Heimatkunde mit Wurzelforschung

Das Hirschberger Heimattreffen wagte sich 75 Jahre nach dem deutschen Überfall erstmals nach Jelenia Gora – ein Report von Andreas Herrmann.

Kein Protest, nur Theater: Allerorten Plakate für den "Tanz in Hitlers Quartier", hier vorm Norwid-Theater. Foto: Andreas Herrrmann
Kein Protest, nur Theater: Allerorten Plakate für den “Tanz in Hitlers Quartier”. Fotos: Andreas Herrrmann

 

„Dancing w kwaterze Hitlera“ prangt es in knallroter Schrift vor dem markanten Hirschberger Jugendstil-Theater, als die 70-köpfige deutsche Reisegruppe betagteren Alters aus ihren beiden, hochmodernen Bussen steigt. Doch „Tanzen in Hitlers Hauptquartier“ ist keine Provokation, mit dem die Theatermacher des Norwida Teatr in Jelenia Gora gegen die Invasion der deutschen Rentner protestieren wollen – sondern einfach ein ganz normales Repertoirestück, in Polen schon seit 66 Kult. Und im Theater war man sich gar nicht bewusst, wem man da die Vorstellung komplett verkauft hat, nur die bestellten Übertitel in deutscher Sprache waren ein Zeichen für die Herkunft. Doch die geschlossene Gesellschaft, zu drei Viertel Herren reifen Rentenkalibers, sind samt und sonders ehemalige Hirschberger, gemeinsam angereist, um sich ihrer Herkunft zu vergewissern. Denn das 28. Hirschberger Heimattreffen …

… fand erstmals in ihrer ehemaligen Heimat statt. Und zwar just am Wochenende vorm 75. Jahrestag des für sie besonders verhängnisvollen deutschen Überfalls auf Polen.

Wäre das den Deutschen auch passiert?

Gebucht hat die rüstige Reisegruppe ein anderes, letztlich noch passenderes Stück: „Miedzianka“ ist kraftvolles polnisches Gegenwartstheater mit einigen harten Schnitten und vielen Kopfnüssen gegenüber Deutschen, Russen, Zigeunern und auch Polen. Es erzählt – beruhend auf den im Nachbarland bekannten Reportageband von Filip Springer – über eine an ihrem Reichtum untergegangene Stadt. Denn jenes Kupferberg, seit dem 11. Jahrhundert vom Bergbau lebend und einst mit 520 Meter über der Ostsee die zweithöchste Stadt Preußens, verschwand nach ihrer größten Blüte Ende der Vierziger mit dem jähen Ende per sowjetischem Uranbergbau fast vollständig, wurde später geplündert und abgerissen. Springer stellt die Frage ganz direkt und damit atypisch: Wäre das den Deutschen auch passiert?

Oder im Theater. Foto: Andreas Herrmann
Plakate allerorten: vorm und im Theater …

Das sorgt natürlich für Aufregung in einem Land, das durch einen unverschuldeten Krieg sechs Millionen Menschen verlor und von zwei Dritteln der überlebenden Bevölkerung einen totalen Neuanfang an anderer Stelle in unbekannter Umgebung erforderte – genauso wie von jenen Schlesiern, die 1946 jeweils mit maximal 20 Kilo Gepäck und Verpflegung für drei Tage nahezu komplett abtransportiert wurden. Auch wenn beider Art Schicksal nicht identisch ist, wurde es ein einmaliger Theaterabend für alle Beteiligten, garniert mit Tiefenwirkung auf beiden Seiten.

Oder vorm Rathaus. Foto: Andreas Herrmann
… oder auf dem Rynek vorm Barockrathaus.

Und das auf historischen Boden: Jelenia Gora, heute mit rund 85 000 Einwohnern doppelt so groß wie vorm Krieg, 70 Kilometer östlich von Zittau und 90 Kilometer westlich von Breslau gelegen, reicht als Gemeinde auf einer Fläche von 109 Quadratkilometern heute bis an die Gebirgsgrenze, die im Süden, am Ende des Hirschberger Tales mit der Schneekoppe als Kammkrönung thront. Sie schließt dabei den beschaulischen Kurort Bad Warmbrunn und auch Gerhart Hauptmanns Agnetendorf mit ein. Wortwörtlich ins Polnische übersetzt hat Jelenia Gora heute immer noch den roten Hirsch mit vier schwarzen Hufen und zwölf Enden am Gehörn plus Kleeblatt im Maul als Wappentier.

Verschiedene Herkunft, gemeinsame Wurzeln

Und atmet mangels Zerstörung Geschichte mit vielen frühen Blüten unter herzöglicher, böhmischer und preußischer Regie: Dem Stadtrecht ab 1299 folgten Meilenrecht (1338), Salz- und Bergwerksrecht (1355), Waag- und Münzrecht (1361). Schon 1366 war als eine Art Vorläufer-TTIP die gegenseitige Zollfreiheit mit Breslau ausgehandelt, die Freiheit von Abgaben im Handel mit Böhmen gab es schon vorher. Der Reformation ab 1524 folgten Rekatholisierung und Verpreußung nach dem Ersten Schlesischen Krieg, die Leinen- und Schleierweberei schwand dann mangels preußischem Handel mit Böhmen und Österreich, dafür kamen Maschinen-, Papier- und Zementindustrie und große Mühlen für Korn wie zum Schneiden. Mit dem Eisenbahnanschluss 1866 nach Görlitz und Berlin und 1867 nach Waldenburg und Breslau kamen Touristen und Adlige, rund 30 neue Schlösser zieren rasch das weite Hirschberger Tal, welches oben in der herrlich rauen Bergwelt auch zum Schriftstellerparadies wurde – Carl und Gerhart Hauptmann waren nur die bekanntesten der guten Gastgeber.

Sonnabendmorgendliche Überraschung vorm Rathaus in Jelenia Gora: Eine  Münchener Trachtentruppe tanzt schlesische Tänze. Foto: Andreas Herrrmann
Sonnabendmorgendliche Überraschung vorm Rathaus in Jelenia Gora: Eine Münchener Trachtentruppe tanzt schlesische Tänze in der kriegsverlorenen Heimat.

Zurück ins letzte Augustwochenende, 68 Jahre nach dem Komplettaustausch der Einwohner: „Eure Wurzeln sind auch unsere Wurzeln“, lautet die Formel des Heimattreffens und stammt vom allgegenwärtigen Organisator, Karsten Riemann. Der Hirschberger des Jahrganges 1943, ist der Vorsitzende des Kuratoriums für die Patenschaft Hirschberg beim Landkreis Hildesheim und hat ein Faible für Moderationen aller Art. Die zeigt er gleich zu Beginn des offiziellen Teils am Samstagvormittag auf dem Marktplatz von Jelenia Gora, wo sich die Polen am Morgen die Augen reiben.

Polnische Betrachtung schlesischen Glockenspiels.    Foto: Andreas Herrrmann
Polnische Betrachtung schlesischen Glockenspiels.

Mit der historischen, gelb-weißen schlesischen Fahne garniert, gibt es alte Heimatweisen, dazu folkloristische Trachtentänze, aber auch frische Bigbandklänge von Jugendlichen der Alfelder Musikschule. Genau zwischen Barockrathaus, Siebenhäusern und den Bürgerhäusern am Ring aus dem Rokoko mit gewölbten Laubengängen, eine gut erhaltene Spezialität im ganz nahen Osten. Die Häuser am Markt gehörten der Nomenklatura, einst gab es Seildreher- und Weißgerber-, aber auch Garn-, Kürchner- und Seildreherlauben. Oder es gab schlicht Korn oder Butter.

Hier tobt nun plötzlich der schlesische Musikantenstadl, alte Musik, alte Tänze, gelb-weiße Schlesierflaggen, der Beifall wird durch doppelhändiges Filmen auf allen möglichen Geräten arg begrenzt. Riemann moderiert das Treiben frei und locker, spricht alle an und lässt in Ruhe auf Polnisch übersetzen. Ringsherum stand ein gemischter Kreis aus rund 150 angereister Ex- und rund fünfzig spazierender Jetzt-Bewohner. Die Hauptlast des Programms trägt – wie später beim Heimatnachmittag im Berggeist zu Karpacz – die Münchener Riesengebirgstrachtengruppe. „Das sind laut Empfehlung die Besten und mein größter Posten im Etat,“ erklärt Riemann schmunzelnd die Verpflichtung. „Das Programm ist auch nicht meins, aber die Leute wollen es nun mal!“ Als Kontrapunkt spielt die junge Bigband der Alfelder Musikschule moderne Weisen.

Der Nachwuchs tanzt mit. Foto: Andreas Herrmann
Auch der Münchener Nachwuchs tanzt mit.
Wider dem lauten Kult in Opferrolle

Nach seiner Motivation befragt redet Riemann Klartext: „Für den lauten Vertriebenenkult in der Opferrolle, so wie in der „Schlesischen Bergwacht“ leidlich propagiert, habe ich rein gar ich nichts übrig.“ Das lag vor allem an seinem Vater. Der war als Bürgermeister von Zillerthal-Erdmannsdorf, einem Dörfchen gleich neben Hirschberg, natürlich auch in der NSDAP. „Er war Jahrgang 1897, ich bin als Jugendlicher oft mit ihm politisch frontal zusammengerasselt“. Erst ganz zum Schluss, mit über 80, habe er ein wenig Einsehen hin zu Schuld und Sühne entwickelt. Riemann seufzt nachdenklich: „Ich glaube aber, er würde es heute gut finden, was ich hier tue.“

So stimmt er zum Abschied in Karpacz in erstaunlicher sängerischer Präsenz und Stimmlage das traditionelle Schlusslied an: „Kein schöner Land“. Das klingt nicht nach Revanchismus. Und nur so nimmt Riemann dem Heimatbund Hirschfeld, der zwar insgesamt fünf Tausender zum Gesdamtbudget von zwölf Riesen zuschießt, aber selbst für ein Treffen in Alfeld statt in Hirschberg plädierte und nicht offiziell teilnimmt, den Wind aus den Segeln.

Jung trifft Jung: Die Alfelder Jugendband auf dem Marktplatz von Jelenia Gora.    Foto: Andreas Herrmann
Jung trifft Jung: Die Alfelder Jugendband auf dem Marktplatz von Jelenia Gora.

Später, als die ersten Deutschen aus Krummhübel wieder ins Hirschberger Tal abgefahren sind, wird die Stimmung in der herrlich hölzernen Baude, die genau so gebaut auch in der Sächsischen Schweiz, im Harz oder in den Alpen stehen könnte, die Stimmung noch eigenwilliger. Denn die Polen kommen, abends zu ihrem traditionellen Wochenend-Dinner. Jung, frisch und leger gekleidet, in Familie oder Gang. Und ihre Verwunderung über den allmählich abwandernden Anachronismus ist spürbar, zumal die Münchner Trachtengruppe, die jenseits des Auftrittsmodus noch stärker nach Vergangenheit anmutet, in Ruhe zum Abendessen zu bleiben gedenkt. Aber wo hört Kultur auf, wo fängt Folklore an? Und wie kann man sich sonst seiner gekappten Wurzeln erinnern?

Deutscher Rübezahl in polnischer Interpretation.  Foto: Andreas Herrmann
Rübezahl in polnischer Interpretation.

Auf der kurzen Rückfahrt nach Jelenia Gora zeigt Riemann plötzlich auf einen Kirchturm: „Von Schinkel entworfen – das ist mein Geburtsort“. Und sein Schatzmeister Herbert Zingler, Jahrgang 1951, weist in die Ferne auf zwei runde, grüne Hügel, die wie ein sanfter Busen in der sonst herben Bergwelt ruhen: „Dahinter lag Miedzianka – und zwanzig Kilometer weiter das Dorf meiner Eltern.“ Und er scherzt mit der Dolmetscherin „Wenn Du eine hübsche Frau kennst, die ein paar Worte Deutsch kann, komme ich sogar her. Aber nicht zu viele, damit ich Polnisch lernen muss. Ein wenig kann ich schon“, grinst er, dann redet er mit seinem Chef darüber, was noch wohin zu überweisen ist.

Deutscher Rübezahl in mundartiger Interpretation.  Foto: Andreas Herrmann
Rübezahl in mundartiger Interpretation.

Man nimmt beiden die Schäkereien mit ihrer viel jüngeren Dolmetscherin, für die sie sich manchmal sogar entschuldigen, als harmlos ab. Das Trio versteht sich blendend, hilft einander und trägt so die Hauptlast der Rund-um-Versorgung der gesamten Reisegruppe, der eine eigentümliche Unbeholfenheit in der alten Heimat – vorwiegend beruhend auf der allgegenwärtigen Sprachbarriere – anhaftet.

Rübezahl in Überzahl. Foto: Andreas Herrmann
Rübe- in Überzahl.
Alfeld 1960 mit 20 000, Hirschberg 2014 mit 400 Teilnehmern

Warum aber schwappt das Treffen samt Kulturbeiträgen gerade aus Alfeld, gelegen im niedersächsischen Landkreis Hildesheim, von der Leine an die Bober? Der Grund ist simpel, für Betroffene tragische Weltgeschichte. 7500 Vertriebene aus Schlesien kamen in vier Wochen ab Ende Mai 1946 in die Stadt und Kreis Alfeld, davon 4500 aus dem Kreis Hirschberg. Sie verdoppelten in einem Monat die Einwohnerzahl. 

Genaueres verraten die Transportlisten im Staatsarchiv in Wolfenbüttel. Sie geben Auskunft über den Abgangsort in Schlesien und den Zielort im Westen. Dort stehen die vier Routen der massiven Umsiedlung: Von Stettin per Schiff oder Bad Seegeberg per Bahn. Oder von Kohlfurt, zwischen Breslau und Görlitz gelegen, per Bahn nach Friedland oder nach Mariental und Alversdorf. 3000 Personen in je zwei vollen Güterzügen pro Tag, die von den Alliierten als „Schwalbe“ bezeichnete Aktion brachte laut deutschem Archiv genau 579 224 Schlesier über Mariental bei Helmstedt in den Westen. Die Akten verraten: Von den 58 Transporten ab Ende Mai 1946 kamen zehn aus Hirschberg. Der erste kam am 29. Mai 1946 um 18 Uhr in Mariental an und wurde um 23 Uhr weitergeleitet nach Alfeld, in ihm genau 1501 Personen, darunter 374 Männer, 870 Frauen und 416 Kinder.

Eine ähnliche Konzentration von Hirschbergern gab es nur in Wangen im Allgäu, wo aber das dorthin vergebene Heimattreffen schnell an Popularität einbüßte und vom Hirschberger Heimatbund dann per Patenschaft nach Alfeld verlegt wurde. „Als das Treffen im Jahre 1960 erstmals in Alfeld standfand, kamen geschätzte 20 000 Ex-Hirschberger ganz in Familie“, erklärt Riemann, der sich aber lange Zeit nicht dafür interessierte, war er doch nach dem Studium als Verwaltungswirt in Peine vom Stadtinspektor bis hin zum Leiter des Ordnungsamtes oder städtischer Betriebe gut beschäftigt.

Verständigung heute wichtiger als Versöhnung

Über einen guten Freund, der seit 1991 einen Schüleraustausch organisiert, ist er 1999 in den Vereinsvorstand zur Pflege schlesischer Kultur gerutscht, er wurde deren Präsident, ist nun Ehrenpräsident mit unverminderter Rotation. So kam er zum Kuratorium, angesiedelt beim Hildesheimer Kreistag, welches die Patenschaft pflegt. „Wir hätten auch in Alfeld dieses Jahr nicht mehr Teilnehmer gehabt“, zeigt sich Riemann angesichts von insgesamt 400 Teilnehmern recht sicher. 2012 waren es dort an der Leine 470, vor vier Jahren noch 800. Der Rückgang zeigt den natürlichen Handlungsbedarf.

Karsten Riemann moderiert, Martina übersetzt.  Foto: Andreas Herrmann
Karsten Riemann moderiert, Martina übersetzt.

Die Kerntruppe – 96 Busreisende – sind dabei von Donnerstag in Herrgottsfrüh bis Dienstagabend auf der Piste. Der rote Frankfurter Bus kam über Kassel und Alfeld, bot einen ungenutzten Zustieg in Dresden, um in Herrnhut zum gemeinsamen Kaffeekränzchen samt Adventssternstunde zu pausieren, wo der gelbe Bus, der über Dortmund und den Harz anreiste, schon wartete. Am Freitag konnten beide Besatzungen wählen: Hauptmann-Villa und Schloss Stonsdorf oder Lomnitz plus Schildau – und weiter hoch gen Karpacz mit Kirche Wang, um dann am Montag allesamt nach Breslau zu düsen. Das Kernprogramm am Wochenende war hingegen für alle gleich.

Dietrich Roth, Hirschberger des Jahrgangs 1934, ist einer der wenigen, die sich wirklich noch aktiv erinnern können. Er ist eigentlich kein „echter“ Vertriebener, sondern floh mitsamt Familie schon im Januar 1945 vor den Russen. Der pensionierte Amtsrichter wohnt in Lüneburg, ist mit seiner Frau gekommen und besucht die Heimattreffen seit 1998. In Jelenia Gora war er schon 1995 – und kommt seither mindestens jährlich, oft zweimal. Er hat, nach einem halben Jahrhundert, sogar die Schwelle überwunden und war in seinem Elternhaus – eine Etage unter seiner einstigen Wohnung. Der Nachbar hatte ihn freundlich hereingebeten, ihm aber zugleich keine Hoffnung gemacht, das dies oben drüber auch geschehen könnte. Neulich war er in der Löwenberger Schweiz und ist wie damals auf einen bekannten Felsen geklettert – er genießt die Zeit hier, aber die Überlegung ganz zurückzukehren, ist abgeschlossen. In Lüneburg ist alles eingerichtet. „Für mich ist hier, für meine Familie dort die Heimat“, seufzt er in Karpacz.

Versöhnung ist wohl auch gar nicht mehr das Thema – reine Verständigung ist gefragt. Doch dass dies ein weiter Weg ist, zeigen die konkreten Nachfragen nach den in jedem Grußwort, in jeder Rede des Wochenendes beschworenen privaten Freundschaften. Ex-Richter Roth kennt das gut. Er kommt nun oft, meist zweimal jährlich her, hat einen lustigen Pensionswirt und einen bewährten Taxifahrer, mit denen er sich gut versteht und auf die er baut. „Aber diese sprechen gut Deutsch. Sonst verstehen wir uns einfach aufgrund der Sprache nicht“, zuckt Roth bedauernd mit den Schultern. Für echte Freundschaften sei dies ein großes Hindernis, er weiß: Käme er nicht als guter Kunde, wehte der Wind wohl rauher.

Auch er ist am Sonntag pünktlich zwölf Uhr mittags in der neuen Philharmonie von Jelenia Gora als per Festakt die nahe, direkte Zukunft besiegelt wird: „Der nächste Schritt – aus Patenschaft wird nun Partnerschaft“, formuliert es Riemann wie immer elegant. Der Leiter der Musikschule Alfeld hat ein kleines Kammerorchester vorbereitet, welches in schmaler Besetzung und sehr gewöhnungsbedürftig beide Nationalhymnen zelebriert. Da klang kurz zuvor die „Tequila“-Adaption der Jugendband im Foyer wesentlich runder, taugt aber eher nicht als Verbindungsmelodie.

Festakt in der Philharmonie mit eigenwilligen Hymnen, dargeboten vom Alfelder  Musikschulorchester in kleiner Besetzung. Foto: Andreas Herrmann
Festakt in der Philharmonie mit eigenwilliger Interpretation beider Nationalhymnen, dargeboten vom Alfelder Musikschulorchester in kleiner Besetzung.

 Auch die Reden vor 180 Zuhörern, darunter rund 30 Offizielle, haben viel warmen Pathos in sich, dennoch werden auch Fakten geschaffen: ein neuer Partnerschaftsverein zur deutsch-polnischer Verein unter Vorsitz des Alfelder Bürgermeisters wird gegründet – der Monatsbeitrag beträgt einen Euro, der Umtauschkurs für polnische Mitstreiter liegt bei 1:1 (statt 1:4), die Mitgliederanteil noch bei 10 zu 30.

Ganz ohne Tanz in Hitlers Quartier

Zurück ins Theater und ins an treffenden Metaphern reichen „Miedzianka“: Dort war nach dem warmen bis begeisterten Beifall die Überraschung seitens Schauspielern samt anwesendem Regisseur groß, als sie beim anschließenden Publikumsgespräch und anhand leibhaftiger Ergänzungen erfuhren, wen sie vor sich hatten. Die Verwunderung schlug in Herzlichkeit und handfesten Austausch um, so wird es wohl im nächsten Programmheft alte Kupferberger Fotos geben. Und einige werden versonnen nach Miedzianka reisen und auf dem Friedhof der mehrfach verblühten Geisterstadt alte deutsche Grabsteine finden.

Natürlich hätte hier auch „Dancing in Hitlers Hauptquartier“ funktioniert, geht es doch um eine polnisch-deutsch-polnische Dreiecksbeziehung der Neuzeit und spielt weit weg, oben in den Masuren – in der Wolfschanze und zeigt eine Urlaubsromanze, gedacht für junge Menschen als Abrechnung mit der Vergangenheit: ein polnischer Junge kämpft mit einem deutschen Touristen, der während des Krieges als Gefangener am Bau des Hitler-Quartiers in Rastenburg arbeitete, um die Liebe eines eher zynischen Mädels, welches beide ausnutzt.

Politische Ironie der Zeitgeschichte: Unweit davon sprach am Tag darauf – das Datum ist dank Gleiwitz-Lüge berühmt und darob weltweiter Friedenstag – ein deutscher Präsident von neuer Kriegsschuld Russlands und vergaß dabei glatt, aber garantiert nicht unabsichtlich, den Anlass wie Urgrund seiner Rede zu erwähnen: jenen deutschen Überfall auf Polen. Dem sind jene in Jelenia Gora, deren Schicksal damals so schwer aus den Fugen geriet, meilenweit voraus. Selbst wenn das erste Heimattreffen in der alten Heimat vielleicht schon das letzte war.

(C) Fotos: A. Herrmann