Dresden in der Welt

Von Anna-Maria Schielicke. Dem geneigten „Sehnsuchtsort“-Leser dürfte nicht entgangen sein, dass es in den letzten Monaten etwas still um mich war. Auf meinem Schreibtisch liegen drei Artikelfragmente. Der erste befasst sich mit der Zivilgesellschaft in Dresden, der zweite mit dem patriotischsten aller CDU-Landesverbände unter deutscher Sonne und der dritte schließlich mit Verbindungen von Pegidisten zu der AfD und den Identitären. Und jedes Mal, wenn ich mir vornehme, an den Fragmenten weiterzuarbeiten, denke ich: Das ist alles schon gesagt, das ist alles schon bekannt, doch es passiert nichts.

Ein guter Freund hatte mir im letzten Jahr, als ich für den „Sehnsuchtsort“ zu arbeiten begann, zwei Worte mit auf den Weg gegeben: Distanz und Dekonstruktion. Also gut: Ich ignoriere meine Frustration, raffe mich auf und tingele in Dresden durch diverse Bürgerdialoge, Seminare, Podiumsdiskussionen und Informationsveranstaltungen. Ich höre mir den gesamten Wahnsinn von Umvolkung, schleichendem Völkermord, marodierenden ausländischen Banden, No-Go-Areas, Volksverrätern, Widerstand, Lügenpresse etc. wieder und wieder an. Ich erlebte, wie Menschen, die dem argumentativ entgegentraten – und letztlich ernsthaft den Dialog suchten –, mit Urlauten belegt, auf das Unflätigste beleidigt oder gar niedergebrüllt wurden. Der Ertrag dieser Veranstaltungen lässt sich in zwei dort tatsächlich vorgebrachten Antworten zusammenfassen: „Weil is’ so!“ (Faktenverweigerung) und „Was ist mit die [sic!] Antifa?!“ (Extremismusthese). Und ich sitze sprach- und fassungslos daneben, weiß nicht, wo anfangen, und frage mich, ob Distanz und Dekonstruktion uns hier weiterbringen?

Foto: Stefan Baudy, Theodor Heuss Street after Euro 2008 Semi Finals, Flickr, Creative Commons
Foto: Stefan Baudy, Theodor Heuss Street after Euro 2008 Semi Finals, Flickr, Creative Commons

Ich habe oft mit dieser Stadt gehadert. Häufig habe ich von Dresdnern gehört, dass ich hier gar nichts zu melden hätte, schließlich käme ich nicht von hier – und dabei bin ich weiß, deutsch, ja ostdeutsch sogar, nur eben 400 Kilometer von hier entfernt geboren. Wie muss es erst für jene sein, denen man ihre (vermeintliche) Fremdheit schon von weitem ansieht?

2011 startete ich gemeinsam mit Kollegen eine Online-Petition, die die Ermöglichung eines direkten friedlichen zivilgesellschaftlichen Protests gegen Neonazi-Demonstrationen im Umfeld des 13. Februar forderte. Nach wenigen Tagen hatten über 4.000 Menschen aus Dresden und aus ganz Deutschland unterschrieben. Das Ordnungsamt der Stadt Dresden kassierte die Petition mit dem harschen Verweis, wir riefen zu illegalen Blockaden auf – eine unfassbare und im Nachhinein betrachtet symptomatische Verdrehung der Tatsachen. Die Erwiderung von unserer Seite, unter anderem mit der Frage, weshalb sich in Dresden entgegen üblichem Vorgehen das Ordnungsamt und nicht der Petitionsausschuss für unser Anliegen zuständig fühlt, wurde schlicht ignoriert. Ein offener Brief an die damalige Oberbürgermeisterin Dresdens vor zwei Jahren führte zumindest schon mal zu einer Einladung in die Dresdner CDU-Stadtratsfraktion – ein unvergesslicher Abend, auf den ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen werde. Nicht, weil es etwas zu verschweigen gäbe, vielmehr ist dieses Gespräch nicht weiter berichtenswert.

Das alles reiht sich in etliche Schilderungen vieler anderer Akteure in Dresden ein und hat nicht wirklich Neuigkeitswert. An Dresden lässt es sich ehrlich, wirklich und sehenden Auges verzweifeln. Damit wäre aber auch jenen Unrecht getan, die sich seit Jahren oder gar Jahrzehnten für diese Stadt einsetzen. Der ganze Negativismus, auch die bisweilen um sich greifende Frustration und Hysterie verstellen den Blick darauf, was am Ende doch schon erreicht wurde, so mühselig und langwierig es auch war und ist.

Über Jahrzehnte dominierte beispielsweise zum 13. Februar der Standpunkt des stillen Gedenkens, womit der Opfermythos der „unschuldigen Stadt“ Dresden weiter kultiviert wurde. In die Arbeitsgemeinschaft (AG) 13. Februar kommt allerdings Bewegung, als Dirk Hilbert (FDP) in Vertretung von Helma Orosz (CDU) dem Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, das Zepter übergibt. Plötzlich war die gesamte Bandbreite der Akteure in der Stadt akzeptierter Gesprächspartner – beispielsweise auch Dresden Nazifrei. In seiner Arbeit ging es Richter nicht nur um Erinnerungskultur, sondern auch um das grundsätzliche Thema Rechtsextremismus und damit um ein Denken über den 13. Februar hinaus. Wir Petitionäre von 2011 erhielten im Zuge dessen einen Anruf des persönlichen Referenten der Oberbürgermeisterin, der sich dafür entschuldigte, wie die Dresdner Stadtverwaltung mit der Petition umgegangen ist. Dass insgesamt wenig Nachhaltiges bei der AG herauskam, steht auf einem anderen Blatt. Doch war die plötzliche Offenheit bemerkenswert und ein Grund zur Hoffnung. Im Januar 2015 sah sich Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sichtlich genötigt, bei einer Veranstaltung für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog an der Frauenkirche aufzutreten. Der Inhalt seiner Rede ist mehr als diskutabel, aber scheinbar sah er sich gezwungen, überhaupt da zu sein – ja, er hatte sogar mit dazu aufgerufen. Die SPD drückt derweil das Amt einer Staatsministerin für Integration und Gleichstellung durch. Unmöglich wäre letztlich auch vor Jahren gewesen, dass der Oberbürgermeister von Dresden ein Grußwort zu einem Kongress („2gather“) sendet, der Akteure der Zivilgesellschaft, die sich gegen Pegida, gegen Rechtsextremismus, gegen Ignoranz und gleichzeitig für Weltoffenheit, Demokratie und Toleranz engagieren, zusammengetrommelt hat.

Ich will hier beileibe kein Loblied auf die Dresdner Bürgerschaft oder die sächsische Politik singen. Was ich sagen will: All dies ist auch Ergebnis der Arbeit der Unermüdlichen und der Unerschrockenen. Den Mehltau abzutragen, der seit mindestens 25 Jahren auf diese Stadt, auf dieses Land aufgetragen wurde, ist nichts, was über Nacht gelingen kann.

Wer sich jetzt gerade an der Verwendung des Wortes „Mehltau“ stößt, weil es ein beliebtes Wort von Herrn Höcke (AfD) ist, dem sei gesagt:  Das ist Absicht. Mit der ständigen Drohung von angeblichen Tabus und der Political Correctness wird versucht, Worte und Diskurse zu reaktivieren. Darüber hinaus werden bislang unverfängliche Worte belegt, um Gegner buchstäblich sprachlos zu machen.

Ich war ehrlich erleichtert, als Deutschland 2006 im Zuge der Fußball-WM zu einem entspannten, weil nicht nationalistischem Verhältnis zu seiner eigenen Flagge gefunden hatte. Auch das Ausland honorierte das und war erleichtert. Jetzt aber zucke ich wieder zusammen, wenn bei den Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit am 3. Oktober 2016 in Dresden die Wilsdruffer Straße wie ein Aufmarschgebiet mit Schwarz-Rot-Gold behängt ist. Die Ewiggestrigen vereinnahmen Land, Fahne und auch Begriffe wie Heimat, Volk, Demokratie für sich. Es liegt an uns, dies nicht zuzulassen.

Foto: Anna-Maria Schielicke, Duden/Demokratie
Foto: Anna-Maria Schielicke, Duden/Demokratie

In einer für mich berührenden Rede auf dem Kongress „2gather“ sagte Michal Tomaszewski, Mitglied der preisgekrönten Banda Internationale: „Das Wort Heimat darf uns nicht entgleiten und auch nicht durch die Deutungshoheit von Traditionalisten und Nationalisten bestimmt bleiben: denn jeder, der mit uns leben will, wird uns nach ihr fragen und danach, ob er an ihr teilhaben kann. Wie sollen wir sie mit ihm teilen, wenn wir sie für uns nicht definieren?“

Gleiches gilt für „Wir sind das Volk!“. 1989 verwendet, um den Widerspruch zwischen propagierter Volksherrschaft und realer Diktatur zu bezeichnen, wird es nun skandiert, um das politische System Deutschlands als Diktatur zu markieren, das – bei allen Defiziten – weit davon entfernt ist. Jene, die montäglich „Wir sind das Volk!“ bis zur Heiserkeit schreien, sind nicht ‚das Volk’. Sie repräsentieren nicht den Souverän, sie sind eine Minderheit von zehn, vielleicht zwanzig Prozent.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass man sich von all dem Gebrüll auf Dresdens Straßen ins Bockshorn jagen lässt. Die Montagsdemonstranten übertönen den ganzen konstruktiven, auch kontroversen Diskurs, der in Dresden durchaus geführt wird. Wir lassen uns die Agenda von denen vorgeben, die das Rad der Zeit um wenigstens 60 Jahre zurückdrehen wollen. Anstatt den Lauten und Unverschämten weiterhin ergebnislos Foren zu bieten, sollten wir die drängenden Probleme selbst besonnen und konstruktiv diskutieren und nach Lösungen suchen. Anstatt aus der Defensive bestimmte Begriffe zu meiden, sollten wir sie offensiv aufwerfen, hinterfragen und für eine demokratische, pluralistische, weltoffene und der Zukunft zugewandte Gesellschaft mit Sinn füllen.

Letztlich müssen wir – gegen alle Widerstände – dafür sorgen, dass alle hier leben können (und wollen), die den demokratischen Grundkonsens teilen. Dieser wurde angesichts deutscher Geschichte nicht umsonst in Ewigkeitsklauseln fixiert. Dazu gehört Artikel 1 GG mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde, den unveräußerlichen und unverletzlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft. Hier steht nichts von deutscher, patriotischer oder autochthoner Gemeinschaft, sondern schlicht menschlicher Gemeinschaft.

Wir sollten den Demokratiefeinden, den Rückwärtsgewandten, den Ewiggestrigen keine tatsächlichen aber auch keine sprachlichen oder definitorischen Räume überlassen, indem wir uns in falsch verstandener Rücksichtnahme oder auch aus Angst und Frustration zurückziehen.

Es mag ein enervierender, ein mit Sicherheit mühevoller, ein mühsamer Weg sein, den Dresden vor sich hat. Weniges ist erreicht, aber es ist zumindest erreicht. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die selbstkritisch, reflektiert, streitbar und dennoch unbeirrbar in ihren demokratischen Grundüberzeugungen sind, hier bleiben, um diese Stadt zu gestalten.

Ich habe mir diese Stadt ausgesucht und wäre dankbar, wenn man mich mit ihr nicht alleine ließe.

Dresden in der Welt

Dresden auf dem Heidefriedhof am 13. Februar 2012. Foto: Strahl

 

Von Torsten Klaus. Alle Jahre wieder. Gedenken. Diskussionen. Richtig? Falsch? Wer hat wann wem was angetan? Es ist das ewige Thema in DD, der 13. im zweiten Monat, wieder und wieder und wieder. Wie eine Dose, die einmal im Jahr vom Regal kippt, ihren Deckel verliert und durch den ausströmenden Geruch signalisiert: nichts mehr zu retten vom Inhalt. Es riecht nach Vergangenheit. Und die riecht nicht gut. Die Frage, ob heute Nazis marschieren oder sich wie zweimal in den Vorjahren die Beine in den Bauch stehen, ist fast nebensächlich. Auch die nach den Blockaden ist nicht die entscheidende. Denn eigentlich ist alles gesagt, sind alle Gedanken gewälzt. Weshalb dieser Text überflüssig sein könnte. Aber er ist es nicht. Noch nicht.

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Dresden in der Welt

Werbung der Stadt für die Menschenkette 2012. Foto: Rädisch

 

Von Tobias Strahl. Die Stadt Dresden sieht ihren Aufruf zur Menschenkette vom 13. Februar durch einen Aufkleber verunglimpft, berichteten die „Dresdner Neusten Nachrichten“  (DNN) in der Wochenendausgabe vom 14./15. Januar. Der Aufkleber, der unter anderem an Stromkästen und Laternenmasten in Dresden zu finden ist, „diffamiert“ die Menschenkette, meinen die DNN. Der Zeitung zufolge will die Stadt Urheberrechtsklage einreichen – gegen wen, weiß jedoch niemand.

Continue reading „Alte und neue Widersprüche – Dresden, der 13. Februar und ein Aufkleber“

Dresden in der Welt

Anonymer Aufkleber. Gesehen in Dresden. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. Mit der Debatte um die rechtsextremistische Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) erhält der kommende 13. Februar in Dresden eine besondere Brisanz. Der Aufmarsch der Neonazis in Dresden ist eine Katastrophe seit Jahr und Tag – 2012 jedoch wird er wohl so präsent werden wie nie zuvor.

Im ausgehenden vergangenen Jahr haben wir uns im Kreis der Sehnsuchtsort-Autoren gefragt, wie einige auf dem rechten Auge offenbar sehschwache konservative sächsische Politiker die neue deutsche Sensibilität gegenüber dem alten Neonazi-Phänomen in ihre Strategie zum 13. Februar einbauen wollen. Die Antwort darauf fällt ebenso ernüchternd wie wenig überraschend aus.

Continue reading „Tillich entdeckt die Rechten – Sächsische Zeitung applaudiert“

Die Welt um Dresden

Von Markus Loewenhaupt. Ja, ja Herr Brecht, wissen wir. Aber bei allem Respekt, ich empfinde es als unangemessen, in diesem Zusammenhang den Schoß, den weiblichen natürlich, zu bemühen. Das ergibt eine assoziative Unschärfe und kommt zudem einer pauschalen Diffamierung des Weiblichen gleich. Ich erlaube mir daher, eine andere Variante vorzuschlagen: „Der Darm ist tätig noch…“ Da werden die Bilder vor dem inneren Auge eindeutiger.

Die brechtsche Variante indes ist die populärere, weil spätestens seit der Uraufführung des „Arturo Ui“ bekannt. Die meine ist es nicht, weil vor wenigen Minuten auf der Basis brechtscher Erkenntnis geboren beziehungsweise kolportiert.

Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass genau dieser Schoß oder Darm kaum oder immer wieder mal nur punktuell eine Rolle im Fokus öffentlicher Betrachtung spielt, und wenn, dann zum Beispiel auch mal ganz öffentlich laut darüber nachdenkend als Phänomen der „Anschlussgebiete“, weil – wissen wir auch: die Krippenkinder in der DDR gezwungen wurden, gemeinschaftlich zur gleichen Zeit auf den Töpfchen und sowieso in Reih und Glied – und da wären wir wieder beim Darm.

Continue reading „„Der Schoß ist fruchtbar noch…““

Dresden in der Welt

So beginnt ein Artikel im Online-Magazin der ZEIT, den, so meine ich, nicht nur Dresdner mindestens zwei Mal lesen sollten. Die ZEIT war am 19. November in Jena und hat sich dort unter anderem mit Albrecht Schröter, dem Bürgermeister der Stadt, sowie dem Jugendpfarrer Lothar König – bekannt in Sachsen spätestens seit der Razzia von Tillichs Truppen in der Jungen Gemeinde von Jena – unterhalten.

Sowohl Schröter, eben in Berlin mit dem Preis für Zivilcourage, gegen Rechtradikalismus, Antisemitismus und Rassismus ausgezeichnet, als auch König reden Tacheles, nicht nur, wenn es um Rechtsradikalismus und -extremismus in Jena und Thüringen geht. Man kann in dem Artikel der ZEIT  auch einige interessante Dinge über  Sachsen, und natürlich Dresden, nachlesen. Viele, die seit Jahren Ähnliches wie Schröter und König versuchen, können darin sehen, dass es funktionieren kann. Die Verantwortlichen in Sachsens Landes- sowie Dresdens Stadtregierung sollten die freie Zeit um die Jahreswende dazu nutzen, den Artikel wie den Kleinen Katechismus auswendig zu lernen.

strahl

Dresden in der Welt

Von Tobias Strahl. Kommunikationswissenschaftler der Technischen Universität Dresden hatten sich nach den teils bestürzenden Szenen des vergangenen 13. und 19. Februar in einer Petition an die Stadt gewandt. Gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen Dresdens wollten sie Möglichkeiten des legalen Protests gegen die alljährlich wiederkehrenden Naziaufmärsche erörtern. Einbeziehen wollten sie dabei alle, die sich keinem der politischen Lager, die um den 13. Februar in Dresden aktiv werden, zugehörig fühlen. Über 4000 Unterschriften für die Petition sprechen eine deutliche Sprache – offenbar hatten Anna-Maria Schielicke, Cornelia Walter, Mathias Rentsch und Martin Degen das Anliegen vieler im Kern getroffen. 

Umso überraschender und niederschmetternder liest  sich die Antwort der Stadt an die Petitionäre. In einer verkürzenden Darstellung, die daran zweifeln lässt, dass der Text der Petition auf Seiten der Verantwortlichen der Stadt überhaupt gelesen, geschweige denn verstanden wurde,  nimmt nicht etwa der zuständige Petitionsausschuss Stellung, sondern vielmehr der Leiter des Ordnungsamtes der Stadt, Ralf Lübs, der sich von der ihm übertragenen Aufgabe der Beantwortung des Petitionstextes sichtlich überfordert zeigt.

Continue reading „Petition zum 13. Februar – Brief der Petitionäre an die Stadt“

Dresden in der Welt

Von Tobias Strahl. Von der Ereignissen um den 13. und 19. Februar dieses Jahres, vor allem aber von der undifferenzierten Haltung der meisten der verantwortlichen Politiker in Dresden diesen Ereignissen gegenüber aufgebracht,  hatten vier Mitarbeiter des Instituts für Kommunikationswissenschaften an der Technischen Universität Dresden eine Petition an die politische Vertretung der Stadt Dresden initiiert.  Unter dem Titel „Neonazi-Aufmärsche in Dresden: „Gegendemonstrationen anerkennen statt kriminalisieren“ forderten Anna-Maria Schielicke, Cornelia Walter, Martin Degen und Mathias Rentsch vor allem die Anerkennung des zivilcouragierten Engagements gegen die alljährlichen Naziaufmärsche in Dresden in seiner Vielfalt.  Als die Petition  am 24. April schloss, hatten weit über die Grenzen der Stadt hinaus 4244 Unterstützer aus dem gesamten gesellschaftlichen Spektrum mit ihrer Unterschrift ihre Zustimmung zu dem Anliegen der Kommunikationswissenschaftler signalisiert.

Die Antwort der Stadt liegt nun vor. Sie macht sprachlos. Jeder einzelne Gedanke sträubt sich, den Text mit der Ernsthaftigkeit, die er implizieren soll, zu würdigen. Zwei Möglichkeiten der Interpretation legt der juristisch-moralische Zeigefinger-Sermon nahe: Entweder ist der politische Verwaltungsapparat der Stadt so weit aus dem Zentrum der Gesellschaft gerückt, die er repräsentieren und deren Mitglieder er vertreten soll, dass er schlichtweg nicht mehr in der Lage ist, die gesellschaftlichen Dimensionen gewisser Ereignisse auch nur annähernd zu beurteilen, oder – das wäre an Perfididät kaum noch zu übertreffen – das Anliegen wurde bewusst im Kontext einer fragwürdigen, doch nicht unbekannten Herrschaftspraxis abgewogen, ebenso bewusst verkürzt reflektiert und schließlich schlichtweg abgewatscht – denn nicht angenehmer als eine im besten Amtsdeutsch verfasste Ohrfeige für die 4244 Petitionäre liest sich die Antwort der Stadt:

„Der Petitionsausschluss des Stadtrates der Landeshauptstadt Dresden hat sich für ihr o. g. Anliegen für nicht zuständig erklärt. Der Vorgang wurde an den Unterzeichner zur Beantwortung abgegeben.

Continue reading „Nicht zuständig – Dresden weist Petition zum 13. Februar zurück“

Dresden in der Welt

Von Tobias Strahl. Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche. Demokratie findet statt; es wird diskutiert um den 13. Februar. Offenbar gibt es jedoch immer wieder Verständigungsschwierigkeiten, was sie denn nun sei, diese Demokratie. Zustand oder vielmehr Prozess. Recht oder Unrecht zu behalten, im Diskurs mächtig zu bleiben, ist bestenfalls ein definitorisches Moment unserer Demokratie; das Ziel der Rechthaber jedoch ist nicht ein besseres demokratisches Verständnis, sondern vielmehr Macht, um die es in Demokratien eben auch geht.

Einige derer jedenfalls, die Stadt und Freistaat wegen deren Haltung zum 13. Februar in den letzten Jahren mit allem Recht vehement kritisiert haben, zeigen sich nun ebenso wenig zu Kompromissen bereit, nehmen für sich vielmehr das Recht in Anspruch, uneingeschränkt Deutungshoheit zu behalten, produzieren ihrerseits eine wenig produktive Mischung aus Intoleranz, Ignoranz und arrogantem Machtgebaren, die sie vorher auf Seiten der Stadt, oft zu Recht, beklagten.

Continue reading „Spaltungen: 13. Februar“