Ewiger Frühling – Kinder in der Ukraine, in Kosovo und Afghanistan

 

Wjaceslaw (links) ist der "Kleine Prinz" im Theaterstück nach dem gleichnamigen Buch des Autors Antoine de Saint-Exupéry. Foto: Tobias Strahl

Von Tobias Strahl. Das Licht wird gedämpft im Kulturhaus von Nišnje Selišče, einem kleinen Ort im Westen der Ukraine. Auf die Bühne tritt ein magerer kleiner Kerl im weißen Leinenanzug. Wjaceslaw ist der „Kleine Prinz“ (Le petit prince) von Antoine de Saint-Exupéry. Zu ihm gesellt sich bald ein hochgewachsener Junge von vielleicht zwölf Jahren. Dessen eigentlicher Name ist Anatoli, doch verwandelt er sich just in diesem Augenblick in einen Piloten, der in der Sahara notlanden musste. Ganz in Schwarz gekleidet beginnt er, auf Ukrainisch die Geschichte von der fantastischen Reise des kleinen Prinzen zu erzählen.

Ich muss die Worte nicht verstehen, um dem Zauber der Darbietung zu erliegen. Viel zu schnell geht das Stück zu Ende. Ich möchte den Moment festhalten. Diese unglaubliche Kraft, die von den jungen Schauspielern in den Zuschauerraum strömt. Ich bin zerrissen. Während der Applaus anhebt, fühle ich, wie die alte Wut und Trauer in mir losbrüllen.

Während wir uns Gedanken darüber machen, denke ich, welche wirtschaftlichen Folgen die Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine zeitigen wird, während die Analysten auf allen Seiten die Katastrophe, die sie in den letzten Jahren vergessen hatten, in wohlklingenden Worten verklären, während das Säbelrasseln allerorts nicht zu überhören ist, während die einen Konten sperren und Einreiseverbote erteilen und die anderen ihren Pyrrhussieg feiern, werden diese Kinder in der Rolle bestätigt, die sie außerhalb der Wände der Kulturhäuser und Theater dieser Welt zu spielen stets gezwungen sind: die der Verlierer.

Anatoli als Pilot. Foto: Tobias Strahl

Als ich im Jahr 2006 nach sieben Jahren wieder nach Kosovo kam, lud mich ein Freund zu einer Fahrt in den Westen des Landes ein. Ich wusste nicht, was er mit mir vorhatte, und willigte ein. So stand ich an einem warmen Augustabend das erste Mal auf dem Friedhof von Celina. Am 25. März 1999 hatten serbische Truppen hier ein Massaker verübt. Während wir als Gebirgsjäger fünfzig Kilometer entfernt an der Grenze zwischen Makedonien und Kosovo atemlos dem Feuerregen zusahen, der als Bombardement über Kosovo und Serbien niederging, starb Ramazan Faik Salihu an seinem siebenten Geburtstag einen gewaltsamen Tod. Ich bin seitdem immer wieder nach Celina gefahren, habe wiederum Freunde dorthin mitgenommen. Dieser Ort quält mich bis ins tiefste Mark. Ich kann nicht sagen, wie sehr. Es ist mir egal, wer dieses Verbrechen begangen hat. Alle haben in diesem Krieg gemordet. Mich quält der Gedanke, dass wir den Tod von Ramazan Faik Salihu nicht verhindert haben, obwohl wir es gekonnt hätten. Dass wir so viele Verbrechen nicht verhindert haben, deren Zeugen wir mittel- oder unmittelbar geworden sind. Wenn ich wir sage, dann meine ich zu allererst uns Soldaten. Ich meine damit auch uns als Menschen, als Individuen einer Gesellschaft, als Bürger Europas, die wir nun seit beinahe siebzig Jahren in Frieden leben. Die wir uns um Geld für Theater und Flughäfen streiten. Die wir klagen, über steigende Preise für Treibstoff und Lebensmittel. Die wir unserem Ersparten nachtrauern, das in Spekulationen oder beim Hausbau draufgegangen ist. Nicht zuletzt meine ich mich selbst. Es ist ein grausamer Zynismus, dass die Mächtigsten zugleich die Machtlosesten sind, wenn es darum geht, mehr als den bloßen Anschein von Menschlichkeit zu bewahren. Nie habe ich mich so ohnmächtig gefühlt, wie als schwer bewaffneter Soldat im Einsatz.

Spielende Kinder auf dem Massaker-Friedhof in Celina (Kosovo) am Grab von Ramazan Faik Salihu. Foto: Tobias Strahl

Im Jahr 2010 besuchte ich ein Waisenhaus im Norden Afghanistans. Dort traf ich ein Mädchen, dessen Haare kurz geschoren waren. Als sie mich sah, stand sie wie ein Soldat still, legte Arme und Hände eng an die Beine und blickte starr geradeaus an mir vorbei. Ich konnte ihre Angst erkennen, und das traf mich wie ein Schlag. An dieses Bild erinnere ich mich, ohne dass mir nur ein einziges Detail verloren gegangen wäre. Den Jungen im Krankenhaus von Kunduz, den eine Gewehrkugel in den Rücken getroffen hat, habe ich fotografiert. Seinem Vater fehlte das Geld, ihn in Kabul operieren zu lassen.

Der Junge im Krankenhaus von Kundus ist von einer Kugel im Rücken getroffen worden. Das Röntgenbild zeigt das Projektil nahe der Wirbelsäule. Foto: Tobias Strahl

Diese Bilder gingen mir durch den Kopf, als die Zuschauer den kleinen Prinzen und seine Mitstreiter im Kulturhaus in Nišnje Selišče  reichlich mit wohlverdientem Beifall bedachten, wie sie mir am Abend, vor dem Einschlafen, und am Morgen, wenn ich aufstehe durch den Kopf gehen. Es gibt Millionen solcher Geschichten und Millionen Menschen, die sie erzählen können. Krankenpfleger, Polizisten, Journalisten und Sozialarbeiter, mögen sie männlichen oder weiblichen Geschlechts sein, erleben Solches und Ähnliches jeden Tag. Man muss nicht Soldat(in) gewesen sein, um Bilder wie diese aufzunehmen. Dann denke ich, dass es sinnlos ist, davon zu reden. Nicht nur in Russland und der Ukraine kehrt im Moment all dies wieder, werden neue Bilder dieser Art produziert. Es erscheint mir absurd, danach zu fragen, ob sich Geschichte wiederholt oder nicht, wenn das Leid dieser Kinder stets dasselbe bleibt. Kinder, die verunsichert in Kameraobjektive schauen. Wenn sie noch oder schon wieder lächeln sollten, wird ihnen dieses Lächeln bald vergehen. Wut und Trauer empfinde ich auf mich und mir gegenüber, da ich dieses Dilemma nicht zu lösen vermag und dass ich, als ich meinte, es lösen zu können, ohnmächtig war.

Die Darsteller des "Kleinen Prinzen" vor dem Kulturhaus in Nišnje Selišče im Westen der Ukraine. Foto: Tobias Strahl

Wir treten gemeinsam hinaus aus dem kühlen Dunkel des Kulturhauses in Nišnje Selišče in die goldene Sonne, die den Platz davor bescheint. Ein Denkmal für die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zeigt dort das Profil eines Kriegers. Es sollte eigentlich das Gesicht eines Kindes zeigen, oder zumindest Kindern gewidmet sein, wie etwa das „Denkmal der getöteten Kinder im belagerten Sarajevo“ (Spomen Obiliježje Ubijenog Djeci Opkoljenog Sarajeva ).

Als ich ein Gruppenportrait von den jungen Schauspielern aufnehme, vermischen sich Wut, Trauer und helle Freude in mir. Der absurde Gedanke, dass der Frühling ewig ist, schießt mir durch den Kopf und gibt mir Hoffnung. Ich freue mich über diese Kinder so sehr, wie ich mich zuvor über uns, über mich, geärgert habe.

2 comments

  • Sehr eindrucksvoll geschrieben. In Kenntnis des Autors weiß ich, dass nichts davon erfunden ist.

  • […] März folgte ich einer Einladung in die Ukraine. Es war die Zeit des Krim-Referendums und der Kriegsangst. Gemeinsam mit Freunden, die seit Jahren […]

Diskutieren Sie mit: