Intro: Much Ado About Dresden

Das Wort schwingt voller Romantik und eignet sich als Projektionsfläche jeglicher Art: Sehnsuchtsort. Was ist schließlich wunderbarer, als seinen Wünschen einen Platz beizuordnen, an dem sie in Erfüllung gehen sollen. Dieser Ort existiert natürlich. Wir alle kennen ihn. Dresden.

Spätestens Florian Illies setzte im Oktober 2009 in der „Zeit“ zu diesem eigenwilligen Ritterschlag an. Damals erkor er die Stadt dazu aus, „wieder zum gesamtdeutschen Sehnsuchtsort zu werden“. Weshalb? Weil hier ein vitales Kulturbürgertum die DDR überlebte – Illies sprach vom „inoffiziellen Dresdner Milieu“, dem Uwe Tellkamp in „Der Turm“ ein Denkmal gesetzt habe. Und weil sich Dirigent Christian Thielemann für einen Wechsel von den Münchner Philharmonikern zur Sächsischen Staatskapelle entschloss, weil er jenes Kulturbürgertum erkannte.

Dieser Blick ist ein schöner, streichelt das Ego vor allem derer, die hier seit Geburt oder seit Generationen oder seit den ersten slawischen Siedlern leben und oft genug qua dieser Abstammung Zugereisten den Eindruck vermitteln, sie könnten die Einzigartigkeit Dresdens und die damit verbundenen Emotionen und Gedankengänge der Alteingesessenen eh nicht nachvollziehen. Steffen Heitmann beantwortete einst die Frage, ob Dresden die Zukunft in der Vergangenheit suche, einleitend so: „Keineswegs! Diese These drückt ein Vorurteil aus, das sich hartnäckig hält, besonders bei Zugezogenen, die noch nicht lange genug hier wohnen.“ Wo die Herkunft oft mehr zählt als der Gedanke, müssen Fragen gestellt, Antworten gesucht werden – abseits der eingeschlagenen Pfade. Oder anders ausgedrückt: Wie lange muss man in Dresden leben, um in Diskussionen eingreifen zu dürfen, gehört und nicht zuletzt ernst genommen zu werden? Und angemerkt sei, dass Heitmann von einem Vorurteil sprach – etwas, dem er selbst mit seinem Satz unterlag.

Anders als Florian Illies wollen wir den Blick aus der Nähe wagen, durchs Brennglas. Was aus der Ferne wie Beharrlichkeit aussieht, kann sich beim Nähern als Sturheit entpuppen, eine große Geste zum kleinmütigen Zucken verkommen. Wir wollen versuchen, diese gegenteiligen und zahlreiche weitere Interpretationen zu bedenken, Pro und Contra auszuloten. Gut möglich, dass das Contra überwiegt. Damit können wir leben.

Denn unsere Sehnsucht ist etwas anders und der Blick auf Dresden nur ein Teil unseres Anliegens. Ob es um die Vergangenheitsbewältigung und Gedenkkultur geht, um Städtebau oder politische Debatten: Es gilt, über die Hänge des Elbtals hinaus zu schauen und größere Kontexte herzustellen. Denn eins ist klar: Elbflorenz ist nicht der Nabel der Welt. Nicht mal der Nabelfussel.

Wir haben natürlich unsere eigene Sichtweise, von der wir meistens überzeugt sind. Als Rechthaber aber fühlen wir uns nicht. Unser Ausgangspunkt ist: Was wir erleben in Dresden, ist selten genug eine offene Debatte mit Respekt vor dem Gegenüber. Da sind wir, mit Peter Rühmkorf gesprochen, im Vollbesitz unserer Zweifel. Diese Debatte soll hier eröffnet, gesucht und befördert werden.

Wer nun glaubt, auf sehnsuchtsort.de werde Hass über die Stadt ausgekippt, liegt völlig verkehrt. Wir erwarten aber durchaus, dass sich der eine oder andere bemüßigt fühlen wird, Auseinandersetzungen unterhalb eines gewissen Niveaus zu führen, vielleicht gar zu diffamierenden Äußerungen zu greifen. Es würde uns nicht wundern, aber leid tun. Denn manchmal ist es einfach Mist, Recht zu behalten.

Torsten Klaus

Kommentare

  • […] ist dieses Übersehen symptomatisch für den Sehnsuchtsort: immerhin handelt es sich dabei um ein Autorenkollektiv, das Dresden zwar in „zahlreichen Interpretationen bedenken“ möchte, bis dato jedoch eine reine Männerriege darstellt. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, […]