Social Freezing: Die Emanzipation frisst ihre Kinder

Von Anja Bohländer. „Biologie ist eine Tragödie!“ klagt Laurie Penny, die derzeitige en Vogue-Feministin der digitalen Celebrity. Und beschwört die neueste Revolution im emanzipatorischen Fortschrittsmarsch, das sogenannte Social Freezing. Gemeint ist das Einfrieren unbefruchteter Eizellen, um die Chancen einer Schwangerschaft auch nach dem biologisch kritischen Alter von 35 zu erhöhen (Kryokonservierung) – und zwar aus sozialen Gründen.

Foto: Intracytoplasmic sperm injection (ICSI), Quelle Flickr, Maurizio De Angelis/Wellcome Images
Foto: Intracytoplasmic sperm injection (ICSI), Quelle Flickr, Maurizio De Angelis/Wellcome Images

Die Überlebensrate dieser Eizellen liegt bei 80 bis 90 Prozent, die Befruchtungsrate bei 60 bis 70 Prozent. Die Eier sind vorübergehend auf Eis gelegt, die Befruchtung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Kryokonservierung ist die Denaturierung und Renaturierung der weiblichen Eizellen zur Erfüllung einer selbstbestimmten Mutterschaft. Was ursprünglich für Krebspatientinnen gedacht war (1986 wurde die erste Frau durch kryokonservierte Eizellen schwanger, 2009 erblickte erstmalig ein so entstandes Baby das Licht der Welt), mutiert zur allgemein verfügbaren Mode. Der Diskurs um die biologische Determiniertheit der Frau hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit war stets Teil der Emanzipationsbewegung. Der erste Meilenstein der Emanzipation machte den Geschlechtsverkehr berechenbar. Die Kontrolle über die Gebärmutter markiert den Zenit der emanzipatorischen Entwicklung. Die Pille machte möglich, sich selbstbestimmt und zufallsfrei für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden. Sie war die neue Waffe der Frau, mit der sie ihre Selbstbefreiung aus sexueller Unbestimmtheit feiern konnte. Der zweite Meilenstein war nicht weniger revolutionär: die Retorte. Zur Reproduktion entbehrte es nun sogar der physischen Anwesenheit des Mannes. Selbst die eigene Eizelle brauchte es nicht. Und überhaupt: Eizellen jüngerer Frauen lassen sich leichter befruchten. Ganz sachlich und anonym kann die Schwangerschaft via Reagenzglas konstruiert werden. Die natürliche Zündung durch den Geschlechtsverkehr ist obsolet. Der Gender-Frieden war hergestellt. Die sexuelle Gleichberechtigung erreicht.

Dieser Frieden wird nun seit einiger Zeit empfindlich gestört. Denn, so die neue große Angst, endet der biologische Determinismus ja nicht mit dem Geschlechtsverkehr. Und nicht jede Frau ist gewillt, ihre Reproduktion allein durch fremdes Rohmaterial zu verwirklichen oder an eine Leihmutter zu externalisieren. Nein, so die erschreckende Erkenntnis, eine Schwangerschaft mitten im Karrieretaumel – wer kann sich sowas leisten? Da, wo die Karriere ihren rauschenden Höhepunkt erreicht, versperrt der biologische Determinismus den fortlaufenden Karrierepfad. Es greift die Unfreiheit von Neuem um sich. Erneut liegt sie in Fesseln. Die Lösung dieser Misere soll nun also Social Freezing sein. Womit uns der dritte Meilenstein weiblicher Befreiung aus biologischer Festungshaft erreicht. Der Karriere steht nun nichts mehr im Wege, die Selbstverwirklichung muss der Reproduktion nicht mehr zum Opfer fallen. Frau ist unabhängig und kann die Familiengründung getrost auf Eis legen. Nicht nur der Samen des Mannes, sondern auch das Ei der Frau ist vor dem biologischen Verfall sicher. Gleichberechtigter geht es nicht mehr. Das ist toll und zweifelsohne auch technisch brillant. Aber ist es auch ein Fortschritt der Emanzipation? Es bleibt ein Beigeschmack, der umso fader wird, je tiefgründiger man das Ganze betrachtet. Denn, bei aller Bewunderung für diese technologischen Errungenschaften, scheint hier doch ein recht faules Ei vorzuliegen. Schauen wir genauer hin und setzen uns die feministische Brille der kritischen Emanzipation auf. Was stellen wir dann fest? Oh böse List! Oh Teufelszeug! Es ist zum Haare raufen und Beinhaar kämmen: befreit ist nicht die Frau von altersbedingter Unreife, sondern das Unternehmen vom befruchtungsbedingten Ausscheiden ihrer Mitarbeiterinnen (ganz explizit und unverfroren handhaben es die Unternehmen Apple und Facebook). Produktion statt  Reproduktion! Geschickt verkleidet in emanzipatorischer Rhetorik erscheint das unternehmerische Kalkül als befreiender Fortschritt für die Frau. Der Return on Investment für die Unternehmen ist natürlich enorm. Die Frau bis ins Mark instrumentalisiert.

Abseits der unternehmerischen List unterliegt die Frau einem weiteren Trugschluss: es wird die Illusion genährt, die bloße zeitliche Verschiebung des Reproduktionsprozesses durch Vereisung der Eizellen mache eben jenen Prozess unproblematisch verfügbar. Ist das aber nicht die Verfügbarmachung von etwas Unverfügbarem? In-Vitro-Fertilisation und Kryokonservierung entmenschlichen das Urmenschlichste des Seins überhaupt. Ein Diskurs der moralischen Dimension dieser Verfahren ist nötig – wenigstens zur Selbstvergewisserung unseres menschlichen Ursprungs. Freilich hat diese Methode auch romantische Momente. Die Mehrheit der Frauen, die ihre Eizellen ohne medizinischen Anlass einfrieren lassen, tun dies derzeit aus dem Grund, dass sie keinen Partner hätten, so die Ergebnisse der Studien des wissenschaftlichen Netzwerkes FertiProtekt. Die Familie wartet eben im Eisfach, bis sie mit dem richtigen Partner verwirklicht werden kann. Wird nun aber die Fertilität der Frau Opfer unternehmerischer Berechnung, stellt sich die moralische Frage umso mehr. Mit diesem Instrumentarium verfügen Unternehmen über den biologischen Determinismus der Frau. Wie weit sich Frauen dereinst dagegen erwehren können, ist fraglich. Ob es Regelungen juristischer Art geben muss, bleibt zu diskutieren. Grundsätzlich sind die Rahmenbedingungen in Deutschland – vergleichsweise – restriktiv. So ist die aktuell diskutierte Vierlings-Schwangerschaft einer 65-jährigen Deutschen (die bereits 13-fache Mutter ist) kein Ergebnis deutscher Reproduktionstechnik, sondern ukrainische Reproduktionsware. Da diese Methoden in vielen europäischen Ländern verboten sind, wird das Importmodell „Ost“ gern genutzt. Die Eizellspende ist – im Gegensatz zur Samenspende – hierzulande im Embryonenschutzgesetz nicht erlaubt. Im Übrigen wird hierfür eine im Hinblick auf die Gleichberechtigung fragwürdige Begründung angeführt: die genetische Mutter sei wichtiger als der genetische Vater. Die Kinder der Vierlingsmutter werden weder das eine noch das andere kennenlernen.

Das Konglomerat von Samen- und Eizellenspende, Leihmutterschaft, In-vitro-Fertilisation und Kryokonservierung ist ein artifizielles Gesamtkunstwerk mit diabolischem Charakter, der neben der wunderbarsten Verheißung auch den abscheulichsten Abgrund in sich trägt. Social Freezing ist kein technisches Novum mehr, das alles besteht seit Jahren. Social Freezing ist die moralisch fragwürdige Vereinnahmung eines medizinisch begründeten Eingriffes in die natürliche Reproduktion, sprich über die Entstehungsbedingungen und -zusammenhänge menschlichen Lebens. Ob egoistisch, romantisch oder kapitalistisch – mehr und mehr Begründungen beanspruchen Legititmation. Bleibt zu hoffen, dass dies keine Büchse der Pandora wird.

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