Der Osten, die Russen, Charles Saatchi

Von Torsten Klaus. Ach ja, es überschlägt sich. So ist das mit den Jubelarien zu irgendeinem runden Geburtstag. Im Fall Charles Saatchi sieht das nicht anders aus. 70 wird er heute und nicht nur in seiner Heimat Großbritannien als Entdecker und Förderer der zeitgenössischen britischen Kunst gefeiert. Sicher, Damien Hirst würde es als Kunstmarktprodukt ohne Saatchi wohl nicht geben. Andererseits wäre uns aber  Jeff Koons erspart geblieben. Na ja, man kann nicht alles haben.

Die jüngsten Ausstellungen in der Londoner Saatchi Gallery aber zeigten noch etwas ganz anderes: Saatchi ist nach wie vor eine erstklassige Anlaufstelle für zeitgenössische osteuropäische Kunst. Die gerade endende Schau mit dem Titel eines Stalin-Zitats „Gaiety is the most oustanding feature of the Soviet Union“ (Heiterkeit ist das hervorstechendste Merkmal der Sowjetunion) beweist außerdem, dass der oft wiederholte Vorwurf, Saatchi würde im Zweifel auf das Schrille setzen, nur sehr bedingt zutrifft. Es sei denn, schrill ginge als Synonym für beeindruckend durch. Parallel mit dem Blick auf Kunst aus dem größten Land der Welt war für ein paar Tage bei Saatchi fast folgerichtig dann auch „Polish Art Now“ zu sehen. Sicher ein kleiner Aufmerksamkeitstest für dort gerade aufstrebende junge Künstler.

Boris Mikhailov: aus "Case History", 1997-98 Fotos (3): Katalog

 

Doch zurück zur Kunst aus Russland. 18 Künstler in zehn Galerieräumen sind das nüchterne Zahlenwerk. Dahinter verbirgt sich in dieser Dichte selten gesehene Qualität, die einerseits in Fotografie, andererseits in Installationen wiederum ihre Höhepunkte hat. Der hier schon mehrfach beschriebene Fotograf Boris Mikhailov muss dabei erneut genannt werden. In London hängen mehr als 120 Fotografien seiner „Case History“, Bilder der sozialen Underdogs seiner Heimatstadt Charkow, die zum Teil auch schon im MoMA in New York zu sehen waren. Dort übrigens mit dem Hinweis, sie könnten den Betrachter verstören. Ein solcher Zeigefinger fehlt zum Glück bei Saatchi. Und glücklicherweise verstören Mikhailovs Werke tatsächlich.

Vikenti Nilin: aus "The Neighbours Series", 1993-heute

Apropos Fotografie: In diesem Metier besticht in London auch Sergei Vasiliev, der die über und über tätowierten Insassen russischer Haftanstalten aufgenommen hat. Die Aufschriften auf den Körpern verraten viel über Russlands Gefängnisse als Inseln eines Nationalismus, der wenig überraschend gleichfalls faschistische Züge annimmt. Vikenti Nilin steuert Porträts bei, wie Vasilievs Bilder in Schwarz-Weiß, von Menschen am Abgrund. Die Fotografierten sitzen auf Balkons oder Fensterbrettern, teils fatalistisch oder lebensmüde anmutend, dem Fallen näher als dem Obenbleiben. Natürlich eine Metapher für die, die im Land Putins, Medwedews und einer Handvoll Oligarchen eher existieren als leben (bei Mikhailovs Gestalten drängt sich gar der Begriff “vegetieren” auf). In Nilins Richtung weist auch die apokalyptische Installation „Criminal Government“ von Gosha Ostretsov: Ein Zellentrakt beherbergt ein halbes Dutzend Anzugträger, mit futuristisch-phantasyhaften Köpfen versehen. Die Gliedmaßen hängen mit dem Jackett am Haken, blutüberströmt sind die Hemden, einer hat sich sogar schon aufgeknüpft. Man muss unwillkürlich an Stalins Vermerk über die Heiterkeit denken.

Gosha Ostretsov: "Criminal Government" (Teilansicht), 2008

Übrigens wird geografisch eher subsumiert als klar zugewiesen, wenn es um „Art from Russia“ (so die Unterzeile der Saatchi-Ausstellung) geht. Mikhailov kommt aus Charkow, also aus der Ukraine, der Maler Janis Avotins, dessen Bilder nur von Schemen bevölkert zu sein scheinen, aus Riga (Lettland), Tamuna Sirbiladze aus Tbilisi (Georgien).

Unterm Dach zeigt Saatchi dann noch junge britische Kunst. Dort verblasst die direkte, manchmal fast körperlich schmerzende Konfrontation, die die osteuropäische Kunst dem Betrachter vorher abgefordert hat. Dafür entschädigt der Keller: Richard Wilson hat ihn in einer großartigen Installation mit Öl geflutet. Vor dieser schwarzen, aber alles andere als toten Fläche klingt selbst die Stille anders.

Charles Saatchi Foto: Wikipedia

Zum Schluss aber noch einmal zurück zu Charles Saatchi. Falls die Tate Modern in London auf ihrer bisherigen Entscheidung besteht, seine etwa 30 Millionen Pfund schwere Kunstsammlung nicht mal geschenkt haben zu wollen (obwohl dort gerade an einem futuristischen Anbau gewerkelt wird, der die Ausstellungsfläche der Tate Modern etwa verdoppelt), steht wie so oft, wenn es um Kunst geht, wieder die Frage im Raum: Ist das eine von Vernunft getriebene Entscheidung oder will da ein aufgeplustertes Ego eine schräge Schlacht schlagen? Man kann zu Saatchi stehen, wie man will: Die zeitgenössische Kunst, weit über seine Heimat hinaus, verdankt ihm tatsächlich einiges. Wohl mehr als vielen großen Museen. Eine respektable Leistung.

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