Der alte Mann und die Beißreflexe

Von Torsten Klaus. Der alte Mann hat vom literarischen Standpunkt aus ein schlechtes Gedicht geschrieben. Vom politischen Standpunkt aus ein kontroverses. Das zeigen die Aufschreie, Wortmeldungen, Frontverläufe im Nachgang. Ein Abbild der Beißreflexe, wenn es hierzulande um das Thema Israel und israelische Politik geht. Und fast jeder ist über das hingehaltene Stöckchen gesprungen. Die Aufzählung der Namen schenke ich mir. Wo Gelassenheit gefragt gewesen wäre, formierte sich im Gegenteil der publizistische Prozessionszug aus Beschimpfern und Apologeten. Ein Zug, der größtenteils ebenfalls aus alten Männern besteht.

Eine aufgeklärte Gesellschaft zeichnet sich vor allem durch differenzierten Umgang mit Problemen aus. Aufgeklärt? Differenziert? Attribute, die in dieser mittlerweile eigendynamisch rotierenden Debatte wenig zu finden sind. Hat das mit der Bejahrtheit derer zu tun, die sie führen? Gut möglich. Es ist auch ein Abbild politischer Befindlichkeiten unseres Landes. Alte Männer reden über alte Themen in immer denselben alten Worten.

Es ist Aufgabe eines Dichters, der allgemeinen Weltsicht die eigene entgegenzuhalten. Besonders dann, wenn die politische Elite dieses Thema ausklammert. Die Wortwahl des Dichters kann verletzend sein. Das ist fast zwangsläufig so, wenn er eine Grenze überschreitet. Aber diese Grenze und die Art ihrer Überschreitung sollten dann genau das werden, was schon angesprochen wurde: Gegenstand einer offenen und aufgeklärten Debatte.

Ich nehme den alten Dichter in Schutz, weil er ein Dichter ist, nicht wegen seines Alters. Er ist seiner Aufgabe nachgekommen, wenn auch mit lyrisch grottenschlecht verhackstückter Prosa. Die alten Männer aber, die nun gegen ihn wettern, haben mein gesammeltes Kopfschütteln. Es wird Zeit, alte Themen aus neuen Perspektiven zu diskutieren. Eine Kritik an israelischer Politik sollte möglich sein, ohne sich des Vorwurfs der Hetze oder des Antisemitismus auszusetzen. Differenziert, Leute. Oder lasst den Dichter reden und schweigt einfach.

3 comments

  • Hat er, aber die Zuschreibung eines neuen Antisemitismus aus 69 Gedichtzeilen hätte mir mein Literaturprofessor als eine zu starke Schlussfolgerung auf einer zu dünnen Basis um die Ohren gehauen. Bis bald!

  • Die Zustimmung, die Grass deutschlandweit erhält, zeigt, dass Literaturprofessoren sich hin und wieder irren.

    Drei Wochen noch – hier ist jetzt das bis bald gemeint ;-).

    Bis dahin,

    Tobi S.

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