Eigenartig

Von Torsten Klaus. Manchmal scheint die Luft in Peking keinen bekannten Aggregatzustand zu besitzen. Als würde man von der Atmosphäre weich umklammert, auf eine sonderbar angenehme Weise. Und wo das Wort angenehm schon gefallen ist, dürfte klar sein: Vom Smog in Peking, der hier einen seiner ständigen Wohnsitze hat, ist in diesem Fall nicht die Rede. Es geht vielmehr um ein Zwischen-den-Dingen, ein Weder-Noch, das trotzdem positive Gefühle freisetzt. Kurz: um etwas Eigenartiges. Was wiederum keine unpassende Beschreibung wäre für die Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ im Nationalmuseum China, die in Deutschland entstand (durchaus maßgeblich .in Dresden) und am Platz des Himmlischen Friedens, dem Tian’anmen, ein Jahr lang zu sehen sein soll.

Eröffnung unterm Volksfries - rote Stühle für die Prominenz in Chinas Nationalmuseum.

Auch die Vorzeichen signalisierten Eigentümliches. Diesmal hatte der Meeresgrund vor Japan gebebt, hatten Naturgewalten und ihre Folgen das Interesse fast ausschließlich auf sich gelenkt. Japan ist nicht weit, erste radioaktive Spuren waren nach dem Reaktorunfall in Fukushima schon an der chinesischen Ostküste gemessen worden. Vor drei Jahren, als die Deutschen (auch schon angeführt von Dresden) die Doppelschau „Gerhard Richter“ und „Living Landscapes“ in Peking zeigten, war kurz zuvor China selbst Schauplatz eines schweren Erdbebens mit zehntausenden Toten gewesen. Beide Naturkatastrophen können als eigenartig, aber zufällig durchgehen. Viel eigenartiger und überraschender aber war, dass die Ausstellung zur Aufklärung die Aufmerksamkeit nicht mit den Katastrophenmeldungen teilen musste. Sie erhielt sie vielmehr durch politische Erschütterungen, sprich mit der kurzfristigen Ausladung des deutschen Sinologen und Autors Tilman Spengler. Ein schwerer Start für die Schau, der bei diesem Thema und an diesem Ort schon unter normalen Umständen nicht unbedingt leicht gewesen wäre.

Diese politischen Begleitumstände haben es also heftig holpern lassen zum Ausstellungsbeginn. Die Kritik der deutschen Partner an der chinesischen Seite war zurückhaltend, um es höflich auszudrücken – obwohl Spengler als einer der wichtigsten Köpfe für das Begleitprogramm „Aufklärung im Dialog“ gilt. Nachdem Spengler aber nun kein Einreisevisum erhalten hatte, löste das eine eigenartige Kettenreaktion aus. Plötzlich wurde die gesamte Schau, ihre Thematik und der Ausstellungsort noch einmal unter eben jenem aktuellen Blickwinkel betrachtet. Das Ergebnis: Kritik allerorten. Die Frage stellt sich, ob es ohne das weder klug noch geschickt anmutende Vorgehen des chinesischen Außenministeriums dazu gekommen wäre. Denn in den vergangenen Monaten, als die Ausstellung noch im Entstehen begriffen war, rauschte der deutsche Blätterwald verhalten bis wohlwollend, sogar sotto voce, wenn „Die Kunst der Aufklärung“ Thema war.

Anregung mit Urgewalt in 'Satan und Tod, von der Sünde getrennt'.

Muss bei einer Bewertung der Ausstellung deshalb getrennt werden, was eigentlich nicht getrennt werden darf: die Schau und ihr politischer Kontext? Ein klares Nein. Beides gehört zusammen, auch wenn die im Vorfeld vom Chef der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, geäußerte Betonung, es handle sich lediglich um eine Kunst-Ausstellung, den Eindruck erwecken konnte, sie zu entpolitisieren.

Das Geschick – und als solches sollte es gesehen werden – der Ausstellungsmacher bestand gerade darin, subtil vorzugehen. Es ist keine Menschenrechtsschau mit dem Holzhammer. Schließlich ist nicht simpel die Aufklärung Thema, sondern die Kunst jener Epoche. Am Eingang zu den drei Räumen der Ausstellung findet sich das Schiller-Zitat „Kunst ist die Tochter der Freiheit“, beim sozusagen letzten Bild der Schau blickt der Besucher auf ein Selbstporträt Andy Warhols, eine der Personifizierungen von Schillers Satz. Und auch dazwischen hat die Präsentation der drei deutschen Museumsverbünde aus Berlin, Dresden und München eigentlich vieles, was sie zum Publikumserfolg machen könnte: Bilder und Exponate, die man sich merkt, Hingucker. Wie Francisco de Goyas „Los Caprichos“, Johann Heinrich Füsslis „Satan und Tod, von der Sünde getrennt“, Piranesis exzentrische Kerker oder – um ein angenehmes Sujet zu nennen – Thomas Gainsboroughs zauberhaftes Gemälde „Die Marsham-Kinder“. Und sogar den Umbau des Nationalmuseums in Peking selbst – außen propagandistisch-protzig, innen von sachlicher Eleganz – könnte man als Teil der Schau interpretieren. Schließlich entstanden Kunstmuseen nach heutigem Verständnis im Zeitalter der Aufklärung.

Andy Warhols Selbstporträt - das abschließende Bild der Ausstellung.

Roth ließ zur Eröffnung unter anderem wissen: „Aufklärung ist ein bis heute andauerndes Experiment.“ Auch die negativen Folgen dieser Geistes- und Gesellschaftsentwicklung sprach er an, zum Beispiel Kolonialismus. Darüber legt die Ausstellung aber den Mantel des Schweigens. Auch ein Exkurs zur wichtigen Französischen Revolution, die das Ende der Aufklärung markiert, wäre mehr als denkbar gewesen. Schließlich wandelten sich hehre Ideale damals zu einer Blutherrschaft. Es wäre ein Bild gewesen für den steinigen Weg zur Selbsterkenntnis.

Besucherin vor dem Gemälde 'Telemachs Rückkehr'.

Erst am Ende, im neunten Ausstellungsbereich, dem Epilog „Die Revolution der Kunst“, wird die Schau aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext gelöst. Dort, wo sich Mattheuer, Beuys, Baselitz oder Warhol einander nicht fremd begegnen, weil sich jeder von ihnen seinen eigenen Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit suchte. Dort schließt sich ein Kreis, der in den acht Bereichen vorher hier und da mit eher dünner Linie angedeutet wurde, mit der Kunst der Gegenwart endlich von starkem Strich ersetzt. Hier wird auch klar, dass die verhandelte Metaebene (die Kunst der Aufklärung) wohl zu stark betont ist, das Subtile stark dominiert – und somit Wirkung verschenkt wird.

Schlicht großartig ist der Mattheuer-Doppelpack 'Die Flucht des Sisyphos' und 'Sisyphos behaut den Stein'.

Noch ein weiterer Fakt ist zu nennen: Die Ausstellung hat Geld gekostet, viel. Von rund zehn Millionen Euro ist die Rede. Einen maßgeblichen Beitrag hat das Auswärtige Amt geleistet. Je nach Standpunkt sicher Argumente für oder gegen das ganze Projekt. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zitierte in seiner Eröffnungsrede den Schiller-Satz – und ließ den Schluss seiner Rede weg, als er ursprünglich die anschließend von Musikern der Sächsischen Staatskapelle, des Bayerischen Staatsorchesters und der Staatskapelle Berlin unter Lorin Maazel gespielten Beethoven-Symphonie „Eroica“ als Zeichen der Freiheit verstanden wissen wollte. Dafür brachte Westerwelle einen anderen Satz unter: „Kunst allein im Dienst der Macht ist Propaganda.”

Chinesische Studenten outen sich als Westerwelle-Fan - ohne auf Nachfrage zu wissen, wer dieser Mann ist. Fotos: Torsten

Natürlich kann man sich wegen der politischen Begleitumstände gegen eine solche Ausstellung aussprechen. Dann müssten aber auch viele andere kulturelle Aktivitäten im Reich der Mitte hinterfragt werden. Damit stünde die Option eines deutlich reduzierten, wenn überhaupt noch stattfindenden Kulturaustauschs mit China im Raum. „Die Kunst der Aufklärung“ bedient ausdrücklich das Gegenteil. Nie zuvor war eine umfassendere Kunstausstellung Deutschlands in einem anderen Land zu sehen. Es gibt Stimmen, die sagen, diese Ausstellung werde nichts ändern. Das kann sein. Sie zeigt andererseits jedoch, dass sich schon etwas geändert hat. Man muss nicht allzu viele Jahre zurückrechnen, wo eine solche Schau in China schlicht undenkbar gewesen wäre. Auch das ist schließlich eigenartig – mit einem positiven Unterton.

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