Brandstifter

Ein Kommentar von Wolfgang Strahl. Es gibt kaum eine Scheußlichkeit – gedacht oder getan – die, obwohl als Verbrechen geächtet, nicht aus dem Spektrum kollektiven Denkens oder Handelns zu tilgen und somit wiederholbar wäre. Die unterbewusste Rechtfertigung – damals wie heute – besteht wohl darin, dass eine Mehrheit so gedacht und gehandelt hat. Also ist es genau genommen Volkes Wille und somit im Grunde legitim.

Resiegenuss

 

Dieses Phänomen unterschwelligen Akzeptierens „notwendiger“ Maßnahmen zum eigenen Schutz erklärt vielleicht die Wiederholung einer geistigen Vergiftung auf deutschem Boden. Wieder ist das Fremde, „Andere“ Ziel einer mehr oder weniger massenhaften Diffamierung, angestiftet von primitivstem Propagandismus einiger selbst ernannter wahrer Vertreter bzw. Vertreterinnen des deutschen Volkes.

Geht man der Sache auf den Grund, tragen einige der als durch freie demokratische Wahlen legitimierten Volksvertreter, ob nun als Minister oder Bundestagsabgeordnete, zu der öffentlichen Meinungsbildung bei, indem der Begriff „Flüchtlingskrise“ zum normalen politischen Sprachgebrauch gehört. Eine Krise suggeriert automatisch, dass das gesellschaftliche System in seiner Funktionalität gefährdet ist. Das ist wohl auch einer der Funken – und das zusätzliche öffentliche Agieren eines bayrischen Ministerpräsidenten wird da bereits zur Flamme –, die sich mittels demagogischer Brandbeschleuniger zu einem Großbrand entfachen lassen.

Dem deutschen Volk ging es zur Zeit der Weltwirtschaftskrise zu großen Teilen nicht gut. Dass es großen Teilen Menschen anderer Nationen auch nicht besser ging, spielte und spielt im kollektiven Bewusstsein der Traditionsjammerer keine Rolle. Die Formel für gesellschaftliche und ökonomische Stabilität ist eine einfache: Es braucht einen Sündenbock, der als Gefährder sozialer Stabilität erkannt und zu denunzieren ist. Ein Josef Goebbels benannte seinerzeit die Juden als Verursacher von Unglück. Das abscheulichste Resultat derartiger geistiger Brandstiftung in der Weltgeschichte kennen wir. Manche unserer Zeitgenossen verdrängen oder leugnen es sogar: Etwa sechs Millionen ermordete Juden innerhalb eines Zeitraumes von viereinhalb Jahren.

Dass manche der damaligen Zeitgenossen später nichts davon gewusst haben wollen, entpuppt sich angesichts aktuellen Geschehens als schlichte Lüge. Die Menschen in Deutschland heutzutage wissen sehr wohl, was geschieht und woran sie sich beteiligen. Und die geistigen Brandstifter heutzutage wissen genau, was sie als öffentliche Redner von sich geben. Eine Frau Petry beispielsweise ist zu intelligent, um die Wirkung ihrer Worte nicht zu verfolgen. Das Rezept ist das übliche: Angst verbreiten; Angst vor sozialen und kulturellen Verlusten, wie dem Verlust nationaler Identität überhaupt. Das macht die Geschichte so infam.

Die Wirkung derartiger öffentlicher Auftritte offenbart sich in beschämenden Ereignissen an vielen Orten in Deutschland. Da jedenfalls tritt ein wahrer Verlust an deutscher Kultur zutage, wenn man einen deutschen Dichter wie Goethe zu einem der kulturellen Maßstäbe nimmt: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Wie weit wir von einer solchen geistig-humanen Haltung entfernt sind, zeigen jüngste Beispiele: In dem Ortsteil Clausnitz der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle „begrüßten“ am 18. Februar etwa hundert aufgebrachte Bürger lautstark einen Bus mit 15 Flüchtlingen. Letztere weigerten sich, völlig verängstigt, zwei Stunden lang auszusteigen, bis sie von Polizisten mit Gewalt in die ihnen zugedachte Unterkunft gezerrt wurden, unter anderem ein fünfzehnjähriger libanesischer Junge im Würgegriff – zu deren Schutz, wie ein Polizeipräsident später erklären wird. Der libanesische Vater, der mit seinen zwei Söhnen vor der Gewalt von Salafisten floh, wird in seinem Land Schlimmeres erlebt, jedoch nicht in dem Musterländle Deutschland erwartet haben. Später wird ein nicht weit von der Flüchtlingsunterkunft entfernt lebender Rentner zu der Unterbringung von Flüchtlingen im Ort sagen, dass er keine Tasse Tee mit denen trinken würde. Die sollten erst mal ihren Glauben ablegen. Muslime seien alle Mörder.

In der Nacht vom 20. zum 21. Februar brannte der Dachstuhl eines leer stehenden Hotels in Bautzen. Dieses Hotel war als Flüchtlingsunterkunft vorgesehen. Anwohner und teils betrunkene Schaulustige feierten dieses Ereignis und behinderten zum Teil die Löscharbeiten der Feuerwehr massiv. Die Polizei nahm von einigen der Beteiligten die Personalien auf und erteilte drei jungen Männern Platzverbot. Immerhin!

Wenn mir in Deutschland Angst wird, dann nicht durch traumatisierte Vertreter einer anderen Kultur, die – bis auf Ausnahmen – in unserem Land nichts weiter suchen als Schutz. Angst bekomme ich bei dem Gedanken, dass in diesem Land in einer freien demokratische Wahl durch eine Mehrheit dieses trotz der Verbrechen der jüngeren Vergangenheit international geachteten Volkes wieder Kräfte an die Macht kommen, die das Niederste, was ein Volk hervorbringen kann, zum öffentlichen Maßstab erklären. Das geringste zu erwartende Übel wäre dann vielleicht, dass ein neuer von oben verordneter Gruß „Heil Petry“ oder, naheliegender „Petry heil“, lauten könnte.

2 comments

  • Manchmal habe ich das Gefühl, dass all dies – was im Artikel so trefflich beschrieben wird – seine Ursachen in einem System hat, dass auf Freiheitlichkeit beruht. Kann der Mensch irgendwann damit umgehen, mit diesem höchsten Gut? (hier: Würde == Freiheit) …oder bewahrheitet sich am Ende doch „homo homini lupus“?

  • Lieber Lucas,
    bitte den Wolf aus dem Spiel lassen. Der wurde und wird schon genug zu Unrecht diffamiert. Am Sozialverhalten der Wölfe könnte sich der Mensch ein Beispiel nehmen.

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