12. Fensterchen: Bildausschnitt

Der Name Hokusai wird eher wenigen etwas sagen. Seine Bilder dafür umso mehr. Gebe es so etwas wie eine nationale Ikone der japanischen Kunst, es wäre wohl “Die große Welle vor Kanagawa”. Die farbige Grafik zählt zum Zyklus “36 Ansichten des Berges Fuji”, der in den 1830er Jahren entstand. Damit existiert eine zeitliche Parallele zur europäischen, besonders zur deutschen Romantik. In Europa hieß das: Verschmelzung von Natur und Seele. Ein Gedanke, der sich bei Hokusai ganz ähnlich findet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Fujiyama bis heute das größte Nationalheiligtum im Land der aufgehenden Sonne ist.

Katsushika Hokusai: Die große Welle vor Kanagawa, um 1830. Foto: Wikimedia

Das alles hat nicht nur wegen der Romantik mit Dresden zu tun. Und es ist wie so oft ambivalent. Seit 2006 findet sich auf der Augustusbrücke die Skulptur “Die Woge” von Tobias Stengel, nachdem die Stadt einen Wettbewerb ausgelobt hatte, um mit einem Kunstwerk an das Hochwasser 2002 zu erinnern.

Die Skulptur zeigt die hohe Welle wie bei Hokusai, schließt aber mindestens zwei wichtige Aspekte des Originals aus. Erstens die Männer, die geduckt in den Booten liegen, von den Elementen umtobt. Zweitens den Fujiyama, dessen Kegel sich am Horizont abzeichnet.

Hokusai setzte einem natürlichen Schrein und einem Stück dominanter Natur seiner Heimat mit den 36 Grafiken ein Denkmal. Der Fujiyama war das Zentrum dieser Bilder. Eins davon so zu beschneiden und zu reinterpretieren wirkt in etwa so, als wolle man Caspar David Friedrichs Werk “Zwei Männer in Betrachtung des Mondes” die beiden Männer und den Mond nehmen und nur den knorrigen Baum übriglassen. Wäre ja eine Überlegung für die nächste Skulptur in Dresden. Aber woran soll sie erinnern? Vielleicht ja an die hölzerne Art und Weise, Bildausschnitte mit veränderter Bedeutung zu produzieren.

5 comments

  • Die Kritik greit, mit Verlaub, zu kurz.

    Macht man einem Filmregisseur, der einen Roman adaptiert, etwa den Vorwurf, dass er nicht jede einzelne im Buch erwähnte Szene bebildert?

    Es ist das Wesen einer Hommage, dass sie akzentuiert und reduziert.

    Stengls Entscheidung wirkt angesichts der gestellten Aufgabe nachvollziehbar und gerechtfertigt. Schließlich geht es um die Dresdner Flut. Hokusais Woge gehört zum ikonographischen Menschheitsgedächntis und wird hier sinnbildlich zitiert und rekontextualisiert.

  • Liebe Muyserin,

    nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.
    Ich sehe nicht, wo die Ungleichung Roman=Film aufgehen sollte.
    Ein Text ist ein Text und ein Film ist ein Film – selbst einem sehr erweiterten Textverstaendnis folgend.

    Doch gehen wir scherzeshalber darauf ein: Eine zweihundertseitige “Hommage” Originaltext in einem Roman unter fremder Autorschaft mit marginalen (eigenen) Randbemerkungen ist dem Plagiat sicher naeher als dem Zitat – selbst anders kontextualisiert. Da hilft auch der Rueckgriff auf den mittlerweile bis ins Unendliche ausgeweiteten Begriff der Ikonografie nicht viel weiter. Sicher ist Panofsky nicht das Ende jeder Weisheit. Und in anderen Taelern wohnen auch Menschen.

  • Werter ???,

    Ihr Pseudonym scheint mir gut gewählt, denn Fragezeichen sind alles, was für mich nach der Lektüre Ihrer „Argumente“ bleibt.

    Wiewohl ich schätze, dass Sie sich mit meinem Kommentar überhaupt auseinandersetzen, werde ich an keiner Ecke schlau daraus. War das Ihre Absicht, als unverstandener Hyperintellektueller zu erscheinen? Der Verdacht drängt sich zumindest auf.

    Was an Ihrer Formulierung „Ein Text ist ein Text und ein Film ist ein Film“ ist so grundsätzlich verschieden von meiner Feststellung, dass jedes Kunstwerk innerhalb des ihm eigenen Universums existiert und dessen Gesetzen gehorcht? Sie wollen mich widerlegen, indem Sie meine eigenen Argumente paraphrasieren? Das ist ja richtiggehend drollig.

    Wirr finde ich Ihren Nachsatz „selbst einem sehr erweiterten Textverstaendnis folgend“. Was soll denn das bedeuten? Ein Text ist ein Text und ein Film ist auch ein Text – das ist keine Semantik, das ist einfach simpelste Terminologie. Genauso, wie von „Literatur“ die Sprache sein kann, wenn man z. B. über Liedgut spricht.

    Warum Sie das nun zum Scherzen finden? Möge Ihr Geheimnis bleiben.

    Den Begriff Ikonographie habe ich keinesfalls ins Unendliche gweitet, sondern innerhalb der Grenzen jener Disziplin verwendet, aus der er stammt: den Bildkünsten. Wenn Sie hier schon Panofksy anführen, dann unterscheiden Sie doch bitte zwischen Ikonographie und Ikonologie. (Was ich übrigens an den in die angelsächsische Welt emigrierten, deutschsprachigen Kunsthistorikern so schätze, ist ihre klare Art, sich auszudrücken: Brillanz des Denkesn, Einfachheit der Sprache. Das Vertriebenwerden aus der Muttersprache bewirkte, dass sie alles dünkelhaft akademische ablegten. Ist Ihnen das auch schon einmal aufgefallen?)

    Was bleibt für mich von diesem „Dialog“? Sie streiten sich mit mir über meinen Vergleich, ohne der eigentlichen Fragestellung – der Überführung einer Kleingrafik in eine Großplastik – Nennenswertes hinzuzufügen. Und wissen Sie, das finde ich bedauerlich. Ganz unbelesen schienen Sie ja nicht zu sein. Ich bin mir nur nicht sicher, ob Sie auch verstanden werden wollten.

    Freundliche Grüße ins Neandertal (?)
    Muyserin.

  • Liebe Muyserin,

    Sie schreiben:

    “Was ich übrigens an den in die angelsächsische Welt emigrierten, deutschsprachigen Kunsthistorikern so schätze, ist ihre klare Art, sich auszudrücken: Brillanz des Denkesn, Einfachheit der Sprache. Das Vertriebenwerden aus der Muttersprache bewirkte, dass sie alles dünkelhaft akademische ablegten.”

    Brillianz des Denkens? Einfachheit der Sprache?

    Etwa so:

    “Hokusais Woge gehört zum ikonographischen Menschheitsgedächntis und wird hier sinnbildlich zitiert und rekontextualisiert”?

    Zur Paraphrase:

    Stengl nimmt eine vorhandene, beiendruckende Grafik, macht sie in Metall, und pappt sie in Dresden ueber die Elbe.

    Hier erschoepft sich die “Brillianz des Denkens”, das ihrem Echo zu Grunde liegt recht schnell, nicht? Einfachheit der Sprache? Nun, Sie sehen es selbst.

    Bei Stengl indes ist es die Simplizitaet der Idee, die ohne jede Imagination auszukommen scheint (wie so Vieles). Insofern ergaenzen sich Stengls “Plastik” und Ihr Echo wunderbar. Die Kopie, der Kopie der Kopie…

    Ebenso koennte man im nahe gelegenen Landgericht “Der Sturm” auffuehren (bei Unkenntlichmachung George Clooneys selbstverstaendlich) oder etwa des unsaeglichen Emmerichs “2012”. Wundern wuerde es mich nicht. Dresden ist eine Stadt fremder Superlative ohne hinreichende Kenntnis deren verschiedener Niveaus (und des eigenen vor allen Dingen); an wortschachtelnden Apologeten fuer armselige Aneignungen fremder Groesse wird es offenbar nicht fehlen.

    Stengl jedoch scheint mit der Idee des Feigenblatts zumindest hinreichend vertraut zu sein. “Hochwasser 2002 – Spiegel der Fluten andernorts”. Diese Inschrifft kann und darf aus zweierlei Gruenden nicht fehlen. Ist IHNEN das einmal aufgefallen? ;-))

    Ich moechte Ihnen gern Folgendes empfehlen:

    “Ein Werk, das unter einem exklusiven Gesichtspunkt geschaffen ist, hat immer, wie gross auch seine Fehler sein moegen, einen grossen Reiz fuer die Temperamente, die denen des Kuenstlers verwandt sind…[…] Die Zweifelsucht hat gewisse Kuenstler verfuehrt, die Hilfe aller andren Kuenste anzurufen. Die Versuche mit widerstreitenden Mitteln, das Aufpfropfen einer Kunst auf eine andre […] all diese modernen Miseren sind Laster, die den Eklektikern eigen sind”

    Nicht ganz “unbelesen” wie Sie sind, haben sie den zugehoerigen Text sicher schnell ausfindindig gemacht.

    Fuer alles Weiter gilt unveraendert: ‘Wer sich selbst kommentiert…”

    Mit besten Gruessen aus dem geistigen Neandertal…

  • Werter ???,

    mit Ihrem Pseudonym outen Sie sich ja als Krimifan. Dennoch glaube ich nicht, dass die Sache, über die wir hier diskutieren, das Zeug zu einem großen Kunstkrimi hat. Daher wollen wir etwaige Leser nicht weiter mit den Spitzfindigkeiten langweilen, die sich zweifelsohne machen und mit mehr Muße ins Unendliche fortspinnen ließen.

    Mir ist mit Ihrer Antwort jetzt insofern geholfen – und damit rechtfertigt sie auch die Zeit, die mich meine Nachfrage an Sie gekostet hat – als ich nun endlich weiß, dass Sie sich nicht nur an meinem Vergleich stießen, sondern auch tatsächlich Stengls Kunstwerk bescheiden finden. Das ist doch mal eine Aussage, mit der sich etwas anfangen lässt.

    Dass man sich daran stößt, ist das Beste, was einem Kunstwerk passieren kann, und so lassen wir unsere kontroversen Meinungen wohl am besten nebeneinander bestehen.

    Um jetzt für Sie Männchen zu machen und das Zitat einwandfrei zuzuschreiben, sind weder mein Wissen noch meine Profilneurose groß genug. Dass Sie, der Sie sich ja offenbar einiges auf Ihre „Simplizitaet“ einbilden, nicht einfach den Autor daruntersetzen, ist schade für den, von dem die kluge Beobachtung stammt.

    Gut gefällt mir, wie Sie sich bis zum Schluss treu bleiben und den Jünger nur als unkendes Raunen zitieren. Das ist stimmig vom Halbsatz bis hin zur Ellipse, und nur so wird man „fremder Groesse“ gerecht, wenn man nicht mit eigenem Namen zeichnet.

    Freundliche Grüße in Ihren Elfenbeinturm sendet
    Muyserin.

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