Hirn oder Herz – das ist keine Frage

Eine Erdentour zu Himmelfahrt von Andreas Herrmann. Wer die Dreistigkeit besaß, zu behaupten, wann und wo unbekannte fremde Herzen sein sollten, ist nicht bekannt.

Reminiszenz.

Selbst wenn man es als reine These und nicht als Aufforderung verstünde, bleiben Zweifel – denn es ist garantiert nicht dort. Und das war schon lange vorher klar. Auch das Hirn ist nicht da – und woanders auch nicht. Denn beide sind hier. Wenn es jemals anders sein sollte, dann aufgrund eines Spenderausweises – derzeit wäre ein Transfer (wie übrigens auch der aller anderen an- und eingewachsenen Extremitäten) sehr unfair bis schwer kriminell.

So wird der über Dresden schwappende Kirchentag trotz (oder wegen) der Omnipräsenz, der Berichte über glückliche Gäste und der im Gleichklang heran marschierenden (und offenbar kostenfrei herzspendenden) Prominenz nicht berühren, er wird vorbeirauschen wie Adel und Stadtfest – und wird nur Gewinner hinterlassen.

Und wenn es das Hirn (samt Körper natürlich) plötzlich in die Geistzone, also zur religionsfreien in die Schauburg, ziehen sollte, um sich über eigentlich verfassungsunrechte Kirchfinanzierung aufklären oder von taffen Künstlern wie Ralf Herzog oder Wiglaf Droste unterhalten zu lassen.

Endlich Dresden.

Ansonsten scheint die Stadt heilig, auch die Mittel: Abgesehen von der latenten Lahmlegung des restlichen öffentlichen Lebens und der behördlichen Vermeidung von Partizipation einiger einheimischer Geschäftsleute, wundert sich der Dresdner noch mehr: Am Elbufer, eigentlich recht streng geschützt vor Bebauung jeder Art, geht plötzlich fast alles, sogar eine Riesenbühne fast im Elbwasser oder eine relativ sinnfreie Tribüne auf dem Sitzhügel des Königsufers: Filmnächte- und Elbbiergartenbetreiber reiben sich die Augen über die Leichtigkeit des Scheins, sie bekämen so etwas nur genehmigt, wenn es in 24 Stunden abbaubar wäre. Sogar ein symbolisches Solarkreuz am Elbsegler spricht für die energetische Allmacht des sonnigen Gottgemüts.

Das große Finale wartet aber erst am Abend des dank Wende wiederbelebten Feiertags:  Freilaufende Himmelfahrtkommandos versus defilierende Kirchentagsgäste, letztere oft sehr jung, überwiegend weiblich und relativ unbetankt. Denn die gastgebende Landeskirche, die sich nicht so recht mit Unwissen über die Eskalationstradition an dieser Stelle schmücken kann, lädt just eben dort zum großen Freiluft-Paulus-Oratorium. Tagsüber waren die Elbwiesen nur rings um das Epizentrum in grün-ultravioletter Hand (hätte nicht der exstaatliche Telefonkonzern die kopfschmerztaugliche Farbe markenrechtlich schützen lassen, könnte man sogar von Magenta sprechen), in Hörweite entfernt hordeten schon die trunkigen Bolde, die Vater- als Männertag verstehen und gewöhnlich abends adrenalingeschwängert gucken, ob noch mehr geht.

Vom Winde umzingelt. Fotos (3): Andreas Herrmann

Was Dresden ab Montag bleibt, ist die außerfußballerische Rechtfertigung eines in gewissen Kreisen als unnütz empfundenen kommunalen Neubaus, ohne den dieses Ereignis nicht hätte hier stattfinden können. Doch die vereinigten Ökumenen wollten nicht im Steyerrund stehend beten, obwohl dies viel näher an der Messe, dem eigentlichen Tagungszentrum, liegt. Wohl dem, der dieses Jahr extra dafür den Kalender derart entzerrte und Himmelfahrt außerhalb der Saison legte.
Danke, liebe Herzbuben und -damen!

Links zum Programm:

Schauburg: www.gbsdd.de; UFA-Palast: www.publik-forum.de; Dresden-Altstadt: www.kirchentag.de

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