Insolvent und keine Fragen

Eine Nachbetrachtung zur jüngsten Abwärtsentwicklung der Nachrichtenagentur dapd.

Von Torsten Klaus.

Wenn man nicht schon Realist wäre – der Journalismus brächte einen dazu.

Als die Nachrichtenagentur dapd vor ziemlich genau zwei Jahren in Berlin gegründet wurde und sofort Fahrt aufnahm, was sich auch in zahlreichen Neueinstellungen niederschlug, spielten einige meiner Kollegen mit dem Gedanken, dorthin zu wechseln. Ich übrigens auch. Manche gingen den Schritt. Ich nicht. Seit dapd vorgestern für ihre Gesellschaften “nachrichtenagentur” und “nachrichten” einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung gestellt hat, sind mir meine damaligen Zweifel wieder bewusst geworden. Und noch etwas anderes ging mir durch den Kopf. Die dapd-Inhaber, Peter Löw und Martin Vorderwülbecke, sind binnen zwei Jahren mit viel Vollmundigkeit aufgefallen. Mit Transparenz weniger – was so gravierende Dinge wie einen Geschäftsbericht betrifft. Die Behandlung – oder besser: Nichtbehandlung – dieses Themas zeigt auch das Versagen der Medien insgesamt in diesem Fall. Ein Beispiel kollektiven Wegschauens.

Im Januar veröffentlichte dapd eine rund zehn Zeilen umfassende Mitteilung zu den Geschäftszahlen 2011. Deren Kern: Die dapd-Gruppe erzielte einen Jahresumsatz von 31,7 Millionen Euro, 2012 würden 50 Millionen Euro angepeilt. Die Gesellschaft, hieß es, sei “seit 2008 profitabel und vollständig schuldenfrei”, sämtliche Gewinne sollten reinvestiert werden. Dann folgte eine kurze, klare Aussage: “Einzelheiten zum Geschäftsbericht werden nach Prüfung der Bilanzen mitgeteilt.” Diese Mitteilung steht bis heute aus. Und mir sind, obwohl ich nicht den gesamten deutschsprachigen Medienmarkt im Überblick habe, keine weiterführenden Anfragen (und Antworten darauf) von Journalisten bekannt. Wer solche Hinweise auf rühmliche Ausnahmen hat, soll sie bitte nennen.

“Die Branche sucht nach Helden, die in Pressefreiheit investieren”, schrieb Claudia Tieschky zur dapd-Insolvenz in der Süddeutschen Zeitung. Vielleicht war es genau diese Hoffnung auf den großen Wurf, gespeist aus einer Mischung von Uneigennützigkeit und Mäzenatenhabitus, der die Branche dazu veranlasste, lieber nicht nachzufragen. Löw und Vorderwülbecke sind Finanzinvestoren. Sie haben bei ihren bisherigen Geschäften logischerweise auf gute Rendite abgezielt. Ihr Einstieg bei dapd war von Beginn an mit Ambivalenz verbunden: einerseits die harten Investoren, andererseits das Betonen gesellschaftlicher Verantwortung. Beide nahmen Geld in die Hand und kauften, bauten um, versetzten den Branchen-Platzhirsch dpa in helle Aufregung. Und nun der Absturz.

Doch zurück zur Verantwortung derer, die nicht nachfragten. Ein ordentlicher Geschäftsbericht hätte gezeigt, wie profitabel das Unternehmen wirklich war, wo effizient gearbeitet wurde und was durch Zukäufe zustande kam. Doch nach diesem Bericht wurde offenbar nicht verlangt. Niemand wollte schlafende Hunde wecken. Die Journalisten glaubten vielmehr lieber dem Tenor der dapd-Pressemitteilungen. Die gab es, wenn mal wieder vor allem Personal von der Konkurrenz ins eigene Haus wechselte. Oder als Otto Schily in den Beirat der dapd gewählt wurde. Es gab sie aber auch, als der französische Dienst der Nachrichtenagentur AP übernommen worden war – also durchaus Öffentlichkeitsarbeit mit Geschäftsbezug. Nur so ganz genau wollte das, wie gesagt, wohl niemand wissen.

Nun also die Insolvenz, der ab heute weitere sechs Gesellschaften des dapd-Nachrichtenagenturbereiches unterworfen sind. Für rund 300 der mehr als 500 Beschäftigten stellt sich damit eine existenzielle Frage: wie lange sie ihren Job noch haben werden. Ich denke an die Kollegen, mit denen ich damals über die neue Chance sprach – so begriffen zumindest viele das Entstehen einer neuen Nachrichtenagentur. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Löw und Vorderwülbecke jetzt wieder zu dem werden, was sie anderswo bereits bewiesen hatten: zu harten Sanierern nämlich. Auf Transparenz bei Geschäftszahlen ist jedoch auch künftig wenig Hoffnung. Laut Medienberichten sagte Löw im Zuge der angemeldeten Insolvenz, er und Vorderwülbecke hätten pro Monat privat etwa eine Million Euro in die Nachrichtenagentur zuschießen müssen. Das ist eine äußerst vage Aussage. Seit wann? 2012? Oder schon eher? Diese Fragen fallen mir, der ich ausdrücklich kein Wirtschaftsjournalist bin, sofort ein. Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass sie jemand gestellt hätte. Vor allem vor dem Hintergrund, dass dapd vor gut drei Wochen in die Berliner Zentrale eingeladen hatte, rund 300 Gäste in der “neuen dapd-Lounge im Herzen des politischen Berlins” begrüßte. Das Fiasko war da wohl schon längst absehbar.

Kurzer Nachsatz, den ich beim Thema Nachrichtenagenturen immer anbringe: Ich habe jahrelang für dpa gearbeitet. Das aber, so denke ich, enthebt mich nicht der Lage, diese Zeilen zu schreiben. Sie sind aus meiner Sicht sogar bitter notwendig. Den betroffenen Kollegen wünsche ich alles Gute.

Diskutieren Sie mit: