Helma holt Heimsieg

Wie die Oberbürgermeisterin am 13. Februar alle Bösen (fast allein) besiegt hat. Warum Magie wirksamer ist als Naturgesetze es sind. Wer falsche Erinnerungen baut. Wie man sich gefällt. Wie man sich besser gefällt. Wie man sich am besten gefällt.

Wir hatten das Schlimmste befürchtet. Bei einem Treffen der Betreiber von sehnsuchtsort.de am Abend des „dies post bellum“ war die Befürchtung laut geworden, dass sich die Honoratioren der Stadt die erfolgreiche Verteidigung der Feste Dresden kurzerhand auf ihre eigenen Fahnen schreiben würden. Es gab erschreckend wenig Widerspruch gegen die forsche These, jedoch: Es kam tatsächlich schlimmer als erwartet. In Dresden beginnt die Geschichtsklitterung noch während des historischen Ereignisses, am frischen Grab der Gegenwart, unmittelbar nachdem die Wogen sich geglättet haben.

Ein Blick auf die Titelseiten der Dresdner Tageszeitungen am Morgen des 15. Februar muss denjenigen, die am Sonnabend zuvor bei eisigen Temperaturen in der Neustadt, in den Blockaden sitzend und stehend, seit den frühen Morgenstunden ausgeharrt hatten einen heißen Schauer der Wut über das Antlitz gejagt haben. Wie ein letzter, nachträglicher Klaps ins Gesicht für Diejenigen, die sich tatsächlich (nicht symbolisch) gegen die Nazihorden in der Neustadt gestellt hatten, muss die Art wirken, in der sich in den Aufmachern der hiesigen Blätter eine sachlich und fachlich schlicht und ergreifend schlechte Berichterstattung mit einem unverhohlenen Stadtmarketing und einer kaum zu begreifenden Anbiederung an den Herrschaftsdiskurs in Dresden zu einer die Ereignisse verklärenden Dichtung verfestigte.

So titelte die Morgenpost: „13. Februar: Naziaufmarsch verhindert“. Darunter hieß es: „Viel Lob für Dresdner Gedenken“. Wer unter den Schlagzeilen ein Bild der Demonstranten in der Neustadt erwartet, wie es die Schlagzeilen nahelegen, wird bitter enttäuscht. Frau Orosz in der Menschenkette bildet die Symmetrieachse in Fotografie und jüngster Stadtgeschichte gleichermaßen. Nicht anders die Sächsische Zeitung: „Dresden hält zusammen gegen rechts / Tausende Demonstranten verhindern den Marsch der Neonazis durch die Stadt“. Das Bild darunter? Keineswegs eine Fotografie von „tausende[n] Demonstranten“ die den „Marsch der Neonazis durch die Stadt [verhindern]. Vielleicht sollten sich die gestandenen Redakteurinnen und Redakteure noch einmal ins Gedächtnis rufen, was sie vor Zeiten im Volontariat als „Text-Bild-Schere“ kennen gelernt hatten. Die Dresdner Neuesten Nachrichten umgehen das Problem geschickt. Statt Dresden am 13. Februar gibt es am 15. Februar die (fast) siegreiche Magdalena Neuner als Aufmacher. Darunter findet sich lediglich ein klitzekleines Bild von Oberbürgermeisterin Helma Orosz. Der nebenstehende Text jedoch treibt die oben geschilderte Praxis ins Extreme. In den einleitenden Worten heißt es dort: „Die Dresdner haben am 13. Februar Zivilcourage bewiesen und ein deutliches Zeichen gegen Extremismus gesetzt. Über 15 000 Menschen, deutlich mehr als erwartet, reihten sich am Sonnabendnachmittag in eine Menschenkette ein, die die Altstadt symbolisch schützen sollte und verhinderten damit einen Aufmarsch von Neonazis.“ Bitte? Wer hat hier was verhindert? War ich etwa gar nicht in Dresden gewesen, am letzten Sonnabend? Waren die Menschenmassen, die das Risiko auf sich genommen hatten, mit ihren Blockaden wahlweise eine Straftat zu begehen, von Nazi-Deppen verprügelt zu werden und sich mit der Polizei anlegen zu müssen oder vielmehr alles in schmerzhafter Einheit gleichermaßen verabreicht zu bekommen gar nicht in Dresden zusammengekommen? Das Bild, welches die zitierten Zeitungen von dem vergangenen Sonnabend zeichnen legt diese Vermutung nahe.

Es ist ja nicht so, dass gar nichts über die Demonstrationen, Versammlungen und Blockaden auf der Neustadtseite in den zitierten Tageszeitungen geschrieben worden wäre! Jedoch muss eine immense Schieflage in der Berichterstattung selbst dem ahnungslosesten Dresden-Verweigerer auffallen. So wurden etwa 16 200 Schriftzeichen (mit Leerzeichen) in Sächsischer Zeitung und den Dresdner Neuesten Nachrichten für die Paraphrase der Ereignisse auf der linkselbischen Seite um die Oberbürgermeisterin und die Menschenkette aufgewandt, lediglich etwa 8600 Schriftzeichen entfielen für die Ereignisse auf der Neustadtseite. Einzig die Dresdner Morgenpost suchte Ausgewogenheit in der Darstellung der Ereignisse auf beiden Elbufern. Sogar Christian Demuth, Vorsitzender des Vereins Bürger.Courage, kommt hier über ein homöpathisches Maß eigener Äußerung hinaus zu Wort. Von einer differenzierten Berichterstattung ist jedoch auch die MOPO noch meilenweit entfernt.

Im Bildverhältnis bestätigt sich das Verfahren selektiver Berichterstattung. Lediglich elf Bilder von der Neustadtseite stehen in Morgenpost, DNN und Sächsischer Zeitung insgesamt 20 Fotografien von „The-Helma-Side-Of-The-River“ gegenüber. In allen drei Zeitungen für sich betrachtet fällt das Bildverhältnis zu ungunsten der Neustadtseite aus. Nicht gesprochen werden soll hier von den Bildinhalten, die auf der Neustadtseite fast ausnahmslos Nazis, Polizisten und brennende Blockaden zeigen. Was ist aus der Vielzahl der bunten Demonstranten geworden, die friedlich in den Blockaden ausharrten? Was mit den originellen Sprüchen auf den Transparenten, den überlebensgroßen farbigen Puppen, den Musikern, den tanzenden Menschen? Der Chefredakteur der Sächsischen Zeitung Dresden formuliert etwas, dass man durchaus als das (aufschlussreiche) Bildprogramm für den 13. Februar verstehen kann: „An diesem 13. Februar 2010 war es anders. Die Bilder dieses Tages bestimmten jene 10 000, die eine Menschenkette um die Altstadt spannten. [sic!] Hand in Hand. Alte. Junge. Baskenmütze neben Basecap. Ein berührender Moment für alle, die mit dabei waren.“

Festzuhalten bleibt, dass gegenüber der Neustadt nahezu die doppelte Menge an Schriftzeichen und ebenfalls beinahe die zweifache Zahl an Bildern verwandt wurde, um die Ereignisse um die Frauenkirche darzustellen. Um zwei Drittel wird die offizielle Lesart der Stadt und ihre Erinnerungen an jenen 13. Februar 2010 der inoffiziellen überlegen sein. Und das trotzdem die eigentliche Leistung dieses Tages, die darin bestand, die Nazis am Aufmarsch zu hindern, in der Neustadt erbracht wurde. Alles andere sind nachträgliche Behauptungen, die mit den Ereignissen nur im virtuellen Raum der Medien deckungsgleich werden. Man ist versucht das aufgezeigte Verhältnis als eine der gewichtigen Erinnerungsformeln Dresdens zu begreifen.

Die ChefredakteurInnen der zitierten Blätter sollten sich bei Gelegenheit und Muße überlegen, ob ihre sinkenden Auflagenzahlen tatsächlich nur mit der Flucht der Inhalte und damit auch der Werbekunden ins Internet und durch andere immer wieder ins Feld geführte Argumente zu entschuldigen sind, oder ob es nicht gelegentlich auch daran liegen mag, dass ihre Medien kaum noch kritisches Potential entfalten können, quasi zu „Durchhalteblättchen“ verkommen sind.

Ich möchte an dieser Stelle eindringlich darauf hinweisen, dass es mitnichten meine Absicht ist, die großartige Leistung der Menschen, die sich am 13. Februar auf der linken Elbseite zum friedlichen Gedenken zusammengefunden hatten zu schmälern, ganz im Gegenteil, aber etwas Gerechtigkeit wäre schön gewesen!

Es waren nämlich mitnichten die Demonstranten in der Menschenkette, initiiert von Helma Orosz, die eine „schützende Kette um unsere Stadt“ (Orosz: zitiert am 15. Februar in der DNN, Seite 13) gelegt haben. Einer solchen Geste kommt bei aller Notwendigkeitt allenfalls symbolische Bedeutung zu. Die Kette, die diese Stadt an diesem Tag tatsächlich geschützt hat, bestand primär aus mehreren tausend Demonstranten auf der anderen Seite der Elbe, die sich den Nazis in den Weg stellten. Nachgeordnet waren es ebenfalls mehrere tausend Polizisten, die eine ganz und gar nicht symbolischen Kette, einen Schutzwall zwischen Neonazis, den Menschen in den Blockaden und den Teilnehmern der Menschenkette auf der anderen Seite gebildet haben. Unter Polizisten und Blockadeteilnehmern gab es mehrere Verletzte. In der Dresdner Tagespresse werden sie zu beiläufig erwähnten Zahlen. Sie nehmen weniger Platz ein als die sermonartig wiederholten bürgerlichen Phrasen über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gedenken, wie sie etwa in den DNN wiedergekäut werden (15. Februar, S. 13, „Stimmen“). Eine solche Darstellung möchte ich eine unmenschliche nennen, weil sie den konkreten Menschen, Dich und mich, aus ihrem Themenkreis verbannt und durch nackte Zahlen und hohle Phrasen ersetzt.

Besonders erschreckend sind in diesem Zusammenhang die Äußerungen von Michael Schmelich (Grüne). In seiner Lesart der Dinge werden die Menschen auf der Neustadtseite zur Pufferzone, zum Kanonenfutter erklärt. Es bleibt zu hinterfragen, welcher Rhetorik, der militärischen oder der des Sports, Schmelich unterlegen war, als er sagte: „Die Blockade hat der Menschenkette praktisch den Rücken frei gehalten. Was wäre es für ein Bild gewesen, wenn das großartige Engagement von mehr als 10 000 Dresdnern in der Menschenkette durch den Marsch der Neonazis in der Neustadt konterkariert worden wäre“ (DNN, 13. Februar, S. 13, „Stimmen“). Hier wird den Menschen auf der anderen Seite der Elbe lediglich Objektcharakter eingeräumt. Sie dienen als Mittel zu einem größeren Zweck, als Knautschzone für ein „großartige[s] Engagement“ Was soll’s, ein Opfer muss eben gebracht werden – solange es nicht das eigene ist.

Tobias Strahl

14 comments

  • Applaus! Der Artikel muss weitergepostet werden, mehr gibts dazu nicht zu sagen, sprichst mir aus dem Herz!

  • Mir sprichst Du auch aus dem Herzen.
    Mich erinnern unsere 4 BILD-Zeitungen hier in Dresden irgendwie an die DDR Mitte der Achtziger: Alle versuchen die gleiche Realitätsseifenblase zu blasen, irgendwann platzt diese und die Seifenspritzer lassen uns die Augen tränen.

  • Beachtlich zu diesem Thema ist der heutige Kommentar in den DNN.

  • Was mir heute wichtig erscheint #188…

    Originalton: Ich wollte das hier eigentlich “Sozialdarwinismus” nennen. Denn: “Hinter manchen Kritiken am Wohlfahrtsstaat stehen ebenfalls sozialdarwinistische Überlegungen, etwa wenn kritisiert wird, dass die staatlichen Sozialleistungen zu hoch si…

  • Ich frage mich, was eigentlich manche erwarten. Sollen Dresdner Zeitungen sich wirklich mit rechtswidrigen Aktionen brüsten? Es gab mal Zeiten, da wurden auf ähnliche Weise Demonstrationen von Kommunisten und Sozialdemokraten verhindert. Wollen wir wirklich wieder neue “Sozialistengesetze”? Unliebsame politische Gesinnungen einfach verbieten, ihnen ihre Rechte absprechen und schon gibts kein Nazi-Problem mehr?
    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich nun kollektiv um die eigentlich angstrebten Siegeslorbeeren betrogen fühlt. Und darum gehts dann bei solchen Aktionen eben auch: Um Sieg und Ehre, um Identitätsbehauptung und Kampf um jeden Preis.

    Meinen Dank der umsichtigen und objektiven Berichterstattung der Dresdner Presse, die weder die Blockade in der Neustadt noch den friedlichen Protest in der Altsadt unerwähnt lässt.

  • […] guter Überblick zur Medienberichterstattung insgesamt findet sich hier, ein lesenswerter Kommentar hier.  […]

  • @ Jane: Wenn nie jemand rechtswidrige Taten beginge, hätten wir hier in DD kein Internet, in welchem Du Deine Meinung posten kannst. Du würdest nämlich immer noch auf Deinen Telefonanschluss warten. Das Demonstrieren gegen den Staat war 89 verboten, schon gewusst?

  • 1.) Eure Akribie im Vergleich der Zahlen/Fotos in aller Ehren. Aber auf die Inhalte kommt es an! Und die SZ hat für meine Begriffe das Geschehen äußerst fair, ausgewogen und umfangreich abgebildet.
    2.) Was Fotos von brennen Barrikaden u.ä. angeht bitte bei den entsprechenden Krawallmachern bedanken. Meines Wissens war ein absolut friedliches Vorgehen Konsens von Dresden Nazifrei (Was von der überwiegenden Mehrheit auch voll umgesetzt wurde). Aber umgekippte Autos, angezündete Mülltonnen und Steinwürfe untergraben diese bemühen fundamental!
    3.) Dieses gebashe “Wir die guten Zeichensetzer” vs. “Wir die Verhindere” etc. pp. geht mir mächtig auf den Senkel. Warum haben insbesondere die Blockierer so ein riesen Problem mit der Menschenkette? Dass sich manches Medium (auch nicht alle) und manch Politiker zunächst unglücklich oder gar falsch ausgedrückt hat, ist keine Frage. Aber die Versuche, sich gegenseitig zu diskreditieren, Schaden dem gemeinsamen Ziel und Erfolg.

  • Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by null1099: word! http://tr.im/Op7K #13februar…

  • asti: selten so gelacht 😀

    Heute ist das Demonstrieren erlaubt, schon gehört? Und zwar für alle. Und wenn der heutige demokratische Rechtsstaat für dich ähnlich wenig schützenswert ist, wie es die marxistisch-stalinistische Diktatur seinerzeit war, dann gute Nacht.

  • Jane: Ohne mich in euren Disput einmischen zu wollen, ich war 35, als die Wende kam. Im Osten wurde uns auch immer gesagt, wir würden im einzigen demokratischen deutschen Staat leben. Damals gab es genügend, die das glaubten, wirklich. Mielke und Honecker haben von den heutigen demokratischen Mitteln geträumt: http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2009-09/indect-ueberwachung?page=all

    Und Rechtsstaat… ich weiß nicht, was mit Dir als normalem Menschen passiert wäre, wenn du an der Stelle H.Kohls gewesen wärest: http://de.wikipedia.org/wiki/CDU-Spendenaff%C3%A4re

    Tim

  • “Warum haben insbesondere die Blockierer so ein riesen Problem mit der Menschenkette”
    Damit an sich haben viel kein Problem. Ist ein Zeichen des Friedens und der Solidarität. Viele wollten ja dann auch noch auf die Elbseite. Das einzige was, sorry, stinkt, ist wenn man dies mit der Verhinderung des Naziaufmarsches in Verbindung setzt. Gedenken: ja, direkter Widerstand: nein.

  • Genialer Artikel ich habe, mir den Blog, direkt meinen Bookmarks hinzugefuegt. Ich bin gespannt was es hier noch geniales zu lesen gibt.

  • […] auf das unausgewogene Verhältnis in der Berichterstattung zum 13. Februar 2010 hingewiesen (1, 2, 3, 4, […]

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