Der lange Dresdner Winter

Von Anna-Maria Schielicke. Wie immer bei Frühlingsanfang reißt man die Fenster auf, kehrt einmal durch und versucht, die Beschwernisse des Winters zu vergessen. Auch in Dresden frohlockt der Politikwissenschaftler Hans Vorländer, dass nach zwei Pegida-Wintern die Stimmung deutlich besser geworden wäre. Allerdings sieht sich zeitgleich der Rektor der Universität genötigt, eine Mail zu schreiben, die dokumentiert, dass der Winter zwar spät, aber scheinbar nachhaltig nun auch auf dem Campus Einzug gehalten hat, ein Ort, den man nun wirklich für immun gegen Fremdenfeindlichkeit hielt. Nein, so sehr es sich die laut (und gerne) jammernde Seele Dresdens auch wünschen möchte – dieser Winter ist noch lange nicht vorbei.

Es gibt ihn ja auch nicht erst seit gestern diesen Dresdner Winter. Egal, wie überrascht und schockiert man sich angesichts der Freitaler Bürgerwehr gibt: Normalbürger werden nicht über ein paar Monate von harmlosen Bürgern zu Brandstiftern. Das war schon vorher da und das bleibt auch und geht nicht einfach wieder weg.

Foto: Thomas, Flickr, Creative Commons
Foto: Thomas, Flickr, Creative Commons

Unterdessen fällt unserem Stadtoberhaupt nichts Besseres ein, als seine Koffer zu packen, das barocke Dresden vom Regal zu nehmen, abzustauben und damit hausierend durchs Land zu ziehen. Dieses Haus, das Dirk Hilbert anpreist, ist aber leider „unmöbliert“, um ein Bild aufzugreifen, das Ralf Dahrendorf mal vor 50 Jahren für den Zustand der Demokratie in Deutschland¹ entworfen hat. Hier existiert keine rege Bürgerschaft wie in anderen Städten, die auch einen Blick für Dinge außerhalb ihrer vier Wände hat und wachsam darauf sieht, dass die Kälte nicht um sich greifen kann.

Aber was soll man tun? Ein guter Anfang wäre, endlich damit aufzuhören, die besorgten Bürger anzumahnen, sich zu überlegen, hinter wem sie da herlaufen. Das impliziert, dass sie es nicht wüssten. Nach bald zwei Jahren weiß aber wohl jeder, wem er da folgt und applaudiert und auf welchen Internetseiten er wie kommentiert. Wenn man nicht von einer nahezu grenzenlosen Dummheit und Dumpfheit ausgehen möchte, bleibt nur, dass es eine bewusste Entscheidung ist. Sie, die Montagsgänger und ihr Umfeld, lieben den völkischen Diskurs, sie berauschen sich an den Gewalt- und Umsturzfantasien. Man nehme sie endlich in die Verantwortung, anstatt ihnen Foren zu geben, und baue ihnen nicht ständig Brücken der Entschuldigung für unentschuldbare Taten und Worte. Dazu gehört auch, Hass und Fremdenfeindlichkeit als solche zu benennen und nicht fortwährend mit Euphemismen wie „Xenophobie“ weichzuspülen. Wenn jemand irrationale Ängste hat, streicht man ihm nicht zwei Jahre lang über den Kopf, sondern schickt ihn zur Therapie.

Angesichts der Tatsache, dass Sachsen bei Brandanschlägen, Übergriffen und Hassseiten ganz vorne mit dabei ist, wäre es daher auch wirklich mal an der Zeit, seine Achtsamkeit von den besorgten Bürgen auf die bedrohten Bürger zu verlagern. Wer hat denn in den letzten Monaten am meisten auszustehen gehabt? Der besorgte Bürger? Der Asylkritiker? Der Fremdenhasser? Nein, es sind zuvorderst die Flüchtlinge. Und wer schon nicht in der Lage ist, für „Fremde“ Empathie aufzubringen, sollte doch mindestens einen Funken davon für die „eigenen Leute“ übrig haben. Die Kreise der Ausgegrenzten werden nämlich größer: erst Fremde, dann Linke, dann Journalisten, Politiker, Gutmenschen. Man muss nicht erst Martin Niemöller zitieren, um jedem ans Herz zu legen, sich die Frage zu stellen, ob er nicht vielleicht der nächste ist, weil er zu alt ist, weil er zu schwach ist, weil er keine Familie hat. Ein Blick in den AfD-Programmentwurf zeigt einen kaum verhüllten Sozialdarwinismus, der gerade den Schreihälsen („Wer kümmert sich um mich?“) zu denken geben sollte, anstatt Anlass zum Applaus zu sein.

Einhalt zu gebieten ist auch der Gewöhnung an das vormals Undenk- und Unsagbare. Die Rechtspopulisten haben die Lautstärke so weit aufgedreht, dass man bedenkliche Untertöne wie beispielsweise auch von Sigmar Gabriel (was für „die eigene Bevölkerung“ tun, „Wirtschaftseliten“ vs. fleißiger Bürger) schlicht überhört. Am Rande: Liebe Politiker und Parteien (hier vor allem CDU/CSU), was erhoffen Sie sich davon, in diesen Kanon einzustimmen? Warum sollte man die Kopie wählen, wenn man das Original haben kann? Niemand wird mit dieser Kopie vorlieb nehmen, nur weil sie sich ein populistisches Kleidchen anzieht – den sogenannten besorgten Bürgern geht es um ganz andere Dinge.

Zur Gewöhnung zählt auch, dass noch vor ein paar Jahren die Nominierung der Band Freiwild für den Echo ein großer Aufreger war – Künstler sagten ihr Kommen ab, bezogen Stellung. Nach den letzten Monaten voll ohrenbetäubendem Lärm reicht es nur noch für ein paar Buhrufe, ansonsten Gähnen, Augenrollen, Abwinken, sogar Applaus. Unvorstellbar war im August letzten Jahres ebenfalls selbst für Kenner der Materie², dass es zu „tagelangen Protesten“ wie in Rostock Anfang der 1990er kommen könnte. Es dauerte keine drei Wochen, dann war es in Heidenau soweit.

Wer gerne beruhigend auf die 1990er verweist, wo alles ja noch viel schlimmer gewesen sein soll (und Rostock und nicht Sachsen das Fanal war), dem sei gesagt: Es ist jetzt schlimmer. Damals stand man nach ein paar Anschlägen zu Tausenden auf der Straße. Heute verursachen die in grässlicher Regelmäßigkeit erscheinenden Meldungen über Angriffe kaum noch eine Regung. Über 1000 Angriffe auf Asylunterkünfte heißt: jeden Tag drei Angriffe. Letztens erwiderte jemand mir gegenüber darauf: Naja, es gibt ja auch mehr Heime. Da blieb mir kurz die Sprache weg. Dahrendorf bezeichnete Unmenschlichkeit übrigens einst als „Struktur gewordene Gedankenlosigkeit“ (Dahrendorf 1968: 384).

Wen das Grassieren rechter Gewalt und rechter Gedanken zornig gemacht hat, dem sollte diese Gewöhnung und diese Gedankenlosigkeit langsam Angst machen. Ich habe wenig Hoffnung, dass der ewig lamentierende Dresdner seinen Arsch von der Couch bekommt, werde aber deshalb nicht aufhören, es anzumahnen. Lieber lasse ich mich des Alarmismus bezichtigen, als mich der Unterlassung schuldig zu machen.

P.S.: Von den „ewig lamentierenden Dresdner“ nehme ich selbstverständlich all jene aus, die sich seit Monaten auf Gegenprotesten die Hacken ablaufen, die Flüchtlingspatenschaften übernehmen, Sprachkurse geben und sich gegen die Gedankenlosigkeit stellen. Sie sind nur leider nicht typisch für Dresden.

 

¹ Dahrendorf, Ralf (1968): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München: Piper.

² Michael Nattke, Kulturbüro Sachsen, Süddeutsche Zeitung, 2.8.2015 “Wir erleben ungebremsten Hass”

Kommentare

  • Es passt in das von der Autorin gezeichnete Bild: Wir waren vor wenigen Wochen auf einem Trödelmarkt in Rothenburg (Neiße). Der Veranstalter soll eine Legende in diesem Metier sein. Nun gut, wir waren neugierig. Sicher, der Gesamteindruck war: mehr oder weniger ordentlich präsentierte Vielfalt. Der absolute Knackpunkt bestand jedoch aus zwei Ständen. Beim ersten Literatur zum Dritten Reich aus jenen unsäglichen Jahren (u.a. mit Hakenkreuz auf einem Einband), dazu ein volles Sortiment Ehrendolche und Luftdruck-Pistolen. Am zweiten Stand u.a. Wehrmachts-Spielzeugsoldaten und ein einzelner Hitlerjunge in Uniform. Als ich den ganzen Kram nachdenklich betrachtete, verkündete der Standinhaber begeistert, dass es einen Hersteller gäbe, der all das als Repliken fertigen würde. Die Figuren gäbe es natürlich nicht öffentlich im Handel. „Zum Glück“ so meine erste Antwort. „Ja was wollen Sie denn, das gehört doch zu unserer Geschichte“. Mit einem einzigen Wort kehrte ich dem Stand den Rücken: „Leider“. Wie so oft fehlen mir in einer solchen Situation die passenden Worte.
    Ich hätte sagen müssen, dass zu dem vollständigen Spiel noch ein paar kleine Juden samt Verladebahnhof und Viehwagen sowie als Geiseln erschossene Zivilisten gehören. Es war zu spät. Und meine Sorge ist, dass es das auch überhaupt sein könnte. Es war ein heller, sonniger Tag und ich wahrscheinlich der Einzige, der sich an so etwas stieß.

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