19. Fensterchen: Dresdens neues Industriedenkmal

Der Weihnachtsfrieden ist gerettet: Nicht dank Angelas weicher Kriegserklärung am Hindukusch, sondern dank Petrus’ hartem Winterkurs südöstlich von Dresden. Der herrliche Frost macht es möglich: Die Elbe blieb brav und gleichmäßig im Bett – plusminus zehn Zentimeter Pegelimpuls innerhalb von 48 Stunden hätten das so genannte „Einschwimmen“ des nagelneuen Dresdner Industriedenkmals noch länger als die bisherigen zwei Wochen verzögert.

„In der Nacht ruht der Kollos einerseits an Land und andererseits auf dem Wasser“, schrieb uns die Stadt … … gestern spätnachmittags in einer ihrer euphorischen Mitteilungen ins Logbuch – und gab dem Bügeleisen somit einen neuen Kosenamen – vermutlich in Anlehnung an ein anderes Weltwunder. Doch der „Kollos“ von Johannstadt, auf dem der Verkehr ab Weihnachten 2011 künftig mit 30 km/h gen Fetscher- und Schillerplatz rauscht und viel Autobahnmaut von Berlin nach Prag sparen hilft, macht auch deutlich, warum kulturelles Welterbe und Dresdens Zukunft nicht so recht zueinander passen. Aber dafür hat Sachsen so viel Stahl für den Ernstfall vorm Chinesen gerettet, dass künftig in schlechten Zeiten keine Kirchglocken mehr eingeschmolzen werden müssen.

Wer das Opfer bezweifelt, kann einen schönen Baustellenservice nutzen: Die Firma Inter Office GmbH (mit Sitz in der Zschonermühle) dokumentiert, sicher im Geheimauftrag der UNESCO, den strikten Wiesenerhalt – und das viel genauer als Gugelmäbb, weil stündlich. Schon seit 10. September 2009, 10 Uhr, watcht der große Bruder den Baufortschritt im Netz und dokumentiert ihn per Fotogalerie. Im Archiv kann man (am besten in Monatssprüngen) durch den Elbauenverbrauch switchen, bei schnellem Netz wirkt das wie ein Filmchen, die meisten Gucker sitzen im ADAC-Büro und im Regierungspräsidium, den eigentlichen Machern der Brückenachse.

Wer bei der Datumswahl an ein Ablenkungsmanöver seitens der Dresdner Stadtverwaltung dachte, weil sie es dank Missachtung von Gesetzeslage und Stadtrat schaffte, den gemeinen Striezelbürger um die wohlverdienten einkaufsfreien Sonntage zu bringen, lag falsch – auch wenn der Weg bis zu dieser Zeremonie zur Krönung der Weltenterbung eine Chronik ähnlichen Gebahrens darstellte.

Nein, das Datum wurde bewusst gewählt: Denn obwohl die Region Dresden alltäglich ungefähr genauso viel Kultur bietet wie Ruhr 2010, entsendet sie genau heute ihren weihnachtlichen Gruß gen Westen. Genauer in den Duisburger Hafen, wo die Vorbilder der Dresdner Eisenkonstruktion dahinrosten – allerdings, das gehört fairerweiser erwähnt: gebaut von der großdeutschen Reichsbahn und ganz ohne Volksentscheid.

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