Donald Trump: zu spät dran und doch zu keiner anderen Zeit

Von Torsten Klaus. Donald Trump ist ein Kind unserer Zeit. Klingt komisch, wo er jüngst erst seinen 70. Geburtstag feierte. Und doch ist seine Karriere als Geschäftsmann (und nun auch als Politiker) vor allem durch eins angetrieben: der schier unstillbaren Gier nach Aufmerksamkeit. Donald Trump übernahm 1974 das Unternehmen seines Vaters. Es sind die Jahre, die Tom Wolfe in seinem zwei Jahre später publizierten wegweisenden Essay als “‘Me’ Decade”, Ich-Dekade, bezeichnen wird. Es ist die Zeit, in der sich die USA sukzessive vom Gedanken eines solidarischen Gemeinwesens verabschiedet und das Individuelle, die Selbstverwirklichung – anders ausgedrückt: der Egoismus bis hin zum Narzissmus – seinen Siegeszug startet. 1979 tritt Margaret Thatcher als Premierministerin in Großbritannien an, 1981 zieht Ronald Reagan ins Weiße Haus ein. Beide werden dem Neoliberalismus mit der Allmachtsattitüde des Marktes nicht nur den Teppich ausrollen. Sie werden ihm vielmehr bulldozernd den Weg freiräumen. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund wird der Unternehmer Trump sozialisiert. Oder ist hier besser von asozialisiert, gar antisozialisiert zu sprechen?

 

Dystopisch: Donald Trump vervielfacht. Pop-Art kann das nicht sein. Quelle: Pixabay/CC0 Public Domain
Dystopisch: Donald Trump vervielfacht. Pop-Art kann das nicht sein.                                                                                                              Quelle: Pixabay/CC0 Public Domain

Und nun also Trump als Präsidentschaftskandidat – in Zeiten sogenannter sozialer Medien und der durch sie maßgeblich befeuerten Herrschaft des Augenblicks. Das Internet hat der Marketingstrategie des Buzz den ultimativen Drive verpasst. Denn Mundpropaganda heißt im Netz explosionsartiges Verbreiten von Äußerungen, wenn man die Plattformen kennt und nutzt – wie es Trump tut. Dieses Eruptionsartige (Onlinefetischisten haben im Deutschen dafür den kümmerlichen Satz “es geht viral” kreiert) bildet den Verstärker unserer Tage. Schon früher hat die Lautstärke nicht unmaßgeblich dazu beigetragen, wer gehört wurde – unabhängig von der Substanz des jeweils öffentlich Gesagten. Heutzutage hat die Dominanz dieses Lauten, oft genug Schrillen oder Absurden, ein Ausmaß angenommen, das mehr und mehr schwindlig macht. Die perfekt dazu passende, nichtsdestotrotz traurige Kurzformel unserer Tage lautet “Reflex statt Reflexion”.

 

Exakt mit dieser Formel lässt sich selbstredend das Phänomen Trump beschreiben. Er ist laut, schrill, Sexist, Rassist, xenophob. Damit ist er, der zurzeit zweifellos mit an der Spitze globaler Aufmerksamkeit steht, auch Abbild derer, die wesentlich weiter unten, lediglich unter Beachtung von ein paar Dutzend Facebook-Freunden oder Hasskommentatorenkollegen, all das ganz ähnlich beurteilen, verkörpern, äußern. Meinungen prallen dort im Netz nicht nur wie Pfeile aufeinander, sie sind auch oft giftgetränkt. Der polternde Skandal, der anhaltend herabwürdigende Kommentar obsiegt gerade im Internet, der mögliche Erkenntniszuwachs bleibt dagegen mehr und mehr auf der Strecke. Der Zorn der ach so Zornigen, ob sie nun Trump heißen oder sich als Troll aufführen, müsste jedoch deutlich mehr gebieren als ein Festhalten am Status quo oder der Sehnsucht nach vermeintlich guten alten Zeiten. Aber statt der Weiterentwicklung steht bei ihnen der Slogan “Alles soll bleiben, wie es ist” als gesellschaftlicher Zukunftswunsch.

 

Trumps Hang zum Reflex ließ sich kürzlich bei der Auseinandersetzung mit der muslimischen Familie Khan, deren Sohn als US-Soldat 2004 im Irak getötet worden war, beobachten. Der Guardian titelte dazu: “Donald Trump fans don’t know or don’t care” – und beschrieb damit gleichfalls das gesamte Dilemma von Trumps Kandidatur. Pausen des (Nach)Denkens sind weder Sache von Trump noch die seiner Gefolgsleute. Man fühlt sich eher sich an die alte Wild-West-Formel “erst schießen, dann fragen” erinnert. Der Mann reflektiert nicht, auch (vor allem?) nicht über sich selbst. Sonst wäre er beim Thema eines im Krieg getöteten US-Soldaten aus sehr persönlichen Gründen deutlich zurückhaltender gewesen.

 

Trump ist anders als den Silberrücken in freier Wildbahn keine Altersweisheit eigen. Seine einzige Erfahrung, die ihn vorantreibt: Ich mach das so, wie ich es immer gemacht habe. Das hat mich schließlich in meine aktuelle Position gebracht. Sein Plan, wenn man ihn so bezeichnen will: Bulldozern. Er hat gesehen, wie es in seinem Geschäftsumfeld seit Jahrzehnten funktioniert. Dass sich dieses Konzept nicht aufs Gesellschaftliche übertragen lässt, ist kein Gedanke, der sich im Trump’schen Ideenhaushalt finden würde.

 

Donald Trump ist als Neoliberaler eigentlich ziemlich spät dran, passt aber in unsere Erregungsära wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer. Weil er hinter ständigen Aufwallungen und Ausbrüchen seine Gedankenleere verbergen kann. Und es genügend Leute gibt, die das mögen. Was viel über unsere Ära aussagt. Nur wenig Gutes allerdings.

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