Der Kosmos bleibt zivil – Stanislaw Lem wäre heute 90 geworden

Von Torsten Klaus. Es war eins dieser Gleichnisse, die Stanislaw Lem scheinbar mühelos aus der Feder flossen. In seiner Kurzgeschichte „Die Falle des Gargancjan“ machen zwei Forscher zwei verfeindeten Herrschern die Idee der „idealen Armee“ schmackhaft: ein Heer, das auf elektronischem Weg vernetzt und somit zu einer Masse mit einem einzigen Willen gemacht werden soll. Was die beiden Herrscher erst auf dem Schlachtfeld merken: Auch das ästhetische Empfinden dieser Masse Mensch war uferlos geworden. Deshalb vereinigten sich die Armeen zum Dichten von Sonetten, zum Philosophieren, zur Diskussion abstrakter Kunst. Denn, so begründete Lem: „Oberhalb einer bestimmten Grenze verwandelt sich das Militärische als lokaler Zustand in das Zivile, und zwar deshalb, weil der Kosmos als solcher absolut zivil ist…“ Ist mit einem vernünftigen Satz Pazifismus jemals besser erklärt worden? Wohl kaum. Heute wäre der 2006 gestorbene Autor 90 Jahre alt geworden.

Der polnische Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor Stanisław Lem, 1966. (Kjell André | Wikimedia | CC BY-SA 3.0)

Fragen jedenfalls gehörten zum täglichen Brot des 1921 im galizischen Lwów geborenen Stanislaw Lem. Die Zeitläufte ließen ihn das Medizinstudium dreimal aufnehmen, das Examen aber verweigerte er, damit er dem Militärdienst entging. Parallel dazu erschloss er sich die Welt des Schreibens, legte mit „Das Hospital der Verklärung“ sein erstes Buch vor, mit „Der Mensch vom Mars“ seine erste Science-Fiction-Geschichte. Der Aufbruch der Menschheit in die Weiten des Alls war dem jungen Lem ein Zeichen von Fortschritt und befriedigter Neugier. Er sah damals eine wahrlich schöne neue Welt. Je größer seine Lebenserfahrung wurde, desto mehr wuchsen aber die Zweifel an dieser Weltsicht.

Diese Zweifel impfte Lem auch seinen Figuren ein. Ijon Tichy, der Held aus den „Sterntagebüchern“, und Pirx, der Raketenpilot, begegnen den Misslichkeiten einer durchautomatisierten Welt mit einer Mischung aus Pragmatismus und Ironie. Tichys Schwierigkeiten bei diversen Raumkonferenzen, als er zum Beispiel einen außerirdischen Abgesandten mit einem Getränkeautomaten verwechselt, oder Pirx’ ungleiches Duell mit einem Androiden sind nicht nur Klassiker des SF-Genres geworden. Sie belegen die Hoffnung, die Lem mit dem Individuum verknüpfte. Pirx und Tichy sind Einzelkämpfer, die Schwejks der Zukunft – personell die beste Lösung für bestehende und kommende Probleme.

Doch Stanislaw Lem, der in einem Vorort von Kraków lebte, vermochte noch mehr. Da muss nur an „Solaris“ erinnert werden, diesen grandiosen Roman, der der Gattung Science Fiction endgültig eine philosophische Komponente zusprach und der gleich zweimal verfilmt wurde – 1972 von Andrej Tarkowski und 2002 von Steven Soderbergh. Das Spiegeln menschlicher Ängste und das Zurückgeworfensein auf das eigene Selbst sind selten so eindringlich geschildert worden. Lems Thema hatte sich endgültig manifestiert: Zweifel ist der Mensch, doch Verzweifeln gilt nicht.

Seit Lems Tod 2006 klafft eine in ihren Ausmaßen immer noch nicht übersehbare Lücke. Obwohl er vorher schon seit einigen Jahren keine Science Fiction mehr geschrieben hatte, gab  er der Gattung Tiefe und damit Leben. Und das, obwohl er in gewohnt ironischer Manier in einem Interview einst bekannte: „Die Zuneigung, die ich dem gefallenen Mädchen Science Fiction entgegengebracht habe, ist nur zu vergleichen mit der Dummheit, sich in eine schöne Frau zu vergucken, um dann festzustellen, dass sie unter voranschreitender Zahnfäule leidet.“

Lems visionäre Kraft, mit der er viele Entwicklungen der Neuzeit vorwegnahm und sich gleichzeitig davon distanzierte, hatte ihn seit Jahren zu einem ernsthaften Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis gemacht. Ein Versäumnis, mit dem die Schwedische Akademie leben muss.

12 comments

  • “Oberhalb einer bestimmten Grenze verwandelt sich das Militärische als lokaler Zustand in das Zivile, und zwar deshalb, weil der Kosmos als solcher absolut zivil ist”… Ich bin u.a. am Zweifeln, ob dies Ausdruck des Pazifismus ist, denn die schlaue Wiki weiß folgendes: “Unter Pazifismus versteht man im weitesten Sinne eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen.”

    Wer festzustellt, dass das Militärische schon irgendwann wieder zum Zivilen wird, akzeptiert die Existenz des Militärischen und lehnt sich währenddessen vielleicht auch bequem zurück, denn es kommen ja bessere Zeiten… Das scheint nicht sehr pazifistisch im Sinne der obigen Definition, in der nicht (nur) passives Abwarten, sondern aktives Schaffen enthalten ist.

  • Ich sehe nicht den Widerspruch. Das Militärische ist ein historischer Fakt. Ebenso der Pazifismus. Die Wiki ist enzyklopädisch, sie denkt nicht; die in ihr hinterlegten Definitionen sind nicht letztgültig. Lem dachte eigene Gedanken – schreibend. Ich widerum bin mir nicht sicher, ob ein Rückgriff auf bestehende Definitionen und deren absolute Setzung nicht ein bequemes Zurücklehnen ist, es wurde das Letztgültige ja schon gedacht.

    Im Übrigen wüsste ich gern, mit wem ich diskutiere. Doch dies nur am Rande.

    Viele Grüße,

    Tobi

  • Hallo Tobi, OK, ich füge meinen Fakten hinzu, dass Ihr Euch mit halbgar formulierten Kommentaren nicht zufrieden gebt.

    Die Frage von Torsten war, ob es eine bessere Erklärung für den Pazifismus gibt. Hier hatte ich aus den oben genannten Gründen Zweifel. Aber ich gebe zu, dass, wenn ich die Bezeichnung Erklärung nicht mit Definition verwechsele, wie ich es vielleicht getan habe, das ganze mehr Sinn macht.

    Als Definition gefällt mir persönlich besser, was bei Wikipedia zum Pazifismus steht. Als hiervon zu unterscheidende Erklärung kommt Lems Gedanke aus einer anderen Ecke, ergänzend, grundlegend, vorgeschaltet. Wenn ich den Satz als Beobachtung auffasse, die den Schluss zieht, dass der Kosmos zivil ist, dies gleichsam als Fakt feststellt, ist das eine Erklärung für die Existenz des Pazifismus. Mit dieser Sichtweise kann ich mich anfreunden.

    Mein Name ist Tanja. Torsten hatte mir vom Sehnsuchtsort vor etwa anderthalb Jahren erzählt.

    Viele Grüße

  • Liebe Tanja,

    danke für den Nachtrag. Was das Halbgare anbelangt, habe ich schon so viele halbgare Sachen gesagt und geschrieben, unter anderem auf dieser Plattform, dass ich das durchaus entspannt sehen kann. Was ist schon gar? 😉 Man sagt doch immer nur das, was man gerade, in diesem Moment, sagen kann.

    Lem hatte Zweifel, aus meiner Sicht ein wesentlicher Punkt, auf den Torsten in seinem Artikel hinweist, Zweifel unter anderem an der Technik-Ideologie seiner Zeit.

    Ich möchte nicht falsch verstanden werden, die Erfahrungen der letzten Jahre haben mich, was den westlichen “Bellizismus” anbelangt, um es milde auszudrücken, gründlich zweifeln lassen. Allerdings, um zu der von Dir ins Spiel gebrachten Pazifismus-Definition im W. zurückzukommen, heißt es dort im unmittelbar nächsten Absatz: “Der Pazifismus als Lehre und Bewegung gilt als Phänomen der abendländischen Moderne”. Entnommen ist das Postulat, wie in der Fußnote angegeben, Gertrud Brüchers Analyse des abendländischen Pazifismusdiskurses.

    Der westliche Pazifismus ist eine abendländische Ideologie. Ihr Gegenstand ist von der sicheren Bastion derer konstatiert und definiert, die sich eine Moral leisten; diese Ideologie, in ihrer Anwendung oft von jeder Reflexion befreit, reicht in einigen Fällen so weit, zu behaupten, dass niemand kämpfen muss, weil man es selbst gerade nicht muss. Es fällt darüber hinaus nicht schwer, den moralisch-christlichen Anteil in dieser Ideologie auszumachen. Bezeichnend jedoch ist schon allein der Fakt, dass der Pazifismus ein abendländisches Phänomen ist.

    Es ist richtig, dass in diese Definition des Pazifismus sehr wahrscheinlich eine Menge Erfahrung derer eingeflossen ist, die die Folgen eines ungehemmt sich entfalteten Bellizismus als Beteiligte erfahren haben – verhindert jedoch haben sie weder die Auswüchse des – abendländischen – Bellizismus noch dessen Folgen, noch konnten sie bisher verhindern, dass Kriege stattfinden. Das gibt zu denken. Der Nebel lichtet sich ein wenig, wenn man in Betracht zieht, dass die Pazifismus-Ideologie ihre ideologischen Wurzeln nun ausgerechnet in der Gesellschaft hat, die für verheerende Kriege, die opfer- und folgenreichsten bisher, verantwortlich ist. Erich Maria Remarques Roman ” Im Westen nichts Neues” war bereits kurz nach seinem Erscheinen (1928/29), unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg, ein Kassenschlager. In der Literaturwissenschaft wird das Buch als eines der ersten dezidiert pazifistischen Antikriegsromane gehandelt. Noch im Jahr seines Erscheinens wurde der Text in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Zehn Jahre später – ein genügend langer Zeitraum, um die Botschaft Remarques zu rezipieren (und zu verstehen), dass dies geschah, dafür sprechen die hohen Auflagenzahlen – begann der Zweite Weltkrieg.

    Folgerichtig ist, so könnte man meinen, dass nun eben der Pazifismus-Diskurs als Folge dieser Kriege entstanden ist. Remarque ist ein Beleg dafür, dass sowohl Pazifismus als Bellizismus parallele Phänomene sind. Dafür spricht, dass der pazifistische Diskurs zwar einerseits sehr wahrscheinlich Präsentation und Wahrnehmung von Kriegen tiefgreifend und nachhaltig verändert hat, andererseits Kriege nach wie vor ausgefochten werden.

    Weil sich die Ideologie des Pazifismus erst noch durchsetzen muss, werden Einige antworten, weil die Menschen noch nicht reif sind für diese Ideologie. Doch ist das nichts anderes, als die Projektion der Erfüllung einer Ideologie in einer ferneren oder näheren Zukunft. Wie sollte dem auch anders sein, die Erfüllung der Ideologie ist das Ideale, eine Utopie. Doch was ist ein angemessener historischer Zeitraum für die Erfüllung dieses Ideals? Der Protagonist in Grimmelshausens “Simplicissimus” (1668!) liebt den Frieden, er ist ein durchaus friedlicher Mensch, ein sehnsüchtiger Pazifist, würden wir heute sagen, und einen Anachronismus konstruieren. Nun ist es eben jener friedliebende Held des Simplicissimus, der permanent in die blutigsten Auseinandersetzungen stolpert.

    Beide Ideologien, sowohl Bellizimus als auch Pazifismus werden moralisch gerechtfertigt, sie wurzeln im selben abendländischen Moralverständnis; tatsächlich sind die meisten Rechtfertigungen für Kriege moralischer Natur, mit der selben Moral operieren die Ideologen des Pazifismus.

    Das Problem erweist sich als zu komplex, als das es durch “eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen” beseitigt werden könnte. Eine Ideologie, die mit ihrem Ideal zusammengefällt ist paradox. Pazifistischer Bellizismus dagegen historische Realität. Hier kommen wir zu Lem zurück. Lem spricht überhaupt nicht von Pazifismus. Den Begriff hat Torsten zuerst ins Spiel und mit Lem in Verbindung gebracht. Lem sagt, der Kosmos sei zivil, ein erheblicher Unterschied, will ich meinen. Ich wäre nicht so weit gegangen, dies als Erklärung des Pazifismus zu interpretieren. Lem schreibt, dass auch eine elektronisch vernetzte und gleichgeschaltete Armee früher oder später unvermeidlich zur ästhetischen Anschauung gelangen muss und damit aufhört als Armee zu funktionieren. Durch das Schöne zum Guten – ein alter Latsch den Platon trug, Kant weitete und Schiller sich passend schnitt. Die das Schöne und den Krieg gleichermaßen liebenden Renaissancefürsten waren weder die Ersten noch die Letzten, die einiges an Gegenbeweisen geliefert haben. Sie hatten keinen Remarque gelesen, wohl aber Platon und die Bibel. Das Ästhetische ist nicht moralisch.

    Das Lem schreibend so dachte, sagt viel aus über Lem und es ehrt ihn, wenig jedoch sagt es über Krieg und Frieden.

    Beste Grüße,

    Tobi

  • Lieber Tobi,

    wo fange ich an? Bei Deinem Ende, dort hast Du nämlich festgestellt, dass es Torsten war, der den Pazifismus ins Spiel gebracht hat und eben dieser bei Lem keine Erwähnung findet. Aber grad jene Verbindung war es, die mich ursprünglich beim Lesen straucheln ließ, weshalb ich meine Zweifel auf den Tisch brachte. Wenn Du nun also der Meinung bist, dass gar ein erheblicher Unterschied besteht, so liegen wir gar nicht so weit auseinander.

    Thematisiert ist inzwischen aber mehr bzw. die Erklärung und Definition, Herkunft und Widersinnigkeiten in Bezug auf den Pazifismus und dessen Begrifflichkeiten selbst. Ein komplexes Problem in der Tat.

    Der eine der beiden größeren deutschen Repetitoren trichtert seinen Zöglingen ein: „Probleme schaffen, nicht wegschaffen!“ – ein Insiderwitz am Rande für meine Berufsgruppe – aber es ist das, woran in dachte, als von Dir las, dass die Wikipedia-Definition das Problem nicht beseitigt.

    In der mir eigenen Bequemlichkeit könnte ich nun anführen, ich hatte formuliert, „mir gefällt“ die Wiki-Defi besser und dass ich damit keinen Anspruch der Allgemeingültigkeit konstatiere. Das Problem hätte ich damit an Wikipedia weitergereicht. Aber nachdem ich schon seit einigen Jahren erwachsen bin, will ich versuchen, etwas Verantwortung für meine Worte zu übernehmen und das Problem eben nicht “weg zu schaffen”.

    Zum besseren Verständnis meiner Worte muss ich nun ergänzen, dass ich gar nicht so weit gedacht habe, wie Du es getan hast. Für mich standen die bis dahin ins Spiel gebrachten Pazifismusbegriffe zur Auswahl. Das waren der von Torsten anhand von Lems Aussage und der von Wiki. Letzterer gefällt mir immer innerhalb dieser Auswahl besser – denn immerhin scheinen wir uns ja einig zu sein, dass die andere Alternative gar keine ist.

    Über Sinn oder Unsinn der Wiki-Defi hatte ich mir keine weiterführenden Gedanken gemacht. Aber das kann ich ja nachholen. Fest steht jedenfalls, dass ich den Sinn für mich grob überschlagen für gegeben hielt.

    Und warum auch nicht? Wir leben in einer Gesellschaft die sich Moral leisten kann. Was ist falsch daran?

    Du argumentierst mit der abendländischen Tradition, die dem Ganzen nach meinem Verständnis Deiner Worte schon wesentliche Abstriche einbringt. Hängt es damit zusammen, dass das Abendland Deiner Meinung nach nicht über den Tellerrand schaut und / oder zuviel der eigenen nicht reflektierten Ideologie exportiert, in unserem Fall historisch und aktuell gar recht gewaltreich? Mir scheint, Du nimmst der Ideologie das Scheitern übel.

    Habe ich mich grad als reflexionsarme, abendländische Privilegierte geoutet? Fragen über Fragen. Wie auch immer, mich beschäftigt in dem Zusammenhang noch eine ganz andere Frage nach eigenem Erleben:

    Hintergrund ist der Nazi-Aufmarsch in Stolpen in der Nacht von September auf Oktober. Die feigen Penner haben sich nachts in die Stadt geschlichen, versammelt und sind dann über den Marktplatz durch die Stadt marschiert, mit Fackeln, schwarzer Kapuzen-Kleidung, weißen Masken, extragroßen Chinaböllern, dämlichen Skandiersprüchen, Megaphon und Kamera, um ihre Heldentat bei youtube zu feiern. Mich macht soviel geballte Blödheit, die leider offenkundig gut organisiert war, zusammen mit meiner eigenen Hilflosigkeit wütend. Da kam schon mal der Gedanke hoch, dass ich es nett fände, die zu den Insassen radikal-islamisch-terroristischer Übungscamps zu verfrachten, wobei in meiner Vorstellung die dann dort Versammelten nicht auf die Idee der Fraternisierung kommen. Das geht nicht mehr als pazifistisch durch, oder?

    Viele Grüße
    Tanja

  • Nee, geht es nicht. 😉

    Liebe Tanja,

    tatsächlich habe ich mich an Deine Position, zumindest was den Punkt der Skepsis gegenüber der Interpretation des Lem-Zitats als Pazifismus-Erklärung betrifft, herangeschrieben. Was die Positionierung zwischen den Polen Bellizismus und Pazifismus anbelangt, will ich mich präzisieren:

    Das scheinbare Paradox in der Kombination entgegengesetzter Begriffe (“Pazifistischer Bellizismus”) sowie ihrer Gegenstände, sollte auf die (meines Erachtens) tief in unserer abendländischen Kultur verwurzelte Schizophrenie im Umgang mit den Phänomenen Krieg und Frieden hinweisen. Eine Kultur mithin, die permanent den Frieden predigend ohne Unterlass Kriege führt. Die Thematisierung dieser Schizophrenie, die mir notwendig erscheint, wenn wir uns ernsthaft mit den Phänomenen Krieg und Frieden beschäftigen wollen, kann meines Erachtens nicht dadurch auf den Weg gebracht werden, dass wir uns für den gerade opportunen der vermeintlich entgegengesetzen Pole entscheiden, und entweder die bellizistische oder die pazifistische Ideologie vertreten, vielmehr müssen wir uns an dieser Schizophrenie selbst abarbeiten. Dann jedoch stellte sich möglicherweise heraus, dass so mancher, der die “ethische Haltung” des Pazifisten für sich beansprucht, ursächlich stärker in Kriege involviert ist, als diejenigen, denen vermeintlich nichts übrig bleibt als zu kämpfen, um “die Bedingung für [ihren] dauerhaften Frieden” zu schaffen.

    Dein lezter Punkt, die Nazis in Stolpen betreffend, beinhaltet, aus meiner Sicht, einen maßgeblichen Teil des Problems. Die Gesellschaft, in der wir leben, bietet uns moralische Positionen an, die sie sanktioniert, die wir, als ein Teil dieser Gesellschaft, mit sanktionieren, wenn wir sie einnehmen. Es provoziert keinen Aufschrei der Entrüstung, Nazis in radikal-islamische Terrorcamps (von denen die meisten gar nicht wüssten, wo diese außerhalb des Fernsehers tatsächlich zu finden wären) verfrachten zu wollen. Man nimmt das als Ausruck der Wut und der Ohnmacht, als verzeifelten Sarkasmus oder Galgenhumor, hin. Doch es gibt andere Konstellationen – man braucht lediglich, unter Beibehaltung der Syntax sowie der Prädikate, die Nomen des Satzes auszutauschen – die sehr wohl einen Aufschrei provozieren. Das ist präzise genug. Beide Konstellationen resultieren in völlig unterschiedlichen Reaktionen des selben Moralverständnisses der gleichen Gesellschaft. Ja, es ist gut, dass die Gesellschaft ein Moralverständnis hat, doch sagt das gar nichts aus über dessen Qualität. Sich für eine gesellschaftliche Moral auszusprechen ist ebenso nichtssagend, wie zu bejahen, dass es gut ist, wenn man Verstöße gegen diese Moral ahndet.

    Etwas anderes ist es, zu problematisieren, dass diese Moral offenbar ein Maß hat, mit dem sie misst. Dass sie einerseits – der pazifistischen oder irgend einer beliebigen anderen Ideologie folgend – Phänomene verurteilt, andererseits jedoch Phänomene, die sich durch eine identische Syntax und ebenso identische Prädikate ausdrücken lassen, sanktioniert, weil die Konstellation, die eine Behandlung ihrer (lediglich substituierten) Objekte ausdrückt, moralisch gebilligt wird. Die Struktur ist die selbe, lediglich deren Gegenstände sind austauschbar. Unbewusst, bigot oder schizophren sind aus meiner Sicht angemessene (moralische) Attribute dafür. Wir haben zahlreiche Beispiele im Verlauf der jüngeren und jüngsten Geschichte gesehen, in denen mit dem selben wissenschaftlichen Instrumentarium, der gleichen – christlich fundierten – Moral und identischen Sprachkonstruktionen Menschen entweder umgebracht oder zu Heiligen und Helden erklärt wurden.

    Dabei hat man zu jeder Zeit glauben können, dass das Schöne zum Guten führe. Ein ausgeprägter ästhetischer Sinn ist ein Kennzeichen des sogenannten “Abendlandes”; vielleicht ist dieser ästhetische Sinn, neben dem Erfindungsreichtum in der Waffentechnik, einer der wesentlichsten Charakterzüge des Abendlandes und – nebem dem Krieg – dessen höchste Kulturleistung und bildet, gemeinsam mit letzterem, den Garanten unserer bisher so privilegierten Position. Möglicherweise sind es die zwei Qualitäten des selben Genius; erstaunlich viele Künstler der Renaissance – die ausgezeichnetsten unter ihnen – haben sich mit Festungslehre und Waffenkonstruktion befasst, von ihren Maecaenen ganz zu schweigen. Man denke an die zunächst große Kriegsbegeisterung der Autoren der Romantik, oder einiger ihrer “Kollegen” im Fin de siècle, man denke jedoch auch an deren spätere Ernüchterung, ihre Resignation. Es ensteht der Eindruck, dass das Gegenteil eher zutrifft: Durch das Hässliche zum Guten – wenn es noch moralische Kategorien gab, die denen, die das Hässliche erleben mussten, etwas galten. Wie auch immer, die gleichzeitige Hinwendung zu bildenden und darstellenden Künsten, der Literatur und der Musik einerseits sowie zur Kriegskunst andererseits; deren Vereinigung schließlich in der Darstellung des Krieges widerum (durch die Jahrhunderte ein bevorzugstes Sujet aller Kunstgattungen), sei diese ästhetisierend oder kritisch, wie auch die Perfektionierung der Kriege, die im höchst ambivalenten Begriff von der “Kriegskunst” gipfelt, ist eine auffällige Konstante in der abendländischen Geschichte. Die Formel “Durch das Schöne zum Guten” erscheint mir vor diesem Hintergrund absurd.

    Und nun folgt der Absturz auf den trivialen Boden des Alltäglichen, was nicht heißen soll, dass dieser unbedeutend wäre: Die Fraternisierung von Nazis und radikal-islamischen Fundamentalisten ist alles andere als abwegig; beide Lager teilen so manche Idee, der Antisemitismus ist nur eine davon. Gegenseitige Sympathiebekundungen hat es von beiden Seiten ausreichend gegeben.

    Beste Grüße,

    Tobi

  • Lieber Tobi, da hab ich mir hier ja was eingebrockt. Möchte schon noch Stellung beziehen aber bislang hab ich noch keine Zeit gefunden. Vorerst wünsche ich Dir/Euch ein schönes Wochenende.
    Viele Grüße
    Tanja

  • Lieber Tobi,

    prokrastinierend meine Arbeit vor mir herschiebend komme ich gern zum bereichernden Sehnsuchtsort zurück.

    Ich dachte mir schon, dass ich Dir mit den Nazis eine schöne Vorlage geboten habe. Leider weiß ich, dass beide Lager durchaus Gemeinsamkeiten aufweisen. In meiner Vorstellung habe ich daher die Fraternisierung von vornherein ausgeschlossen. In meinem Kopf geht das – die Realität hat woanders schon genug Platz (Hieraus jetzt bitte keinen intellektuellen Strick drehen!).

    Ich möchte die Moral nicht einfach so abtun. Wir sind soziale Wesen. Irgendein Maß für unser Verhalten brauchen wir also. Wenn dem Zusammenleben eine Moral den Rahmen gibt, ist das nicht grundsätzlich schlecht. Sicher die Qualität ist nicht von vornherein sicher gestellt. Die Feinheiten ändern sich, unterliegen der gesellschaftlichen Entwicklung. Aber das ist auch gut so. Ich jedenfalls will die Zeiten, in denen Ehefrauen die Erlaubnis ihrer Männer brauchten, um arbeiten zu dürfen, nicht zurück.

    Aber eine grundlegende individuelle Moral ist uns allen innewohnend. Wenn diese ebenfalls Ausdruck in einer gesellschaftlichen Moral findet, kann das Ergebnis nicht so ablehnendwert sein.

    Am Ende ist es diese Moral, die uns davon abhält, unsere Nazis zu exportieren?

    Ich verweigere mich zudem der Behauptung, unsere grundlegende Moral sei (ausschließlich) christlich fundiert. Marc Hausers „Weichenfragen“ wurden unabhängig von Religion, Herkunft, Alter und Geschlecht im Wesentlichen gleich beantwortet. Daraus lese ich, dass das vermeintlich christliche Gebot „Du sollst nicht töten“ ein Gebot viel älteren Datums ist, das die Christen nur in Worte gefasst haben.

    Verstehe ich Dich richtig, wenn ich überspitzt lese, Pazifisten sind naive Spinner und / oder was noch viel schlimmer ist, Heuchler?

    Warum sollen die Pole Pazifismus / Bellizismus als im Grunde nicht konträr ausradiert werden, wenn das andere Wortpaar Frieden und Krieg als gegensätzlich anerkannt ist? Wer das eine mag und das andere nicht kann doch durchaus eine Bezeichnung dafür bekommen. Sollen wir wirklich unterscheiden und sagen, Inuit, die gerne im Frieden leben und den Krieg ablehnen, sind friedliebend, während der Europäer bei gleichen Vorzeichen Pazifist ist? Mir ist natürlich klar, dass in der Definition des Pazifismus die „ethische Grundeinstellung“ Verwendung fand und nicht lapidar von der persönlichen Vorliebe die Rede ist. Was wäre wenn? Würdest Du in diesem Fall die Differenzierung Pazifismus / Bellizismus auch noch schizophren finden?

    Deine Ablehnung speist sich, meine ich, aus den Begriffen Ethik, Moral, abendländische Ideologie. Wenn es eine universelle Moral gibt, warum nicht auch einen universellen Pazifismus, unabhängig von der abendländischen Ideologie? Den Teil hatte ich ganz am Anfang, als ich die Wiki-Definition zitiert habe, absichtlich weggelassen.

    Wollen wir übrigens noch thematisieren, dass es zumeist die Männer sind, die Krieg führen?

    Viele Grüße
    Tanja

  • Liebe Tanja,

    ich lehne gar nichts ab. Und schon gar nicht will ich etwas “ausradieren”. Ich bin lediglich im “Vollbesitz meiner Zweifel”. Unsere “grundlegende Moral”, (was legt hier überhaupt wo und wem welchen Grund?) basiert auf der Teilung in Gut und Böse. Natürlich wurzelt unser Moralverständnis damit in der christlichen Religion, deren wesentliches Merkmal im Dualismus Gut/Böse besteht. Du kannst hier, wenn Du willst, noch weiter zurückgehen, und die nicht restlos geklärten Vorläufer des Christentums versuchen auszumachen; unter Historikern ist eine Diskussion darüber, ob etwa der Zoroastrismus in diesem Fall als eine der Wurzeln gelten kann, möglicherweiße sinnvoll, an dieser Stelle ist damit jedoch nichts gewonnen. Das westliche Moralverständnis ist christlich-religiös – ganz gleich ob Menschen, die sich darauf berufen, in Gut und Böse unterteilen zu wollen und zu können, Christen sind oder nicht. Wie es mit den Verträgen, die wir um dieses Moralverständnis gestrickt haben, aussieht, das steht auf einem anderen Blatt (Wahrscheinlich eher auf Deinem als auf meinem).

    Ich habe auch mit keinem Wort gesagt, dass ich Moral ablehne. Das wäre absurd. Warum, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Ich sorge mich um die Qualität des westlichen Moralverständnisses, dem ich ein gerüttet Maß an Schizophrenie diagnostizieren zu können glaube. Das ist alles. Eines sagen, das andere tun. Mehr ist es nicht.

    Die Krieg führenden Männer können wir lassen. Auch so ein Scheingefecht. Stell die Frage in einer reflexiven Konstruktion und sie erscheint in ihrer ganzen Albernheit. Wir (er)finden immer wieder die selben Formationen, in deren Zentrum wir uns dann stellen. Auch das ist “westlich”, möglicherweiße sogar christlich, wer weiß das schon; man kann hier ausufernd diskutieren, man kann es auch lassen.

    Beste Grüße,

    Tobi

  • Lieber Tobi,

    was liegt hier überhaupt?: Angelehnt an Marc Hauser, zugegeben wissenschaftlich ansonsten höchst umstritten, ein intuitiver Moralsinn, unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion, Herkunft. Wo?: Im ventromedialen Teil des präfrontalen Cortex. Aus welchem Grund?: Das kann sich doch jeder selbst aussuchen. Für einen Erklärungsversuch kann ganz schnöde die Evolution herhalten, wenn wir unterstellen, dass Soziopathie eher auslesefeindlich ist.

    Mir gefällt einfach die Vorstellung, dass wir “ausstattungsmäßig” (soweit gesund) moralfähig sind und beim Maß bezüglich des Grundlegenden gar nicht so weit auseinander sind, ob Christen oder nicht.

    Die Krieg führenden Männer: Schade, die Provokation stieß nicht auf Gegenliebe aber zumindest gibt es einen Fortschritt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten verwendet jemand im Zusammenhang mit meiner Person das Wort “albern”. Hopfen und Malz sind bei mir also nicht verloren.

    Einen Schönen Abend!
    Viele Grüße
    Tanja

  • Liebe Tanja,

    Dir also verdanken wir den Topos der “Krieg führenden Männer”? Das war mir bisher nicht bekannt. Wenn dem so gewesen wäre, hätte ich ihn sicher nicht albern genannt. 😉

    Herzlich,

    Tobi

  • Lieber Tobi,

    und schon wird mir das Prädikat wieder aberkannt? Dabei wollte ich doch Verantwortung für meine Worte übernehmen: Obwohl ich nicht die Urheberschaft insgesamt für mich in Anspruch nehmen kann, so habe ich doch die “Krieg führenden Männer” in diesem Gespräch erwähnt. Aber gut, ich bin so frei, Deine Worte als Kompliment lesen, auch wenn Du Dein Was-wäre-wenn-Statement offen lässt 😉

    Herzlich
    Tanja

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