Das Haus am Fluss: Vor 50 Jahren entstand in New York die Idee für das weltweit wohl größte Künstlerhaus

Von Torsten Klaus.

Es gibt einen Trick, um aufs Dach zu kommen. Ich werde ihn nicht verraten.

Zumindest funktionierte der Trick damals, im Sommer 2011. Ob das heute noch so ist – keine Ahnung. Ich will aber keinen anrufen und fragen: He, kommt man da noch rauf? Besser keine schlafenden Hunde wecken.

Dort oben steht in meiner Erinnerung eine alte kleine Bank – oder ein abgewohnter Stuhl? Zweitrangig. Wichtiger war der Blick. Im Westen auf den Hudson River und dahinter New Jersey, Springsteen-County. Schaute man gen Süden, sah man Manhattan sich dem Meer entgegenstrecken. Auch das Dach selbst bot einiges, dort lag damals noch der Probenraum für die Tänzer der Merce Cunningham Company. All das fügte sich mit einer Selbstverständlichkeit ineinander, die mir anfangs fast unwirklich vorkam. Wie so einiges in New York.

Das Haus mit dem grandiosen Panoramablick war mir nicht nur deshalb sympathisch, weil ich darin eine sehr bezahlbare Unterkunft in einer der teuersten Städte der Welt gefunden hatte. Das wiederum verdankte ich einer früheren Kollegin, die dort gerade für ein Buch recherchierte und die dafür in der Wohnung befreundeter Künstler untergekommen war. Ich wurde ihr Mitbewohner auf Zeit. Eine glückliche Fügung.

Die Westbeth Artists Community (das Haus in der Bildmitte) am Hudson River.       Foto: Torsten Klaus

 

Das Haus, das eigentlich ein ganzes Konglomerat aus Gebäuden umfasst, trägt einen Namen: Westbeth. Wer in New York ein Taxi nimmt und „Westbeth“ als Ziel nennt, muss nicht mehr sagen. Sorry, kleiner Scherz. Der Fahrer, in dessen Auto ich damals stieg, schaute mich so fragend an, als hätte ich ihn gerade gebeten, das Rondell im Guggenheim Museum hoch- und gleich wieder runterzubrettern. Also fügte ich nüchtern den Straßennamen hinzu und den Hinweis: Lower Manhattan. Das überzeugte den Taxifahrer dann doch. Beim Aussteigen ging mein Blick nach oben, auch wenn das Westbeth alles andere als ein Wolkenkratzer ist. Dafür strahlt das zum Hudson River hin dreizehnstöckige Gebäude im Greenwich Village einen leicht verblichenen Charme aus. Ich schloss den Kasten gleich ins Herz.

Blick vom Dach des Westbeth auf Manhattan.                                                                     Foto: Torsten Klaus

Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis weit in die 1960er hinein war er Heimat der Bell Laboratories, einer Forschungseinrichtung der Firmen AT&T und Western Electric. Hier wurde das Prinzip entdeckt, aus dem der Radar entstand. Hier gab es technologische Durchbrüche wie den Tonfilm oder das Bildtelefon. Vieles hatte vor allem fürs Militär Belang. Nur eins spielte sich hier nicht ab, auch wenn es der eine oder andere urbane Legendenstricker gern hätte: Forschung für das sogenannte Manhattan Project, den Bau der amerikanischen Atombombe. 1966 war jedenfalls Schluss mit der Forschung. Die Räume waren zu begrenzt, die Bell Laboratories zogen um. Was sollte nun werden aus dem exponierten Würfel? In einer Zeit, in der diese Ecke in Manhattan ein ziemliches No Go war? Alles schien möglich, von Verkauf bis Verfall.

An dieser Stelle hilft eine Zeitreise ins New York jener Tage. Die Stadt war damals ein Ort voller Schrecken. Crack und Heroin prägten die Ära, die in der Stadt selbst als „its period of all-time-low“, die schlechteste aller Zeiten, gesehen wird. Wenige Blocks südlich vom Westbeth verläuft die Christopher Street, die 1969 zum Schauplatz des Widerstands Homosexueller gegen Polizeiwillkür werden sollte. Der Times Square weiter nördlich, heute Anlaufpunkt Nummer eins für New-York-Touristen, wimmelte damals von Striptease-Clubs und Prostitution. Es war außerdem eine Zeit der Streiks: Müllabfuhr, Lehrer, öffentlicher Nahverkehr. Um Interessen und ihre Durchsetzung wurde mit offenem Visier gekämpft. Und nicht zu vergessen schwebte über allem die dunkle Wolke des fernen Vietnam-Krieges. Es gibt erstklassige Street Photography aus jenen Tagen, von Allan Tannenbaum beispielsweise oder von Leland Bobbé, die das damalige New York in all seiner Unerbittlichkeit zeigt (später knüpfte unter anderen Ken Schles daran an), aus der überraschenderweise immer wieder lyrische Momente erwachsen, als wollten sie sich der wenig Erbarmen zeigenden Realität davonstehlen.

Jeder, der heute das längst abgenudelte PR-Gesäusel von „the city that never sleeps“ noch einmal wiederkäut, sollte besser in jene gar nicht so lange zurückliegende Geschichte New Yorks schauen. Die Stadt war in der zweiten Hälfte der 1960er weit weniger hip, als das nur wenige Jahrzehnte später vorstellbar scheint. Auf den Verladerampen in Tribeca im Süden Manhattans, sozusagen die Nachbarschaft des Westbeth, schlugen Obdachlose damals ihre Nachtquartiere auf. Die ebenfalls in unmittelbarer Nähe gelegenen Viertel und Gegenden wie Chelsea und der Meatpacking District waren kaum besser dran. Und die Transit Authority K9 Police, eine Art Transportpolizei, patrouillierte in der U-Bahn – mit Schäferhunden.

Mitten in jenen unsicheren Zeiten wurde jedoch tatsächlich die Idee geboren, im Westbeth subventionierten Wohn- und Arbeitsraum für Künstler entstehen zu lassen. Im August 1967 machte man das Vorhaben öffentlich. Es betraf mehr als nur die Transformation eines Gebäudes. Es war tatsächlich ein Hauch Avantgarde. Vielleicht auch geboren aus dem Geist jenes Jahres. Eben erst, im Juni, war das Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ erschienen, kurz darauf fand das Monterey Pop Festival in Kalifornien statt, wo Flower Power seinen Ausgangspunkt hatte, gut zwei Jahre vor dem bekannten Finale in Woodstock. Hippie-Kultur lässt das Jahr 1967 beben, vieles scheint möglich. Dafür stehen, wenn auch in viel klarerer politischer Härte, gleichfalls die damaligen Rassenunruhen in den USA. Im Juli 1967 gibt es gleich zwei große Schauplätze dafür: In Newark in New Jersey sterben dabei 26 Menschen, in Detroit sogar 43.

Diese ambivalente Ära urbanen Niedergangs und gesellschaftlichen Aufbruchs bildet den historischen Hintergrund der Pläne für New Yorks Künstlerhaus. Und die werden umgesetzt. 1970 eröffnet schließlich das „neue“ Westbeth. Im Rückblick lässt sich konstatieren, dass Umbau und Umwidmung des Gebäudes sicher nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass im Süden Manhattans eine soziale Stadtentwicklung stärker wurde, die sich schließlich auch sichtbar im Straßenbild niederschlug. Mit einem Wort: Gentrifizierung. Wer heute den Blick schweifen lässt im Meatpacking District, findet Galerien, Restaurants, Geschäfte. Ein Paradies für Betuchtere, die Zeiten der Schlachter und Prostituierten sind zumindest hier vorbei.

Diese harte Dynamik hat New York aber immer in Kauf genommen, sie auch ständig befeuert. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb entstand mit dem Westbeth ein Lebens-, Arbeits- und Rückzugsort für Künstler. Peter Ruta (der aus Dresden stammende Maler) hat hier bis zu seinem Tod im November 2016 gelebt, mit seiner Frau Suzanne, einer Schriftstellerin und Übersetzerin. Wer in der Zeit zurückgeht, findet viele andere Künstler als Bewohner. Wie die Fotografin Diane Arbus, die mit ungewöhnlichen, verstörenden Porträts bekannt wird. Sie zieht 1970 im Westbeth ein. Ein Jahr später wird man ihren Leichnam aus dem Haus tragen. Arbus starb in ihrer Badewanne: Suizid mit Schlaftabletten, tiefe Schnittwunden an den Handgelenken. Das Westbeth ist kein Ort, den die Tragödie meiden würde.

Man kan dem Westbeth durchaus einen Hauch von Industriekultur zusprechen.                                                                Foto Torsten Klaus

384 Wohnungen gibt es dort mittlerweile, viele mit Ateliers oder Ateliercharakter. Die Mieten lagen 2014 durchschnittlich bei umgerechnet 800 Euro. Ein unglaublich niedriger Wert für einen Wohnungsmarkt wie Manhattan. Wer drin ist im Westbeth, dankt den Göttern. Und die Warteliste? Sie wurde 2007 geschlossen. Die, die noch draufstehen, müssen viel Geduld mitbringen. Ohne jede Erfolgsgarantie, versteht sich.

Es gibt ältere Künstlerhäuser als das Westbeth. Es dürfte kaum ein größeres geben, und wohl auch keins, das so im Herzen einer Metropole angesiedelt wäre. Dass das Westbeth in New York selbst als größte Einrichtung seiner Art weltweit bezeichnet wird, ist in dieser Stadt naheliegend.

Fast zeitgleich mit dem Umbau des Westbeth in den späten 1960ern entstand noch weiter südlich in Manhattan das World Trade Center, dessen tragisches Ende bekannt ist. Vom Dach des Westbeth konnte ich 2011 noch dem Nachfolgebau, dem One World Trade Center (bekannt als Freedom Tower), beim Wachsen zuschauen. Ich habe die Momente dort oben, die auch Stunden gewesen sein können, damals sehr genossen. Kein Wunder, man kam sich ohne weiteres wie in einem Film vor, der ausschließlich für einen selbst gedreht wurde. Imaginativer Luxus.

Und den Trick, aufs Dach zu kommen, hebe ich mir einfach auf. Es gibt immer ein nächstes Mal.

 

 

 

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