Fußball als Sozialkonstrukt – Gedanken nach der WM

Von Torsten Klaus. Das Fußball-WM-Loch im Blog ist wohl einigen aufgefallen. Wir haben uns angesichts des ach so jauchzend vorgetragenen Medienrummels, der noch die allerletzte Biertischgarnitur zwischen Castrop-Rauxel und Morgenröthe-Rautenkranz zur Fanmeile verklärte, Zurückhaltung auferlegt. Und atmen nun durch: vorbei. Fußballerisch war bis auf wenige Ausnahmen eh nicht viel zu vermelden. Nachdem also die Nation im alles ausblendenden Jubel vereint war, der nun dankenswerterweise zusammen mit den trötenden Vuvuzelas verebbt, kann sich langsam wieder den wichtigeren Dingen gewidmet werden (die soll’s tatsächlich geben, jawoll). Also auch Zeit, um den Fußball aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Doch wo anfangen? Man könnte ohne weiteres seitenlange Abhandlungen über die Altherrenriege der FIFA und ihre Geldgeilheit verfertigen. Deren Scheffeln und eigentümlicher Umgang mit Franken, Dollars, Euros würde bekannt-betuchte Familien wie die Fuggers oder die Medici wie juvenil-verrotzte Straßenbettler aussehen lassen. Doch dieses Thema haben andere besser im Blick, wovor ich hochachtungsvoll den Hut ziehe.

Aber es bleiben ja noch andere Facetten: Fußball als soziales Konstrukt, als identitätsstiftendes (Vorsicht, Neudeutsch!) Event. Diese Identifizierung funktioniert natürlich durch Abgrenzung: Hier sind wir, dort der Gegner. Bei einer Weltmeisterschaft ist das aller Globalisierung zum Trotz immer noch einfach, verläuft diese Linie doch stark entlang von Nationalismen. Und auch wenn plötzlich ein ganzer Kontinent ein Team wie Ghana unterstützt, bleibt das länderbezogene Wir-Gefühl zweifellos dominant.

Auf Klub-Ebene, und dort spielt sich der “alltägliche” Fußball ja ab, sieht das anders aus: Hier bekommt die soziale Komponente eine wichtige Rolle, die Sachlage wird komplexer – obwohl letztendlich natürlich wieder ein “Wir” und ein “die Anderen” steht. Aber zurück zur Komplexität. Denn bei zahlreichen Klubs sorgt die Spur der Geschichte für Identität, Feindbild, Zugehörigkeit. Dafür stehen natürlich Rivalitäten wie die des FC Barcelona mit Real Madrid, die weit in die Zeit des Franco-Regimes zurückreicht. Oder Inter Mailand contra AC: Die Gründung von Internazionale Milano kam zustande, weil beim AC keine Ausländer spielen durften. Geschichten von Klubs wie Liverpool, die aus dem Arbeitermilieu entstammen und ihre Wurzeln trotz mittlerweile gänzlich anderer Geschäftsmechanismen und Geldströme aufrechtzuerhalten versuchen, werden immer wieder erzählt. Anderswo wieder ist der Mix aus Religion und sozialer Zugehörigkeit entscheidend für den Fan: wie in Glasgow, wenn es Rangers (britisch-protestantisch) gegen Celtic (irisch-katholisch) heißt. Auch politische Aussagen lassen sich durch Fanzugehörigkeit treffen: In Chile gilt die Mannschaft Colo-Colo aus Santiago bis heute zu den Teams mit einem Anti-Pinochet-Image. Die Aufzählung ist natürlich nur oberflächlich, und auch die allseits bekannten Rivalitäten deutscher Klubteams sollen hier nicht weiter erwähnt werden. Fakt ist eine Kategorisierung entlang sozialer, politischer, religiöser Befindlichkeiten, die sich ihrerseits kreuzen. Dagegen scheint das Fanverhalten auf Länderspielebene doch eher simpel gestrickt.

Dem schottischen Fußballspieler und Trainer Bill Shankley wird der Satz zugesprochen: “Fußball ist eine Form des Sozialismus ohne Politik.” Diese Aussage hat zweifellos einmal stärker gestimmt, als das heute der Fall ist. In einem gewissen Sinn ist das soziale Interagieren auf den Rängen noch da, auch wenn gestiegene Eintrittspreise sicher dafür gesorgt haben, dass sich die soziale Durchmischung auf den Tribünen und Stehplätzen anders darstellt als vor 20 Jahren. Angesichts von fünf- oder gar sechsstelligen Wochenlöhnen bei Fußballern hat auf dem Rasen dagegen ein schweinsgaloppierender Kapitalismus Platz gefunden, der keine Grenzen mehr kennt, Vernunft schon gar nicht. In diesem Sinn müsste man den Spielern fast flächendeckend danken, dass sich so wenige von ihnen zu gesellschaftlichen Problemen äußern. Es wäre ja auch ein surrealer Akt.

2 comments

  • […] DNN-Kulturredakteur Torsten Klaus resümiert heute, warum Fußball mehr ist als nur ein Spiel. Es stimmt, die Klubs unterlagen immer schon historischen, politischen und soziokulturellen Zeitläuften. Es gibt Klubs mit einem starken Arbeiterklassen-Image und solche, die das Prestigeobjekt von Diktatoren (früher) bzw. Oligarchen (heute) sind. […]

  • Aus einer Studie der Böll Stiftung …
    http://www.dji.de/bibs/96_10332_Rechtsextremismus_Fremdenfeindlichkeit_und_Rassismus_im_Fussball.pdf

    Sport steht für Fairness, Respekt und Toleranz, insbesondere dem Fußballsport1 wird häufig
    eine Vorreiterrolle für die gesellschaftliche Integration von Migranten zugesprochen.Zugleich ist das Fußballstadion aber auch ein Ort, an dem diskriminierende Haltungen gegenüber ‚Anderen‘ besonders offensiv ausgelebt werden: Befördert durch die Anonymität und das Gemeinschaftserlebnis in der Masse, aber auch durch die Freund-Feind-Konstellation des Spiels und die Möglichkeit bedingungsloser Identifikation mit der eigenen Mannschaft (vgl. Achilles/Pilz 2002; Merx 2006; Schwenzer 2005) treten Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus hier wie unter einem „Brennglas“ (Dembowski 2007) oftmals besonders deutlich zutage.
    So lässt sich, ähnlich wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen, auch in der Fußball-
    Fanszene Ende der 1980er und während der 1990er Jahre eine deutliche Zunahme rechtsex-
    tremer, fremdenfeindlicher, rassistischer und antisemitischer3 Verhaltensweisen beobachten
    (vgl. Achilles/Pilz 2002), die vom Zeigen entsprechender Symbole über das Skandieren
    von Parolen und ‚einschlägigen‘ Liedern bis hin zu rassistischen Beschimpfungen vor allem
    dunkelhäutiger Spieler4 reicht. Ausländische Spieler und Spieler mit Migrationshintergrund
    berichten aber auch von alltäglichen Beleidigungen und Benachteiligungen auf dem Rasen,
    denen sie sich seitens anderer Spieler, aber auch durch Trainer und Schiedsrichter ausge-
    setzt sehen (vgl. Scheidle 2002; Özaydin/Aumeier i. d. Bd.).

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