Der lange, dünne Arm des Krieges: In Zagreb ist die Kunst politisch, wogegen vor allem die Jugend von der Politik kaum noch etwas erwartet

 

Von Torsten Klaus. Städte schmiegen sich gewöhnlich mit ihrem Zentrum an Flüsse. Eine Binse, die nicht immer zutrifft. Zagreb ist so eine Ausnahme. Dort fließt die Save eher im Süden der knapp 800 000 Einwohner zählenden Hauptstadt Kroatiens. Ein alles andere als mächtig wirkender Fluss, der eigentlich nichts Wildes hat. Wer am Ufer entlangspaziert, sieht dort die schlammigen Überreste des letzten Hochwassers, dem sicher bald das nächste folgen wird. Die Save aber ist so richtig erst seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit Zagreb verwoben, als die Stadtväter begannen, südlich des Flusslaufs das Viertel Novi Zagreb aus dem Boden zu stampfen. Beton-Neubauten und Magistralen, wie sie mir aus meinen Kindertagen in Thüringen bekannt sind. Vielleicht fühle ich mich deshalb in Novi Zagreb auf eine eigentümliche Weise zu Hause. Das aus städtebaulichen Gründen erfolgte Überqueren des Flusses, das Bauen jenseits seiner Ufer, hat ihn also schlussendlich eingemeindet. Wenn auch mit reichlich Verspätung.

 

Blick über die Save auf Zagrebs Skyline. Foto: Ivan Antolic, Craetive Commons, Wikimedia
Blick über die Save auf Zagrebs Skyline. Foto: Ivan Antolic, Creative Commons, Wikimedia

 

Die Save verbindet auch, klar. Wer in Zagreb ein Boot zu Wasser ließe und sich paddelnd stromabwärts bewegte, der würde nach ein paar Tagen in Belgrad landen, wo die Save in die Donau mündet. Dass beide Ströme in der serbischen Hauptstadt an der Großen Kriegsinsel zusammenfließen, ist natürlich längst vergangenen Auseinandersetzungen geschuldet, weil die Insel im Lauf der Jahrhunderte mehrmals Schlüsselort für Attacken und Gegenattacken im Kampf um Belgrad war. Und doch bekommt diese Petitesse im Licht der jüngeren kriegerischen Vergangenheit Serbiens und Kroatiens etwas Eigenartiges, Zeichenhaftes.

 

Jaja, der Krieg, höre ich schon. Genau, erwidere ich. Einer, den wir wie so viele andere lange vergessen haben. In Zagreb ist er natürlich noch präsent – wenn man hinschaut, genauer, nicht nur einmal. Auf den ersten Blick sind die wenigen Kriegswunden vom zweitägigen Beschuss Anfang Mai 1995 zwar getilgt. Doch die Stadt ist Hauptstadt, also auch Träger des postbellizistischen Wundbrandes des gesamten Landes. Die Zeichen, die Narben – sie finden sich.

 

Um das Ufer der Save zu erreichen, ist von der Innenstadt Zagrebs ein ziemlicher Weg zurückzulegen. Touristen, die sich in der Altstadt tummeln, zwischen Kaptol und Oberstadt, oder in den großen parkähnlichen Anlagen von Klein-Wien eine k.u.k.-Architekturrunde drehen, verirren sich äußerst selten dorthin. Mehr als einen Steinwurf von der Save wiederum, in dieser südlichen Neustadt, hat seit Ende 2009 das Museum für zeitgenössische Kunst, das Muzej suvremene umjetnosti (MSU), seinen Ort. Ein Bau, der mehr ist als ein Solitär moderner Architektur. Die Fassade erinnert an Mäander, ähnlich wie sie der kroatische Künstler Julije Knifer in seinen Bildern schuf, mit denen er kürzlich passenderweise auch noch eine große Schau in den Räumen des MSU bestückte.

 

Das Zagreber Museum für zeitgenössische Kunst, das Muzej suvremene umjetnosti (MSU). Foto: Damir Fabijanic
Das Zagreber Museum für zeitgenössische Kunst, das Muzej suvremene umjetnosti (MSU).                   Foto: Damir Fabijanic

Das Museum bildet einen Resonanzboden für Künstler, natürlich vor allem aus Kroatien. Doch auch Serben sind vertreten, allen voran Marina Abramovic. Zu sehen ist der Super-8-Film „Rhythm 2“ der Weltkünstlerin. Die „Rhythm“-Serien entstanden zwischen 1973 und 1975. Darin verbindet die Performerin Abramovic zwei Dinge aufs Großartigste miteinander: künstlerisches Subjekt und Objekt. Sie handelt, indem sie sich an einen Tisch setzt, auf dem ein Glas Wasser steht sowie zwei Tabletten liegen, wie sie Schizophrenie-Patienten nehmen müssen. Die Besucher können live verfolgen, welche Folgen eintreten, nachdem Abramovic eine Pille genommen hat: Sie verliert die Kontrolle über sich, ihr Gesicht und ihr Körper zucken unkontrolliert, sie lacht urplötzlich ohne Anlass, dann lässt die Wirkung des Medikaments irgendwann nach. Als Zeichen für sich und das beobachtende Publikum schaltet Abramovic ein Radio ein. Danach nimmt sie die zweite Tablette, mit ähnlichen Auswirkungen. Zwei Bildschirme zeigen die Künstlerin und die Reaktionen der Zuschauer, den Schreck, das Unwohlsein. Es ist eine große Parabel, deren Gültigkeit, diese Prognose wage ich, noch in Jahrhunderten ungebrochen sein wird. Eine auf das 20. Jahrhundert, in dem der Mensch wie nie vorher Hand an sich legte. Kaum weniger eine auf das 21., das, kaum begonnen, sich schwerlich schon verkorkster anfühlen könnte.

 

Nicht weniger beeindrucken andere Exponate im MSU: Etwas versteckt findet sich die Videoarbeit „Patriot“ des Kroaten Slaven Tolj, die bis zum Jahresbeginn auch in der Dresdner Motorenhalle zu sehen war. Tolj, der aus Dubrovnik stammt, zeigt die Grüße der Mächte, die in der Geschichte seiner Heimatstadt eine wichtige (Kriegs-)Rolle spielten. Er salutiert vor den unsichtbaren Toten, während die kroatische Nationalhymne erklingt. Dazu kommen Arbeiten des Serben Mladen Stilinovic und auch des hier schon mehrfach gewürdigten ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov. Zlatko Kopljar, der aus Bosnien-Herzegowina stammt und in Zagreb lebt, besticht mit der Fotodokumentation einer Aufsehen erregenden Performance: Der Künstler hat sich, im schwarzen Anzug, demütig kniend vor den Horten der politischen Macht und Mächtigen dieser Welt ablichten lassen, vom Capitol in Washington über die Moskauer Duma bis hin zum House of Parliament in London. Ein Abbild allgegenwärtiger falscher Demut. Dass ein Foto Kopljar auch kniend vor der Wall Street in New York zeigt, erscheint in diesem Kontext fast zwingend.

 

Im MSU: Die ebenso betitelte Arbeit des 1947 in Belgrad geborenen Künstlers Mladen Stilinovic.                 Foto: Torsten Klaus

 

Ein museumsbaulicher Dauer-Gimmick ist schließlich die von Carsten Höller aus Deutschland geschaffene Rutschen-Konstruktion. Sie kenne ich zum Beispiel ähnlich aus der Tate Modern in London. In Zagreb hat sie, in einer Art offenem Atrium platziert, die Form einer riesigen Doppelhelix. Die Kunst im MSU erscheint mir unterm Strich in einer ganz anderen Immanenz politisch, ohne plakativ zu wirken, als ich das von deutscher zeitgenössischer Kunst, besonders der in Dresden verfertigten, gewöhnt bin. Es ist eine Wohltat.

 

Der Boulevard, auf dem die Straßenbahn nach einer großen Schleife durch die Stadt vor dem MSU hält, durchschneidet Novi Zagreb parallel zum Fluss. Die Straße heißt Avenija Dubrovnik. Der kroatische Weltkulturerbe-Ort war im Krieg schwer verwüstet worden, die dortige Altstadt mit UNESCO-Adelsschlag ist mittlerweile wieder in alter Pracht erstanden. Nördlich der Save, ebenfalls parallel zu ihr, trägt eine ähnlich große Straße den Namen Ulica Grada Vukovara. In Vukovar gab es Anfang der 90er Jahre nicht nur schwere Kämpfe, sondern auch Massaker. So wurden rund 200 Insassen eines Krankenhauses, obwohl ihnen freies Geleit zugesichert worden war, von serbischen Freischärlern und Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee in eine ehemalige Schweineaufzucht ins nahegelegene Ovcara gebracht, getötet und in Massengräbern verscharrt, am 24. November 1991. Die beiden Straßen in Zagreb tragen ihre Namen seither mit besonderer Schwere, als Symbole für die Zerstörung von Kulturdenkmälern einerseits und das Töten von Menschen andererseits. Die Tautologie vom überflüssigen Töten spare ich hier bewusst aus.

 

Vor diesem Hintergrund entfaltet ein Graffito an einer Umrandungsmauer des MSU seine ganz eigenwillige Mehrdeutigkeit. „Ante Gotovina Heroe“ lautet die Aufschrift. Abgesehen von der individuell angehauchten Orthografie ruft auch sie Erinnerungen an den Krieg ins Gedächtnis. Gotovina, einst Juwelendieb und Fremdenlegionär, kehrte zu Beginn des Krieges Anfang der 1990-er Jahre von seiner zwischenzeitlichen Heimat Argentinien nach Kroatien zurück, wo er wegen seiner militärischen Vorgeschichte und Erfahrung rasch in den Generalsrang aufstieg. Ihm wurden später Kriegsverbrechen vorgeworfen, in zweiter Instanz sprach ihn der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag aber davon frei. Dass über Gotovina durchaus geteilte Meinungen herrschen, auch in Zagreb, mag allein die Tatsache zeigen, dass „Heroe“ auf übermaltem Grund an der Mauer steht. Wer weiß, wie oft das Wort schon übersprüht wurde.

 

Einer, der laut Anklage von 2001 neben Gotovina ebenfalls als Kriegsverbrecher beschuldigt wurde, war Franjo Tudjman, Kroatiens Präsident von 1990 bis 1999. Tudjman, bereits unter Tito ein Nationalist, führte das junge Land (Kroatien war 1991 unabhängig geworden) als Autokrat, seine Reputation als Historiker ist nicht frei von Zweifeln. Tudjmans Grab auf dem Mirogoj, der Zagreber Nekropole, ist jedenfalls unübersehbar. Opfer des Massakers von Vukovar wie der Journalist Sinisa Glavasevic haben ebenfalls auf dem Mirogoj ihre letzte Ruhe gefunden. Serben, Juden, Muslime liegen hier begraben. Kriege hin oder her: Im Tod sind sie alle gleich – und wieder vereint, wenn man so will.

 

Letzte Ruhe für ast alle: die Nekropole Mirogoj. Foto: Torsten Klaus
Letzte Ruhe für fast alle: die Nekropole Mirogoj. Foto: Torsten Klaus

Den jungen Zagrebinern, zagrebcani, liegt dieser Krieg in einer sich ewig weit weg fühlenden Vergangenheit. Das zeigt sich, wenn man vom MSU den Bus über die Save nimmt, Richtung Uni-Campus, und dort mit Studenten spricht. Viele würden die Stadt, ihr Land, am liebsten verlassen, auf der Suche nach Arbeit, Karriere, Glück. Der Wunsch nach Rückkehr, irgendwann, ist aber fast genau so groß. Die jungen Leute sehen sich mit einem Kroatien konfrontiert, in dem sich, trotz EU-Beitritts, wenig bis gar nichts wandelt. Wer zu Fuß zwischen Uni-Gebäuden und Straßencafés unterwegs ist, immer die pfützenbesprenkelten Wege im Blick, der kommt auch irgendwann an der Frage vorbei – auch sie an eine Wand gesprüht –, wo sie denn nun geblieben sei, die Revolution. Resignation als Subtext.

 

Die Wahlbeteiligung spricht Bände über den Erwartungszustand im Land: Bei der ersten Europaratswahl, an der Kroatien 2013 teilnahm, ging nur jeder Fünfte (20,84 Prozent) zur Urne, ein Jahr später jeder Vierte (25,24). Ein Lichtblick war zumindest die Stichwahl um das Präsidentenamt vor wenigen Tagen, als fast 59 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. Die neue Präsidentin Kolinda Grabar Kitarovic, die in der von Tudjman gegründeten konservativen Partei HDZ daheim ist, wird jedenfalls alle Hände voll zu tun haben, angesichts von Problemen wie der Chancenlosigkeit vor allem unter der Jugend des Landes oder auch der Korruption. So wurde der Bürgermeister von Zagreb, Milan Bandic, ein Ex-Sozialdemokrat, im Oktober wegen Verdachts der Bestechlichkeit verhaftet, mit ihm mehrere städtische Spitzenbeamte und Unternehmer. Wasser auf die Mühlen derjenigen, die jede EU-Erweiterung gen Osten mit größter Skepsis betrachten.

 

Doch so ganz unkommentiert nimmt das junge Land Probleme wie Korruption nicht hin, ist die Politikferne nicht gar so ausgeprägt wie befürchtet. Den Beweis dafür brachten Ende November tausende Demonstranten. Sie gingen aber nicht in Zagreb auf die Straße, sondern in Split. Und auch nicht wegen Verdachtsmomenten bei Politikern, sondern im Fußball. Die Demonstranten in Split, Kroatiens zweitgrößter Stadt, machten auf eine undurchsichtige Kooperation des kroatischen Fußballverbandes und Funktionären des Hauptstadtklubs Dinamo aufmerksam. Hajduk Split und Dinamo Zagreb sind in inniger Fußballfeindschaft vereint.

 

Eine andere Fanfeindschaft wird übrigens bis heute als ein Auslöser des Krieges zwischen Kroatien und Serbien gesehen: die der Anhänger von Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad, den gemeinsam mit Partizan Belgrad bekanntesten Clubs des einstigen Jugoslawiens. Man schrieb den 13. Mai 1990, als im Zagreber Stadion Maksimir die Partie der beiden Teams angepfiffen werden sollte. Die Bad Blue Boys, Dinamo-Fans, lieferten sich mit der (noch) jugoslawischen Polizei und den serbischen Fans Auseinandersetzungen, die – live im Fernsehen übertragen – das Ende des Staates Jugoslawien einläuteten. Unter den ebenfalls militanten Fans von Roter Stern soll übrigens auch Zeljko Raznatovic, Offizierssohn und Krimineller, gewesen sein. Als Arkan wurde er im Krieg wenig später berüchtigt, seine „Tiger“ genannte Freischärler-Truppe rekrutierte er aus radikalen Roter-Stern-Fans. Unter anderem auch in Vukovar war Arkan mit seinen Männern zugegen. Vor den Strafgerichtshof in Den Haag trat er nie. Sein Ende war aber, fast logisch, ein gewaltsames. Er starb Anfang 2000 im Kugelhagel in der Lobby eines Belgrader Hotels. Keiner der vermeintlichen Attentäter wurde zu Haft verurteilt, trotz dreier Verhandlungen.

 

Licht-Blick für Zagreb? Die Zukunft wird's zeigen. Foto: Torsten Klaus
Licht-Blick für Zagreb? Die Zukunft wird’s zeigen. Foto: Torsten Klaus

Dass der vermeintliche Kriegsbeginn im Maksimir-Stadion verortet wird und die Folgen des Krieges, sprich die Toten, im vom Stadion nicht weit entfernten Mirogoj zu finden sind, ist nur eine weitere Facette in der ewigen Ironie gewaltsamer Auseinandersetzungen. Und das Denkmal hinter einer Tribüne des Stadions, das den Dinamo-Fans gewidmet ist, die im Krieg fielen, ist ein Platz, an dem Geschichte alles andere als frei von Heroisierung interpretiert wird. Tote Helden, überall. Wenn eins im Nachgang von Kriegen besondere Konjunktur erfährt, ist es, neben dem Ausheben der Gräber, der Bau von Gedenkstätten.

 

Vieles fließt also zusammen in Zagreb. Vieles, das mit der Geschichte, gerade der jüngeren und gewaltgeschwängerten des unabhängigen Kroatien verwoben ist. Die Zukunft liegt aber ebenso hier, vielleicht vor allem im MSU. Das Museum ist Hort der Auseinandersetzung von Kunst und Künstlern mit politischen Themen. Damit sind die Künste gefühlt dem Rest von Land und Gesellschaft weit voraus, bilden eine Avantgarde, stehen für die Ungleichzeitigkeit in den Zeitläufen. Während sich, wie ein Gegenentwurf, die nahe Save in ewig anmutender Gemächlichkeit ungerührt weiter gen Serbien schlängelt.

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