Das Krokodil tötet zum Spaß

 Bruce Norris‘ „Die Unerhörten“ am Staatstheater in Mainz.

Von Tobias Strahl. Der junge Mann betritt das Parkett durch einen Seiteneingang. Dunkle Haut, Schlabberpulli, weite Jeans, Studiokopfhörer. Mit lauter Stimme beginnt der Namenlose im kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters Publikum und Stück gleichermaßen zu verunglimpfen. Letzteres sei „totaler Scheiß“, der größte Mist, das gute Geld des hier versammelten Bürgertums nicht wert; die Wartenden sollten sich besser wieder nach Hause begeben, statt hier die  Gebildeten zu mimen, die etwas anderes suchen als Erlösung von der Welt – im Fernsehen gäbe es sicher etwas Versöhnliches.

 

Das Publikum, noch ist es keines, denn noch ist der Vorhang zur Bühne geschlossen, reagiert verunsichert (Gehört das etwa schon zum Stück?), hüstelt verlegen, lacht verhalten. Immerhin steht für heute Komödie auf dem Plan. Der Saal wird abgedunkelt, eine Projektion auf den sich hebenden Bühnenvorhang verortet die erste Szene: „Irgendwo in Äquatorialafrika“. Der bis dahin namenlose Provokateur schwingt sich vom Zuschauerraum über den Bühnenrand hinein in den fiktionalen Raum der Szene und verwandelt sich mit dem Sprung über diese Grenze in Etienne (Jonathan Aikins), der das diskrete Maß, die heimliche Bezugsgröße in der Architektur von  Bruce Norris‚ Komödie „Die Unerhörten“ vorgibt – ein Maß mithin, das im Lauf des Stücks, komödienuntypisch, doch ganz im Wortsinn, zerbrochen werden soll.

Der Plot des durch Matthias Fontheim in Szene gesetzten Schauspiels ist denkbar einfach: Die Missionsstation des jungen Pfarrers Dave (Tilman Rose) ist unter ungeklärten Umständen abgebrannt. Er und seine Verlobte Jane (Jele Brückner) sind in der Villa von Don (Marcus Mislin) und seiner Gattin Nancy (Andrea Quirbach) untergekommen. Schnell geraten dort Dave, der Missionar („Sie spucken auf dein Auto!“), und Don, der Unternehmer, der ein Vermögen mit der Ausbeutung Einheimischer gemacht hat, sich jedoch als ökonomischer Motor der Region begreift („Sie spucken auf mein Auto?“), aneinander. Dave verlässt, vom Streit mit Don aufgebracht, trotz eines aufziehenden Gewitters und ungeachtet der unklaren Sicherheitslage, überstürzt dessen Villa. Zurück bleiben neben dem Unternehmer dessen Frau, Daves Verlobte und der einheimische Hausarzt. Zwischen vorgeblicher Sorge um den Missionar, einigen Martinis, Joints, oberflächlichen Gesprächen und voyeuristischen Spekulationen über Daves Schicksal breiten sie ihre Innenwelt auf der Bühne aus.

Angefeuert werden sie dabei durch die ominöse Tante Mimi (Lara-Sophie Milagro), die Vollstreckerin einer offenbar korrupten Regierung, die an das Schicksal des von Einheimischen ermordeten und zerstückelten Vorgängers von Dave erinnernd (Don: „Sie nahmen eine Metallsäge“) der Anarchie auf den Straßen zynisch die brutale Gewalt ihrer Milizen entgegensetzt. Mimi ist sich sicher: Dave, der für Anrufe auf seinem Funktelefon nicht mehr zu erreichen ist, wurde, wie bereits sein Vorgänger, ermordet. Als Mörder präsentiert Tante Mimi den jungen Etienne, der schon unter Verdacht steht, die Missionsstation angezündet zu haben. Als bei Etienne dann auch noch Daves Funktelefon gefunden wird, scheint seine Schuld erwiesen, es geht nur noch darum, den Aufenthaltsort von Dave – oder das, was von ihm übrig ist – aus Etienne herauszupressen. Tante Mimi weiß auch das probate Mittel dafür: Folter, über deren Anwendung sie ganz demokratisch abstimmen lässt.

Das Fesselnde an „Die Unerhörten“ ist nicht die Handlung des Stücks, sondern sind vielmehr seine Handelnden, sind deren Strategien, sich in Beziehung zu einer Umgebung zu setzen, vor deren Zumutungen sie sich in Dons Villa verschanzt haben, wo sie sich durch gedungene Milizen bewachen lassen. Wer das Stück als Kritik an der Entwicklungshilfestrategie des Westens interpretiert, verkürzt seine komplexe Struktur aus Kritik, Anspielung, scharfer Beobachtung und philosophischer Reflexion einer Identität (ist sie „westlich“?) und ihrer Brechungen an dem „Anderen“, das „draußen“, vor der Villa des Unternehmers und hinter den Uniformen der Milizen, unseren Blicken verborgen bleibt.

Konsequent wird über dieses „Andere“ da „draußen“ kaum etwas gesagt. Wir ahnen bald, dass es darum auch gar nicht geht, wir selbst werden hier vielmehr zum Thema, wir sind es, die dort stehen, die von der Bühne herab zu uns und vor allem über uns sprechen, und wir erfahren dabei viel über kulturelle Arroganz und über einen grenzenlosen Egoismus, der sich im Gewand des Altruismus tarnt. Wir erzählen uns davon im Ton des Romantikers, des Zynikers, des aufrichtig-verlogenen Unternehmers, des Philisters, des Gut- und des Machtmenschen. Der Bühnenrand wird dabei zur Symmetrieachse eines sich spiegelnden Abgrunds. Am ehrlichsten in dieser wechselseitigen Projektion erscheinen noch die Milizen, mit ihren zotigen Scherzen und ihrer unverhüllten Brutalität. Bruce Norris ist es mit „Die Unerhörten“ gelungen, jede mögliche Haltung gegenüber dem Elend der „anderen“ Welt zu personifizieren; Matthias Fontheim hat dies in Mainz kongenial inszenieren können.

Dave, der Pfarrer und Missionar, wähnt sich durch die gute Absicht allein bereits im Vollbesitz des Guten, eines Guten, das unfehlbar ist. Er eröffnet das Stück mit einer erschöpfenden Reflexion über – ja, über was eigentlich?, in der er Etienne, den Einheimischen, niederredet und nachgerade zwingt, zuzuhören. Verstehen können, verstehen wollen ist sicher keine Qualität der Protagonisten dieses Stücks.

Daves Verlobte Jane ist in ihrer Heimat eine Seifenopern-Größe gewesen, Karriere und nervige Agenten hat sie für die großen traurigen Augen der afrikanischen Kinder („Aber der Geruch!“) zurückgelassen. Die Entscheidung, nach Äquatorialafrika zu reisen, um dort zu helfen, bereut sie schnell angesichts der furchtbaren Verhältnisse vor Ort. Gott sei Dank gibt es die luxuriöse Villa von Don, dem Unternehmer.

Tante Mimi hingegen kennt sich aus als Einheimische und Exekutive einer korrupten Regierung. Sie kann über die moralischen Skrupel der selbsternannten westlichen Erlöserfiguren nur zynisch lachen. Nicht Armut und Verzweiflung treiben ihre Landsleute zu so grauenhaften Taten, wie etwa zur Tötung und Verstümmelung eines als Päderasten verschrienen Missionars oder zur Abfackelung einer Missionsstation, belehrt uns Mimi; es ist vielmehr deren archaische Lust am Verbrechen, Mord und Zerstörung sind reiner Selbstzweck: „Das Krokodil tötet zum Spaß…“.

Nancy schließlich, die Gattin von Don, ist in ihrer dümmlich-redseligen Art über jeden Selbstzweifel erhaben. Ununterbrochen plappernd gibt sie eine Belanglosigkeit nach der nächsten von sich, kommt bald auf die Potenz ihres Gatten und bald auf einen missglückten Selbstmordversuch zu sprechen; Nancy verstummt nur dann, wenn sie die Szene kurz verlässt, um kurz darauf mit einem Drink wieder auf ihr zu erscheinen. Es ist bezeichnend,  dass gerade Nancy in der Abstimmung über die Folterung Etiennes zum Zünglein an der Waage wird, in der sie schließlich, mit einer ebenso abenteuerlichen wie widerlichen Konstruktion, ihr „Ja“ zur Folterung aus humanistischen Gesichtspunkten rechtfertigt.

Am Ende des Stücks ist Etienne tot. Zu Tode gefoltert durch Stromschläge und Misshandlungen der Milizen hinter den geschlossenen Türen des Esszimmers in Dons Haus, während Tante Mimi vorn die Stereoanlage, aus der klassische Musik ertönt, lauter gedreht hat, damit wir Etiennes Todesschreie nicht hören. Die „Wahrheit“, die man durch die Folter aus Etiennes Mund zu erpressen vorgibt, entpuppt sich jedoch als Wahn seiner Peiniger, wenn Dave schließlich überraschend wieder auf der Szene erscheint. Er habe am Strand über seinen Streit mit Don nachdenken müssen, gibt er Auskunft. Wer nun mit Entdeckung, Empörung, Einsicht der Schuld und Läuterung rechnet, sieht sich enttäuscht. Das Stück ist an seinem Ende angelangt. Schnell geht alles zum gewohnten Programm über, Tante Mimi verabschiedet sich, auch die Milizen verschwinden – doch nicht ohne ein Autogramm des Soap-Stars Jane. Zuletzt sitzen Dave und seine Verlobte auf dem Bett in ihrem Zimmer im Haus des Unternehmers und  Dave, der Gottesmann, sinniert jammernd über die ungewisse Relation zu eben jenem Gott.

Bevor der Vorhang fällt, tritt wieder der junge Mann vom Anfang auf die Bühne – Etienne ist das jetzt nicht mehr, der ist im Esszimmer von Dons Villa ermordet worden. Die „Wahrheit“, die man auf und vor der Bühne aus seinem Mund hören wollte, hat er, wohin auch immer, mitgenommen. Mit einem Handtuch wischt sich der junge Mann das Blut aus dem Gesicht und überspringt wiederum den Rand der Bühne, diesmal jedoch in den Zuschauerraum. Er habe ja gewarnt, wendet er sich an das Publikum, dieses Stück sei der größte Scheiß. Wiederum begegnet ihm verhaltenes Lachen. Es ist nicht mehr der Mime, der hier im nicht-fiktionalen Raum zu uns spricht. Keine Erlösung – der Etienne des Stücks hat die Prozedur im Schauspiel nicht überlebt. Und wir haben wieder nichts über die Welt da „draußen“ erfahren, eine Menge jedoch über uns selbst.

„Die Unerhörten“ von Bruce Norris ist  noch bis zum 17. April am Staatstheater in Mainz zu sehen.

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