Die schwierige Position

 

Von Tobias Strahl. Ich erinnere mich an ein einfaches Spiel, das wir als Kinder spielten, wenn wir mit den Eltern auf längeren Ausflügen oder in den Ferien waren. Gemeinsam sammelten wir an schönen Sonnentagen Gegenstände der Natur, wie man sie überall finden konnte: Federn, Steine und Blütenblätter, wenn wir ins Gebirge, Muscheln, Bernsteinsplitter, Donnerkeile und Hühnergötter, wenn wir ans Meer verreist waren. Im Herbst kamen Kastanien und Eicheln dazu. An Regentagen packten wir unsere Schätze in Kartons oder Schüsseln mit flachem Boden und wirbelten das Sammelsurium durch ein kurzes Schütteln des Gefäßes durcheinander. Die Bilder und Muster, die sich aus der Menge der verschiedenen Gegenstände ergaben, zeichneten wir anschließend mit Buntstiften, mit Wasserfarbe oder Ölkreide ab, wobei wir die Zeichnungen uns vertrauten Gegenständen annäherten. So bestand der erste Teil des Spieles darin, die Figur, die sich durch die Verwirrung unserer Sammlung ergeben hatte, zu erkennen, der zweite Teil der Aufgabe bestand in der Anfertigung der Zeichnung, wobei diese dem erkannten Gegenstand möglichst nahe kommen sollte. Am Abend wurden die so entstandenen Bilder von den Eltern, manchmal auch von mitgereisten Verwandten, beurteilt.

Mit jedem Schütteln des Gefäßes entstand eine neue Figur, ein anderes Bild, so dass sich unser Spiel oft über Stunden hinziehen konnte. Wenn auch sonst nichts geeignet war, unsere Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum zu fesseln, so brachten wir oft ganze Tage mit Versuchen zu, immer neue Figuren zu erraten und diese zeichnerisch festzuhalten. Besonders reizvoll war das Spiel im Frühjahr und dann wieder im Herbst, wenn die Farben und Kontraste am größten, die entstehenden Bilder am farbigsten waren, und wir so die ganze Palette der Buntstifte ausnutzen konnten.

 Der Reiz des einfachen Vexierspiels lag in der potentiellen Unendlichkeit seiner Bilder. Diese waren nicht wie im Kaleidoskop symmetrischen, sondern konzentrischen Charakters. Das bedeutende Zentrum, um welches sich alle weiteren Gegenstände versammelten, war dabei jener erste Assoziationspunkt des späteren Bildes, so etwa der Stein in Form des imaginierten Schnabels eines Raubvogels oder aber der Körper einer Schlange, der sich aus einer besonderen Linie im Kontrastverhältnis unserer Sammlung ergab.

 

Bis zu einem gewissen Alter, in dem das Spiel seine Anziehungskraft für uns verlor, verfeinerten wir es Jahr für Jahr immer weiter. Bald suchten wir nach Dingen, deren Farben besonders leuchteten, deren Form von der Masse der üblichen Gegenstände abwich. Doch blieben die Figuren, die wir in unseren Sammlungen erkennen konnten, dieselben, wir erfanden nichts hinzu. Lediglich wurden die Tiere, Gegenstände und Landschaften, die wir aus unseren Sammlungen zogen, exotischer in dem Maß, wie ihre Textur aus Steinen, Federn und Blättern farbiger wurde und ihre Teile aufgrund einer besonderen Beschaffenheit eine Verwendung nahe legte. Ich erinnere mich, dass es mich irritierte und ich mich unangenehm daran störte, wenn der Stein, den ich im flachen Wasser aus dem Meer gezogen hatte, wenig später in meinem Bild seine wunderbar leuchtende Farbe verloren hatte und wie ich traurig war, wenn auch die Blätter der Blüten ihre Leuchtkraft mit jedem Tag in unserer Sammlung mehr und mehr einbüßten.

Das Spiel blieb nicht ohne Auswirkung auf unsere kindliche Art der Wahrnehmung, die, im Nachhinein betrachtet, in mancherlei Hinsicht zu bemerkenswerten Ansichten ausfloss. So meinten wir schon bald in der scheinbar zufälligen Anordnung der Gegenstände, wie wir sie in der Natur vorfanden, Figuren und Bilder vorgeprägt zu sehen. Jetzt glaubten wir, die Lebewesen und Landschaften zu zerstören, wenn wir Wichtiges aus ihnen für unsere Sammlung entfernten. Auch erkannten wir intuitiv, dass sich bereits mit drei Gegenständen jedes beliebige im Erdenrund vorkommende Ding darstellen ließ. Es war einzig eine Frage der Phantasie, dieses auch zu erkennen. Fraglos fehlten uns damals die Worte, unser kindliches Wissen in einem allgemein verständlichen Satz zum Ausdruck zu bringen. Es ergab sich auf diese Art eine Sicht auf eine abenteuerliche Welt, die als Schatz im Pappkarton aufbewahrt wurde und an deren Teile sich eine oder mehrere Erinnerungen banden. Jeder einzelne Gegenstand dieser Sammlung konnte gleichzeitig Zeichen eines phantastischen Alphabets, Teil eines Satzes oder alleinbedeutend werden. Einzeln oder in Kombination bildeten die Federn, Steine oder Muscheln eine unendliche Menge an Gegenständen, die ganze bedeutsame Welt, ab, wie diese uns wiederum auf ihre Fundorte als reale Plätze unserer Erinnerung verwiesen. Wie Erinnerungen verblassten die Farben unserer Schätze mit der Zeit, manche verloren ihre Form. Mit der Fähigkeit unsere Gedanken präziser und einfacher verständlich auszusprechen verloren wir das Interesse an der aufwendigen Schöpfung neuer Bilder, deren Sinn ohnehin oft nur uns Kindern verständlich gewesen war.

 

Auf einer Wanderung, die ich vor Kurzem unternahm, erinnerte ich mich plötzlich wieder unseres kindlichen Spiels, das ich bis dahin scheinbar völlig vergessen hatte. Es geschah dies mit einbrechender Dämmerung, als ich mich vor der Nacht noch einmal an den leuchtenden Bildern sättigte, wie es oft unbewusst geschieht, wenn wir im Begriff sind, eine schwierige Position vor der Dunkelheit allein einzunehmen. Es fielen mir die alten Bilder wieder ein und die Gegenstände aus denen sie gebildet waren. Ich versuchte mich in der kindlichen Kunst, nur war das Spektrum der Dinge heute umfangreicher und ich bezog Gegenstände mit ein, die ich seither in Gedanken der Natur hinzugefügt hatte. Dabei glaubte ich auszumachen, dass eine ganze Vielzahl von Erlebnissen sich ohne zeitliche Stringenz an ein einzelnes Erlebnis, an ein einzelnes Objekt knüpfen kann. So erinnerte ich mich bei der Berührung des warmen Sandsteines des Felsens auf dem ich saß an die Kerze aus Bienenwachs, die ich im Kloster Vrača, in einem Schrein hinter der Klosterkirche, an einem Tag des vergangenen Sommers, ebenfalls in der Dämmerstunde, aufgestellt hatte. Damals hatten der Honiggeruch des verbrennenden Wachses und das Gefühl der warmen Steine des Schreins unter meinen Händen das Bild jener Abenddämmerung, die ich jetzt erlebte, heraufbeschworen. Heute waren es der Eindruck der Dämmerung und das Gefühl der warmen Felsen, die diesen Platz mit der Erinnerung des Abends am Kloster in einem Bild verbanden.

Wie vor etwa einem Jahr waren es die Gedanken, die sich mit der schwierigen Position verbanden und die Angst vor dem Ungewissen, vor deren Hintergrund die Farben der Bilder kräftiger leuchteten, die Kontraste sich schärften und erst auf einer höheren Ebene wieder verwischten. Da ich glaube, dass, wie in dem Spiel der Kinderzeit, dessen plötzliche Erinnerung in diesem Zustand mir nicht zufällig erscheint, alle Bilder in dem einen präsent sind und aus diesem einen Bild alle anderen ausfließen können, erscheint mir das Bild des Waldes, welches ich, neben dem des Meeres oder des Gebirges etwa, als eines der Hauptbilder verstehe, für die Gedanken, wie ich sie an dem Schrein in Vrača oder aber auf dem heimatlichen Felsen empfand, als das Band, welches die Eindrücke vor der schwierigen Position verbindet, an welchem diese sich zu einem Ganzen runden.

 

So überfällt mich bisweilen eine unbestimmte Angst vor dem Unbegriffenen des Waldes. Trotz seiner Erschließung und mechanischen Kultivierung in unseren Breiten, trotz der niemals und nirgendwo fehlenden Zeichen menschlicher Gegenwart, hat sich im Wald ein Rest dessen erhalten, was in verschiedenen Kulturen als Sage und Erzählung vom Grünen Mann, dem Geist der einsamen Plätze, oder dem Wendigo etwa überliefert wird und dort teilweise bis heute Gültigkeit besitzt. Dort wo ich dem Wald zumeist begegne finden die Sagen anderer Kulturen in der Feuerschlange, dem Sensenduell, oder dem Versunkenen Reiter ihr Analogon. Zutiefst verwundert hat mich dabei die Sage von der Feuerschlange. Diese trägt einen menschlichen Kopf, verfügt über ein humanes Antlitz. Hin und wieder soll in der Gegend, in der die Feuerschlange ihre sagenhafte Heimat hat, der Schrei einer Frau zu hören sein.

 Mit der Entzündung eines Feuers oder eine Kerze befestige ich mich vor dem Einbruch der Dunkelheit. Die Bilder im Inneren treten an die Stelle der verblassenden äußeren. Ein letztes Mal vergewissere ich mich der leuchtenden Farben und der bekannten Gegenstände in Nähe und Entfernung. Ich prüfe die schattigen Winkel, die zuerst der Dunkelheit anheim fallen werden. Dort stelle ich kleinere Lichter auf, die sich zum Schein des Feuers verhalten wie entfernte Sonnen zu einer mir näheren. Während der Nacht übe ich das kindliche Vexierspiel mit Gegenständen meiner Gedanken. Dabei fällt mir auf, dass in Erinnerungen, in denen die Dinge in den stärksten Kontrasten zueinander stehen, in denen Furcht und Liebe im Zusammenspiel am deutlichsten voneinander abgesetzt sind, ein besonderer Wert liegt. In diesen Eindrücken, wie sie die schwierigen Positionen begleiten, verbirgt sich vielleicht der größte aller Schätze. Ein Schatz mithin, der sich, glaube ich, seiner Bergung, die allein durch rationale Deutung oder mechanische Nutzbarmachung bewerkstelligt werden soll, entzieht. So glaube ich, dass wir im Grünen Mann und der Feuerschlange, in den Bildern des Waldes, des Meeres und des Gebirges durch eine geheime Handlung Schatzkammern angelegt haben deren Verständnis die Illusion der Dunkelheit, der Nacht, des uns Fremden auflösen kann, so wie uns erst unsere Ebenbürtigkeit mit uns scheinbar fremden Individuen in deren Kultur von den illusionären Begriffen des Sieges und der Niederlage befreit.

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