Ein Stürmchen im Gläschen

Von Torsten Klaus. Eine lediglich zweieinhalb Wochen dauernde Ausstellung in der HfBK hat das Medieninteresse geweckt. Der Streit enzündet sich an der Skulptur einer urinierenden Polizistin. Auch das Innenministerium hat sich in die Debatte eingeklinkt: Minister Markus Ulbig (CDU) sieht die Menschenwürde verletzt.

Auf den ersten Blick ist die Skulptur fast nicht zu sehen. Die Polizistin hockt tatsächlich in der Ecke, einen halben Meter entfernt lehnt ihr Schlagstock an der Wand. Die Figur wird in deutlicher Pose gezeigt: beim Verrichten der Notdurft. „Petra“ hat der Künstler Marcel Walldorf sein Exponat lapidar betitelt. Und gewonnen: Er ist dritter Preisträger für den in diesem Jahr an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste ausgelobten Leinemann-Preis der gleichnamigen Stiftung. 1000 Euro bekommt Walldorf dafür. Aber das ist nicht das Thema, sondern die in einer hiesigen Boulevardzeitung aufgeworfene Frage, ob das Kunst sei.

Eigentlich müsste hier schon abgewunken werden, weil die Frage natürlich Unsinn ist. Freilich ist das Kunst. Wieso auch nicht? Weil die Staatsmacht aus ihrem offiziösen Gestus herausgeholt und in einen anderen, sehr natürlichen Kontext platziert wird? Weil Uniformträger so nicht gezeigt werden dürfen? Weil „Petra“ ihren Hintern und die Scham entblößt? Oder weil ein Skandal herbeigeredet, herbeigeschrieben werden muss?

Denn wer ein wenig mit dem Namen Marcel Walldorf anfangen kann, sollte kaum überrascht sein. 2009 präsentierte er sein am Kamasutra angelehntes Reiterstandbild “6 PS“, in einer Videoinstallation von 2007 pinkelten fünf Frauen in die Hose. Auch mit Kuhfladen in Waffelform (2008) und den Bremer Stadtmusikanten, die jedoch nur als Tierfelle übereinander gestapelt wurden, machte Walldorf auf sich aufmerksam. Ein nicht mehr unbekannter Provokateur also.

Demnach stellt sich also eine andere Frage: Ist das gute Kunst? Doch diese Debatte ist schon unzählige Male geführt worden, ihre entlang von Geschmacksgrenzen verlaufende Frontlinie muss hier nicht ein weiteres Mal ins Bild gerückt werden. Assoziationen aber dürfte „Petra“ hervorrufen. Allein die Tatsache, dass diese Skulptur im eigenwilligen räumlichen Charme des Senatssaals der Kunstakademie wohl mehr Aufmerksamkeit erregt als irgendwo draußen, wo das Kunstwerk durchaus auch aufgestellt werden könnte, sollte nachdenklich machen. Wie sie auf dem Parkett hockt, wirkt die Figur sehr verletzlich. Nicht nur, weil sie ihr Bedürfnis verrichtet. Sondern weil sie gänzlich deplatziert wirkt, ohne dass sich Lustigkeit beim Betrachter einstellen würde.

Die Frage nach der guten Kunst haben sich naturgemäß auch andere gestellt – und beantwortet. Sachsens Innenminister Markus Ulbig ließ sich die Steilvorlage für eine empörende Reaktion jedenfalls nicht entgehen. „Dieses sogenannte Kunstwerk ist eine Schande“, erklärte der CDU-Politiker. Es sei eine Beleidigung der Polizistinnen und „eine Verletzung der Menschenwürde“. Ulbig weiter: „Ich bin schockiert, dass es Gremien gibt, die solchen sogenannten Künstlern Preise verleihen.“ Es ist sein gutes Recht, so zu reagieren. Es wäre auch zu einfach gewesen, ruhig zu bleiben. Was übrigens genauso für die Medien gilt. Oder können wir nicht ernsthaft über Kunst reden, ohne dass unterm Strich mindestens ein Skandälchen entsteht? Vielleicht hätte Walldorf auf die Rückseite der Uniform den Schriftzug „Geschmackspolizei“ anbringen sollen. Vielleicht gut, dass er es gelassen hat.

Was übrigens gänzlich unterzugehen droht, sind der Preis selbst und die beiden anderen Preisträger. Dominik Bucher gewann (1500 Euro) mit „Rote Linie“, einem Bild, dem durchaus viel Lapidares innewohnt. Da wäre die Frage nach der Jurybegründung interessant. Der zweite Preis (1000 Euro) ging an Thomas Judisch für sein Styropor-Architekturmodell „lonely man“. Die drei männlichen Preisträger werden von drei lobend erwähnten Frauen flankiert: Birgit Schuh, Heidi Morgenstern und Cosima Tribukeit. Ist das mehr als Quotendruck? Das wäre zu hoffen. Zumindest die Interventionen im öffentlichen Raum von Schuh und Morgenstern – im Plauenschen Grund und am Denkmal der Trümmerfrau vorm Rathaus – bergen etwas, das Interesse über den Moment hinaus weckt.

Der Leinemann-Preis wird übrigens in jedem Jahr in Kooperation mit einer anderen Kunsthochschule vergeben. Diesmal also Dresden. Mehr als 60 Bewerbungen habe es gegeben, erzählt Pressereferentin Andrea Weippert. Eins jedenfalls ist sicher: An Aufmerksamkeit dürfte es der kleinen Schau nicht mangeln. Am 13. Januar ist übrigens Tag der offenen Tür an der HfBK. Wer sich bislang noch Gedanken gemacht hat, dass sich kaum jemand dorthin verirren könnte, kann nun beruhigt sein.

2 comments

  • Vielen Dank für diesen ausgewogenen Artikel. Er passt hervorragend zum Selbstauftrag dieses Blogs, über den tellerrand schauen zu wollen.

    Ob es aber am 13. überhaupt ein Durchkommen bis zur Ausstellung geben wird? D. h., Ob einen die Polizeiblockaden durchlassen, wenn man versichert, keiner der demonstrierenden „Chaoten“ zu sein, sondern ein kulturbeflissener Bürger, der sich nur eine pinkelnde Polizistin ansehen möchte?

  • […] stellt und fragt, ob „Petra“ von Marcel Walldorf wirklich noch Kunst ist, kann man hier und hier deutlich differenzierter darüber lesen. „Architektur ist ein schützender Raum, den […]

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