Ghetto im Süden Europas

Deutsche Diplomaten verwehren BERLINALE-Gast aus Kosovo die Einreise.

Eroll Bilibani ist seit 2012 der Direktor des DokuFest in Kosovo. © sehnsuchtsort/strahl

Von Tobias Strahl. Das DokuFest in Prizren, Kosovo ist eines der wichtigsten internationalen Dokumentarfilmfestivals. Mehrere hundert Beiträge renommierter Künstler werden dort jährlich gezeigt und prämiert. Als Jury treffen Produzenten, Regisseure, Journalisten und Kritiker aus der ganzen Welt in Kosovo zusammen. DokuFest ist Teil eines Netzwerks von Filmfestivals, das sich über den gesamten Globus erstreckt. Seine Organisatoren sind gefragte Gesprächspartner und Jury-Mitglieder bei ähnlichen Veranstaltungen etwa in Leipzig, München und Hamburg. Das Filmfestival ist einer der wichtigsten Akteure der Demokratisierung der Nachkriegsgesellschaft in Kosovo. DokuFest ist Markenzeichen und Identifikationsfaktor für eine ganze Generation junger Kosovaren. Nun haben deutsche Diplomaten der Botschaft in Prishtina dem Direktor des DokuFest Eroll Bilibani ein Visa für die Einreise nach Deutschland und damit die Teilnahme an den 67. Internationalen Filmfestspielen in Berlin, der BERLINALE, verwehrt. Der Grund: Bilibani konnte angeblich nicht nachweisen, dass er über genügend finanzielle Mittel für seinen Unterhalt während des Aufenthalts in Deutschland verfügt.

Das DokuFest in Prizren, im Süden Kosovos, erfährt in diesem Jahr seine 16. Auflage. Ins Leben gerufen im Jahr 2002 durch den Prizrener Künstler und Fotografen Veton Nurkollari, zählt es heute zu den wichtigsten Dokumentarfilmfestivals weltweit. Korruption, Umwelt, Politik und Zivilgesellschaft – das sind die großen Themen des Festivals. Und natürlich die Bewältigung der Kriege auf der Balkanhalbinsel. Dafür entwickeln die Organisatoren und Unterstützer des Festivals eigene Filmwerkstätten mit jungen Teilnehmern aus allen ehemaligen jugoslawischen Republiken. Undenkbar sonst in der bis heute von Krisen und Nationalismen geplagten Region. Eine der prominentesten Unterstützerinnen des DokuFest ist die britische Musikerin PJ Harvey. The Wheel, ein Song von Harveys letztem Album The Hope Six Demolition Project ist Kosovo gewidmet und eine unmittelbare Folge der Zusammenarbeit der Künstlerin mit dem DokuFest. Das Video zu dem Lied stammt vom britischen Fotografen Seamus Murphy und ist größtenteils in Kosovo aufgenommen. Mehrere zehntausend internationale Besucher zählt das Dokumentarfilmfestival in der malerischen Altstadt von Prizren jedes Jahr. Die Veranstaltung ist nicht nur ein künstlerisches sondern auch ein wirtschaftliches Großereignis. Einige hundertausend Euro spült das Festival regelmäßig in die klammen Kassen der südkosovarischen Stadt.

Seit 2013 kollaboriert DokuFest mit dem Internationalen Filmfestival in Berlin, der BERLINALE. Die Kosovaren organisieren in Berlin unter anderem die Vernetzung von internationalen Akteuren im Bereich Dokumentarfilm. Die Veranstaltungen des DokuFest gehören nicht nur zu den heißen Tipps der BERLINALE, das Berliner Filmfestival selbst wirbt mit der Teilnahme des DokuFest. All dies teilte der Direktor des DokuFest Eroll Bilibani den Diplomaten in der Visa-Sektion der Deutschen Botschaft in Prishtina mit, als er sein Visum zum Besuch der BERLINALE 2017 beantragte. Darüber hinaus legte Bilibani den Diplomaten in Prishtina die Einladung der Festivalleitung aus Berlin vor. Auch Kooperationsvereinbarungen mit Dokumentarfilmfestivals in Leipzig, München, Nürnberg und den Kurzfilmtagen in Hamburg konnte der Kosovare vorweisen. Für den Fall, dass das nicht genügen sollte, präsentierte Bilibani in der Deutschen Botschaft seinen kosovarischen Pass, der mehrere für ein Jahr gültige Visa für andere europäische Staaten enthält, sowie sämtliche Reiseunterlagen, Versicherungspolicen und schließlich sogar sein Rückflugticket nach Kosovo. Doch interessierte das die Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Prishtina wenig. Sie lehnten Bilibanis Antrag mit der Begründung ab, dieser habe nicht genügend Nachweise für seinen selbstständigen Unterhalt in Deutschland erbracht – der Direktor einer, wenn nicht der erfolgreichsten Kulturveranstaltung in Kosovo überhaupt.

Mehr als 700 junge Kosovaren bewerben sich jedes Jahr freiwillig, um die Organisation des DokuFest unentgeltlich zu unterstützen. © sehnsuchtsort/strahl
Mehr als 700 junge Kosovaren bewerben sich jedes Jahr freiwillig, um die Organisation des DokuFest unentgeltlich zu unterstützen. © sehnsuchtsort/strahl

Die Entscheidung der deutschen Diplomaten in Prishtina verweist in ihrer – mit Verlaub – grandiosen bürokratischen Dummheit und uninformierten Arroganz auf ein grundlegendes Dilemma der deutschen Kosovo-Politik: Das Fehlen selbst basaler Kenntnisse der zugegeben komplexen Verhältnisse der Region. Die noch junge Republik, im Frühjahr 2008 durch Deutschland als souverän und autonom anerkannt, ist eines der letzten verblieben europäischen Ghettos. Außer nach Albanien, Makedonien, Montenegro und die Türkei dürfen Kosovaren in kein anderes europäisches Land visumfrei einreisen – ein Bärendienst für die junge kosovarische Demokratie und Wasser auf die Mühlen albanischer Nationalisten und religiöser Fundamentalisten, denen die Abschottungspolitik der EU jedes Jahr junge frustrierte Kosovaren, die jeglicher Horizonterweiterung entbehren, in Scharen in die Arme treibt.

Arrogant und uniformiert zeigt sich die Entscheidung der deutschen Diplomaten in Prishtina vor allem vor dem Hintergrund, dass die Botschaft eine eigene Kultursektion unterhält – die über die kulturelle Entwicklung des Landes und deren maßgebliche Repräsentanten qua Auftrag und Stellenbeschreibung eigentlich informiert sein sollte. Dass die Mitarbeiter letzterer jedoch, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem ehemaligen Attaché Christoph Deißenberger, der das DokuFest persönlich besuchte und deswegen kannte, in einer diplomatischen Blase leben, an der die kulturelle Entwicklung des Gastlandes zum größten Teil vorbeigeht, ohne das jemand davon Notiz nimmt, dafür legt die Entscheidung, Eroll Bilibani, der seit 2012 Direktor des DokuFest ist, die Einreise nach Deutschland zu verwehren, beredtes Zeugnis ab.

Straßenszene mit Freiwilligen während einer der zahlrechen Veranstaltungen des DokuFest. © sehnsuchtsort/strahl
Straßenszene mit Freiwilligen während einer der zahlrechen Veranstaltungen des DokuFest. © sehnsuchtsort/strahl

 

Kosovo ist klein. Ein sogenannter Zwergstaat. Nur etwa halb so groß wie Hessen. Nichtsdestoweniger ist die junge Republik ein wichtiges Puzzleteil für die Sicherheitsarchitektur im Südosten Europas. Deutschland, Europa hat seit jeher den Fehler gemacht, die authentischsten und glaubhaftesten Unterstützer der europäischen Idee in dieser Region – Bosniaken und Kosovaren – geringzuschätzen. Das hat viel mit der eklatanten Unkenntnis des Balkanraumes und seiner Besonderheiten zu tun. Diese Unkenntnis schlägt sich in einem scheinbar so unbedeutenden Zwischenfall wie einem nicht erteilten Visa für einen der wichtigsten Kulturschaffenden der Region nieder. Es ist höchste Zeit, diese politische Unkultur zu korrigieren. Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Prishtina sollten zügig beginnen, sich mit der Kulturlandschaft ihrer Gastgeber ernsthaft auseinanderzusetzen. Die Kenntnis letzterer ist mindestens ebenso wichtig für den Erfolg ihrer Mission wie die deutsche und europäische Migrationsgesetzgebung. Was für Eroll Bilibani, der, wie ich persönlich mehrfach erfahren durfte, ein überzeugterer Europäer ist als so manch einer meiner Landsleute, einen herben Rückschlag bedeutet, das ist für den deutschen diplomatischen Dienst, der immerhin beinahe zwei Jahrzehnte eine Dependance in Kosovo unterhält,  schlechterdings abgrundtief peinlich.

Diskutieren Sie mit:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.