“Four more years” – Obama hat gesiegt, doch gewonnen ist dadurch wenig

 

Barack Obama. Quelle: The White House Official Fotostream

 

Von Torsten Klaus. Charles P. Pierce hatte schon lange vor der Wahl im “Esquire” zur treffendsten Mitt-Romney-Kritik ausgeholt: der (gestern gescheiterte) republikanische Präsidentschaftskandidat der USA “couldn´t lead a whore to bed”, schrieb Pierce in Anspielung auf deutlich fehlende Führungsqualitäten von Selfmade-Mitt. Nun fällt es unter Satire, wenn ein Mann über einen anderen urteilt, der kriege nicht einmal eine Hure ins Bett. Oder unter schlechten Stil. Es erklärt aber, zumindest in diesem Fall, auch die Erleichterung, dass dieser Knabe, der den puren Kapitalismus immer noch für gottgegeben hält, nun nicht ins Weiße Haus einzieht. Was ein Segen der Stunde ist, aber dem Wahlsieger Barack Obama über diesen Moment hinaus auch nicht hilft.

Denn das Problem bleibt: Ein Land, das früher durch seine Verschiedenartigkeit punktete, läuft mehr und mehr Gefahr, durch hausgemachten Extremismus zu zerreißen. Seit dem 11. September 2001 durchlaufen die USA eine Paranoisierung. Diese, auch medial geschürten Ängste lassen inhaltliche Debatten über komplexe Geschehnisse der Innen- und Außenpolitik immer weniger zu. Sie werden ersetzt von klischeestarrenden Schwarz-Weiß-Darstellungen. Gegen dieses Wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns ist immer schwerer anzukommen. Bruce Springsteen sang in “Blood Brothers” über die vielen Graustufen (“so many shades of grey”), in die sich Schwarz und Weiß verwandeln würden. Sie finden sich, wie erwähnt, im Abbild dieses Lebens, das die Politik bietet, immer weniger. Vor allem in den USA.

Das hat mit Bewegungen wie der erzkonservativen Tea Party zu tun. Deren abstruse Forderungen werde ich hier nicht thematisieren – lediglich einwerfen, dass die Tea Party klar eine Rückwärts-Bewegung ist. Kaum verhohlener Rassismus feiert dort dermaßen fröhliche Urständ`, dass Max Liebermanns Zitat fast zwangsläufig erscheint: “Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.”

Und zum wiederholten Mal geht meiner Beobachtung nach in diesem Kontext der Preis für die schäbigste Meinungsmache, die sich als Nachrichtenkanal verkleidet hat, an Fox News. Wer, wie oben beschrieben, Innenpolitik auf ein schlichtes Böses (natürlich aus deren Sicht: Obama) oder Gut (der je nach Themenlage republikanische Gegenspieler) simplifiziert, der würde in einer intellektuell geführten Demokratie nicht mal das Kaspertheater in der Krabbelgruppe anmoderieren dürfen. Aber ich schweife ab.

Die Spaltung der USA ist und bleibt vor allem eine intellektuelle. Sie ist unter Barack Obama noch klarer hervorgetreten. Eine eigentlich schon etwas im Verschwinden begriffene Intellektuellenangst kommt als offene Feindlichkeit neu daher. Fast die ganze Welt freut sich über Obamas Wiederwahl, aber nur die halbe USA. Das sagt alles über die Schwierigkeiten, die vor dem wiedergewählten Präsidenten liegen. Ich wünsche ihm Glück, aber er wird noch viel mehr brauchen: die Neufindung eines, seines Landes.

Diskutieren Sie mit: