist für unsere Anwesenheit. Ich bin darüber hinaus der Ansicht, dass unsere Bemühungen noch wesentlich zu kurz reichen. Ich persöbnlich würde gern mehr tun. Ich meine, dass wir uns etwa im Kosovo, was das z i v i l g e s e l l s c h a f t l i c h e Engagement anbelangt, gerade jetzt wesentlich mehr “ins Zeug” legen müssten. Aber das ist schwer, das ist immens anstrengend. Mein “ziviles” Engagement konzentriert sich, unter anderem wegen der Sicherheitslage, im Moment stark auf diese Region. Im April bin ich wieder dort. Es fällt mir indes auf, dass die Skeptiker, die diesen Einsatz 1999 mit Fluch und Hohn zugeschüttet haben, verstummt sind, ihr Interesse hat sich dem nächsten dankbaren Spiegelbild zugewandt. Es sind maßgeblich aktiv im Kosovo die, die es von Anfang an waren. Ich bin dort, weil ich glaube, dass man die Qualität einer Sache nur beeinflussen kann, wenn man sie engagiert begleitet. Ich meine erkannt zu haben, dass das Problem nicht primär diejenigen sind, die – in welchem Zusammenhang und in welcher Stoßrichtung auch immer – handeln (und sich damit der Kritik aussetzen, wiewohl sie kritikfähig werden), die ein Bewusstsein über die Komplexität einer Sache präsent halten – hier siedelt auch meine Kritik an Marc Lindemann, der über die Froschperspektive, wie so viele vor ihm, auch nicht hinauskommt – problematisch sind meiner Ansicht nach die diejenigen, die Antworten in “drei, vier Sätzen” verlangen. Diejenigen, die sich buchhalterisch hinter eben diesen “drei, vier Sätzen” verschanzen und diese – egal wie die Frage war – mantraartig wiederholen.
Als Initiator und Moderator dieser Diskussion möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf Beiträge dringen, die sich inhaltlich mit den (vielfältigen) Facetten des Themas auseinandersetzen. Ein paar neue Aspekte wären nicht ganz schlecht. Ich darf im Sinne zu erwartender Wortmeldungen unterstreichen, dass es nicht unbedingt mehr die “geldgierigen Soldaten” und die “Pipelines” sein sollten, in denen das Thema ausgeschöpft werden soll. Im Sinne einer abschließenden Bewertung der Diskussion würde ich es bedauern, wenn die kritische Auseinandersetzung mit dem Afghanistan-Konflikt auf eine Perspektive beschränkt bliebe. Weiterhin hoffe ich, dass das unselige Opferzahlen-Poker ein Ende nimmt. “Die Z a h l der Leidenden ist bedeutungslos”
@ Tobi: Schon lustig. Die ganze Zeit kommen von Dir Vorwürfe, unsere Kritik am Afghanistan-Einsatz sei unqualifiziert (egal mit wie vielen Argumenten und Fakten man kommt). Und nun wo ich Dir die einfache Frage stelle, worum es denn nun überhaupt beim Afghanistan-Einsatz geht, schreibst Du:
„Ich würde mir nie anmaßen, Deine Frage: “Warum sind WIR in Afghanistan” zu beantworten“
Auf Deutsch: Du kannst es nämlich auch nicht. Und das ist schon der Hammer! Kritik am Afghanistan-Einsatz als zynisch darstellen, aber selbst noch nicht einmal erklären können, warum er überhaupt nötig ist! Was soll dann dieser Unsinn hier? Wollen wir uns möglichst wortreich mit gar feingeistig gedrechselten Phrasierungen dem Ziel nähern, Afghanistan zu verstehen? Und uns mit sublimen Andeutungen gegenseitig erklären, weshalb der andere es jeweils falsch versteht? Dann hättest Du das im Ausgangstext so erklären können.
Dafür ist mir meine Zeit aber echt zu schade! Und tschüß!
Noch einmal deutlich Frank: Ich habe nie behauptet, was Du mir unterstellst. Bitte: Lies den Text erst einmal. Ich habe nicht die “Kritik” am Afghanistan-Einsatz als zynisch dagestellt, sondern vielmehr eine zynische, aktionistische Geste als solche kritisiert, weil sie eine kritische Auseinandersetzung blockiert. Es ist mir nicht egal, “mit welchen Argumenten man kommt”. Du kommst nur immer mit den selben, und das in insgesamt 12 (!) wortreichen Beiträgen, deren Informationsgehalt sich in zwei Propositionen erschöpft. Dazu gibt es einmal ironische, einmal zynische, einmal schlichtweg persönliche Schläge unter die Gürtellinie. Ich wünsche mir Kritik. Was Du produzierst, ist jedoch schlicht und ergreifend Biertischpolitik in Reinform, durchsetzt mit den wildesten Verschwörungstheorien. Und insofern scheint es für Dich eben alles andere als egal zu sein, ob diese Stammtischparolen anonym erfolgen. Andernfalls hätte auch dein eigener Blog ein Impressum, was seinen Namen verdiente.
Zum letzten Mal: Äußerungen bitte zur Sache. Polemische Kommentare, Pseudo-Erkenntnisse, die um ihrer selbst willen tausendfach reproduziert werden, werde ich in Zukunft im Interesse der Diskussion zurückweisen. Ja, ich weiß, Frank. Ich kenne Dein nächstes Argument schon. Aber auch hier liegst Du falsch. Es geht nicht um das Unterbinden von Kritik. Andernfalls gäbe es kaum die Möglichkeit den Artikel generell zu kommentieren. Ich behalte es mir als Eigner meines “Sofas” jedoch vor, lediglich konstruktive Kritiker, die es ernst meinen, mit dem was sie sagen, neben mir Platz nehmen zu lassen. Solche, die auch einmal etwas Neues erzählen und nicht aus der Deckung heraus diesen ganzen – Entschuldige, ich kann auch flach – verschwörungstheoretischen Senf, diese abgedroschenen Phrasen, wie sie an jeder Imbissbude, bei jedem Skatabend, vor jedem Breitwandfernseher seit Jahren wiedergekäut werden, erzählen. Solche Binsenweisheiten, allzu einfache Lösungen, höre ich mir seit elf Jahren an. Da bist Du nur einer unter Vielen. Und ich muss sagen: Ich kann es nicht mehr hören. Das Ende des Bartes ist im Keller zu besichtigen. Es ist keine Leistung, einen Spiegel, eine FAZ, ein Internetforum zu abbonieren und diese halb zu lesen. Kritik, wie ich sie verstehe, zeichnet sich durch Ideen aus, da möchte ich mich einmal auf “Frau Jupiter” berufen (s.o.), die sich hier leider nur einmal zu einer Äußerung hat hinreißen lassen. Kritiker wünsche ich mir überdies, die auch zu dem stehen können, was sie so vom Stapel lassen.
Um dieser Diskussion einmal wieder eine anlassbezogene Richtung zu geben – ich erinnere daran, dass es um die Aktion der Linken im Bundestag am 26 Februar ging – vertrete ich die These, dass die Linke es mit ihrer Aktion einer politischen Öffentlichkeit unmöglich gemacht hat, der zivilen Opfer des Bombardements der Tanklastzüge vom vergangen September zu gedenken, ohne automatisch die Aktion der Linken zu zitieren. Dies verstehe ich als Okkupation des Gedenkens, ein Vorgehen, was zahlreiche politische Analogien kennt.
Es hätte zum Vorgehen der Linken meines Erachtens Alternativen gegeben. Eine solche etwa hätte darin bestanden, ein gemeinsames Gedenken im Bundestag zu beantragen, dieses wäre jedoch bei weitem nicht so repräsentativ gewesen, vor allem nicht originär auf die Linke beschränkt geblieben. Überdies hätte es kaum als seriöse Aktion erfolgen können, bevor nicht alle Umstände des Bombardements aufgeklärt sind. Für die populitische Geste jedoch genügt es, dass man sich auf die Opfer stürzt. Die Botschaft kommt an. Man dürfte sich bei der Fraktionssitzung ins Fäustchen gelacht haben, angesichts der Deutschland weit reproduzierten Bilder der Aktion. Eine preiswertere Wahlwerbung ist kaum anders zu initiieren. Preiswerter wohlgemerkt für die Linke. Synergieeeffekte bei denen, deren Positionen die Linke vorgibt zu verteidigen, dürften diese teurer zu stehen kommen. Hier siedele ich meinen Zynismus-Vorwurf zu allererst an.
Betrachtet man die indes die Schilder der Linken im Bundestag, die sie, den Vorwurf der “plakativen Aktion” wörtlich erfüllend, vor sich hielten, fällt auf, dass einige der Schilder lediglich Namen, andere daneben auch Berufsbezeichnungen oder Altersangaben führen. Es ist dies eines der vielen kleinen Details, die belegen, dass eine tatsächliche Gewissheit über die Situation, die Beteiligten, die Folgen nicht existiert. Ein Beleg weiterhin dafür, dass die Verantwortlichen die populistische Gunst der Stunde erkannten und eine mit der heißen Nadel gestrickte Aktion in Anschlag brachten.
Die zweite Möglichkeit: Wenn die Linke eine kritische Öffentlichkeit mit ihrer Aktion erreichen wollte, wäre es naheliegend gewesen, dies öffentlich und außerhalb des Parlaments zu demonstrieren. Jedoch hätte auch dieses Vorgehen kaum Aufmerksamkeit erregt. Nicht, weil die Mehrheit der Deutschen kein Bewusstsein für zivile Opfer hat, sondern, weil die Trauer für nicht militärisch Involvierte keiner besonderen Betonung bedarf. Sie sollte konventionsfähig sein und meiner Erkenntnis nach ist sie das auch. Ich kenne niemanden, dem es persönlich egal ist, wenn auch nur ein Mensch in Folge eines Konflikts um sein Leben gebracht wird. Es ist daher m.E. darin ebenfalls der Zynismus-Vorwurf gerechtfertigt, wenn man sich, wieder besseren Wissens, als das einzige Individuum mit einen Gewissen expositioniert.
Das Argument, die Linke hätte hier eine Geste vollzogen, die sonst niemand vollzogen hätte, nämlich der zivilen Opfer überhaupt zu denken, halte ich persönlich für naiv. Implizit ist darin der Vorwurf enthalten, dass allen anderen im Bundestag die zivilen Opfer egal sind. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht besonders seriös abgesehen davon entbehrt es jeder Grundlage. Klarheit zu haben, bevor man sich zu einer einzig auf Affekte gerichten Aktion hinreißen lässt, ist nicht gleichbedeutend mit Ignoranz, die die Linke hier implizit allen anderen vorwirft. Es bleibt dabei, ich halte die Aktion für zynisch und diskussionswürdig auch wenn mittlerweile mehr als zwei Wochen seither vergangen sind. Meines Erachtens liegt hier ein gutes Exempel (mangelnder) politischer Kultur vor, was immer diskussionswürdig ist.
Tobi:
Wenn du aufmerksam gelesen hättest, hättest du eigentlich merken müssen, das zumindest Frank durchaus auch Bezug auf die nachfolgenden Fragen genommen hatte. Aber mir ging’s in der Tat hauptsächlich um diese eine Frage. Ich glaube auch, dass man die Aussage “Die Amerikaner greifen den Staat Afghanistan und damit auch alle seine Bewohner an” durchaus als Antwort auf die Frage “Wen greifen denn die Amerikaner an?” stehen lassen kann. Oder wen greifen die Amerikaner sonst an? Auch die Taliban gehören durchaus zu den Afghanen, wenn auch zu jener Sorte, die den Amerikanern nicht passt. Haben sie deshalb das Recht, ein ganzes Land anzugreifen? Wann wurde glaubhaft dargelegt, dass die Taliban für irgendeinen Terroranschlag auf amerikanische Einrichtungen vor dem Angriff der USA verantwortlich waren? Wann wurde glaubhaft belegt, dass in Afghanistan die Attentäter des 11.9. ausgebildet wurden?
“vertrete ich die These, dass die Linke es mit ihrer Aktion einer politischen Öffentlichkeit unmöglich gemacht hat, der zivilen Opfer des Bombardements der Tanklastzüge vom vergangen September zu gedenken, ohne automatisch die Aktion der Linken zu zitieren.”
Wieso das denn? Das ist doch nun wirklich ein tendenziöser Popanz, sorry für das Wort, aber genau das ist es für mich. Es ist eine Argumentation, die gleich 2 Fliegen mit einer Klappe schlägt: Die ungeliebten Linken als “unzumutbar” zu brandmarken und gleichzeitig Kritik am Umgang mit deutschen Kriegsverbrechen in Afghanistan im Keim ersticken. Was wäre denn so schlimm daran, diese Aktion zu “zitieren”? Ich kann an der Aktion als solcher nichts Schlimmes finden. Warum wurde dem Antrag der Linken auf ein offizielles Gedenken im Bundestag nicht VOR dieser Aktion stattgegeben? Da hätte noch niemand die Linken in irgendeiner Weise zitiert, lediglich eigenes Fehlverhalten offen eingestehen müssen.
Und wenn wir schon bei “Alternativen” sind – die hätte es auch zum Vorgehen von Herrn Lammert gegeben.
Und dass du angeblich fehlende Angaben zu den Opfern allen Ernstes als “Beleg” für eine nicht-existente Gewissheit hinsichtlich der Identität der Opfer anführst, kann ich offen gestanden kaum glauben. Denn schaut man sich die Bilder noch einmal an, wird man feststellen, dass es zu jedem Namen mindestens auch eine Altersangabe gibt, sowie die Anzahl der Kinder, falls das Opfer bereits welche hatte.
http://djane.momocat.de/2010-02-26-augen-zu-und-durch-kein-platz-fur-die-opfer/
Was ist das denn bitte für eine unredliche Argumentation?
Von deinem inflationären Gebrauch von Buzz-words wie “populistisch”, “zynisch” usw. mal ganz zu schweigen – das ist etwas, was ich für ausgesprochen einfallslos und unseriös halte, da es davon zeugt, dass man sich mit der Sache in der Tiefe möglichst gar nicht erst auseinandersetzen will, stattdessen schnell ein Urteil fällen und ab damit in die Schublade.
Und dann frage ich dich: Zeugt es denn tatsächlich von Achtung gegenüber den Opfern, dass man sie ignoriert und augenscheinlich ohne mit der Wimper zu zucken den alten Kurs, der für ihren Tod verantwortlich zeichnete, weiterführt? Ohne eine Geste des Bedauerns an die Adresse der Angehörigen?
Tatsache ist, dass das Verhalten der Mehrzahl der Bundestagsfraktionen genau so aussah, dass selbst die allen parlamentarischen Gepflogenheiten entsprechenden Forderungen der Linken nach einer Würdigung nicht entsprochen wurde. Muss ich wirklich naiv und ein Zyniker sein, um daraus abzuleiten, dass es den meisten Abgeordneten hier an Einsicht oder aber mindestens an Anstand fehlt (für den Fall, dass man als Mensch die Opfer zwar bedauert, dies aber der parteipolitischen Linie im Bundestag jederzeit unterzuordnen bereit ist)?
Jane und Frank,
wenn ihr nicht mehr weiter wißt und vielleicht auch den UrsprungsINHALT des Artilkels nicht mehr so ganz rekapitulieren könnt und das hier eine Diskussion ist wo immer nur der Letztschreibende den anderen beweisen will,daß…
hilft vielleicht euch nicht, aber anderen Lesenden eventuell der Leitspruch von Garfield;”…wenn du sich nicht überzeugen kannst- verwirre sie..”
Liebe Heia,
Ich bitte um Argumentation und Kritik zur Sache nicht an Personen.
Heia:
Ich glaube kaum, dass du mit Leitsprüchen von Garfield(!) in irgendeiner Weise sinnvoll zur Diskussion beiträgst oder überhaupt auch nur Interesse am Thema anklingen lässt. Schade, das Thema hätte das nämlich durchaus verdient.
Jane: Allein die Formulierung vom “Staat” Afghanistan ist in jeder ihrer möglichen Bezugspunkte (politisch, ökonomisch, historisch-wissenschaftlich) eine grandiose begriffliche Fehlleistung. Es gab 2001 keinen afghanischen “Staat”, den man hätte angreifen können. Abgesehen davon ist die metonymische In-Eins-Setzung des Angriffsziels – die Herrschaft der Taliban unter Mullah Omar, der sich während der Intervention der VSA im Konflikt mit der Afghanischen Nordallianz (Massoud, Dostum etc.) also bereits in einem Krieg befand – mit dem Begriff vom “Staat” absurd und nicht einmal unter enormen Zugeständnissen akzeptabel. Wenn man so mit Begriffen um sich schmeist, sollte man zunächst einmal etwas über ihre historische Genese und alsdann ihre diskursive Verwendung in Erfahrung bringen. Vergl.: Hobsbawm (1992) Anderson (1998), Gellner (1999).
Eine weitere Fehlleistung ist die Behauptung, dass die Taliban “durchaus zu den Afghanen” gehören. Der Großteil der sogenannten “Taliban” (Talib= (arab. Schüler) an=(arab. Dual), zwei Schüler) wurde und wird im Grenzgebiet zu Pakistan im traditionellen Siedlungsgebiet der Paschtunen, in P a k i s t a n, rekrutiert. Nicht nur den Amerikanern “passten” die Taliban nicht, sondern bei den meisten afghanischen Stämmen – abgesehen von den Paschtunen – “passten” sie auch nicht. Die Taliban wurden und werden von den Afghanen beinahe ausnahmslos als Fremdkörper betrachtet.
Die selbe unzulässige Verallgemeinerung wie auch schon im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt ist die offenbar konventionsfähige naive Beschränkung auf 9/11 als Kriegsgrund. Der Afghanistan Konflikt hat eine mehr als hundertjährige Geschichte in der ‘Moderne’. Seine Wurzeln liegen in der britischen Kolonialpolitik. Und bitte jetzt nicht die nächste historische Mogelpackung schnüren: “Hab ich’s ja gewusst, die Briten waren’s damals schon!” Das durchaus nationalistische Empire Großbritannien wie es im 19. und 20. Jahrhundert existierte können nur historische Küchenphilosophen mit dem modernen Staat in eins setzen. Der Intervention 2001 in Afghanistan – im übrigen unter einer UN-Resolution – ging eine ganze Menge an Ereignissen voraus. Unter anderem etwa die Anschläge auf US-Botschaften in Kenia und Tansania oder die Zerstörungen der Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal. Es ist heute unbestritten, dass im Grenzgebiet Pakistans Ausbildungslager auch der saudischen Al-Kaida, der Basis, von dem saudischen Prinzen Osama bin Laden lagen. Was dort wie und von wem vorbereitet wurde ist natürlich nicht minutiös zu beweisen. Es gibt keine Fotoalben, keine Handy-Videos und keine Augenzeugen aber jede Menge Indizien, deren Last erdrückend ist.
Jane, erzähl mir bitte nichts von einer “tiefen Auseinandersetzung” mit einer Sache. Deine Ausführungen zu dem Afghanistan-Konflikt sind so laienhaft und von Fehlern durchsetzt, sie stellen eine solch verkürzende Sicht auf die Problematik dar, dass es schwer fällt, diese in ihrer Drolligkeit ernst zu nehmen.
Was Deine Sicht auf die Aktion der Linken anbelangt, traue ich mir ein solches Urteil nicht zu. Es mag sein, dass Du hier recht hast, ich bin nicht einverstanden aber was soll’s. Zwischen der Linken in Berlin und Dir, die du diese verteidigst, besteht aber insofern eine nicht zu übersehende Analogie was fundiertes Wissen zu diesem Konflikt anbelangt. Eine kleine Anregung. Bei Interesse reiche ich auch die Bibliografie und meinetwegen eine kurze Inhaltsangabe zum Kosovo nach.
Ali, Tariq (2009), Chiari, Bernhard (2009), Ders.: (2010), Coll, Steve (2005), Grile, George (2008), Guistozzi, Antonio (2009), Hosseini, Khaled (2007), Ders.: (2009) Koelbl / Ihlau (2007), Kornelius, Stefan (2009), Rashid, Ahmed (2001), Ders.: (2009), Seidt, Hans-Ulrich (2002), Seierstadt, Asne (2004) etc.
Du solltest wirklich bei den Tatsachen bleiben, statt – in bester journalistischer Manier – durch verbales Blendertum zu glänzen. Afghanistan ist seit 1919 ein unabhängiger, souveräner Staat, der seit 1946 zudem Mitglied der Vereinten Nationen ist. Er hat grundsätzlich ein republikanisches System etabliert. Ihm diesen Status absprechen zu wollen, nur weil dieser Staat intern nicht stabil ist, weil er aufgrund seiner Multiethnizität sowie aufgrund ständiger äußerlicher Einmischung der letzten Jahrzehnte immer wieder mit Konflikten zu kämpfen hat, ist politologisch betrachtet unhaltbar.
Ich habe überdies nicht die geringste Lust, hier weiter meine Zeit zu vergeuden in einer Auseinandersetzung, die von deiner Seite aus mit der Einstellung geführt wird, dass du hinsichtlich der historischen, politischen und ethnischen Gemengelage in Afghanistan den ultimativen Grad der Erleuchtung erlangt hast, während du anderen aufgrund ihres gegensätzlichen Standpunktes in einer überheblichen Manier Unwissenheit attestierst, die jedewede sachliche Bearbeitung des Themas unmöglich macht.
Ich ziehe mich daher aus dieser Debatte zurück.
Übrigens: Die Paschtunen, denen die meisten der Taliban angehören, sind wesentliche Begründer des afghanischen Staates gewesen, Tobias, und sie sind auch heute noch eine bedeutsame ethnische Gruppe dort. Es ist mir unbegreiflich, was du mit einer solchen Argumentation erreichen möchtest. Das ist eben dort NICHT alles so einfach, wie du dir das vorstellst. Afghanen und Pakistaner haben in vielerlei Hinsicht eine ähnliche, sich überlappende Geschichte.
Liebe Jane,
Wilhelm Meister wurde schließlich Arzt.