Gut’ Nacht, lieb’ Vaterland

Von Lukas Strenot. Da langt er hin, da teilt er aus: Der Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, Tilmann Köhler, hat Ödön von Horvaths “Italienische Nacht” auf die Bühne des Kleinen Hauses geholt. Die 80 Jahre seit der Uraufführung in Berlin schienen kaum zu existieren. Glaube? Allüberall. Liebe und Hoffnung? Nicht die Bohne, denn in den Figuren herrscht das Nichts. Und man darf davon ausgehen, dass Horváth genau das beabsichtigt hatte.

Da kommen sie zusammen, die selbsternannten Republikaner, die einen beschwingten Abend im südländischen Stil verbringen wollen, während draußen die Faschisten marschieren. Stadtrat Ammetsberger (Eike Weinrich) gibt den im politischen Salon gelandeten Wortführer und beschwört jeden, der es hören will, und natürlich vor allem jene, die es nicht hören wollen, dass die Horden selbstredend keine Gefahr darstellen. Es braucht der projizierten Bilder von einem Dresdner Naziaufmarsch nicht, um Parallelen herzustellen. Und es braucht sie andererseits sehr wohl, immer wieder. Auf der Bühne bildet sich so der irrlichternde Tanz der Stadt ab, das ewige Ein-Schritt-vor-und-zwei-zurück. Wenn Ammetsberger inbrünstig verspricht, dass die Republik ruhig schlafen könne, klingt das wie der Singsang beim Abendgruß. Anders gesagt: Gut’ Nacht, lieb’ Vaterland.

Auf der aus Biertischgarnituren gezimmerten Bühne findet sich der Zehnerpack junger Schauspieler zusammen und folgt Köhlers Vorgabe von Beginn an. Denn der lässt die republikanischen Würstchen antreten. Opportunismus ist Staatsräson in diesem Kleinstaat der italienischen Nacht. Untermalt von schwülstigem Italo-Pop tümelt es so reichlich, dass eine Persiflage auf das noch alle Kriege und Umstürze überstandene Vereinswesen vermutet werden darf. Doch diese inhaltliche Farbgebung passt wie der Deckel auf den Eimer. Nur dass es aus dem jämmerlich zum Himmel stinkt.

Die Personage ist dominiert von einem reichlich bunten Strauß des Glaubens: Ammetsberger glaubt an die Illusion, dass sich die braunen Horden am Bollwerk seines wortschnulzig vorgetragenen Pazifismus brechen werden,  Martin (Moritz Löwe) dagegen an die Revolution, die sich freilich noch kleinkalibrig bewaffnen muss und seinen alleinigen Führungsanspruch nicht bedrohen darf. Kranz (Benedikt Kauff) und Betz (Christian Clauß) haben ihrerseits an jede irgendwie mehrheitsverdächtige Äußerung geglaubt, vor allem, wenn sie von Dorfgott Ammetsberger in die klare Luft der heilen Welt geblasen wurde. Der Wirt (Henner Momann) glaubt ans Geschäft, die Damen als Beiwerk des patriarchalen Deutungszirkels – das Blondchen (Sarah Bonitz), das Dummchen Leni (Ines Marie Westernströer), selbst die beständig erniedrigte Stadtratsgattin Adele (Annett Krause) und Martins Flamme Anna (Sophia Löffler) – glauben zumindest an ihre Reize.

Glaube – ja, massig. Aber Liebe? Hoffnung? Nichts da. Leerstellen. Fehlanzeige. Tief im Inneren dieser Figuren herrscht das Nichts. Und selbst ihr Glaube steigt nur aus einem erbärmlich dünnen Streifen Oberfläche empor. Wenn diese Menschen in sich hineinhören, müsste ihnen der Widerhall ob der weiten Leere das Hirn dröhnen lassen. Ein verinnerlichtes “Waste Land” in Bühnenform.

Martin, der Revoluzzer, wird ausgeschlossen aus diesem Zirkel der Vorzeigerepublikaner. Doch nichts ist für ewig, wo der Opportunismus einmal sein Banner in den Boden gerammt hat. Also holt man ihn samt seinen Gefolgsleuten zurück, als die finale Bedrohung durch braune Schläger akut wird, die mit satter Prügel drohen (was sonst). Angesichts der plötzlich auftauchenden Gegenwehr machen sich die Fascho-Feiglinge vom Dienst davon (ebenfalls: was sonst?). Doch dieses Ende ist trügerisch. Denn Ammetsberger wittert Morgenluft und verkündet seinen Rücktritt vom Rücktritt. Nichts ändert sich, die Realität bleibt außen vor. Vielleicht auch deshalb die Dresden-Bilder.

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