„An das ihr selbst nicht mehr glaubt“

Am 3. Oktober findet die Leipziger Punkband L’Attentat zu ihrem 30-jährigen Jubiläum bei einem Konzert im Leipziger UT Connewitz wieder zusammen. Mit dabei sind Der Schwarze Kanal, die legendäre polnische Formation Dezerter und Der Chor.

 

Sänger Bernd Stracke. Foto: Tobias Strahl
Sänger Bernd Stracke. Foto: Tobias Strahl

Von Tobias Strahl. Stracke singt sich zur Ekstase: „Ich bin alt genug allein zu gehen / ich will die ganze Scheiße nicht mehr sehn / wie ihr mir meine Zukunft raubt / und für das kämpft, an das ihr selbst nicht mehr glaubt“. Was als Probe gedacht war, ist längst ein kleines Konzert geworden. In dem winzigen Proberaum im Keller des Atelierhauses „Zoro“ im Leipziger Süden drängt sich ein gutes Dutzend Musiker um eine Handvoll Mikrofone. Die Leipziger Punkband L’Attentat übt für ihren Auftritt am 3. Oktober im Lichtspieltheater UT Connewitz. Mit im Raum: Der Chor, ein Ensemble, das sich der multivokalen Neuinszenierung von Punk-Klassikern verschrieben hat. Das Resultat ist ein musikalisches Brett, das mich, den einzigen Gast dieser seltsamen Soirée, beinahe aus dem Raum hämmert. Die unglaubliche Wut, die die Leipziger Kultband einst angetrieben hat, ist auch knapp dreißig Jahre nach deren Wirken in der DDR noch präsent. Die Kraft, die Der Chor dem Gesang von Bernd Stracke und Paul Gloom zusätzlich verleiht, strömt aus drei Quellen: der Vielstimmigkeit, der viel zitierten Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und nicht zuletzt dem (emotionalen) Bild, das diese Mischung ergibt.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Da steht mit den Sängern Gloom und Stracke, dem Gitarristen „Reudnitz“, dem Bassisten „Ratte“ alias Maik Reichenbach und Schlagzeuger „Clemi“ einerseits eine Formation im Raum, die vor mehr als zwei Jahrzehnten und bereits einige Zeit vor dem bürgerlichen Lager Kopf und Kragen für Freiheit und Menschenwürde in der DDR riskiert hat; die für ihre Auftritte, ihre Texte, ihr Eintreten für diese augenscheinlichen Selbstverständlichkeiten von den Organen der Deutschen Demokratischen Republik verfolgt wurde und – wie im Fall Strackes – sogar dafür in den Knast ging. Und dann ist da andererseits Der Chor, dessen Sängerinnen und Sänger diese Zeit zum größten Teil als Kinder miterlebt haben, die jedoch die Texte von L’Attentat und deren Vorgänger- beziehungsweise Nachfolgebands Wutanfall und Der Schwarze Kanal in ihren Auftritten erinnern. Dass solcherart Brücken geschlagen werden, fällt, wie die Bedeutung der DDR-Subkultur für die sogenannte Friedliche Revolution generell, in den offiziellen Erinnerungsritualen viel zu oft unter den Tisch.

Gitarrist Reudnitz (L'Attentat, Der Schwarze Kanal). Foto: Tobias Strahl
Gitarrist Reudnitz (L’Attentat, Der Schwarze Kanal). Foto: Tobias Strahl

 

Am 3. Oktober findet beinahe die gesamte ursprüngliche Besetzung von L’Attentat anlässlich der Gründung der Band im Orwell-Jahr 1984 zu einem einmaligen Konzert im UT Connewitz in Leipzig wieder zusammen. Ebenfalls dabei sind Der Schwarze Kanal und die legendäre polnische Punkband Dezerter (Warschau). Letztere formierte sich bereits einige Zeit vor L’Attentat und besteht im Gegensatz zu ihren Kollegen aus Leipzig in wechselnder Besetzung bis heute fort. Den Abend eröffnen wird am kommenden Freitag Der Chor.

 

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Sänger Paul Gloom. Foto: Tobias Strahl

 

Die Karten für das Konzert waren nach einer Woche bereits restlos ausverkauft. Eine Abendkasse wird es nicht geben. Die lange Zeit nicht erhältliche erste und einzige Langspielplatte von L’Attententat Made in GDR (1987, X-Mist Records) ist für diesen Anlass jedoch neu aufgelegt worden. Im Original-Layout und mit einem starken Booklet zur Geschichte der Band und ihrer Mitglieder versehen, ist sie ein kleiner Trost für Diejenigen, die keine Karte für den 3. Oktober mehr bekommen konnten.

 

Schlagzeuger Clemi. Foto: Tobias Strahl
Schlagzeuger Clemi. Foto: Tobias Strahl

 

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Bassist “Ratte” alias Maik Reichenbach. Foto: Tobias Strahl

 

"Ratte" alias Maik Reichenbach (Bass), "Reudnitz" (E-Gitarre), "Clemi" (Schlagzeug) und Bernd Stracke (Gesang). Foto: Tobias Strahl.
“Ratte” alias Maik Reichenbach (Bass), “Reudnitz” (E-Gitarre), “Clemi” (Schlagzeug) und Bernd Stracke (Gesang). Foto: Tobias Strahl.

 

Texte: L'Attentat. Foto: Tobias Strahl.
Texte: L’Attentat. Foto: Tobias Strahl.

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