Future! Budućnost! Ardhmen! Avenir! Futura! Zukunft!

Kino ueber der Stadt / Cinema above the city. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. Am Morgen zur Pressekonferenz. Veton Nurkollari: „Natürlich spielt Vergangenheit eine Rolle in den Beiträgen des Dokufest; das liegt in der Natur der Dokumentation, des Films als Medium; gerade unsere Dokumentationen zum Balkan beschäftigen sich mit der jüngeren Geschichte; jedoch bemerken wir, wie sich in den letzten Jahren die Perspektive verändert; die Geschichten, die erzählt werden, das ist nicht mehr nur Krieg und Nationalismus, es sind Geschichten, weniger Geschichte…“

Press Conference in the morning. Veton Nurkollari: “Of course, past plays a role in the films shown at DokuFest. This is the nature of documentation, of films as a medium. Especially our documentations regarding Balkan treat recent history; however we have noticed a changing perspective during the last years. The stories being told do not any longer refer to war and nationalism. They are stories, less history…”

Wir sehen „Portreti i Humbur – Missing Portrait“ des Kosovaren Lulzim Zeqiri. Ein siebzehn Jahre alter Junge aus Goshica in Kosovo entscheidet sich in den 50er Jahren, einen Fotoapparat zu kaufen. 40 Jahre später ist er zum Chronisten seines Dorfes und implizit der Geschichte Jugoslawiens geworden.

We watch ”Portreti i Humbur – Missing Portrait“ of the Kosovan Lulzim Zeqiri. A seventeen-year-old youngster from Goshica, Kosovo, decides to buy a camera in the 1950s. 40 years later he has become the chronicler of his village and implicitly of the history of Yugoslavia.

v.l.n.r.: Sara Garcia / Play Doc Festival, Galicia, Spain /, Veton Nurkollari / Dokufest, Kosovo /, Nigel Humberstone / In The Nursery / and Melisa Lindgren / Tempo Documetary Festival, Stockholm, Sweden. Foto: Strahl

Am Nachmittag ein Spaziergang durch das serbische Viertel Prizrens. Die gewaltsame Zerstörung des Viertels „Potkalaja“ (serb. unter der Festung) begann 1999. Unter den Augen der hilflosen Kosovo-Force brannte ein Haus nach dem anderen ab, beinahe alle Serben mussten Kosovo verlassen.

A walk through the Serbian quarter of Prizren in the afternoon. The violent destruction of the “Potkalaja” quarter (Serb. below the fortress) has started in 1999. Before the very eyes of a helpless Kosovo Force one house after the other was burned down. Nearly all Serbians had to leave Kosovo.

"Potkalaja" - das serbische Viertel in Prizren / "Potkalaja" - serbian quarter in Prizren. Foto: Strahl

Aus der Grabesstille des Viertels „Potkalaja“ zurück in die berauschte Stadt. Zwei Freiwillige des Dokufest feiern ausgelassen auf dem Weg zum nächsten Film, zur nächsten Party…

Back from the deathlike silence of ”Potkalaja“ to the captivating city center. Two DokuFest volunteers hilariously celebrate on their way to the next film, to the next party…

Teil der Festival-Crew / Volunteers of Dokufest. Foto: Strahl

„Are you everybody“ von Lala Meredith-Vula ist eine dunkle Erinnerung, ein Alptraum. Die Produktion der Britin ist kein Film, vielmehr Installation, und im Kontext des gegenwärtigen Dokufest ein Anachronismus. Schwarzweiße Bilder, tatsächlich Fotografien, aufgenommen 1999, powerpointiert und unterlegt mit einer Soundcollage von John Young – einmal mehr wird deutlich, dass wir, im Westen, den Geschichten im ehemaligen Jugoslawien hinterhertrotten. Das Trauma der Beobachter wiegt schwer; wir, das Publikum, haben, mit Meredith-Vula, mehr zu verlieren als die Akteure, die den Blick längst nach vorn gerichtet haben.

“Are you everybody“ by Lala Meredith Vula is a dark memory, a nightmare. The British production is an installation rather than a film, and in the context of the current DokuFest it is an anachronism. Black-and-white pictures, actual photographs, taken in 1999, “powerpointed” and underlaid with a sound collage of John Young – once again it becomes obvious that, in the West, we trot behind the stories of former Yugoslavia. The contemplators’ trauma is burdensome, we as the audience as well as Meredith Vula have more to lose than the actors who have already begun to look ahead.

„Tri Dritare – Drei Fenster“ des Kosovaren Faton Bajraktari erzählt die Geschichte zweier Frauen, die im Bürgerkrieg vergewaltigt wurden. Nachdem sie ihr Schicksal offenbaren, zerbricht die Gemeinschaft, in der sie leben. Während eine der Frauen von ihrem Mann als „Hure“ verstoßen wird und sich das Leben nimmt, entscheidet sich der Mann der anderen Frau, gleichsam gegen Konvention und die Last der Geschichte, für eine Zukunft.

“Tri Dritare – Three Windows“ by the Kosovan Faton Bajraktari tells the story of two women who have been raped during the civil war. After having revealed their fate the community in which they live breaks off. While one woman is being expulsed by her husband for being a “whore” the other woman’s husband – against convention and the burden of history – decides for a future.

Einzigartige Atmosphaere / Unique atmosphere. Foto: Strahl

Zukunft, die nicht unter der Last der Vergangenheit zu ersticken droht. Eine Generation ist in Kosovo angetreten, deren verdiente Ehre es ist, unsere Sehnsucht nach Geschichte mit Geschichten zu konterkarieren.

Future that does not seem to be threatened of being squashed of the weight of history. A generation has come up in Kosovo that deserves the honor of thwarting our desire for history with stories.

2 comments

  • Alles klar bei euch? Die Nachrichten um die jüngsten Grenzkonflikte beruhigen nicht unbedingt. Passt gut auf euch auf.

  • Die Wahrnehmung der letzten Ereignisse in Westeuropa wird hier sowohl unter den Besuchern des Dokufest als auch unter den Einheimischen und “crossover” diskutiert.

    Die Reaktionen hier lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: Es ist traurig und bedauernswert, dass ein Festival mit mehreren tausend Gästen, in seiner Art ein Solitär weltweit, keine Randnotiz in keinem der großen Medien wert ist, ein Zwischenfall an der Grenze jedoch, mit starker regionaler Begrenzung und, wie Einheimische übereinstimmend sagen, zwischen Individuen, nicht Ethnien, die Wahrnehmung der Region in Westeuropa dominiert.

    Wir sind genau an diesem Grenzübergang nach Kosovo hineingefahren, die LKW auf der serbischen Seite standen bereits kilometerweit nach Serbien hinein. Wir haben Kosovo durchquert; es ist warm, die Menschen leben und feiern, keinen Kilometer südlich des Ortes der Ereignisse spürt man nichts mehr davon. Diese Form der Berichterstattung ist kontraproduktiv und schadet allen Beteiligten. Sie ist nicht ausgewogen, weil sie jedes negative Ereigniss aufbläht, von den vielen positiven Entwicklungen in der Frage Kosovo/Serbien jedoch kaum Notiz nimmt. Sie bildet die Verhältnisse schlicht nicht ab. Deswegen hier auch nur in den Marginalien, dem Kommentar, und kein Eintrag im Blog.

    Sibylle Haase, Bernd Stracke, Tobias Strahl

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