23. Fensterchen: Zwerge senden Schneckenpost (und beerdigen Kulturgut)

„Menschen zu verbinden ist ein Geschenk“, so die heutige, zutiefst weihnachtliche Titelseitenbotschaft einer grünen Lokalzeitung in Sachsen, garniert mit vielen goldenen Häschen, Mäuschen, Zwergchen, Knackerchen und auch ein paar stilechten Schneckchen (siehe Ausriss im Nacktschneckenscanner).

Nur, dass es gar nichts geschenkt gibt, sondern die ersten beiden Seiten zur puren Eigenwerbung für den hauseigenen Postdienst genutzt werden. Ganz klein, unterm Preis rechts oben, wird dies sogar korrekt als Anzeige gekennzeichnet. Die Botschaft („Ganz Deutschland! Ganz günstig!“) ist klar, der konkrete Sparwert wird jedoch verschwiegen. Es sei denn, man erkennt auf dem Aufkleber die aufgeklebte Briefmarke.
Das Konstrukt – also Titelseiten- und Briefmarkengestaltung – wird zur Kunst erklärt, der Künstler spricht von nächtelanger Arbeit und nennt es „Postbarock“. All das stellt dennoch einen Dammbruch im keuschen deutschen Blätterwald dar. Bislang war es vorwiegend kostenlosen Blättern oder Stadtmagazinen vorbehalten, ihre Titelseite als Anzeige zu verhökern.
Ob es in der Geschichte deutscher Tageszeitungen eine vergleichbare Dreistigkeit gibt, scheint durchaus strittig, bislang sorgten sich Verleger dabei aber meist mit Originalität um das Image ihres Werkes. Jetzt ist die Zeitung kein Kulturgut mehr, sondern einfach nur noch ein Produkt. Das sächsische Macher-Gen hat wieder zugeschlagen. Man darf gespannt auf die nächsten geschenkten Seiten und deren Botschaften sein, das Verlagshaus hat noch einige gewinnsüchtige Firmen am Start. Interessant dürfte auch die Nachfrage von Konkurrenten sein, zu welchem Preis man dieses Paket – inklusive bisschen Redaktion auf Seite 2 (die es gleich doppelt gibt) – bekommt. Denn Chancengleichheit unter Kunden war bislang ein weiteres Credo, was nun offenbar geopfert wird – oder eine kunterbunte Zeitungszukunft beim schnellen Kioskblick verheißt.
Den Abgesang der Tageszeitung als Botschafter von seriösen Informationen wurde eingeläutet: einfach ein ehrliches und somit gutes Weihnachtsgeschenk.

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