Ich und ich: Die anhaltende Aufmerksamkeitsgeilheit ist ein Abgrund, auf den wir wie die Lemminge zusteuern

Von Torsten Klaus. Neil Postman schrieb 1985: “Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie.” Um wie viel mehr gilt dieser Satz dann im Zeitalter des Internets? Das wohlweißlich kein reines Unterhaltungsmedium ist, aber das ist das Fernsehen ja ebenso wenig. Doch beide sind von denen, die sie betreiben und nutzen, mehrheitlich offenbar zum reinen Ergötzungskanal erniedrigt worden. Man kann, rein programm- und angebotstechnisch gesprochen, gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte (danke an Max Liebermann). Postman, der 2003 starb, konnte und musste noch viel von dem, was er 1985 in “Wir amüsieren uns zu Tode” so treffend über unser aller Verflachung im Angesicht des Medienkosmos geschrieben hatte, zur Potenz erhoben in seiner Neo-Umsetzung erleben.

 

Es geht dabei ums Ich – und um die mehr und mehr unter jeglichem Niveau dahinsegelnde Verwirklichung desselben. Den Satzbeginn “Aber es ist doch mein gutes Recht…” haben so viele grenzdebile Deppen auf den Lippen, dass es einen nur noch schaudern lässt. Ihr Recht ist oft genug die Beleidigung von Intellekt, Anstand und Stil anderer, die zufällig in der Nähe sind. Beispiel gefällig? Kürzlich, auf einem Klassik-Konzert in der Londoner Royal Festival Hall, stürmte während Dvoráks Sinfonie “Die neue Welt” (!) ein junger Mann auf die Bühne, um sich – das Orchester wohl als Soundtrack nutzend – selbst mit seinem Handy zu filmen, ein Selfie der an Anmaßung kaum zu übertreffenden Art. Dass der freie Wille und seine Ausübung durchaus in das Leben anderer eingreifen, so weit reicht die Hirntätigkeit dann doch nicht. Wer Rücksicht nimmt, lebt offenbar nicht intensiv genug. I selfie, therefore I am.

 

Noch viel heftiger greifen andere Protagonisten ins Leben Dritter ein: via sozialer Netzwerke. Machten wir uns vor Jahren noch lustig über aufmerksamkeitsgeile Inseln der Talentlosigkeit wie Paris Hilton, ist dieses Lachen längst verröchelt. Wer hierzulande in den Gemeinden (wunderbar alter Terminus) von Facebook oder Instagram seine Zeit wirklich im Grab des Unnützen beerdigen will, dem drängen sich die Möglichkeiten für diesen geistigen Suizid auf Raten in geradezu atemberaubender Dichte auf. Beispiel wie Mathilde Goehler, ein Sternchen körperlicher Selbstvermarktung, oder Mohamed Satiane, ein nicht einmal flach schürfender Kommentator des Alltäglichen im Dauergrinsemodus, stehen da nur stellvertretend. Sie belegen wie viele andere ähnliche Fälle (und auch dieses Wort ist bewusst gewählt) das Gieren nach Aufmerksamkeit und die Umsetzung dieses Wunsches durch sattes Selfie-Setzen, ob nun im knappen Bikini oder mit toller Tolle. Goehler und Satiane sind ein neuer Typus: Lebenszeitverzehrerer ihrer sogenannten Fans, denen – mit allem Respekt – offenbar die geistige Potenz fehlt, um das auch nur annähernd zu bemerken. Und nein: Nicht die Netzwerke sind das Problem, sondern die Nutzer. Alles andere ist Augenwischerei.

 

Zum It-Girl Hiltonscher Prägung haben sich mittlerweile also auch It-Boys gesellt, deren gesamtes Talent gleichfalls in zwei Worten beschrieben werden kann: präsent sein. Unterm Strich kein Wunder. Es ist die (leider) logisch anmutende Weiterentwicklung in einer Gesellschaft, die Menschen mit Fähigkeiten des Auto-im-Kreis-fahren-Könnens oder Fußballspielens zu Halbgöttern im Semi-Olymp macht, andere ohne jegliche Begabung (der zur Selbstvermarktung ausgenommen) maßgeblich in die Entwicklung ihrer Kinder hin zu Catwalk-Wieseln eingreifen lässt.

 

Wir sind, was wir mit uns machen lassen. Oder eben nicht. Und ja, wer diese Zeilen als Aufruf liest, dem Brei der Belanglosigkeit aus der Garküche der It-Hanseln zu widerstehen und sich Dingen und Menschen mit Substanz zuzuwenden – so war’s gemeint. Im realen Leben weicht man einem flachgetretenen Scheißhaufen aus. Geht online oder vor der Glotze genau so gut. Muckt endlich auf gegen den Mist, selbst wenn ihr erstmal damit beginnt, ihn geflissentlich zu ignorieren.

 

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