Rebell der Bilder: Zbigniew Libera

Von Torsten Klaus. Die Fotografie hat’s nicht leicht. Nicht mehr, genauer gesagt. Digitale Bildaufnahme und -bearbeitung haben einerseits völlig neue Möglichkeiten eröffnet, auch für Laien. Andererseits ist das Misstrauen dem Medium gegenüber kontinuierlich gewachsen, seit selbst Preisträgerfotos unter Fälschungsverdacht stehen – wie Paul Hansens Aufnahme trauernder Palästinenser, für die er 2013 den World Press Photo Award gewann.

Zbigniew Libera: Kolarze (Radfahrer).
Das Originalfoto, September 1939.

Das führt zu einem anderen Phänomen, das gewissermaßen eine Dominanz darstellt: Ein Bild sagt mehr als ein Text, ein nachrichtliches Foto kann zur Ikone werden, zum Teil eines kollektiven Bildgedächtnisses. Dabei ist es egal, ob solche Fotos inszeniert sind oder nicht. Ihre Aussage, trifft sie den Zeitgeist, potenziert sich automatisch, schnell ins Unermessliche.

Dieser Hintergrund bildet sozusagen den Humus, den der polnische Künstler Zbigniew Libera zur Ausgangsbasis seiner Arbeit macht – vor allem in dem schon 2003 entstandenen Bildzyklus „Positive“, der lediglich acht Fotos umfasst und nun, nach zahlreichen internationalen Stationen, zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist, genauer gesagt im Dresdner Kraszewski-Museum.

Libera, Jahrgang 1959, hat für diese Reihe auf Klassiker nachrichtlicher Fotografien zurückgegriffen: Kim Phúc, die als neunjähriges Mädchen im Vietnam-Krieg nach einem Napalm-Angriff nackt aus ihrem Dorf flieht; Häftlinge des KZ Auschwitz im Moment der Befreiung durch die Rote Armee; das Niederreißen eines polnischen Schlagbaums durch deutsche Truppen zu Beginn des zweiten Weltkrieges; die Ermordung Martin Luther Kings auf einem Motelbalkon in Memphis.

Zbigniew Libera: Cud (Das Wunder).
Das Foto von Martin Luther Kings Ermordung am 4. April 1968.

Diese Bilder, die negativ konnotiert sind, wurden durch Libera von ihrem bisherigen Kontext getrennt und neu inszeniert: als positive Gegenstücke der Originale. Das Ergebnis: Man schaut neu auf die Fotos, die man so gut zu kennen glaubt. Oder wie es die Leiterin des Kraszewski-Museums, Joanna Magacz, ausdrückt: „Man kann an seinen Arbeiten nicht einfach so vorbeigehen.“ Sie war es auch, die auf Jacek Michalak zuging, den Direktor der Galerie Atlas Sztuki in Łodz, und die Sonderschau mit Liberas Fotos nach Dresden holte. Michalak zeigte sich hocherfreut über das Zustandekommen und verwies darauf, vor dem Kontakt mit Magacz gar nicht gewusst zu haben, dass es in Dresden ein solches Museum gebe. Gleichzeitig charakterisierte er den Künstler, der gerade für ein neues Projekt in Slowenien weilt, als jemanden, bei dem man nie genau wisse, was in seinem Kopf vorgehe.

Das ist aber auch nicht unbedingt notwendig. Liberas Resultate konterkarieren und beleben das, was wir als feste Interpretation von Geschichte aufgesogen haben. Ob die lächelnden Menschen auf seinen nachgestellten Fotos auch eine subtile Kritik an der Spaßgesellschaft sind, sei dagegen dahingestellt.

Libera hat nicht nur mit seinen Fotos für Aufregung gesorgt. 1996 fertigte er ein Konzentrationslager im Lego-Stil an – und wurde vom Biennale-Pavillon seiner Heimat verbannt. Jahre später kaufte das Jewish Museum in New York ein Exemplar, auch das Art Museum in Warschau besitzt eine Ausgabe und begründete, es sei „eins der wichtigsten Werke polnischer zeitgenössischer Kunst“.

Kunst könne nicht mehr schockieren, sagte der Turner-Preisträger Grayson Perry vor zwei Tagen. Muss sie nicht unbedingt. Aber Rebellen soll sie hervorbringen. Wie Zbigniew Libera.

bis 9. Februar 2014, geöffnet Mi–So 13–18 Uhr

www.museen-dresden.de

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