Adeus, José

Trailer zu Fernando Meirelles “Blindness” (2008) nach dem Roman “Ensaio sobre a cegueira” (Die Stadt der Blinden (1995)) von José Saramago. Originallink zu Youtube

Von Torsten Klaus. Alle reden vom Fußball. Ein paar versprengte Seelen noch vom Albertinum. An einem Tag, wo Deutschland (vergeblich) über den WM-Acker jagt und ein bedeutendes Museum kurz vor der Wiedereröffnung steht, bleibt für eine andere Nachricht nur wenig Aufmerksamkeit übrig: José Saramago ist tot.

Natürlich mischt sich für seine Leser das Wissen in die Trauer, dass nun nur noch veröffentlicht wird, was Saramago schon geschrieben hatte, Neues nicht mehr entstehen kann. Das ist bitter, wenn man bedenkt, mit wieviel Phantasie er beschlagen war. Sein Doppelbuch “Stadt der Blinden” und “Stadt der Sehenden” – zwischen beiden Romanen liegen immerhin neun Jahre – ist allein ein Autorenleben wert. Saramago zeigt darin das Aufbegehren der Bürger gegen den Staat – und dessen Rache. Wer heutzutage gern und ständig über “gute Demokraten” schwafelt, sollte sich bei Saramago Aufklärung holen. Ihm war es wichtig, Fragen zu stellen. Von vorgestanzten Antworten hielt er nichts.

Auch außerhalb der Literatur schlug Saramago seine Schlachten: Breitseiten feuerte er ab, ob nun auf die Katholische Kirche oder Silvio Berlusconi. Er, der streng katholisch erzogen worden war und dann mit der Kirche brach, wusste unter anderem um die Gefahr einer vom Glauben geprägten Deutungshoheit. “Religionen haben nie dazu gedient, uns einander näher zu bringen – im Gegenteil. Sie erzeugen Unterschiede, Konfrontationen, und deshalb betrachten wir den anderen als Feind, als Gegner.”

Interview-Aussagen eines Mannes, der wusste, wovon er sprach: 1991 erschien sein Buch “Das Evangelium nach Jesus Christus”. Darin zeigt er unter anderem, wie Jesus beim Teufel in die Lehre geht, wie Gott einen Märtyrer schafft, um Zulauf zu “seiner” Kirche zu bekommen. Nicht nur aus atheistischer Sicht ein großartiges Buch, für die Katholische Kirche dagegen Blasphemie. Damit hätte Saramago leben können. Doch nach einer Parlamentsdebatte um diesen Roman ließ Portugals Regierung den Autor von der Vorschlagsliste für Europas Literaturpreis streichen. Das war zuviel: Saramago wanderte nach Lanzarote aus, wo er am Freitag mit 87 Jahren auch gestorben ist.

Vielen wurde José Saramago erst mit dem Literatur-Nobelpreis 1998 bekannt. Sein erster großer Erfolg “Das Memorial” war da 16 Jahre alt. Noch früher, 1980, hatte er mit “Hoffnung im Alentejo” ein Buch über die anhaltende Rückständigkeit seiner Heimat geschrieben, ein stiller Schrei nach einer Veränderung der Dinge. Dazu kamen Bücher wie “Der Doppelgänger”, in dem der Geschichtslehrer Tertuliano seinen exakten Zwilling findet, eine Geschichte mit überraschendem Ende. “Das Zentrum” war schließlich eine einzige, in sich geschlossene Allegorie auf die moderne, am Einkauf orientierte Gesellschaft – und die Anleitung zur Flucht vor dem alles aushebelnden Konsum.

Immer ließ Saramago seine einfachen Helden einfache Dinge tun, was die wundersamsten Konsequenzen hatte. Der Korrektor in “Geschichte der Belagerung von Lissabon” ändert mit seinen Änderungen am Text tatsächlich den Lauf der Historie, eine Frau namens Joana Carda zieht in “Das steinerne Floß” mit ihrem Stock einen Riss in die Erde, worauf sich Iberien von Europa löst. Und nicht zu vergessen sein Roman gewordenes Spiel mit dem anderen großen portugiesischen Autor Fernando Pessoa in “Das Todesjahr des Ricardo Reis”. Neidlos ist zu resümieren: Saramago hat jeden Stoff, den er sich aussuchte, mit einer Meisterschaft bewältigt, die ihresgleichen sucht.

Er ist mir ans Herz gewachsen mit seinen Büchern wie nur ganz wenige: Haruki Murakami oder Ryszard Kapuściński fallen noch in diese Kategorie, der erste zum Glück noch sehr lebendig, der andere vor gut drei Jahren gestorben. Ihnen allen ist die große Einmaligkeit zu eigen, mit der sie die Literatur bereichern, weit über ihre Lebenszeit hinaus.

Was soll ich noch sagen? Saramago ist fort. Der Griff ins Bücherregal wird vielleicht einige Zeit von Wehmut begleitet. Doch die Freude an dem, was er schrieb, wird sich immer wieder erneuern. Guter Gedanke. Adeus, José.

2 comments

  • Der Text ist wundervoll, Torsten.
    Saramago war es. Zweifellos.
    Martina

  • Auch wenn Nachrufe ja kein schöner Anlass sind: Danke für die Blumen. War ja sogar doppelsinnig.
    Torsten

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