Der Anarchist als Bürgermeister: Jón Gnarr steht an der Spitze von Reykjavik

Von Torsten Klaus. Er ist ein Kauz, vielleicht. Er ist ein Künstler, sicher. Er ist Anarchist, Punk, Surrealist, Comedian. Er ist noch bis Juni Bürgermeister von Reykjavik. Er kam in dieses Amt wie die Jungfrau zum Kind. Es bald wieder abgeben zu können, lässt ihn frohlocken. Jón Gnarr kann gar nicht anders, als sich auf den Tag zu freuen, wo er in seine angestammte Kreativarbeit zurückkehren wird. Und wo seine Frau und die fünf Kinder wieder (zeitlicher) Mittelpunkt seines Lebens sein werden.

So sieht er sich selbst: Jón Gnarr. Foto: Verlag/Hordur Sveinsson

 

Über Jón Gnarr sind kürzlich einige Texte und Interviews erschienen. Anlass war sein auf Deutsch erschienenes Buch „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!”, in dem er ausführlich beschreibt, wie sein überraschender Weg ins Bürgermeisterbüro der isländischen Hauptstadt verlief – und wo er dann tatsächlich, mit Hilfe der Abgeordneten der von ihm gegründeten Besti flokkurinn, der Besten Partei, einiges änderte. Zum Beispiel räumten sie mit den Ungereimtheiten im kommunalen Energieunternehmen auf. Gnarr ist dabei sehr offen, spricht über seine Zweifel, ob er der Aufgabe gewachsen sein würde – und darüber, wie er als Blitzableiter dient für politische Attacken, damit seine Leute umso ruhiger arbeiten können.

Gnarr betont, was nicht nur hierzulande längst nicht mehr mit Politik verknüpft wird: dass sie Spaß machen soll. Dabei ist er glücklicherweise weit entfernt von einem hedonistischen Ansatz. Gnarr will neue, andere Menschen in die Politik bringen. Das gelang ihm 2010 in Reykjavik auch deshalb, weil die alteingesessene Garde das Land geradewegs in eine Mega-Pleite geführt hatte. Ein Kollaps kurz vorm Staatsbankrott, der die Isländer schockiert zurückließ.

In diese Lücke stießen Gnarr und Kollegen, aber eher unabsichtlich. Fast 35 Prozent der Wählerstimmen holten sie, koalierten fortan mit den Sozialdemokraten und regieren seither. Der Wahlkampf der Besten Partei bestand vor allem darin, mit erklärt falschen Wahlversprechen das System parteipolitischen Mandatserhaltskalküls zu durchbrechen, indem sie es konterkarierten. Dass gerade Henryk M. Broder im Spiegel Gnarr nach dessen Wahlsieg ganz im Sinne des Parteien-Establishments als „Polit-Clown” titulierte, sagt dabei viel über die Weltsicht des selbsternannten Anarchisten Broder, der von dem wahren Punk Gnarr noch viel lernen könnte.

Sicher ist Island ein Ausnahmefall. Eine Insel mit nicht einmal 350 000 Bewohnern tickt anders als andere Staaten. Das sagt auch Jón Gnarr selbst. Er weiß, dass sein Rollenwechsel so nur in Reykjavik möglich war und ist. Schon in Dänemark, räumte Gnarr in einem Interview ein, wäre das alles gar nicht denkbar gewesen. Von größeren Ländern ganz zu schweigen.

Und doch hat es seine Bewandtnis, dass, fragt man nach sympathischen Politikern weltweit, neben Uruguays Präsident José Mujica, der 90 Prozent seines Einkommens spendet, immer wieder Jón Gnarr genannt wird. Zwei Dinge sind es besonders, die herausstechen: Der 47-Jährige bleibt nur eine Amtsperiode lang und entspricht so seiner eigenen Forderung, dass öfter neue Köpfe in die Politik müssen. Und er lässt die Bürger seiner Stadt per Internet über Stadtteilprojekte bestimmen, wie die Reihenfolge von Bauarbeiten und Sanierungen. Es gibt Dinge, die auch außerhalb Reykjaviks gut funktionieren würden.

Das gilt übrigens auch für Gnarrs Reaktionen auf Beschimpfungen politischer Gegner in Reykjaviks Stadtverordnetensitzung. Wenn die Opposition mit Begriffen wie “Idiot” oder “Schwachsinn” kam, sei auch die Wut in ihm hochgekrochen, gibt Gnarr zu in seinem Buch. Doch er habe sich auf die Zunge gebissen, sei äußerlich ruhig geblieben und habe die Tirade zur Diskussion gestellt. Gnarrs Schlusssätze: “Ich möchte, dass du weißt, dass dein schlechtes Bild von mir nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Ich finde dich voll in Ordnung und weiß, dass du in vielerlei Hinsicht ein super Typ bist.” In seiner Partei sei es von Anfang an Prinzip gewesen, Beleidigungen mit Höflichkeit, Böswilligkeit mit Nachsicht und Verbohrtheit mit Toleranz zu begegnen. Es ist leicht, das sarkastisch oder gar zynisch zu kommentieren. Doch Respekt, das weiß Gnarr offenbar, fordert man nicht einfach ein. Man erarbeitet sich ihn.

Dieses andere Herangehen an das, was als (Kommunal-)Politik gilt, hat Gnarr den Beinamen “coolster Bürgermeister der Welt” eingebracht. Wenn man so will, hat er mit der von ihm gegründeten Partei in Reykjavik das getan, wofür die “Occupy!”-Bewegung ihren Imperativ setzte: Er hat die Macht übernommen, Veränderungen herbeigeführt und tritt wieder ab. Meiner Einschätzung nach in einer Weise, die ihn sich selbst und seinen Ideen gegenüber treu bleiben ließ. Integer nennt man das auch. Ein Wort, das völlig aus der Mode gekommen ist.

In Gnarrs Büro in Islands Hauptstadt hängt übrigens ein Banksy-Bild. Er schulde dem Künstler noch Dank, schreibt er, weil der ihm das Graffiti vermacht habe. Außerdem sehe er sich selbst in der Figur “The Flower Chucker”. Und fügt an, er wisse, wer Banksy sei, würde aber nie ein Sterbenswort darüber verraten. Das Erstaunliche ist: Ich glaube ihm. In jeder Hinsicht.

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