Ein Sehnsuchtsort im wilden (Nord-)Westen Europas

Nur wenige Kilometer vom Polarkreis entfernt, abseits sämtlicher Straßen nur mit dem Boot erreichbar, gibt es im äußersten Nordwesten Islands eine Halbinsel namens Hornstrandir, deren karge Schönheit auch auf der größten Vulkaninsel der Welt seinesgleichen sucht. Bis Mitte der 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verhältnismäßig dicht besiedelt, ist seit dem Niedergang des industriellen Walfangs zu Beginn der 60er Jahre die Halbinsel – abgesehen von wenigen Leuchtturmwärterfamilien und ein paar Dutzend Sommerhäuschen – weitestgehend von Menschen verlassen. Ganz der Natur überlassen, ist Hornstrandir heute wieder eine Wildnis, wie es sie nur noch ganz selten in Europa gibt. Man kann dort durchaus mehrere Tage wandern, ohne auch nur einem Menschen zu begegnen. Ein Traum für jeden Reisenden, der die Einsamkeit in einer Natur sucht, die voller Leben steckt. Die Gefahr, auf mit Kameraobjektiven von der Länge eines Weltraumteleskopes und ebenso lauten und nervtötenden Stimmen ausgerüstete Traumschifftouristen zu treffen, geht gegen Null.

Auch wenn seit der Finanzkrise – an der bekanntlich diverse isländische Banken einen nicht unwesentlichen Anteil hatten – die Anzahl der jährlichen Besucher, wie überall auf der Insel, in Hornstrandir stetig steigt, ist das insgesamt auf Island gesunkene Preisniveau glücklicherweise immer noch hoch genug, um ein gewisses Klientel, welches sich vorzugsweise auf Inseln in südlicheren Gefilden tummelt und sein Hirn in der Sonne anbrät, sowohl von Island als erst recht von den Westfjorden fernzuhalten. Das Fehlen fester Übernachtungsmöglichkeiten sowie gastronomischer Einrichtungen beschränkt das gestiegene Personenaufkommen in dem Paradies, in dem im Sommer die Sonne fast ganztägig scheint (wenn sie denn scheint), auf täglich wenige Dutzend geführte Tagesausflügler, welche vom Boot herunter auf die Vogelklippen hetzen, ein paar Fotos schießen und wenige Stunden später wieder verschwunden sind.

In der Bucht von Hornvík
In der Bucht von Hornvík

Bereits wenige Stunden nach der Ankunft in Hornvík, einer Bucht auf der Nordseite von Hornstrandir, breitet sich in einem eine Seelenruhe aus, die einem die gerade zurückgelassene Zivilisation nahezu vergessen macht. Strahlender Sonnenschein, kaum Wind und eine mit tausenden verschiedenen Vogelstimmen erfüllte, saubere Luft und das großartige Panorama vermitteln jedem Neuankömmling unmittelbar das Gefühl einer unwirklichen Realität – wenn man Glück mit dem Wetter hat. Allerdings ist in den isländischen Westfjorden oft besonders dann schönes Wetter, wenn der Rest der Insel unter einer dicken Wolkendecke vergraben liegt und die klassischen touristischen Ecken wie Geysir, Gullfoss oder Þingvellir vom gefürchteten isländischem Regen oder Nebel heimgesucht werden. In Hornstrandir bleiben Wolken und Nebelbänke vorzugsweise wenige Kilometer vor der Küste im Polarmeer; gelegentliche Attacken werden von den senkrecht ins Meer abfallenden Felsen meist erfolgreich zurückgeschlagen. Setzen sich Wolken und Nebel jedoch durch, kann aus einer vergleichsweise gemütlichen Bergwanderung schnell ein Kampf gegen die Unbilden der Natur werden. Von daher ist eine gute Ausrüstung unerlässlich: regen- und windfeste sowie warme Kleidung sind immer mitzuführen, ebenso wie Karte und Kompass oder GPS-Gerät (fachgerechter Umgang wird vorausgesetzt). Auch ein Mobiltelefon hat dem einen oder anderen verirrten Wanderer dort schon das Leben gerettet.

Hornvík
Hornvík

Gefahren lauern aber auch bei schönem Wetter. So kann man nicht bedenkenlos an jeder Stelle die gelegentlich notwendigen Furten zu Fuß durchqueren. So ist – abhängig von Ebbe und Flut – die oftmals hüfthoch reichende Furt in Hornvík an einigen Stellen mit Treibsand unterlegt, der in Verbindung mit der Strömung zur tödlichen Falle werden kann. Das neben dem Menschen größte umherstreifende Landraubtier ist der Polarfuchs (von der Größe einer Maine-Coone-Katze), der zwar als scheu gilt, aber sich einem auch gern mal bis auf wenige Meter nähert oder gelegentlich Nahrungsvorräte aus dem Zelt stibitzt. Da Tollwut auf Island praktisch unbekannt ist, geht von ihm keinerlei Gefahr für den Menschen aus. Allerdings sind seine Bestände durch Jahrhunderte intensiver Bejagung auf einen Bruchteil früherer Zeiten geschrumpft, sodass die Begegnungen mit einem Polarfuchs auch in Hornstrandir nicht alltäglich und von daher immer wieder etwas Besonderes sind.

Das zweitgrößte Raubtier Islands
Das zweitgrößte Raubtier Islands

Entlang am Rande der Steilküste Hornbjarg oberhalb von Hornvík führt nach kurzem, steilem Aufstieg ein Weg, der einem überwältigende Ausblicke bietet. Wer einen Blick über den von Vögeln unterhöhlten Rand wagt, schaut nicht nur knapp 300 Meter tief ins kristallblaue Polarmeer, sondern taucht ein in eine vielstimmige Symphonie abertausender Möwen, Lummen, Eisturmvögel und Papageientaucher. Ein Gemälde urwüchsiger Kraft abseits jeglicher Zivilisation, welches seit Jahrtausenden unverändert besteht. Ein Ort, an dem einem klar wird, wie klein und unbedeutend der Mensch im Vergleich zu einem derartigen, immerwährenden Naturschauspiel ist. Mehrere Kilometer entlang der Steilküste führen über Berge und steil abfallende Klippen bis zu 534 Meter Höhe am Kálfartindar und bieten ständig neue Variationen des reichen Vogellebens, an dem man sich nicht satt sehen kann. An manchen Stellen sind die neugierigen Dickschnabellummen (ein Alkvogel, der aufgrund seines Aussehens gelegentlich als eine Art fliegender Pinguin betrachtet wird) zum Greifen nahe und posieren interessiert vor der Kamera. An anderer Stelle wird man von misstrauischen Eissturmvögeln überflogen, wenn man ihrem Nest zu nahe kommt. Kritisch wird es, wenn man in die Nähe eines Nistplatzes von Mantelmöwen gelangt. Dieser befindet sich meist auf einem vorgelagerten Riff oder Felsen. Hält man den „Sicherheitsabstand“ nicht ein, erhebt sich ein Elternteil und beginnt den Eindringling im Tiefflug unter langgezogenem Geschrei zu attackieren. Wenn man diese größte Möwenart mit bis zu 1,65 Metern Flügelspannweite auf Augenhöhe auf sich zukommen sieht, fühlt man sich unwillkürlich an Hitchcocks „Die Vögel“ erinnert. Auch aus Gründen des Respekts vor der Natur sollte man sich daher in solchen Momenten ziemlich flink und diskret aus dem Radius der Mantelmöwe zurückziehen.

Arktischer Sommer
Arktischer Sommer

Abseits der Steilküsten finden sich ebenfalls märchenhafte Welten. Almen aus arktischem Weideröschen und Hahnenfuß bilden im kurzen arktischen Sommer einen blau-gelb-grün leuchtenden Teppich, in dem sich zahlreiche Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten sowie Spinnen tummeln. Die bilden wiederum die Nahrungsgrundlage für Kleinvögel wie den Stein- oder den Goldregenpfeifer. Auf den vereinzelt vorzufindenden natürlichen Weihern schwimmen neben Eismöwen auch Singschwäne, die hier – von der Zivilisation noch ganz unverdorben – noch richtige Wildvögel sein dürfen. In den Buchten und Fjorden Hornstrandirs finden sich Hunderte Eider- und Stockenten, die sich gern aus pragmatischen Gründen ihr Revier mit den quicklebendigen Küstenseeschwalben teilen, da diese berühmt und berüchtigt für ihre körperlichen Attacken gegen fliegende oder laufende Eindringlinge in ihr Brutgebiet sind.

Wasserfall
Wasserfall

Die Höhenzüge im Inneren Hornstrandirs sind in weiten Teilen Steinwüsten, vielerorts mit vereinzelten Schneefeldern. Hier überziehen Flechten und Moose teilweise großflächig das Gestein. Daneben ragen an vereinzelten Stellen auch kleinere, robuste Pflanzen aus dem unwirtlichen Ödland. Neben Stein- und Goldregenpfeifer trifft man in höheren Lagen gelegentlich auch Raben an, die meist in landeinwärts gerichteten Felsen nisten.

Hestereyrarfjördur
Hestereyrarfjördur

Wenn spät abends die Sonne für wenige Stunden hinter den Bergen versinkt, ohne dass es wirklich dunkel wird, das lauteste Geräusch das Rollen der Wellen am schwarzen Sandstrand ist, der Wind leise über das Zelt streicht und nur noch vereinzelt eine Möwe kreischt oder ein Goldregenpfeifer seine typischen Laute von sich gibt, liegt eine ganz besondere Magie über Hornstrandir. Die Abwesenheit des Menschen macht aus diesem Flecken Erde einen wahren Garten Eden, dem hoffentlich kein Sündenfall droht. Das bis auf wenige Tage im Sommer raue Klima im Zusammenhang mit dem Nichtvorhandensein von Bodenschätzen oder fruchtbarem Boden gibt jedoch Anlass zur Hoffnung, dass diese paradiesische Wildnis auch künftig weitestgehend sich selbst überlassen bleibt.

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