Die Herabwürdigung des Menschen – ein Dresdner Tagebuch

Von Torsten Klaus. Das Sortieren ist seit Wochen und Monaten eine kaum noch zu bewältigende Aufgabe. Denn Dresden bleibt Ort sich kreuzender und aufeinander prallender Meinungen. Wo also anfangen?

 

Beim Beschreiben vielleicht.

 

Es gab Montage, da habe ich nach Feierabend den Pegida-Zug durchquert. Dieses Aufeiandertreffen im 90-Grad-Winkel, das Ineinander-Hindurchhuschen, wie es zwei Galaxien tun – ich erspare mir weitere Bilder. Der Kosmos derer, die da laufen, die sich oft genug lautstark bemerkbar machen, ist nicht meiner, wird er nie sein. Gründe? Viele.

 

Ich hatte in diesem Jahr zweimal das zweifelhafte Vergnügen, mich inmitten von Protestierenden wiederzufinden, die ihre Pegida-Nähe durch Sticker und Parolen klar zeigen. Bei der Eröffnung zweier Kunstwerke an der Frauenkirche, um genauer zu sein: Manaf Halbounis „Monument“ und des „Denkmals für den permanenten Neuanfang“ des Künstlerpaars Heike Mutter und Ulrich Genth.

Manaf Halbouni vor seinem Bus-„Monument“ im Gespräch mit Besuchern.                                                       Foto: Dietrich Flechtner

Halbounis Arbeit, drei auf dem Heck stehende Busse, zwölf Meter hoch, einer Barrikade in Aleppo nachempfunden, hat bei denen, die ich beobachtet habe beim Betrachten, etwas ausgelöst. Und wenn es Ablehnung war, die sich vor allem aus der Nähe zur Frauenkirche speiste. Drei Monate standen die Busse dort, „Monument“ betitelt. Am Abend nach dem Aufbau, einem Montag, liefen Teile der Pegida-Demonstranten gleich weiter zu den Bussen, unter anderem laut von „entarteter Kunst“ sprechend. Das Erstaunliche ist die Offenheit, mit der solche Begriffe in so einem Kontext fallen. Und es ist schwierig bis unmöglich, Leuten das als ihre Freiheit zuzugestehen. Es sind meiner Einschätzung nach oft Leute, die Freiheit nur dann verstehen, wenn es IHRE Freiheit ist.

 

Ich habe meine Aufzeichnungen des Februartages zur Eröffnung dieser Skulptur im öffentlichen Raum noch einmal durchgesehen. Ein Beispiel für Texte auf Transparenten, das ich notierte: „Manaf: Dein Platz für Frieden ist Syrien“. Mit Blick auf Oberbürgermeister Dirk Hilbert, der das „Monument“ von Beginn an unterstützte, war folgender Vorwurf zu hören: „Er spaltet und hetzt. Das ist noch friedlich, was ich hier sage.“ Ich stand, ganz bewusst, mitten unter Leuten, die sich an Rufen wie „Schande“, „Volksverräter“, „Lügenpresse“ in ihrem gruppenhaften Skandieren geradezu delektierten. Ein „I love Pegida“-Sticker war an einem Revers ganz in meiner Nähe zu sehen. Die Freude, die Redenden, die das Kunstwerk, den Kontext erklären, niederzuschreien, war tölpelhaft wie das Übertönen gegnerischer Fans im Stadion. Nun sei „Stimmung in der Bude“, meinte ein Mann. Meine vielleicht unmaßgebliche, dennoch hiermit klar kenntlich gemachte Auffassung: Solchen Leuten geht es nur ums Hochschaukeln ihrer Antipathien, um reine Stimmungsmache. Deshalb muss man diese Form der Empörung auch nicht um jeden Preis verstehen wollen. Dass mich übrigens das ZDF wenige Sekunden beim Zeigen der Protestierer ins Zentrum setzte, habe ich anfangs übelgenommen. Wer will schon als Pegida-Themenbild enden. Mittlerweile sehe ich es als Dokumentation meiner Arbeit. Ich war da, wo ich sein musste. Mittendrin.

 

Im April, als das siebeneinhalb Meter hohe „Denkmal für den permanten Neuanfang“, eine Collage auf einer Hebebühne, ebenfalls gleich bei der Frauenkirche eröffnet wird, ist es ein Déjà-vu. Ich erkenne einige Gesichter sofort wieder. „Verdient euer Geld ehrlich“ oder „Kultur-Mafia“ sind diesmal öffentlich gemachte Aussagen. „Schon wieder ’ne Emanze!“ oder „Geh zurück in den Westen, Du Indoktrinierte!“, „intellektuelles Gesülze“ oder „Behalt Deine Weisheiten für Dich!“ deuten im Angesicht der Dresdner Kunsthistorikerin Susanne Altmann, die vom Podium spricht und den Leuten das Kunstwerk wirklich mit Freude – trotz der geäußerten Abfälligkeiten – zu erklären versucht, vor allem auf eine Absicht: Verletzungen auf persönlicher Ebene zuzufügen. Wozu, siehe oben, auch das Duzen gehört.

 

Wohlgemerkt, es geht um Kunst. Nicht um Lebensmittelrationen, Kriegsdienstverweigerung, Zwangsarbeit. Sondern um Kunst, etwas, das freier kaum vorstellbar ist. Sie kann von jedem gemacht werden, immer und überall. Und zwar nicht, weil Beuys das mal so ähnlich formuliert hat, sondern weil das ihr grundlegendes Wesen ist (dass Künstler Diplome brauchen, habe ich nie verstanden – aber das ist eine andere Geschichte). Doch dieser speziellen Dresdner „Schande!“-Fraktion die Freiheit der Kunst erklären, das ist schwieriger als Weinanbau auf Spitzbergen.

 

Weil wir gerade von der Freiheit der Kunst sprechen: Dann kommt in diesem Zusammenhang einer, der’s schon immer gewusst hat, wie man dem Volk aufs Maul schaut. Uwe Steimle (Schauspieler, mithin Künstler) erscheint im Gewand seiner Kunstfigur (!) Günther Zieschong an einem Maitag, gleichfalls an der Frauenkirche. Mit dabei hat er eine zwei Meter hohe Silhouetten-Nachbildung des Dresdner Fernsehturms, gekrönt von einem Halbmond. Flugblättchen teilt er aus, auf denen die Frage steht: „Entscheiden Sie: ist das Kunst oder kann das auch auf den Neumarkt?“ Der Künstler Steimle verhöhnt Kunst in Dresdens Mitte, weil sie ihm nicht gefällt. Das ist, und zwar ohne Verlaub, das Kleinbürgerlichste und in dieser Hinsicht mit zum Dümmsten zählende, das in den Jahren, in denen ich nun schon in Dresden daheim bin, passiert ist. Steimle merkt offenbar nicht einmal, dass er damit seine eigene Integrität als Künstler untergräbt, sie gar preisgibt, um der Aufmerksamkeit eines Auftritts willen, der nach kurzer Zeit wieder vorbei war. Was für ein Tausch.

 

Ich musste mich, nach den geballten Erfahrungen, die ich hier nur ansatzweise beschreiben kann, an diesen Text setzen. Er brauchte auch die Pause, die die Ereignisse mittlerweile vom Heute trennen. Das ist Verarbeitung und Selbstvergewisserung in einem, ein sich Schütteln und Abschütteln der Last, die sich mit dem so geifernd-feindlichen Grundton vieler hier zitierter Äußerungen wie ein Block auf Hirn, Gemüt und Seele gelegt hat. Es ist aber mehr als Tagebuch, sondern Momentaufnahme. Ein Moment, den ich auch deshalb mit so vielen Zitaten schildere, um das Drastische jener Leute zu zeigen, die diese Zitate produzierten. Ihre Zahl ist überschaubar, ihr Stil heißt Häme. Beides soll hier gezeigt werden. Es ist das Bild, das ich mir von diesen Leuten und ihrem Vorgehen gemacht habe. Unmittelbar.

 

Noch ein kleiner akademischer Treppenwitz zum Abschluss: Das Beschriebene könnte bald Gegenstand universitärer Untersuchung werden. Denn Dresdens Technische Universität bekommt neue Sonderforschungsbereiche, darunter auch einen in den Geisteswissenschaften. Sein Thema: Schmähungen und Beleidigungen. Oder im Akademie-Deutsch: „Invektivität – Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“. Die Pressetelle der Uni zitiert Rektor Hans Müller-Steinhagen: „Die Bewilligung…[…]…ist in meinen Augen ein besonderes Highlight: zum einen, weil das Thema – gerade auch hier in Dresden – von aktueller Brisanz ist…“ 2013 war nach vier Jahren Laufzeit dem damaligen Dresdner Sonderforschungsbereich zum Zusammenhalt der Gesellschaft, „Transzendenz und Gemeinsinn“, der Geldhahn abgedreht worden. Nun die Renaissance mit der Forschung über Herabwürdigung. Was für eine Metapher.

2 comments

  • Herr Klaus,
    ich finde Ihren Beitrag ehrlich, richtig, auch: mutig.
    Und sehr traurig ist, daß es nicht besser wird- Pegida gibt es bald vier Jahre, deren Parolen länger
    Gruß, A.

  • Liebe Frau Twardygrosz,
    Ja, diese Parolen wird es, trotz aller Geschichte, wohl auch noch sehr lange geben. Der Wille, sie nicht unwidersprochen hinzunehmen, aber auch. Da bin ich mir sicher.
    Danke und alles Gute für Sie,
    T.K.

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