Erinnerungslandschaften

Sehidsko Mezarje, hier liegen die während der Belagerung Sarajevos getöteten bosnischen Muslime beerdigt. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. Sarajevo: der Name allein ist ein Symbol. An jedem Gegenstand hängt eine Geschichte. Aber so ist das überall in Kosovo, Kroatien und Serbien. In Bosnien jedoch liegen die Zeichen der jüngsten Geschichte besonders dicht beieinander, wird alles symbolisch.

Die Altstadt Sarajevos ist saniert, hier kann nur das kundige Auge noch Spuren des Krieges und der Belagerung der Stadt von 1992 bis 1995/96 ausmachen – Einschläge von Mörser- und Artilleriegranaten, Geschoss- und Splitterspuren an Häuserwänden. Das ändert sich bereits wenige Meter außerhalb des historischen Zentrums der Stadt, des Baščaršija, des alten Marktviertels, um die gleichnamige Moschee gelegen. Auf dem Weg in das olympische Dorf von 1984, insbesondere im Stadtteil Dobrinja, oder auf dem Gräberfeld Sehidsko Mezarje lässt sich noch nachvollziehen, wie dieser Krieg ein Teil der Stadt wurde. Seine Traumata haben in jedem gesellschaftlichen Bereich Spuren hinterlassen; Literatur, Wissenschaft, Monumentkultur und mündliche Überlieferung sind gesättigt vom Terror; die sichtbaren Spuren sind nur ein geringer Teil eines Alptraums, der bis heute präsent ist – Sarajevo befindet sich noch immer im Krieg. Wenn sich aus allem, den Spuren, den Erzählungen, den Denkmalen ein Bild rekonstruieren lässt, und dieses Bild nur zur Hälfte den eigenen Vorstellungen entspricht, dann war die Stadt vier Jahre lang eine Hölle auf Erden – am Ausgang des 20. Jahrhunderts und unter den Augen der Welt, die zusah.

 

Obelisk des Sehidsko Mezarje mit den Namen der Getöteten. Foto: Strahl

 

Man hat mich gewarnt; Nafiz hat mir noch in Prizren gesagt, dass die Bosnier die besten Menschen im ehemaligen Jugoslawien gewesen seien. Solche Geschichten tut man als Übertreibungen ab, sie stammen aus einer Region, in der die meisten alles über ihren Nachbarn wissen, und nur wenig über sich selbst (von Mythen zur eigenen Geschichte abgesehen). Hier die Guten, dort die Bösen. Natürlich würde jeder in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, mit dieser Behauptung konfrontiert, das Gegenteil behaupten, und damit ebenfalls im Recht sein. Wenig ist klar hier, und verstümmelnde Begriffe wie „Wahrheit“ sind nirgends hinreichend.

 

Wohnhochhaus im Stadtteil Dobrinja. Foto: Strahl

 

Sarajevo und seine Einwohner, zumindest die, die ich treffe, geben Nafiz Recht. Manchmal kann man auch alles glauben, was man erzählt bekommt. Die Schwierigkeit besteht darin, herauszufinden, wann das gerade der Fall ist.

Auf meinem Pfad durch den Dschungel der Geschichte Jugoslawiens habe ich in einigen Institutionen, Ministerien und Vereinigungen vorgesprochen. Nirgendwo bin ich so herzlich empfangen und offen beraten worden wie von der Kommission zum Schutz Nationaler Monumente in Sarajevo.

 

Eine der "Rosen" von Sarajevo; der Einschlagtrichter einer Mörsergranate, mit rotem Kunstharz ausgegossen. Foto: Strahl

 

Die Freundlichkeit der Menschen in der Stadt ist tatsächlich auffällig; das ist sie in Großbritannien und Amerika auch, doch hält sie in Sarajevo auch dem zweiten Blick stand. Sarajevo ist eine Stadt, in der ich sofort ankomme, in der ich den Sinn des Wortes „ankommen“ nachvollziehen kann. Es scheint mir, als hätte ich schon immer hier gelebt. Sicher auch deshalb, weil mich die Stadt seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigt. Ihr Schicksal, ihre Geschichten waren bereits Teil unserer Vorbereitung auf den Kosovo-Einsatz 1999, die Stadt wurde mir zum Symbol des Ausnahmezustandes in jeder Hinsicht, zum Zeichen der Entmenschlichung oder der höchstmöglichen Verdichtung des Menschlichen, wie man will.

 

Spomen Obilježje Ubijenoj Djeci Opkoljenog Sarajeva 1992-1995 - Denkmal für die ermordeten Kinder des belagerten Sarajevo 1992-1995. Foto: Strahl

 

Ich jage seltene Schriften, geringe Auflagen, noch während des Krieges herausgegeben von kleinen Verlagen, suche Dokumente, Berichte, persönliche Erzählungen; Zerstörung, Krieg, seine Planung, seine Realisierung, von der intellektuellen Vorbereitung, der ideologischen Rechtfertigung über seine Darstellungen bis hin zu seiner Reflexion und Verklärung. Im Vergleich der wissenschaftlichen Literaturproduktion und den persönlichen Erzählungen wird deutlich, wie wenig Wissen über diesen Krieg existiert, und wie verkürzt die Versuche seiner Erklärung sind. Vergewaltigungen, Morde, vermeintliche Heldentaten, Zwänge, der Hass auf das „Andere“, „Fremde“, „Überlegene“; Soldaten, Verbrecher und Hooligans sind die Protagonisten, die Schwachen sind die Opfer – das ist nicht neu, aber es sind auch die „Starken“, die nach dem Krieg gehört werden, die schreiben, die diesen Krieg (re-) konstruieren. Es mag gelten, was Meša Selimović nicht lange vor dem Ausbruch des Horrors in Jugoslawien schrieb: „Aufrichtigkeit ist die Gewissheit, dass wir die Wahrheit sagen (wer aber kann dessen gewiss sein?), und für die Redlichkeiten gibt es viele Möglichkeiten, und die vertragen sich nicht untereinander.“ (Derviš i smrt (Der Derwisch und der Tod), Sarajevo, 1987).

3 comments

  • warst du eigentlich schonmal in Sisak an der Save? ist mir beim lesen gerade eingefallen. Und wann kommste wieder nach Sachsen?
    Viele Grüße
    Thorsten

  • Lieber Thorsten,

    ich bin durch Sisak gefahren. Leider hatte ich noch keine Zeit, dort Rast zu machen. Im Moment bin ich in Zagreb, der vorerst letzten Station, und auf dem Weg nach Hause.

    Liebe Grüße,

    Tobi

  • […] Wir treten gemeinsam hinaus aus dem kühlen Dunkel des Kulturhauses in Nišnje Selišče in die goldene Sonne, die den Platz davor bescheint. Ein Denkmal für die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zeigt dort das Profil eines Kriegers. Es sollte eigentlich das Gesicht eines Kindes zeigen, oder zumindest Kindern gewidmet sein, wie etwa das „Denkmal der getöteten Kinder im belagerten Sarajevo“ (Spomen Obiliježje Ubijenog Djeci Opkoljeno…). […]

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