Der Putinsche Reflex oder “Russland wird mehr leiden als wir”: Momentaufnahmen in Transkarpatien

Von Torsten Klaus. Jürgen Kräftners Hudaki Village Band hat gespielt an diesem Abend. Der musikalische Ausklang einer langen Podiumsdiskussion in Uschgorod, einer westukrainischen Universitätsstadt nahe der slowakischen Grenze. Als wir spät am Abend in Jürgens Haus um den großen Tisch sitzen, zwei Autostunden entfernt im Inneren Transkarpatiens, im 3000-Seelen-Dorf Nischnje Selischtsche, erzählt er eine kleine Episode. Er habe einen seiner Helfer, der die Musikinstrumente mit verlud, gefragt, ob der dafür einen kleinen Obolus wolle. Nein, habe der junge Mann geantwortet. Alles sei in Ordnung, „solange wir siegen”. Lachen am Tisch, freudig, nicht unsicher. Der Trinkspruch ergibt sich jetzt von selbst: „Sa pobedu!” Auf den Sieg.

Jürgen Kräftner kam vor etwa 20 Jahren nach Nischnje Selischtsche im Westen der Ukraine. Der Musiker initiierte kulturelle Projekte (Hudaki Village Band), engagiert sich für die Schule des Ortes und die Landwirtschaft in der Region. Foto: Tobias Strahl

 

Es ist der Vorabend des sogenannten Krim-Referendums, das mittlerweile mit den bekannten Ergebnissen und daraus resultierenden Folgen über die Bühne gegangen ist. Der trinkfreudige Ausblick auf den Sieg koppelte sich aber nicht an die Hoffnung, dass sich auf der Krim über Nacht noch eine überraschende Wende ereignen würde. Auch wenn sich die Korrespondenten immer noch mit Berichten von dort überschlagen, ist das Thema – zumindest demzufolge, was in vielen Gesprächen in der Westukraine zu erfahren war – eher ein anderes: Die Menschen setzen vor allem darauf, dass das Ziel der Auseinandersetzungen auf dem Kiewer Maidan, der Kampf gegen die Korruption und das Etablieren einer Bürgergesellschaft, die die Politiker und Funktionäre kontrolliert, nicht aus den Augen verloren wird. Sie wollen eine neue Ukraine. Sie sind entschlossen dazu, auch und gerade mit dem Wissen, dass vor zehn Jahren bereits ein ähnlicher Umsturz im Land scheiterte. Eine kleine Geschichte der Hoffnung in unruhigen Zeiten. Sie wurde möglich durch die guten Kontakte der Hillerschen Villa in Zittau, die schließlich in eine mehrtägige Tour in die Westukraine mündeten.

Oleksandr Liptschej, den hier alle nur Sascha nennen, erzählt. Schulleiter ist er in Nischnje Selischtsche, Regionalabgeordneter, Vorsitzender einer kleinen Genossenschaft, zweifacher Vater. Einer, der weiß, wovon er redet. Die Region, in der er lebt und wo er geboren wurde, habe sich immer abseits der Ukraine gefühlt, sagt er. Kein Wunder, hat Transkarpatien, der Oblast im äußersten Westen des Landes, doch eine äußerst bewegte Geschichte, gehörte bis weit ins 20. Jahrhundert zum Königreich Ungarn, ein rundes Jahrtausend lang. „Nun aber spüren wir hier deutlich, ein Teil der Ukraine zu sein.” Der Druck von außen – zwei Tage später in der Oblast-Hauptstadt Uschgorod wird in einer öffentlichen Podiumsdiskussion von Aggression und Annexion die Rede sein, wenn es um das russische Vorgehen auf der Krim geht – schweißt das Land zusammen. Zumindest scheint das für die Bewohner Transkarpatiens zu gelten. Sascha berichtet von vielen Gesprächen, die im Dorf geführt werden. „Die Leute reden plötzlich über die Ukraine als Heimat, als Heimatland.”

Begegnung in der Westukraine - Oleksandr "Sascha" Liptschej (links), Jürgen Kräftner, Mechthild Roth (Theaterpädagogin, Hillersche Villa Zittau), Torsten Klaus (Dresdner Neueste Nachrichten), Frank Hännsgen (Projektkoordinator, Hillersche Villa Zittau), Bernd Stracke (Geschäftsführer, Hillersche Villa Zittau). Foto: Tobias Strahl

In einem der Klassenzimmer seiner Schule schleppt Sascha eine Wandkarte seines Heimatlandes heran. Beim Erklären weist er dann ab und an mit dem Finger darauf. Den Dnjepr, der die Ukraine in kühnem Bogen durchschneidet, sieht er als „natürliche” Grenze innerhalb des Landes. Sein Blick ist nicht sorgenfrei, nach dem russischen Landraub auf der Krim sorgt nun die Lage in den großen Städten im Osten des Landes für Unsicherheit. Russische Truppen stehen dort in Grenznähe, auch die neue ukrainische Führung hat mittlerweile ihrerseits Soldaten in diese Richtung in Bewegung gesetzt. „Wenn es prorussische Demonstrationen in der Ostukraine gibt und dann auf Leute geschossen werden würde, könnte alles eskalieren”, weist Sascha auf ein mögliches Szenario hin. „Putin könnte dann sagen, er müsse zum Schutz russischer Bürger Soldaten einsetzen.” Am Dienstag ließ der russische Präsident verlauten, er wolle keine Spaltung der Ukraine. Ob das ausreicht, die Menschen zu beruhigen?

Auch Jürgen hat Befürchtungen. Der Österreicher, der seit etwa 20 Jahren in der Ukraine lebt, wo er über die in der Schweiz gegründete Kooperative „Longo maï” hinfand, schränkt aber sofort ein: „Es braucht mehr als nur Provokationen. Wenn die Russen die einheimische Bevölkerung nicht hinter sich haben, scheitert dieser Plan.” Doch all das ist Spekulation. Die Gegenwart heißt Sorge. Warten auf den nächsten Tag, die nächste Woche. Wahrscheinlich aber noch viel länger. Immer Auge und Ohr an den Nachrichten, immer mit der Befürchtung, dass es zu einer Eskalation kommt, die sich in Waffengewalt manifestiert. Die Ukraine fühlt sich in diesen Tagen an wie ein Land an der Kante, dessen Zukunft schwankend scheint. Der wohl wichtigste Grund dafür heißt Wladimir Putin, war einst beim KGB und hat sich offenbar all dessen, was er in seiner Agentenzeit im Kalten Krieg (als er lange auch in Dresden arbeitete) gelernt hat, wieder erinnert: Wenn es einer versteht, wie man ein Land destabilisiert, dann er. Vielleicht wird man seine Auffassung bilateraler Politik dereinst als Putinschen Reflex bezeichnen.

Die bereits erwähnte Podiumsdiskussion in der Galerie Ilko in Uschgorod führt dagegen vor allem junge Leute zusammen, Akademiker und Aktivisten, die in erstaunlicher Ruhe Argumente austauschen, den Gesprächspartner ausreden lassen. Von den Teilnehmern geht Energie und Hoffnung aus.

Pavlo Bilak ist Politikwissenschaftler und Dozent an der Nationaluniversität Uschgorod im Westen der Ukraine. Im Hintergrund das Bild "Kevlar" von Mihailo Meljnitschenko. Foto: Tobias Strahl

Einer von ihnen ist Pavlo Bilak, ein junger Politikwissenschaftler an der Nationaluniversität Uschgorod. Er willigt sofort ein in ein kurzes Gespräch. „Putin will seine Grenzen austesten, will sehen, wie weit er gehen kann, bis der Westen reagiert”, lautet seine Einschätzung der Lage. Der russische Präsident hat seiner Meinung nach mit der Annexion der Krim einen großen Fehler gemacht. „Russland wird langfristig mehr darunter leiden als wir”, fügt er an. Damit meint er nicht nur Einbußen wirtschaftlicher Natur, die Russland durch ausgeweitete Sanktionen zu befürchten hätte. Bilak verweist eher auf den großen Vertrauensverlust, den Putin im fragilen Geflecht internationaler Beziehungen erlitten hat. Mit Blick auf seine ukrainische Heimat sieht sich der Akademiker einig mit vielen anderen: „Die Revolution der Bürger gegen ein korruptes System ist jetzt das Wichtigste.”

Anna Gadzha ist Englischlehrerin und unsere Gastgeberin in Nischnje Selischtsche. Foto: Tobias Strahl

Anna Gadzha, Englischlehrerin in Nischnje Selischtsche, schaut am Esstisch immer wieder sorgenvoll Richtung Fernsehnachrichten. Ihr Mann, der beruflich schon eine Weile in Kiew ist, sei auch mit auf dem Maidan gewesen, ihr Sohn habe mit anderen Studenten bei den Protesten eine Straße in der Nähe von Odessa blockiert. Das Referendum auf der Krim ist für sie mehr als zweifelhaft. „Wie kann das eine freie Volksabstimmung sein, wenn überall Bewaffnete stehen?”, fragt sie.

Diese Atmosphäre der Unsicherheit zeigt sich auch bei der Live-Schaltung von Uschgorod auf die Krim. Die Gesprächspartner dort reden alle in geschlossenen Räumen, offenbar in ihren Wohnungen. Die kritischen Fragen aus einer Runde ukrainischer Intellektueller will dann wohl doch niemand auf offener Straße beantworten. Verständlich. Womit bereits gerechnet wird, sind ukrainische Bürger, die die Krim verlassen werden: Flüchtlinge. Ein Funktionär lässt wissen, dass bereits 2000 entsprechende Plätze zur Aufnahme in Uschgorod bereitstehen, auch Geld soll fließen. Von zwei Millionen Griwna (rund 143 000 Euro) ist die Rede.

Die Ukraine vergewissert sich angesichts des Verlustes der Krim gerade ihrer selbst. Dabei quillt das Land aber nicht über von Nationalismus. Hier und da mal ein Zeichen in den Landesfarben Gelb-Blau, wie die Bänder an den Ärmeln der Tänzer, die in der Galerie Ilko aufgetreten sind. Oder die kleine Flagge an einem vorüberfahrenden Polizeiauto, als wäre noch Fußball-EM in der Ukraine und die eigene Mannschaft müsste entsprechend unterstützt werden. Doch das ist lange her. Diesmal geht’s um ernstere Dinge.

Die Rose und der kleine Prinz - Eine Kinder-Theatergruppe spielt den "Kleinen Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry im Kulturhaus von Nischnje Selischtsche. Foto: Tobias Strahl

Dabei wäre aus Transkarpatien noch so manch andere Geschichte zu erzählen: von der jüdischen Gemeinde in Chust, die kaum noch genug Männer fürs Gebet hat; von der in Nischnje Selischtsche teilweise erfolgreichen Integration der Sinti und Roma, vor allem deren Kinder; von theaterspielenden Schülern, endlosen Streuobstwiesen oder vergessenen jüdischen Friedhöfen. Geschichten, die vom aktuellen Geschehen verdeckt werden.

„Hoffen wir, dass alles gut ausgeht”, sagt Sascha und hebt das Glas. Ein Gefühl wie das viel zitierte Trinken auf den Weltfrieden. Doch Saschas Wunsch liegt näher, viel näher. Vielleicht ist er sogar erfüllbar.

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