Der Autor und die Geprügelten

Von Lukas Strenot. Was ist auf ihn eingedroschen worden, was musste er sich anhören. Das alles ist zwar schon Jahre her, aber die damals coram publico gefallenen Worte hallen immer noch nach. Die Rede ist von Helmut Kohl, dem Altkanzler (die sprachliche Assoziation zu Alteisen stellte sich bei mir schon vorher mit Adenauer ein). Kohl, ein politisches Artefakt, hatte sich ins Abseits manövriert, als er in der CDU-Spendenaffäre die Herkunft eines Millionenbetrages ungeklärt ließ – und bis heute lässt. Doch nach Jahren, in denen das Schweigen der häufigste Umgang mit dem Renegaten war, ist nun selbst der Gedanke wieder hoffähig, Kohl den Friedensnobelpreis für seine Mitwirkung an deutscher und europäischer Einigung zukommen zu lassen. Diesmal bittet kein Geringerer als Uwe Tellkamp.

Zwischen 1993 und 1998, dem Jahr einer verlorenen Bundestagswahl und dem Ende von Kohls Kanzlerschaft, flossen 2,1 Millionen D-Mark in die Parteikasse. Der Treppenwitz: Kohl hebelte damit das Parteispendengesetz aus. Die Folgen: Anfang 2000 wandte sich die Parteispitze der CDU vom einst alle überragenden Granden ab. Mehr noch: Die geplanten Feierlichkeiten zu Kohls 70. wurden gestrichen. Als Kanzler hatte er Probleme oft ausgesessen, dieser für ihn erfolgreichen Taktik (wenn es denn eine ist) blieb er treu. Denn zum Thema Parteispenden schweigt er seither beharrlich – bis zu einem unabsehbaren Ende hin.

Eine Frage wurde jüngst von verschiedener Seite gestellt: Was würde bleiben vom Politiker Kohl, wenn er nicht im Kanzleramt gesessen hätte während der Götterdämmerung in der DDR? Es gibt mit Sicherheit so viele Antworten darauf wie Positionen zu Kohl. Eigentlich ist er angesichts seiner Selbstdemontage wegen der dubiosen Zahlungen politisch gesehen eine tragische Figur.

Es muss diese über einem Lebenswerk wehende Dramatik gewesen sein, die den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp im Vorfeld von Kohls 80. Geburtstag zu einer Laudatio in der “Bild am Sonntag” veranlasste. Er erinnert sich an dessen Rede am 19. Dezember 1989 an der Ruine der Dresdner Frauenkirche, spricht auch von der Ungewissheit, die jene Tage durchzog. Über Tellkamps Blick auf Kohl soll sich im Detail jeder selbst ein Bild machen (Klick). Die Frage bleibt, was den in der DDR Aufgewachsenen dazu veranlasst zu sagen: “Er war der rechte Mann am rechten Ort zur rechten Zeit. Das ist alles andere als eine Kleinigkeit, und nicht nur ich fände es angemessen, wenn man in Oslo seiner gedenken würde.” Folgt man diesem Gedankengang, müsste das Nobelpreiskomitee eine Kategorie “Schicksal” ins Leben rufen.

Eigentlich war zu hoffen, diese Debatte sei beendet. Schon 2007 hatten Bürgerrechtler die damals ins Gespräch gebrachte Auszeichnung für Kohl abgelehnt. Es ist sicher schwer, für die Ereignisse von 1989 und das Ende der SED-Herrschaft eine Person zu finden, die diesen friedlichen und erfolgreichen Aufstand vieler gegen die DDR-Oberen repräsentiert. Bei allem Respekt und politischem Instinkt, den Kohl damals an den Tag legte: Er dürfte schwerlich dieser Jemand sein. Vielleicht greift aber “Bild” gern noch einmal dem Mann unter die Arme, der als Lieblingskanzler der Chefredaktion gelten dürfte. Man denke nur an Kohls Hochzeit vor zwei Jahren. Als er seiner Lebensgefährtin Maike Richter das Ja-Wort gab, war “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann ein Trauzeuge. Der andere hieß übrigens Leo Kirch.

Die Intentionen der “Bild am Sonntag” sind schwer zu durchschauen – und auch wieder nicht. Man rühre Kohl, Wende, Tellkamp zusammen, da kommt schon ein Textchen bei rum. Tellkamps Blick auf jenen Tag 1989 ist wie gesagt kein Punkt, über den gestritten werden müsste. Was aber hat ihn zur Nobelpreis-Aussage veranlasst? Keine Ahnung. Es gibt aber mit Sicherheit wahrlich Geprügelte und Gezeichnete, denen beizuspringen eine angemessene Aufgabe für einen Schriftsteller wäre.

2 comments

  • respekt, ich haette das uebliche tellkampsche geschwurbel nicht bis zur nobelpreisnominierung durchgehalten und diesen brueller (auch noch mit benutzung des verstandes begruendet) glatt ueberlesen.

  • Vor einigen Monaten hat sich die Dresdner FDP-Stadtratsfraktion hinter den Vorschlag der Dresdner CDU-Stadtratsfraktion gestellt, Helmut Kohl die Ehrenbürgerwürde von Dresden zu verleihen. Eben wegen dieser einen Rede, über die noch lange nicht alles gesagt wurde. Darüber wurde nur halboffiziell geredet, weil sich offensichtlich die Vorschlagenden ihrer Sache nicht sicher waren. Aber es ist ja bekannt, daß Herrn Kohls größter Fan der Herr Vaatz ist.

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