Ganz ohne Gelb: Xu Jiangs Sonnenblumen erinnern an Chinas Kulturrevolution

Von Torsten Klaus. Etwa 2003 habe alles begonnen, erzählt Xu Jiang. In der Türkei sei er damals gewesen, der Tag neigte sich dem Ende, die untergehende Sonne strich ihr Licht über ein Sonnenblumenfeld. „Die einzelnen Blumen machten den Eindruck eines Trupps alter Soldaten, die marschierten.“ Jener Moment, erinnert sich der chinesische Künstler, sei „wie ein Erwachen“ gewesen. All die Jahre der sogenannten Sonnenblumen-Epoche habe er plötzlich wieder vor dem inneren Auge gehabt. Zurück in China begann er wie entfesselt, dieses Motiv zu malen. „Ich hatte danach viele Ausstellungen. Die Besucher standen weinend vor den Bildern“, erzählt er. Weinende Menschen vor Sonnenblumen-Bildern? Xu Jiang erklärt das Rätsel, das nur aus westlicher Sicht eins ist.

Xu Jiang auf Augenhöhe mit seinen Sonnenblumen aus Aluminium. Foto: Dietrich Flechtner

Sonne und Sonnenblumen bezeichnete er als „zwei der typischsten Bilder der Kulturrevolution“ in seiner Heimat. Das Abzeichen junger Pioniere habe beispielsweise eine Sonne gezeigt. Die Menschen seiner Generation hätten einen gemeinsamen Erinnerungsschatz aus jener Zeit: „einen, bei dem die Tränen kommen“, sagt er. Die Blumen sind das Abbild einer, seiner Epoche – zusammengefasst unter dem Austellungstitel „Re-Generation“. Die rund 150 Arbeiten im Dresdner Lipsiusbau sind die erste große Werkschau Xu Jiangs hierzulande und  Teil des Chinesischen Kulturjahres 2012.

Doch wer van Gogh im Hinterkopf hat, den wird die Enttäuschung ereilen. Xu Jiangs Sonnenblumen kommen ohne jegliches Gelb aus, ihre Farben changieren zwischen Rotbraun, dunklem Ocker und Schwarz. Der Künstler selbst weist vor der Presse wiederholt darauf hin, dass dem Blumen-Motiv die Idee des Wandels in China inskribiert sei, dass es um die Entstehung von Neuem geht. Auch Fan Di’an, Direktor des National Art Museum of China und Ko-Kurator der Dresdner Ausstellung, projiziert das Anliegen des Künstlers auf die gesamte chinesische Gesellschaft, „die sich erneuern muss“. Von den Sonnenblumen Xu Jiangs aber geht deutlich mehr Morbidität als Lebendigkeit aus. Das Vergehen überschattet das Werden. Dieser Eindruck besteht – und er ist mit Sicherheit kein „platter Ideologismus“, vor dem der Künstler mit Blick auf seine Arbeiten ausdrücklich warnt.

Die Sonnenblumen, ihre Metaphorik und allegorische Wucht, sind vielmehr sowohl ein Zusammengehen als auch ein Gegenentwurf zu dem, was Ai Weiwei in seinen 100 Millionen handbemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan vor etwas mehr als einem Jahr in der Tate Modern in London zeigen wollte. Ai Weiwei, Jahrgang 1957, verwies damals auf die für ihn innewohnende Symbolik: Die Kerne, die die Chinesen selbst in härtesten Tagen – vor allem auch in den rund zehn Jahren der Kulturrevolution – miteinander teilten, standen bei ihm für Solidarität. Xu Jiang, Jahrgang 1955, will seiner Generation dagegen eine Art Denkmal setzen – und sie gleichzeitig wiederbeleben. Ein Denkmal würde lediglich die Erinnerung zementieren.

Auch im Biografischen liegen Xu Jiang und Ai Weiwei zwar auf den ersten Blick eng beieinander, doch wiederum weit entfernt vom jeweils anderen. Xu Jiang war es bereits Ende der achtziger Jahre erlaubt, im Westen, genauer gesagt in Hamburg, zu studieren, unter anderen bei KP Brehmer. Heute ist er Professor und Präsident der China Academy of Art. Ai Weiwei als Sohn eines regimekritischen Dichters musste dagegen andere Wege suchen, ging ins Exil nach New York, bevor er wegen seines kranken Vaters nach Peking zurückkehrte. Repressalien säumen seinen Weg. Bei Xu Jiang ist von solchen Begleiterscheinungen nichts bekannt.

Die Installation „Living together" ist ein Wald übergroßer Alu-Sonnenblumen. Gegenüber das Bild „Sunflowers without Ground". Foto: Dietrich Flechtner

Die raumfüllende Installation von 800 Sonnenblumen aus Aluminium, betitelt „Living together“, ist ein Wald aus schwarzen Blütenstengeln, fünf bis sechs Meter hoch, vereinzelt aufgelockert durch Exemplare mit orange-rostiger Färbung. Daneben zwei riesige friesartige Gemälde, gegen deren Ausmaße ein Anselm-Kiefer-Bild wie ein Kleinformat wirken würde: „Sunflowers without Ground“ und „Will the Autumn Sunflower Become Red?“ Die Titel sind fast naturalistisch anmutende Zuschreibungen, die Bildsprache hält aber durch Farbgebung und auch die Assoziation der von Xu Jiang erwähnten „alten Soldaten“ noch andere Ebenen, Konnotationen, Bedeutungen bereit. Trotz des dominierenden Motivs bleibt also alles weit entfernt von Monothematik.

Auch in den gezeigten Aquarellen hat die Landschaft kaum etwas Betörendes. Sie trägt nur wenig Farbnuancen, ist reduziert, ruhig und bedrohlich zugleich. Überwucherte Zäune stehen wie Überbleibsel einer Apokalypse. Xu Jiangs Werke würden viele Fragen stellen, sagt Hartwig Fischer, der neue Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, bei seiner ersten Ausstellungseröffnung. Das tun sie. Nicht jede von ihnen wird beantwortet.

Nun ist Xu Jiang trotz vieler Auszeichnungen als Künstler nicht so einflussreich wie Ai Weiwei. Zumindest laut Liste des Kunstmagazins Art Review, das jährlich im November die 100 bedeutungsmächtigsten Künstler weltweit kürt. Xu Jiang war einmal, 2004, auf dieser Liste. Ai Weiwei ist seit 2006 Dauergast und führte sie 2011 erstmals an. Doch solche vom Kunstmarkt gestrickten Listen verdienen vor allem eins: dass man sie nicht allzu ernst nimmt. Mit der Kunst selbst ist das ganz anders. Man kann sie manchmal nicht ernst genug nehmen. Xu Jiang hat seinen Sonnenblumen jedenfalls Unmengen von Subtext mitgegeben. Vielleicht gar mehr, als ihm selbst bewusst ist.

www.skd.museum

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