Anspannung und Müdigkeit – In der Weißen Stadt II

Straßenkunst in Belgrad. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. Die Weiße Stadt erscheint in diesen Tagen gleichermaßen angespannt und müde. Die Spannung ist körperlich wahrnehmbar. Die Müdigkeit kann man den Belgradern von den Gesichtern ablesen. Die Wände im Zentrum der Stadt sind voll von Graffiti mit politischen Losungen. Nicht wenige extreme Formulierungen befinden sich darunter. Serbien erlebt eine soziale Krise, die in der vielzitierten „Transformationsphase“, die mit der Demokratisierung des Landes nach dem Sturz Slobodan Milosevićs im Jahr 2000 einsetzte, derzeit ihren Tiefpunkt erreicht zu haben scheint. „Die Menschen leben hier nicht mehr, sie überleben“, sagt Predrag, ein Freund, bei einem Spaziergang durch die Stadt.

Ich glaube nicht, dass Predrag übertreibt. Belgrad ist teuer. Das trifft selbst auf einfache Lebensmittel zu: Wasser, Kartoffeln, Brot. Man muss nicht am Weinregal vorbeischlendern, um festzustellen, dass kaum Unterschiede zum Preisgefüge in Deutschland bestehen. Die hiesigen Löhne indes liegen weit unter den deutschen. Der Durchschnittsverdienst beträgt in Serbien etwa 300 Euro. Wie sie das machen, die Serben, will ich von Predrag wissen, doch der zuckt nur mit den Schultern. „Auf dem Land ist es noch schlimmer“, erklärt er; „Belgrad ist reich“, fügt er hinzu und lacht bitter.

Ein Bild in Belgrad. Foto: Strahl

Etwa anderthalb Stunden sind es mit dem Bus bis zu dem Dorf, in dem das Haus der Familie Predrags steht. Dort lebt außer der Mutter heute niemand mehr. Die Lage in den ländlichen Gebieten ist, sagt Predrag, hoffnungslos, immer mehr Menschen zieht es deshalb in die Hauptstadt. Bis vor kurzem teilte sich Predrag eine Wohnung in Belgrad mit seiner Schwester, doch seit sie geheiratet hat und zu ihrem Ehemann gezogen ist, muss Predrag sich allein über Wasser halten.

Bei einem Gang über eine der Flaniermeilen Belgrads, die Ulica Knez Mihailova (Straße des Prinzen Mihail), fallen die zahlreichen Straßenhändler ins Auge. Ältere Frauen verkaufen Handschuhe, Mützen, selbstgehäkelte Decken. In einer Seitenstraße versucht eine Frau, Möbelstücke an den Mann zu bringen. Männer warten hinter improvisierten Ständen mit selbstgebastelten Spielsachen, andere verkaufen Feuerzeuge und Kugelschreiber vor der Fassade einer schwarz glänzenden, elegant gestalteten Hugo Boss-Filiale. „Einige haben zu kämpfen“, klärt mich Predrag auf. „Sie verkaufen, was sich verkaufen lässt, um etwas dazu zu verdienen.“

Wir sind in Europa, in einer der ältesten Städte der Welt. Wahrscheinlich jedoch bedeutet das nichts und diese Titel helfen niemandem. In Serbien nicht und auch sonst nirgendwo auf der Welt. Im scharfen Kontrast dazu fallen immer wieder große Porsche und andere Nobelkarossen auf. Wenige haben vieles und die meisten wenig. Auch das findet man allerorten. Wasser auf die Mühlen der selbsternannten Erlöser.

Ein Bild in Belgrad. Foto: Strahl

Mit der sozialen Krise Hand in Hand gehen die politischen Unwägbarkeiten. Es ist vor allem Zukunftsangst, die viele Serben umtreibt, die sich in ihrer skeptischen Haltung  gegenüber dem von ihrer politischen Vertretung angestrebten Beitritt zur Gemeinschaft der Europäischen Staaten äußert. Dazu kommen die ungelösten Probleme auf dem Weg dorthin. Eines der größeren besteht in der prekären Lage im Norden Kosovos, die nach den jüngsten Zwischenfällen an den Grenzübergängen Jarinje und Brnjak im August dieses Jahres eskalierte. Nachvollziehbar ist die menschliche Solidarität der Serben mit ihren Landsleuten in Nord-Kosovo, die dort die Mehrheit stellen, deren Lage aber aussichtslos erscheint. Ein weiteres  Problem, das die serbische Gesellschaft spaltet, wirft die Frage nach dem Umgang mit der jüngeren  Geschichte auf.

Die Wahrnehmung Serbiens in den westlichen Staaten indes ist noch immer weitestgehend negativ, während den aktuellen historischen Umwälzungen bedeutet das ein zusätzliches Erschwernis; ein Perspektivenwechsel entgegen historischen Stereotypen vollzieht sich nur langsam. Noch immer gilt das Land als europäischer Paria. Am Gängelband der Europäischen Union und unter dem strengen Blick der internationalen Staatengemeinschaft fühlen sich viele Serben ein ums andere Mal vorgeführt. Die Auslandspresse trägt ihr Übriges dazu bei, indem sie jedes negative Ereignis in Windeseile in die Welt trägt. Die Auslieferung des als Kriegsverbrecher in Den Haag angeklagten Radovan Karadžić und zuletzt von Ratko Mladić wussten extreme politische Lager in Serbien für sich auszunutzen. Ihr Protest war von antiwestlichen Ressentiments gekennzeichnet. Seit der Überstellung von Karadžić und Mladić hat sich die Situation in Serbien nicht wahrnehmbar verändert; dies wird auch in absehbarer Zeit so bleiben. Vielen Serben, gerade den älteren unter ihnen, ist das bewusst, sie sehen sich deshalb ohne jede Perspektive und resignieren.

Slavija Trg (Platz Slavija) in Belgrad. Foto: Strahl

Die Aussicht auf eine mögliche Mitgliedschaft in der Europäischen Union bietet ihnen keinen Trost. Sie sind unsicher, was sie von ihr zu erwarten haben, was sie ihnen über eine gemeinsame Währung und visafreies Reisen hinaus bringen soll. Die Frage ist, wer ihnen diese Sicherheit geben kann, wenn sie selbst im Kernland der Staatengemeinschaft derzeit angezweifelt wird. Es grenzt an Sarkasmus, zu erwarten, dass jemand, der kaum Geld hat, um für Miete und Nahrungsmittel aufzukommen, sich über Reisefreiheit und Einheitswährung freuen soll. Doch bestehen überhaupt Alternativen für Serbien? „Es ist, als könnten wir derzeit nichts richtig machen“, fasst Predrag die Situation zusammen.

Wie wir, die wir die Europamaschine steuern, mit der Situation umgehen werden, ob sie uns berührt oder vielmehr unberührt lässt, ob wir neben unseren technokratischen und politischen Erwartungen die Situation der Menschen im Auge behalten oder ob wir auch deren Würde ausgeliefert sehen wollen, kurzum, ob Europa lediglich eine Verwaltungs- oder vielmehr auch eine menschliche Einheit bilden kann, das lässt sich nicht nur im Hinblick auf Serbien fragen.

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