15. Fensterchen: Kleines Wunder

Sie hatte ihn geküsst. Seine Augen waren vor Überraschung noch weit aufgerissen. Doch er rührte sich nicht, als würde er von unsichtbaren Kräften weiter in seine Position gezwungen.

Auch sie war offenbar überrascht. Als sie ihre Lippen von seinen wieder gelöst hatte, blieb sie einen kurzen Moment lang wie schockgefroren stehen. Dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie sagte kein Wort, heftete aber ihre Augen weiterhin auf den Mann vor ihr. Sie drückte ihr Kreuz durch, zog ihre Uniform straff und lächelte immer breiter. Sie war, ja, sie war zweifellos stolz auf ihre Tat.

Der Mann löste sich langsam von der Erinnerung ihres Kusses. Auch er schwieg, nahm seine zur Seite gerichteten Arme herunter und drehte sich um. Auf dem Laufband hinter ihm erschien sein gerade durchleuchtetes Gepäck, in einer Plasteschale standen seine Schuhe. Er zog sie an, nahm seine Sachen und blieb unschlüssig stehen. Sie hatte sich schon wieder dem nächsten Passagier gewidmet, der seine Arme ausbreitete. Alle ringsum schienen den Atem anzuhalten: ihre Kollegen, die wartende Menge. Würde sie wieder küssen? Sie schien diese Erwartungshaltung gar nicht zu bemerken, winkte schon wieder den nächsten heran. Der Geküsste seufzte, nickte ein kurzes Nicken und ging mit festen Schritten zu seinem Gate. Er wusste plötzlich, dass er Teil eines kleinen Wunders gewesen war.

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