Nur wenige Kilometer vom Polarkreis entfernt, abseits sämtlicher Straßen nur mit dem Boot erreichbar, gibt es im äußersten Nordwesten Islands eine Halbinsel namens Hornstrandir, deren karge Schönheit auch auf der größten Vulkaninsel der Welt seinesgleichen sucht. Bis Mitte der 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verhältnismäßig dicht besiedelt, ist seit dem Niedergang des industriellen Walfangs zu Beginn der 60er Jahre die Halbinsel – abgesehen von wenigen Leuchtturmwärterfamilien und ein paar Dutzend Sommerhäuschen – weitestgehend von Menschen verlassen. Ganz der Natur überlassen, ist Hornstrandir heute wieder eine Wildnis, wie es sie nur noch ganz selten in Europa gibt. Man kann dort durchaus mehrere Tage wandern, ohne auch nur einem Menschen zu begegnen. Ein Traum für jeden Reisenden, der die Einsamkeit in einer Natur sucht, die voller Leben steckt. Die Gefahr, auf mit Kameraobjektiven von der Länge eines Weltraumteleskopes und ebenso lauten und nervtötenden Stimmen ausgerüstete Traumschifftouristen zu treffen, geht gegen Null. Weiterlesen ‘Ein Sehnsuchtsort im wilden (Nord-)Westen Europas’ »
“Ich wollte eigentlich noch ein Haus abreissen, aber dafür war einfach keine Zeit mehr. Die Jungs und ich, wir hatten alle Hände voll zu tun.” Peter Macheli wirkt geschafft, als er spät abends mit seinen Kindern von der Bunten Republik Neustadt heimkehrt. Schlaff hängt die große Heckenschere in der Faust seines jüngsten Sprosses. Elena Jupiter zählt fassungslos die Gliedmaßen ihrer Kinder nach. “Sind noch alle dran”, versichert Peter mit einem Kuss auf ihre Nasenspitze, “der Mittlere hat das mit dem Beil schon ganz gut gemacht.”
Von Torsten Klaus. Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses, forderte einst Wiglaf Droste. Der britische Architekturkritiker Ian Nairn wollte unter der Einflugschneise des Flughafens Heathrow in die Grube fahren. Und Selbstmörder fanden im Vereinigten Königreich einst ihre zweifelhafte letzte Ruhestätte unter - Straßenkreuzungen. Wo das Kümmern so weit ins Jenseits reicht, stellt sich natürlich die Frage: Wohin soll ich einst Kopf und Korpus zur Verwesung betten? Oder soll ich besser gar nicht…? Als Autor hofft man zwar sowieso auf Unsterblichkeit. Aber wenn es wirklich soweit ist, dass der Schnitter mir die Hand auf die Schulter legt und meinen Namen mit Grabesstimme flüstert (so stelle ich mir diese Szene zumindest vor, filmreif und mit dem nötigen Pathos eben, ist ja immerhin mein Abgang), muss vorgesorgt sein. Also gedankenspielen wir vor uns hin. Weiterlesen ‘Last exit’ »
Von Lukas Strenot. Was ist auf ihn eingedroschen worden, was musste er sich anhören. Das alles ist zwar schon Jahre her, aber die damals coram publico gefallenen Worte hallen immer noch nach. Die Rede ist von Helmut Kohl, dem Altkanzler (die sprachliche Assoziation zu Alteisen stellte sich bei mir schon vorher mit Adenauer ein). Kohl, ein politisches Artefakt, hatte sich ins Abseits manövriert, als er in der CDU-Spendenaffäre die Herkunft eines Millionenbetrages ungeklärt ließ – und bis heute lässt. Doch nach Jahren, in denen das Schweigen der häufigste Umgang mit dem Renegaten war, ist nun selbst der Gedanke wieder hoffähig, Kohl den Friedensnobelpreis für seine Mitwirkung an deutscher und europäischer Einigung zukommen zu lassen. Diesmal bittet kein Geringerer als Uwe Tellkamp. Weiterlesen ‘Der Autor und die Geprügelten’ »
Helma OroSZ, insgeheim liebevoll Gerda Hirnschiet genannt, hatte ganze Arbeit geleistet, stellte Peter Macheli fest, während er über die Rathausflure schritt und den leicht bekleideten Models in den Büros durch die offenen Türen zuwinkte. Wo er auch hinkam, überall das gleiche aufregende Bild. In letzter Zeit hatte er es sich deswegen zum Hobby gemacht, Formulare auszufüllen und Anträge zu schreiben. Weiterlesen ‘Bürokratische Sympathie’ »
Von Lukas Strenot. Die Frage nach der Schönheit trägt immer öfter das Gewand der Manipulation. In der Kunst bestimmt zunehmend der Markt darüber, was schön, sprich: erfolgreich zu verkaufen und somit teuer ist; in der Mediengesellschaft braucht der Blick kaum umherzuschweifen, um allenthalben die Muster zu erkennen: geglättete Fotos, Retusche flächendeckend. Es ist gibt sie de facto nicht mehr, die unbearbeiteten Bilder. Die Welt gehört eben aufgehübscht, meinen die Werbefachleute und Blattmacher und Internetredakteure. Wenn’s nach ihnen ginge, müsste man sich eigentlich umterm Sofa verkriechen vor der Masse eines ständig aufs Neue gepushten Ideals, die aus den falschen Bildern kippt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist Schönheit natürlich ein Thema, wie ein Blick in die jüngste Sonderausstellung “Was ist schön?” im Dresdner Hygiene-Museum zeigt.
Dollfie, Gabriele Nagel, 2010, Video still. Quelle: Hygienemuseum, PR.
ich fahre beinahe täglich mit Euren schicken und oft auch schnellen Vekehrsmitteln durch unsere phantastische Heimatstadt Dresden. Morgen für Morgen bemerke ich dabei junge Menschen, vor allem Frauen, die Kaffee aus beim Bäcker erworbenen Pappbechern schlürfen, Croissants essen und nebenbei frisch und ausgeruht mit Kollegen, Schulkameraden oder ihrem Handy plappern. Junge Frauen simsen auch sehr gern. Bevor ich abschweife, möchte ich Ihnen einen Verbesserungsvorschlag unterbreiten: Weiterlesen ‘Neuerervorschlag’ »
Von Lukas Strenot. Da langt er hin, da teilt er aus: Der Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, Tilmann Köhler, hat Ödön von Horvaths “Italienische Nacht” auf die Bühne des Kleinen Hauses geholt. Die 80 Jahre seit der Uraufführung in Berlin schienen kaum zu existieren. Glaube? Allüberall. Liebe und Hoffnung? Nicht die Bohne, denn in den Figuren herrscht das Nichts. Und man darf davon ausgehen, dass Horváth genau das beabsichtigt hatte.
Erinnerungen haben ihre eigenen Regeln. Wir saßen an einem milden Spätsommerabend auf der Loggia unserer Wohnung beieinander: Meine Frau, meine Schwester von der Insel Rügen, ihr Lebensgefährte André und ich. Irgendwie kamen wir auf das Jahr 1968 und den so genannten „Dubček-Feldzug“ zu sprechen, jene militärische Intervention, die den Prager Frühling abrupt durch eine erneute politische Eiszeit in der Tschechoslowakischen Republik ersetzte. Meine Schwester erinnerte sich der Kuriositäten, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, nahe der tschechischen Grenze eingerichtet wurden. Möglich, dass die Erinnerung daran in mir nie mehr abgerufen worden wäre. Im Zusammenhang mit den Berichten von André, der seinerzeit als Slovake den Einmarsch sowjetischer Truppen in Bratislava erlebte, erfuhr mein Wissen über die damaligen Ereignisse eine späte und erschütternde Ergänzung.
Wie Macheli den “Müpel” an seinen Kumpel Thassilo verborgte. Was dann geschah.
Thassilo war wütend. Guido ging nicht mehr weg. Seitdem Thassilo letzte Woche bei einer Spielerei mit dem von Peter Macheli ausgeborgten Zukunftsfernseher die Begriffe „Geld*, Westerwelle* Macheli*“ und die Zahl 2022 in die Suchmaske eingegeben hatte, machte das blöde Dinge jetzt permanent die Westerwelle, auch wenn Thassilo gar nicht danach suchte. Guido beim Angeln in Kamtschatka, beim Sonnenbaden am Nil, beim Rodeln in Geißing – überall lauerte der furchtbare Kerl. Thassilo konnte sich nicht erklären, woran es lag. Übermorgen musste er Peter den “Müpel” zurückgeben. Wenn Guido dann immer noch in jeder Simulation auftauchte, dann würde sich Thassilo sein Mädchenbier in Zukunft selber kaufen müssen.