Ganz langsam

Fortschritt ist eine feine Sache. Man kennt das aus der Wissenschaft: Krebsbekämpfung, Solarenergie, Funktionsunterwäsche. Überall Verbesserungen. Selbst im sozialen Bereich progressieren wir ja unaufhaltsam; der vorläufige Gipfel heißt Hartz IV und muss täglich von zahllosen Gestalten neu bestiegen werden. Doch hier soll es um eine andere Form von Fortschritt gehen: Selbsterkenntnis.

Sie ist ein zäher Zeitgenosse, kommt nur langsam in die Puschen und geht meist mit einem nicht schmerzfreien Lernprozess einher. Ergo: Die Selbsterkenntnis tut weh und nervt. Man geht ihr also aus dem Weg, aus Bequemlichkeit. Vor allem im Elbtal. Stichwort 13. Februar.

Doch manchmal geschehen Zeichen und Wunder. Da bekommt Michail Gorbatschow in der Semperoper den für Konfliktprävention erstmals ausgelobten Dresden-Preis, weil er vor mehr als zwei Jahrzehnten eine Abrüstungsinitiative startete. Das allein wäre noch kein Wunder, zugegeben. Doch mit dem Preis wollen die Organisatoren, der Verein Friends of Dresden, den Blick der Stadt nach vorn richten, weg vom (und täglich grüßt das Murmeltier) ständigen Trauma eines Ortes, der vor 65 Jahren in Schutt und Asche versank. Dresden, das in jenem Wie-schön-war-das-einst-Kult wie in saurer Milch badet, soll sich quasi neu finden, besser: wiederfinden. Nicht mehr nur Gedenkort sein, sondern ein Platz für Gedanken und Taten, die die Zukunft verbessern.

Aber ein Friedenspreis? Der wievielte ist das eigentlich? Diese Fragen sind relevant – und mit Blick auf Dresden doch fehl am Platz. Denn hier ticken die Uhren um einiges langsamer, die oben erwähnte Selbsterkenntnis braucht also im Vergleich zu anderen Städten, denen der Krieg nicht weniger übel mitspielte, noch wesentlich mehr Zeit, sich Bahn zu brechen. Deshalb ist der Verzug, mit dem sich Dresden diesen Preis als Rezept ausschreibt gegen das drohende permanente Versinken in der Vergangenheit, nicht zu kritisieren. Im Gegenteil: Er ist der Beweis, dass selbst dort, wo die Erinnerung (laut Jean Paul das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können) wie eine Domina die Peitsche schwingt, ein Fortschritt im Denken nicht aufzuhalten ist. Liebe Welt, Dresden kommt. Aber keine Bange. Das Schlüsselwort bleibt: langsam.

Torsten Klaus

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