Ende einer Belagerung

Sarajevos War Childhood Museum vereint Kriegsverarbeitung und Geschichtserzählung von unten

Von Torsten Klaus.

Der Blick geht immer nach oben. Ein Kompliment an die Umgebung der Stadt, einen Ring aus Bergen, die sich wie schützende Hände um sie legen. Die Hänge bebaut, der Himmel weit, die Luft aber oft dick. Um einen Vorgeschmack auf den Winter zu erhalten, reichen ein paar Novembertage und eine Inversionswetterlage. Wenn die Kälte gekommen ist und so ziemlich alles durch die Kamine wandert, wird das Atmen hier schwer. Dennoch bezaubert die Stadt. Wieder. Sie hat ein Trauma durchlebt wie nur sehr wenige andere europäische Städte im 20. Jahrhundert. Das Trauma einer jahrelangen Belagerung, die maßgeblich von eben jenen Bergen aus dirigiert wurde. Den Bergen um Sarajevo.

Eine Gummiente, die im belagerten Sarajevo zum Puppenspiel hinterm Sessel diente als Exponat im Museum der Kindheit im Krieg / Muzej Ratnog Djetinjstva. © Tobias Strahl
Eine Gummiente, die im belagerten Sarajevo zum Puppenspiel hinterm Sessel diente als Exponat im Museum der Kindheit im Krieg / Muzej Ratnog Djetinjstva. © Tobias Strahl

Ich lernte stricken und las Puschkin… Selma, 1986

Ein kindischer Krieg… Kenan, 1985

Ein Blick zurück in Zeiten, die mit „bewegt“ noch nicht annähernd treffend beschrieben sind. Anfang der 1990er Jahre gerät das Konstrukt Jugoslawien endgültig aus den Fugen. Erste freie Wahlen in Slowenien und Kroatien 1990 werden von serbischer Seite nicht goutiert. Es folgen politische und bewaffnete Scharmützel, im Sommer 1991 geht die Jugoslawische Armee, die in serbischer Hand war, gegen die slowenische Unabhängigkeit vor, kurz darauf marschieren serbische Milizen in Kroatien ein. Und im Frühjahr 1992 nimmt Radovan Karadzic, eigentlich Arzt und Poet, die von ihm abgelehnte Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas zum Anlass, um gegen seine Heimat zu ziehen. Karadzic ist Chef der Serbischen Demokratischen Partei in Bosnien-Herzegowina – im Namen der Serben und mit ihnen zettelt er einen Krieg an gegen die anderen Bevölkerungsgruppen des Landes, allen voran die bosnischen Muslime.

Ein Tiefpunkt dieser an schmutzigen Tiefpunkten weiß Gott nicht armen Aneinanderreihung kriegerischen Vorgehens ist die Belagerung Sarajevos – die Stadt, in der Karadzic selbst lebte, wo er Medizin studiert hatte und praktizierte. Die schlimmste Phase der Einkesselung zieht sich vom Beginn im Frühjahr 1992 bis in den Herbst 1993, doch auch danach bleibt das Leben in der Stadt unter Beschuss. Die Umklammerung endet erst nach mehr als dreieinhalb Jahren und dauert damit länger als die Belagerung Madrids im Spanischen Bürgerkrieg oder die berüchtigte Blockade Leningrads. Die Zahl der Toten wird mit 11 541 angegeben.

Das Denkmal der im belagerten Sarajevo getöteten Kinder / Spomen-obilježje ubijenoj djeci opkoljenog Sarajeva 1992-1995. © Tobias Strahl
Das Denkmal der im belagerten Sarajevo getöteten Kinder / Spomen-obilježje ubijenoj djeci opkoljenog Sarajeva 1992-1995 im Zentrum Sarajevos. © Tobias Strahl

Eine Vergangenheit, in der wir heute immer noch leben. Eldin, 1987

Ist das richtige Butter? Leijla, 1977

Von den Sturmhöhen um Sarajevo aus wird die zivile Stadt von Karadzics Männern unter Beschuss genommen – immer mit der Begründung, man sei selbst beschossen worden. Feigheit wird hier schon, eine Technik-Generation vor dem Drohnenkrieg, in ein neues Maß gegossen. Wer den russischen Schriftsteller Eduard Limonow in der Dokumentation „Serbian Epics“ sieht, wie er auf Einladung Karadzics selbst wahllos aus gesicherter Stellung runter in die Stadt feuert, dem fehlen die Worte. Auch deshalb, weil sich hier selbsternannte Intellektuelle einem perfiden Tötungsroulette hingeben. Später werden Scharfschützen in diesem Krieg Schlagzeilen machen. Der von ihnen gezeigte Grad der Feigheit gegenüber ihren zivilen Opfern unterscheidet sich in nichts von dem Limonows.

Doch die Stadt fällt nicht. Ihre Bewohner halten durch, auch wenn die Geschichten der Verluste Tragödie an Tragödie reihen. Nach langem Zögern fliegt die NATO dann doch Luftangriffe auf serbische Stellungen. Schließlich kommt es im Oktober 1995 zum Waffenstillstand, am 29. Februar 1996 wird die Belagerung von der Regierung Bosnien-Herzegowinas offiziell für beendet erklärt.

Sarajevo trägt zahllose Wunden davon, ein Ort des lebendigen Todes ist es aber nicht geworden. Dennoch fühlen sich die Friedhöfe in Bosnien-Herzegowina anders an als hierzulande. Die Konsequenz von Gewalt überfällt den Besucher. Dort ruhen Gebeine, die Geschichte aber nicht. Friedhöfe sind deshalb Unruhestätten. Das gilt vor allem für das Memorial der tausenden 1995 binnen weniger Tage von Serben getöteten Muslime in Srebrenica. Der Ort ist wie eine Operation am offenen Hirn, dem eigenen. Ohne ausreichende Narkose. Die Haut fühlt sich von innen plötzlich an wie feucht-klamm gefrorene Wäsche, die im Winter zum Trocknen draußen hängt.

Auch in Sarajevo stellt sich ein ähnliches Gefühl ein. Zum Beispiel an einem Brunnen, der an die rund 1500 während der Blockade getöteten Kinder erinnert (etwa zehn Mal so viel wurden verwundet). Er liegt am Veliki Park, gegenüber ein pulsierender Platz. Immer finden sich dort Blumen und Kerzen. Gleich daneben sind sieben steinerne Stelen aufgereiht, die aussehen wie buddhistische Gebetsmühlen. Sie tragen Namen von 521 toten Kindern. Weitere Namen sollen folgen. Ein Ort, an dem sich der Herzschlag beschleunigt.

Das Museum der Kindheit im Krieg / Muzej ratnog djetinjstva in der Logavina Ulica 32, 71000 Sarajevo. © Torsten Klaus.
Das Museum der Kindheit im Krieg / Muzej ratnog djetinjstva in der Logavina Ulica 32, 71000 Sarajevo. © Torsten Klaus.

Rommé spielen im Luftschutzbunker. Irma, 1981

Angst, Angst und Angst. Blut, Blut und Blut. Armin, 1990

Und dann dieser Satz: In Europa herrsche seit 73 Jahren, seit Ende des Zweiten Weltkrieges, Frieden, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im November bei den Feiern zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges. Ein Satz, der Jasminko Halilovic den Kopf schütteln lässt. „Sind wir etwa kein Teil von Europa?“ fragt er in seinem spartanisch eingerichteten Büro den Besucher. Er verweist dabei nicht nur auf die jüngere Kriegsgeschichte seiner Heimat, sondern ebenso auch auf die aktuelle in der Ukraine.

Halilovic ist Jahrgang 1988, wurde in Sarajevo geboren. Er hat einen Masterabschluss in Finanzverwaltung, ist Autor – und seit geraumer Zeit auch Museumsdirektor. 2013 publizierte er ein Buch, das für seine Generation prägend wurde: „War Childhood“. Im Juni 2010 rief er über das Internet auf, Erinnerungen, die man als Kind im belagerten Sarajevo hatte, zu teilen. Mehr als 1500 dieser Geschichten trudelten ein, und gut zwei Jahre später waren in „War Childhood“ gut 1000 kurze Textpassagen versammelt. Ein Mosaik des Krieges.

Doch die Menschen hörten nicht auf, sich zu erinnern. Die Zahl der Geschichten wuchs, seit 2015 kamen dann auch Objekte dazu, die wiederum eigene Geschichten erzählten. Für all das, sagte sich Halilovic, braucht es ein Museum. Was in einem Land, dessen Nationalmuseum für drei Jahre wegen angeblicher finanzieller Engpässe geschlossen war und in dem etwa drei Viertel des Bruttoinlandproduktes in den Erhalt einer dreigeteilten politischen Landschaft – für Bosniaken, Kroaten, Serben – gesteckt werden, einem Wunder gleichkommt. Doch die Bedeutung von Halilovics War Childhood Museum ist nicht zu unterschätzen. „Wir sind Teil der Identität unserer Stadt“, sagt der schlanke Brillenträger.

521 von 1500 Namen am Denkmal der während der Belagerung Sarajevos getöteten Kinder / Spomen-obilježje ubijenoj djeci opkoljenog Sarajeva 1992-1995. .© Tobias Strahl
521 von 1500 Namen am Denkmal der während der Belagerung Sarajevos getöteten Kinder / Spomen-obilježje ubijenoj djeci opkoljenog Sarajeva 1992-1995. .© Tobias Strahl

Die Kindheit halbiert, aber die Sorgen um die Zukunft verdoppelt. Feda, 1981

Warten auf morgen. Amer, 1982

Das Museum ist aber vor allem ein Ort, an dem Traumata offengelegt und damit bearbeitet werden. 2017 eröffnet, liegt es nah genug an den zentralen städtischen Wegen Sarajevos. Rund 5000 Schulkinder habe man im ersten Jahr begrüßt, erzählt der Chef. 2018 werde die Zahl ähnlich sein. Sie können mit ihrer Elterngeneration auf diese Weise ganz anders in Kontakt treten. Für Halilovic aber ist sein Haus weit mehr. Es lehre etwas über Werte wie Menschenrechte, in einem sehr europäischen Kontext, sagt er. 2018 erhielt das War Childhood Museum den Museumspreis des Europarates.

Der Rundgang selbst ist unprätentiös. Objekt an Objekt, umrahmt von kurzen Erzählungen, wird hier Geschichte von unten erzählt. Aus der Sicht derer, die sie erdulden und durchleiden. Natürlich ist Spielzeug zu sehen – auch wenn das damals meistens aus Not verfeuert wurde. Ein kleiner Plasteroboter und die Träume eines Jungen: „Ich stellte mir vor, wie Roboter Wasser holen oder Holz sammeln könnten – und damit das Leben von Menschen retten.“ Eine Gummiente in blauem Shirt als letztes Überbleibsel einer Art improvisierten Puppentheaters, das hinterm Sessel aufgeführt wurde. Eine von einem Schrapnell gezeichnete kleine Aufstelltafel. Die Überreste eines Klettergerüsts, an dem vier Kinder spielten, unter Beschuss gerieten und starben. Oder das selbstgezimmerte Tischfußballspiel, mit einer kleinen Murmel als Ball.

Dazu kommen Aussagen von Augenzeugen, die in einer Videoecke gezeigt werden. Alma berichtet von einem Fahrrad-Ergometer, der zur Energieerzeugung genutzt wurde, „damit der DJ bei der Party Strom für seine Musik hatte“. Aleksandar erinnert an die Amateurfunker, die oftmals die einzige Verbindung nach draußen herstellen konnten – in einer Zeit ohne Smartphones oder Internet. Und selbst der Aberglaube hat hier Platz. 1991 habe es „gelben Regen“ in Sarajevo gegeben, durchsetzt mit Sand aus der Sahara. Alte Frauen hätten das als böses Omen gesehen, erzählt Maja.

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag, das UN-Kriegsverbrechertribunal, hat zwischen 1993 und 2017 insgesamt 161 Menschen angeklagt, 84 davon wurden verurteilt, darunter Karadzic.

Von den Verurteilten gestanden 19 ihre Schuld ein. Karadzic nicht.

Die kursiven Zitate sind Übersetzungen des Autors aus Jasminko Halilovics Buch „War Childhood“.

www.warchildhood.org

Noch immer liegen auf den Höhen um Sarajevo Minen verborgen; hier auf dem Berg Trebević, von dem aus serbische Einheiten während der Belagerung Sarajevos 1992-1995 die Stadt und ihre Einwohner täglich unter Feuer nahmen. © Torsten Klaus
Noch immer liegen auf den Höhen um Sarajevo Minen verborgen; hier auf dem Berg Trebević, von dem aus serbische Einheiten während der Belagerung Sarajevos 1992-1995 die Stadt und ihre Einwohner täglich unter Feuer nahmen. © Torsten Klaus