Big wahala: Donald Trump ist nicht der Anfang, sondern das Ende einer Entwicklung

Von Torsten Klaus. Der Staub hat sich etwas gelegt nach der Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten der USA. Mir ging es im Angesicht der Wahlnacht und ihrer Folgetage, auch aus der engen persönlichen Verbundenheit zum Land und dort lebenden Freunden, ähnlich wie vor kurzem meiner geschätzten Sehnsuchtsort-Autoren-Kollegin Anna-Maria Schielicke mit den aktuellen Dresdner und sächsischen Zuständen: Man meint, jeden Tag neu in die Tasten greifen zu müssen, um einen weiteren Text vorzulegen, weil schon wieder eine andere Befindlichkeitssau im Schweinsgalopp unterwegs ist – egal, ob „nur“ in Dresden oder global. Und schreibt dann doch nicht, hält inne, will die Dinge sacken lassen.

Beim Thema Trump und der Schlagzahl der News, die um seine Person aufstiegen wie Blasen im Whirlpool, war das in den vergangenen Wochen ähnlich. Er setzt nun seine Regierungsmannschaft zusammen und damit Akzente seiner politischen Agenda. Dieser Paradigmenwechsel hat auch die Zeit für eine Zustandsbeschreibung heranreifen lassen, die gleichfalls die Reparatur eines, zugegeben, immer noch angeknacksten Gemüts ist. Meins.

Was wird aus den USA? Diese Frage bewegt auch uns... Quelle: pixbay/Creative Commons
Was wird aus den USA? Diese Frage bewegt auch uns… Quelle: pixabay/Creative Commons

Louis Begley schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung einen Satz, der mir zu denken gab. Er sei nicht glücklich mit dem Sieg Donald Trumps, aber auch nicht unglücklich über die Niederlage Hillary Clintons. In diesem eigenartigen Chiasmus findet sich das Dilemma dieser Wahl und ihres Ausgangs gleichermaßen.

In der selben Ausgabe der NZZ fand sich auch ein wunderbar persönlicher Text von Birgit Schmid. Sie beschreibt die Wahl Trumps und stellt dem die Männer entgegen, die sie sich selbst als Partner im Leben erwählte. Es ist ein geglückter Rettungsversuch des Männlichen durch eine Frau, angesichts eines bekennenden Chauvinisten, der bald ins Weiße Haus einzieht. Der Text bildet mit dem Rückzug aufs Private aber auch eine Gefahr ab: die einer inneren Emigration, besonders von Intellektuellen, weil sie das Undenkbare, den Wahlsieg Trumps, nicht fähig waren zu denken – und nun unwillig oder resigniert, sich weiter damit auseinanderzusetzen.

Dabei wird gerade nun jeder Kopf gebraucht, jeder kluge erst recht. Denn eins hat Donald Trump im Wahlkampf klar gemacht und auch nach seinem Sieg immer wieder betont: Ihm geht’s um die USA, die Welt ist ihm dagegen völlig egal. Er will mit Protektionismus die heimische Wirtschaft ankurbeln. Das mag ihm sogar gelingen, zumindest eine Zeit lang. Doch selbst die Handelsmacht der USA, diese Prognose wage ich dann doch, dürfte nicht ausreichen, um das extrem dichte Geflecht globalisierter Geld- und Warenströme im Rest der Welt neu so zu verknüpfen, dass es noch sehr viel vorteilhafter zu Gunsten der USA ausfällt als jetzt schon. Trump will neue Handelsverträge ausarbeiten lassen, stärker pro amerikanische Interessen. Ich bin gespannt, wen er für solche diffizilen Verhandlungen mit Prokura ausstattet. Trumps eigene Verhandlungskünste dürften, eine weitere Prognose, dafür nicht annähernd ausreichen. Ein Feld, das diplomatisches Geschick verlangt, sollte er meiden. Dort kann Trump wegen seiner offenbaren Unfähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen (oder es lediglich zu wollen), nur verlieren. Er ist als Person eher ein politischer Poltergeist, etwas, das man im Pidgin English Nigerias als „big wahala“, großen Ärger, bezeichnet.

Wir wissen immer noch wenig, was den 45. Präsidenten im Detail umtreibt. Doch Trumps Regierungsmannschaft nimmt Konturen an, die wichtigen Posten werden mehr und mehr besetzt. Es ist, in Anlehnung eines Romantitels von Ernest J. Gaines, in allererster Linie eine Zusammenkunft alter Männer: Banker, Wirtschaftsbosse, Generäle. Mittlerweile sind unter anderen vier nicht unmaßgebliche Mitarbeiter der Investmentbank Goldman Sachs in Trumps Team: Steven Mnuchin (Finanzminister), Gary Cohn (Chef des nationalen Wirtschaftsrates), Anthony Scaramucci (Mitglied in Trumps Beraterstab) und Steve Bannon (Trumps Chefstratege). Das ist mit Blick auf den im Wahlkampf von Trump wiederholt geäußerten Vorwurf, seine Kontrahentin Hillary Clinton werde von Goldman Sachs „total kontrolliert“, eine unglaublich bigotte Vorgehensweise. Da aber Trump ganz offen nach der Maxime verfährt „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“, sind diese Ernennungen in seinem Universum völlig normal.

Weitere Namen auf dieser Liste: Scott Pruitt (harter Gegner von Klimaschutzpolitik, wird Chef der US-Umweltbehörde EPA), Senator Jeff Sessions (erzkonservativ und mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert, wird Justizminister) und Rex Tillerson (Chef von Exxon Mobil, wird Außenminister). Dazu kommen die Generäle James Mattis (Verteidigungsminister), John Kelly (Heimatschutzminister) und Michael Flynn (nationaler Sicherheitsberater). Es ist insbesondere diese Männerriege, die Amerika und die Welt umkrempeln soll, was aber wenig bis gar nichts mit erneuern zu tun hat. Die Zukunft, die Trump für die USA versprach, hat einen Ort: die Vergangenheit. Der „America first“-Gedanke, der dem Trumpschen Programm zugrunde liegt, kann wohl kaum anders gedeutet werden.

Dieser angekündigte Rollback, der in seiner nationalistischen Note anderswo schon im Gange ist, aber ruft nach einer Gegenbewegung, in den USA wie international. Trump setzt, und seine Wähler sind da wohl ganz bei ihm, auf eine unternehmerische Lösung in mehrerer Hinsicht. Der designierte Präsident sieht sich selbst als eine Art CEO im Weißen Haus. Und sein angekündigter Protektionismus soll amerikanische Unternehmer zu Investitionen verführen, weil die Absatzmärkte amerikanischer Produkte besser geschützt und vor Konkurrenz aus Ländern mit geringeren Produktions- und Lohnkosten bewahrt werden. Arbeitnehmer in den USA setzen, auch das eine Interpretation des Wahlausgangs, also auf Lösungen durch die politischen und wirtschaftlichen Chefetagen. Ihre Interessen selbst vereint durchzusetzen, möglicherweise mit Hilfe von Gewerkschaften, ist dagegen nur ein randständiges Modell – weil es als „links“ denunziert ist. Das eigene Zusammenstehen von unten wäre sozial. Die Hoffnung, dass eine reiche Elite die Interessen der sogenannten kleinen Leute wahrnimmt, ist dagegen völlig unrealistisch. Das Volk, die Wähler der USA haben sich jedoch mehrheitlich für eine „Revolution von oben“ entschieden, weil eine von ihnen selbst geführte nicht einmal gedanklich möglich scheint. Anstatt gegen das (angeblich verrottete) System zu rebellieren, wie es kurz mit der Occupy-Bewegung möglich schien, wird es in die Hände von Scharlatanen gelegt, die sich als Rebellen ausgeben.

Für viele ist die Wahl von Trump der Beginn einer Ära, was auch immer sie mit sich bringen mag. Nach intensivem Nachdenken, verbunden mit der Trotzköpfigkeit, die Hoffnung noch nicht fahren zu lassen, hier eine andere Lesart: Es ist das Ende, das letzte große finale Aufbegehren einer Führungselite sowie ihrer Denk- und Handelsweise. Sie will noch einmal mit aller Macht beweisen, dass ihr Weg der richtige ist. Sie sieht sich als Rettungsteam. Ich sehe sie als Meute eines letzten Gefechts. Ihre Waffen: Chauvinismus, Rassismus, Nationalismus. Sie macht ihre Erhöhung des Kontrafaktischen zur neuen Wahrheit. Die aber hat mit Wirklichkeit nur wenig zu tun. Von Donald Trump und seiner Mannschaft mag die USA wirtschaftlich kurzfristig profitieren. Die Welt als Ganzes hat von ihnen auf einem wesentlich wichtigeren Feld, der gesellschaftlichen Weiterentwicklung, dagegen nichts, aber auch gar nichts zu erwarten.

Deshalb noch einmal die Bitte, der Aufruf: Wir dürfen und werden die Köpfe nicht hängen lassen. Sondern weiter daran arbeiten, dass Donald Trumps Planspiele nicht der Maßstab sind für eine große Aufgabe: eine bessere Welt.

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