Eine verlassene Stadt

Belgrad. Foto: Strahl

 

Eine Stadt, die sonst überzuquellen scheint vor Leben, beinahe menschenleer zu finden, gelingt auch in Belgrad am zeitigen Sonntagmorgen.

Visionen von menschenleeren Städten faszinieren; Bücher von Rosendorfer, Schmidt und jüngst Thomas Glavinic, Geoff Murphys Verfilmung von Craig Harrisons Roman The Quiet Earth oder John Hillcoats grandiose Adaption von Cormac McCarthys The Road, sind Reisen durch (beinahe) menschenleere Welten, durch verlassene Städte, sind Versuchsanordnungen zwischen den beiden Polen ihrer Vision: der Idylle und dem Grauen. Es ist die alte behauptete Polarität von Natur und Kultur mit ihrem angenommenen Medium, der Moral, verkörpert durch den letzten Menschen, die uns hier begegnet. Es verwundert nicht, dass in letzter Zeit die Frage nach der Moral, in Form postapokalyptischer, mehr oder weniger poetischer, Visionen, wieder öfter gestellt wird.

Dabei können Spuren versunkener  Zivilisationen durchaus verzaubern, wenn sich Natur und Traum ihrer wieder bemächtigt haben, und insofern es als sicher gilt, dass nur ihre ästhetischen Reflexionen, die der Moral nicht bedürfen, überdauern – Charles Baudelaires Savannah-la-Mar mag hier als Beispiel gelten.

Belgrad. Foto: Strahl

Ist es hingegen der Mensch, oder eines seiner Abbilder, der eine von ihm verlassene Welt noch immer heimsucht, dann sehen wir uns mit dem Grauen konfrontiert; die ästhetische Wahrnehmung der Welt wird zum Kontrastmittel in der Darstellung der Moral der Überlebenden und der Geister, die sie jagen – so in McCarthys The Road.

Dabei bedarf es nicht des missglückten Experiments, des Atomkrieges oder gar der Apokalypse, um eine Stadt menschenleer erscheinen zu lassen. Es reicht – wie an diesem Sonntagmorgen in Belgrad – eine durchfeierte Nacht am Sonnabend zuvor.

Die Erlösung naht dann nicht als blinder Denzel Washington mit einem geheimnissvollen Buch im Gepäck, sondern vielmehr in Form einer großen Tasse heißen Kaffees, wenn die ersten „Pekara“ (Bäcker) öffnen. Es bleibt die Faszination des Phänomens Stadt – mit und ohne Menschen.

T.S.

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