Das vorweggenommene Ende: Vor 50 Jahren war Schluss mit liberaler Kultur in der DDR

Von Torsten Klaus. DDR-Themen spielen an dieser Stelle kaum eine Rolle. Heute gibt es eine Ausnahme, aus gutem, schlechtem Grund. Vor 50 Jahren, vom 16. bis 18. Dezember 1965, fand in Berlin das 11. Plenum des Zentralkomitees (ZK) der SED statt. Es ging als „Kahlschlag-Plenum” in die Geschichte ein. Parteifunktionäre suchten nach Schuldigen für die weiterhin schlechte Wirtschaftsentwicklung des Landes. Sie meinten sie in der DDR-Kulturlandschaft gefunden zu haben. Bücher und Filme zeigten zu jener Zeit oft Konflikte im Alltag, die schattige Seite des lichten Pfades hin zu Sozialismus und Kommunismus. Das ZK aber wollte anderes: jungen Menschen den „richtigen Weg” zeigen, der natürlich nur der der Partei sein konnte. Die Entwicklung der DDR führte von da an endgültig in eine Sackgasse.

Erich Honeckers damalige Plenum-Rede begann mit einem geradezu lächerlich kleinbürgerlichen Statement, das die Richtung vorgab: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat.” Später setzte er hinzu: „Wollen wir die Arbeitsproduktivität und damit den Lebensstandard weiter erhöhen, (…), dann kann man nicht nihilistische, ausweglose und moralzersetzende Philosophien in Literatur, Film, Theater, Fernsehen und in Zeitschriften verbreiten.” Das zielte unter anderem auf die Verfilmung des Erik-Neutsch-Romans “Spur der Steine” durch Frank Beyer. Der Dramatiker Heiner Müller hatte den Stoff etwa zeitgleich unter dem Titel “Der Bau” in Arbeit.

 

Dieser Ton, den Honecker da anschlug, setzte den Klang. Entsprechend maßregelte und urteilte das Plenum wenig später. So wurde fast die gesamte Jahresproduktion der Defa mit einem Aufführungsbann belegt. Die Kultur der DDR sollte sich von diesem Schlag gegen ihre vorsichtige Liberalisierung nicht wieder erholen. Das Grab für das Ende des Landes war damit zwar noch nicht ausgehoben, die Inschrift für den imaginären Grabstein aber seither fest eingemeißelt: „Hier ruht der Zweifel, aus dem der Fortschritt erwachsen sollte”.

Heiner Müller skizzierte in seiner grandiosen Autobiografie „Krieg ohne Schlacht” jene Zeit, indem er einen Literaturwissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität zitiert: „Die Methode Franz Kafkas, einen Menschen in einen Käfer zu verwandeln, ist für uns nicht akzeptabel.” Nachsatz Müller: „Sie hatten andre Methoden.” Sie – das waren die Parteioberen. Zu den Methoden zählte das Herabwürdigen Einzelner bis hin zur Denunziation. Die von Kafka erkannte Entfremdung des Menschen konnte in den Augen vieler SED-Granden in der DDR einfach nicht stattfinden, weil sie nicht stattfinden durfte. Es galt ja schließlich, sich kollektiv mit dem Sozialismus und dessen Aufbau zu identifizieren.

Die Atmosphäre rund um das Plenum muss düster gewesen sein. So beschreibt es zumindest eine Autorin, deren Erinnerung ich größte Bedeutung beimesse: Christa Wolf. „Seit Anfang der sechziger Jahre hatten eine Reihe von Autoren – auch ich – Beziehungen zu Betrieben, zu Wirtschaftsfunktionären, zu Arbeitern. Wir kannten ihre Probleme und schrieben über sie.” So formulierte sie es im April 2009 in der Zeit. Sie meldete sich damals auch deshalb zu Wort, weil vor allem ein Buch, das diese Probleme am Beispiel der Wismut aufgegriffen hatte, ins Kreuzfeuer der sich aufrecht gebenden Parteisoldaten geraten war: Werner Bräunigs „Rummelplatz”. Paradigmatisch wurde sein Roman, der nur in Auszügen bekannt war, geradezu gebrandmarkt. „Werner Bräunig ist nach meiner Meinung an diesem Konflikt kaputtgegangen”, schrieb Wolf in ihrem Buch „Auf dem Weg nach Tabou”. Bräunig starb 1976 mit 42 Jahren, und der Alkohol war sein finaler Begleiter. Wolfs Wortmeldung auf dem Plenum war wichtig, ihr Widerspruch verpuffte dennoch. Das Ganze sei ihr vorgekommen wie eine Inszenierung, schrieb sie später.

ZK-Chef Walter Ulbricht setzte einen der sich selbst interpretierenden Schlusspunkte dieser drei Tage: „Es gibt wirkliche Probleme. Wir sehen die Probleme und werden uns bemühen, gewisse Lehren zu ziehen, aber die Aufgabe werden gelöst. Das als Nachbemerkung, damit niemand denkt, dass es noch irgendwelche offenen Fragen gibt.” Ulbricht, der meist fern jedweden Intellekt-Verdachts stand, hielt also den finalen Monolog. Keine Diskussionen mehr, wenn die Partei schlussendlich nicht doch Recht behielt, hieß das übersetzt.

Dass Heiner Müllers Blick heute schmerzlich fehlt, wird noch in einer ganz anderen Bemerkung deutlich. Auf den Film „Spur der Steine” gemünzt, meinte er lapidar: „Es ist eine flache, unterhaltsame Geschichte, und sie lebt eigentlich von Manfred Krug.” Denn auch das ist eine anhaltende Begleiterscheinung der DDR-Geschichte und ihrer Bearbeitung: War ein Kunstwerk dissidentisch oder wurde durch Verbot quasi dazu gemacht, wird die Beurteilung seines qualitativen Wertes bis heute auf einer Extra-Skala vorgenommen. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

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