Das große Schlachten

Aufnahmen des zerstörten Aleppo, veröffentlicht am 28. September 2016 auf demYoutube-Kanal des Senders Euronews.

Von Tobias Strahl. Aleppo ist gefallen. Erwartungsgemäß. Während sich die Weltgemeinschaft besorgt“ und „alarmiert“ über die Situation der Zivilbevölkerung in der nordsyrischen Stadt zeigt und die europäischen Staats- und Regierungschef ihre letzte Zusammenkunft in Brüssel mit einem Appell zum Schutz der Bevölkerung von Aleppo  beendet haben, hat in der Stadt die Evakuierung“ der „Verletzten“ und „Zivilisten“ begonnen. Kaum verhüllt durch diesen Euphemismus, vollzieht sich nun sehr wahrscheinlich eines der schlimmsten Massaker an der Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch ist die Situation nicht grundsätzlich neu. Sie ist uns aus dem Jugoslawienkrieg bereits bekannt. Dort vollzog sich im Schatten der Interessenkonflikte der Großmächte das beschönigend als „ethnische Säuberung“ umschriebene systematische Morden an Kroaten und bosnischen Muslimen.

Angesichts Aleppo drängt sich einmal mehr die Frage auf, worin denn das einende Element der „Vereinten“ Nationen bestehen soll. Der zynischen Rhetorik folgend, die den Syrienkonflikt von Anfang an begleitete, ließe sich als Antwort formulieren: in der Vielzahl der widerstrebenden Interessen ihrer Mitgliedsstaaten.

Sympathiebekundungen je nach politischer Façon für eine der Konfliktparteien liegen in unterschiedlicher medialer Form en masse vor. Sie finden sich wie Kanonen entlang gut ausgebauter Gräben in einem bekannten Frontverlauf, bei dem es jedoch um Anderes und mehr als allein Syrien geht. Geschützsalven und Pulverdampf indes verraten viel über die Partei, die gerade feuert und wenig über das Gegenüber, dem die Angriffe gelten. Sehr wahrscheinlich ist das Geflecht des Konflikts in Syrien ohnehin zu komplex (eine Binsenweisheit) als das diesem – als politisches Problem wohlgemerkt – moralische Kategorien gerecht würden. Der Politikwissenschaftler Thomas Jäger (Uni Köln) beschrieb die Ursache der Ohnmacht der Vereinten Nationen heute Morgen im Deutschlandfunk als den unterschiedlichen Interessen der Großmächte geschuldet:

Nehmen Sie etwa Russland, Iran und die Türkei, die jetzt in dem Prozess der letzten Tage eine wichtige Rolle spielten – die haben ganz unterschiedliche Interessen in Syrien: Russland geht es darum, zu belegen, dass ein Regime stabilisiert wird, dass eben Regime nicht de-legitimiert werden können, weil sie sich nicht demokratisieren; dem Iran geht es darum, einen schiitischen Block zu bilden, der sich hier zusammen mit Iran, Irak und Syrien bildet; und die Türkei ist vor allem bestrebt, die politische Emanzipation der Kurden zu verhindern und hat deshalb militärisch eingegriffen. Hinzu kommen dann noch die Vereinigten Staaten, die eine Politik betreiben, den Konflikt nicht wirklich zu befrieden, sondern engagiert sind zu bleiben, vor Ort, um sich die eine oder andere Option offen zu halten; und das ist etwas, dann gibt es keinen gemeinsamen Nenner […]“.

Grundsätzlich ähnlich katastrophale Auswirkungen im Hinblick auf die Situation der Zivilbevölkerung hatte der Interessenkonflikt der Großmächte angesichts der Kriege in Kroatien, Bosnien-Herzegovina und Kosovo (1991-1999), die das Auseinanderbrechen der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien begleiteten und die in der weltpolitischen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg in mehrerlei Hinsicht einen Paradigmenwechsel bedeuteten. Nach dem anfänglichen Eintreten für den Erhalt der Föderation (Großbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland) und der wenig später erfolgten Kurskorrektur zunächst durch Deutschland (Unterstützung der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens vom Juni 1991 am 15. Januar 1992), befürworteten schließlich die Vereinigten Staaten von Amerika als Vorreiter ein konsequentes militärisches Engagement gegen die völkermordende serbische Soldateska aus vielen kleinen und großen Miloševićs, Karadžićs, Mladićs, Martićs, Raznatovićs, Prlićs etc. Das jedoch war nach Vukovar, nach Srebrenica, nach Massakern und Konzentrationslagern und nach vier Jahren Dauerbeschuss und Zerstörung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo.

Ruinen des zerstörten Vukovar 1991 / wikimedia commons
Ruinen des zerstörten Vukovar 1991 / wikimedia commons

Es war damals insbesondere die nationalistische Opposition in Russland, die heute wiederum fest im Sattel sitzt, die das Vorgehen der Serben und deren Politik der „ethnischen Säuberung“ stützte, aus deren Reihen Söldner nach Serbien aufbrachen, um bei der Säuberung Slawoniens, der Srijem, der Lika, der kroatischen und der bosnischen Krajina und später Kosovos ihren slawischen Brüdern zu „helfen“. Augenfällig sind nun insbesondere die Ähnlichkeiten, die zwischen der sogenannten „Befreiung“ Vukovars Ende 1991 und der derzeitigen Situation in Aleppo nach der Eroberung durch syrische, russische, iranische und libanesische Einheiten bestehen: Nach drei Monaten Dauerbeschuss aus allen verfügbaren Waffensystemen (inklusive der auch in Aleppo verwendeten sogenannten Kassettenbomben) und der totalen Zerstörung der Stadt, nahm am 18. November 1991 die zu diesem Zeitpunkt bereits rein serbische Jugoslawische Volksarmee (Jugoslovenska Narodna Armija, JNA) Vukovar ein. Bei der im Anschluss an die Eroberung unter internationaler Beobachtung durchgeführten „Evakuierung“ der in der Stadt verbliebenen Kroaten kam es zu einem Massaker, in dessen Zuge 200 Patienten des Krankenhauses von Vukovar am 20. November auf einer nahe der Stadt gelegenen Schweinefarm im Ort Ovčara von serbischen Milizen umgebracht (größtenteil zu Tode geprügelt) wurden.

Gedenkstelle für das Massaker von Vukovar im kroatischen Ovčara. © sehnsuchtsort/Tobias Strahl
Gedenkstelle für das Massaker von Vukovar im kroatischen Ovčara. © sehnsuchtsort/Tobias Strahl

Zeugnisse aus Vukovar, die bereits 1991 in zahlreichen Berichten der Gemeinschaft internationaler Staaten vorlagen, verhinderten nicht die späteren Massaker von SrebrenicaVišegradZvornik, Bijeljina (Bosnien-Herzegovina), Meje und Celina (Kosovo); das reine Wissen um ihre Existenz verhinderte nicht die Konzentrationslager in Omarska, Trnopolje und Keraterm, es verhinderte nicht die vierjährige Belagerung und umfangreiche Zerstörung Sarajevos, in deren Zug etwa der russische Schriftsteller Eduard Limonov 1992 bei seinem Besuch der serbischen Einheiten selbst einen Patronengurt aus einem Maschinengewehr auf die belagerte Stadt abfeuern durfte.

Der für die Ereignisse im kroatischen Vukovar verantwortliche jugoslawische Verteidigungsminister, der zeitweilig per Interpol-Haftbefehl gesuchte General Veljko Kadijević, ein Serbe, entzog sich der Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag übrigens durch seine Flucht nach Russland, das ihm Asyl gewährte und wo er im November 2014 im gesegneten Alter von 89 Jahren verstarb. Für die Ohnmacht der Vereinten Nationen angesichts der Massaker der Postjugoslawischen Kriege mag dasselbe gegolten haben wie angesichts Aleppos (und Syriens allgemein), über das der eingangs zitierte Politikwissenschaftler Thomas Jäger im Interview mit dem Deutschlandfunk sagte:

„[…] die Vereinten Nationen sind darauf aufgebaut, dass sie dann handeln, wenn die Großmächte sich einig sind. Und die Großmächte sind sich in diesem Fall nicht einig; die Vetomächten finden keine gemeinsamen Positionen, und die Vereinten Nationen sind so gestrickt, dass sie genau dann eben nicht handeln“.

Wenn nun für Aleppo von der „Evakuierung der Zivilbevölkerung“ die Rede ist – eine Vokabel, die gemacht ist, Politiker und Zivilgesellschaft im sogenannten Westen zu beruhigen – so darf man sich davon nicht darüber täuschen lassen, dass ein weiteres großes Schlachten damit gerade beginnt. Die Sieger, Soldaten und Soldateska, die über Monate im verlustreichen Orts- und Häuserkampf gegen und mit Sprengfallen, Scharfschützen, Bomben- und Artillerieangriffen, Giftgas und dergleichen mehr Meter um Meter der syrischen Stadt erobert haben, die Kameraden, Freunde, Familienangehörige verloren haben, werden grausame Rache an ihrem Gegenüber nehmen, sie werden es demütigen und ein für alle Mal auszuschalten versuchen, sie werden mit der Unterstützung Russlands, des Irans und libanesischer Hisbollah-Milizen unter den sehenden Augen der Vereinten Nationen ein Exempel statuieren, das Syrien Grabesruhe bringen soll. Davon betroffen sein werden potentiell alle Männer zwischen 15 und 55, was die Fähigkeit an Kämpfen teilzunehmen betrifft, sowie darüber hinaus Frauen und Kinder, was die Demütigung anbelangt. Als teilnehmender Beobachter in zwei offenen Konflikten im ehemaligen Jugoslawien und Afghanistan sowie einem in der öffentlich Wahrnehmung (noch) wenig präsenten, nichtsdestoweniger immer weiter eskalierenden Konflikt  in Nigeria mache ich mir darüber keine Illusionen mehr.

Und der sogenannte Westen? Er wird rein gar nichts dagegen unternehmen (können). Nicht vor dem Hintergrund der drängenden eigenen Probleme und nicht angesichts der Vielzahl der Konflikte weltweit. Die USA stellen sich neu auf, Europa ist uneins und schwach und unterschätzt das machtgierige und skrupellose Vorgehen der durch Russland geführten Allianz, die jede Agenda der Vereinten Nationen längst in den Wind geschlagen hat. Noch einmal Thomas Jäger: „in der Bewertung der internationalen Lage hat man sich insbesondere in Deutschland sehr stark auf multilaterale Verfahren konzentriert, ohne ausreichend zu berücksichtigen, dass andere Staaten das schon lange nicht mehr tun“.

Wenn nach der nächsten Dringlichkeitssitzung des VN-Sicherheitsrates (der wievielten eigentlich in den letzten Wochen zu Syrien?) tatsächlich irgendwann einmal UN-Beobachter in Aleppo eintreffen sollten, dann werden sie, wie etwa in Vukovar, Srebrenica und Meje, damit beschäftig sein, Massengräber zu untersuchen – wenn man sie lässt.

Wer noch Zweifel hegt: Russland hat die Evakuierung Aleppos am 17. Dezember für beendet erklärt, obwohl sich noch zehntausende Menschen in der Stadt befinden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aleppo-russland-erklaert-evakuierung-fuer-beendet-a-1126225.html

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