Die Vermessung des Absurden

 

Irene Coffee 1938 in London. Quelle: Hannusch, Heidrun: Todesstrafe für die Selbstmörderin.


Von Torsten Klaus. In England wird derzeit ein Buch aufmerksam registriert, das sich mit der Geschichte eines ungewöhnlichen Mordprozesses im Oktober 1941 in London beschäftigt. Auf der Anklagebank: Irene Coffee, aus Dresden emigrierte Jüdin, die zusammen mit ihrer Mutter Margarete Selbstmord begehen wollte. Das Buch “Todesstrafe für die Selbstmörderin” stammt aus der Feder der ehemaligen Redakteurin der Dresdner Neuesten Nachrichten Heidrun Hannusch.

Eins muss man den Engländern lassen: Sie reagieren schnell. Und trotz eines am Empire-Gedanken geschulten Selbstbewusstseins auch selbstkritisch. Die Story ist aber auch zu abstrus, um sie zu übergehen. Noch dazu in einem Land, wo das Abstruse zur Tagesordnung gehört. So rauschte jüngst der englische Blätterwald: The Independent, Evening Standard, Daily Mail – überall war von Irene Coffee zu lesen und von der mit ihr verknüpften Tragödie, damals im Oktober 1941 in London.

Irene, die eigentlich Brann heißt, ist eine junge, wenn auch nicht mehr ganz junge Frau, als sie 1937 emigrierte, von Dresden nach London. Vier Jahre und eine Scheinehe später – die ihr die britische Staatsbürgerschaft bringt – holte sie ihre Mutter nach. Ein tausendfach bekanntes Schicksal. Eins, dessen düsterste Momente in der vermeintlichen Sicherheit Englands aber erst noch folgen sollten.

Die Dresdner Autorin und Journalistin Heidrun Hannusch hat sich für ihr Buch „Todesstrafe für die Selbstmörderin“ in diese Geschichte vertieft, hat Akten gelesen, unzählige verstaubte, hat mit Leuten gesprochen, die Irene Coffee noch kannten, um zu rekonstruieren, was damals geschah, im Herbst 1941, dem Jahr des Überfalls von Hitlers Truppen auf die Sowjetunion. Dem Jahr des scheinbar unaufhaltsamen Vormarschs der Deutschen. Dem Jahr auch der wachsenden Angst unter den Emigranten. Denn wenn Hitler den Osten überrollt, so fürchteten viele von ihnen, würde auch England nicht mehr lange standhalten. Was also tun, wenn der Grund für die Emigration drohte, die Emigrierten einzuholen? Eine Antwort: Selbstmord.

Diesen Entschluss fassen auch Irene und ihre Mutter Margarete. Sie wollen ihren Ängsten ein Ende setzen, ein für allemal. Also nehmen sie Schlaftabletten, eine Überdosis. Doch das Leben weicht nicht so leicht – zumindest nicht bei Irene. Während ihre Mutter stirbt, überlebt sie. Und landet kurz darauf vor Gericht: wegen Mordes an ihrer Mutter. Erst 1961 wird der Suicide Act dieses Kapitel britischer Rechtsprechung beenden. Für Irene Coffee aber gibt es nur ein Urteil: die Todesstrafe. Sie wird, so will es das Gesetz, verhängt. Als würde sich das Absurde in Kriegszeiten noch einmal potenzieren wollen. Man fühlt sich ein wenig auch an Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ erinnert, der übrigens als Roman eben erst, nach mehr als einem halben Jahrhundert, in ungekürzter Fassung zu lesen ist.

„A shameful chapter of British wartime justice“ – mit diesen Worten beginnt der Artikel im Independent, der sich Heidrun Hannuschs Buch widmet. Es ist, als würden die Briten im Nachgang aber nicht nur mit einer kruden Rechtsauffassung jener Jahre konfrontiert. Denn Irene und ihre Mutter sahen sich noch etwas anderem ausgesetzt: abgrundtiefem Misstrauen, Ablehnung, sogar Hass. Sie waren Deutsche – das reichte so manchem englischen Zeitgenossen angesichts von The Blitz. Da spielte die Tatsache, dass sich die Frauen als Jüdinnen in Deutschland nicht mehr sicher fühlten, stellenweise keine Rolle. Es war auch diese von Angst genährte Grundhaltung vieler Engländer, die Irene und Margarete die Hoffnung auf bessere Zeiten nahm. „Die Angst vor allem, was deutsch war, war groß“, schreibt Heidrun Hannusch. Jene Furcht ist der Kern des tragischen Geschehens.

Justitia ohne Augenbinde auf der Kuppel des Londoner Gerichtsgebäudes Old Bailey. Quelle: Hannusch, Heidrun: Todesstrafe für die Selbstmörderin.

Doch das Buch, von dessen Cover ein schemenhafter Frauenkopf blickt, ist keine journalistische Dokumentation. Es ist weit mehr, weil die Autorin den nüchternen Fakten Exkurse anfügt: über den Selbstmord in jenen Tagen in England (von Virginia Woolf bis Sigmund Freud), über das berühmte Gericht Old Bailey und den nur weniger berühmten Richter Travers Humphreys (der vielleicht doch die Chance verpasste, einen Präzedenzfall zu schaffen), über mögliche, aber nicht stattgefundene Begegnungen Irene Coffees mit anderen Menschen (die eventuell dem Schicksal eine andere Wendung gegeben hätten). Ein Buch, das deshalb gut ist, weil es in der Geschichte einer einzelnen Frau die Geschichte einer Epoche spiegelt.

Warum die englische Presse übrigens so stark auf das Buch reagierte, darf auf den Umstand zurückgeführt werden, dass König George VI. Irene begnadigte. Jenem König wurde in „The King’s Speech“ ein cineastisches Denkmal gesetzt. Die jüngste Kinoaufregung also als Anregung, das Buch einer Deutschen zu rezensieren – ohne dass bisher eine englische Übersetzung vorliegt, wohlgemerkt. Was sich bald ändern dürfte.

Ob es angemessen ist, das Buch einer früheren Kollegin zu loben? Diese Frage habe ich mir gestellt, natürlich. Vor dem Lesen. Nach der letzten Seite war ich aber beruhigt. Weil ich ganz simpel ein gutes Buch lobe. Dass es Heidrun Hannusch schrieb, ist einer der schöneren Zufälle im Leben.

Lesungen:

19.3. 17 Uhr Ariowitsch-Haus, Leipzig, Hinrichsenstr. 14

30.3. 20 Uhr Thalia-Buchhandlung, Dresden, Dr.-Külz-Ring 12

Kommentare

  • Sehr geehrte Frau Hannusch.
    bei Ihrem Kunstwerk “ertrunkene Flüchtlinge vor Lampedusa” hätten Sie bestimmt auch noch Platz gehabt für die 9000 ertrunkenen Flüchtlinge (hauptsächlich Frauen und Kinder) am 30.01.45 auf dem Lazarettschiff Wilhelm Gustloff mit einer Fototapete zu gedenken.
    Am 9.02.45 ebenso 4000 Frauen und Kinder auf der Steuben,
    und am 16.04.45 nochmals 9000 Flüchtlinge auf der Goya,
    der U-Boot Kapitän der S13, Alexander Iwanowitsch Marinenesko wurde 1945 unehrenhaft aus der Flotte entlassen und für 10 Jahre ins Gulag geschickt , aber 1990 postum als Held der SU mit Ehrenmal in Königsberg auf der Schloßinsel geehrt. Das Land braucht Helden.
    In der Ostsee ertranken rund 30 000 Flüchtlinge. Aber es waren hauptsächlich Frauen, Kinder und Greise : alles nur deutsche Faschisten. Wer diesen Toten (auch wenn es Verwandte waren) gedenkt, ist sofort ein Neo-Nazi in den Augen der neuen selbsternannten Gutmenschen.
    Also lassen Sie es lieber sein. sonst geraten Sie auch in Verdacht.
    Ihre Foto-Tapeten sind so schön rührselig. Und die syrischen Künstler haben auch Ruhm und Anerkennung verdient.
    Sogar das IS Bus Denkmal findet viele Bewunderer.
    Anfangs dachte ich, der Künstler will daran erinnern, dass der Befehlshaber der Bomberflotten, die Aleppo umgegraben haben; hier in Dresden 2006 den Sankt Georgs-Orden für Frieden, Kultur und noch irgendwas überreicht bekommen hat.
    Aber egal, die Hauptsache der Künstler steht im Mittelpunkt. Und Sie natürlich auch.
    Ich bin jetzt 74 und kann nicht so schnell vergessen wie Sie. Als gute Politikerin muss man aber in die Zukunft denken. Ohne Gewissen schläft es sich auch leichter.
    Sie brauchen neue Leichen , um sie zu vermarkten. Sonst erreichen Sie die Jugend nicht, die keine Vergangenheit kennt.
    Die Kinder und deren Mütter waren alles Faschisten, warum fahren sie auch auf einem Flüchtlingsboot. RECHT SO!!!!
    Weiter So liebe Frau Hannisch !!!

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